Genetische Manipulation des Menschen: Eine Grenze ist überschritten

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Genforscher haben davor gewarnt. Und trotzdem veröffentlichten chinesische Wissenschaftler eine Arbeit, die die gezielte genetische Manipulation von menschlichen Embryonen dokumentiert. Die Zukunft und die Identität der Spezies Mensch stehen auf dem Spiel.

Früher war es mit der biotechnologischen Forschung noch einfach, denn alles hatte seine Zeit. Man erinnere sich an Schaf Dolly: Kaum waren die ersten Wellen des Protestes verebbt, kehrte Gemütlichkeit in die Debatte ums Klonen ein. Die befürchteten Klonsoldaten tauchten ja nirgends auf. Der nächste Dammbruch folgte erst Jahre später – und erwies sich auch noch als Betrug. Wieder durfte der Diskurs ein bisschen dösen. Fortschritt brauchte seine Zeit.

Das ist jetzt allerdings vorbei, und zwar ein für alle Mal. Es gilt aufzuwachen, die Sinne zu schärfen, um noch Schritt halten zu können mit dem, was passiert. Als die Newsredaktion des Wissenschaftsjournals Nature am vergangenen Donnerstag von einer Weltneuheit berichtete, ging es um einen biotechnologischen Scoop, vor dem weltweit anerkannte Genforscher eben erst gewarnt haben: die gezielte genetische Manipulation von menschlichen Embryonen.

Unangetastete Grenze überschritten

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Bisher war die so gar nicht möglich. Doch die Warner wussten, was sie meinten. Nur fünf Wochen später haben chinesische Wissenschaftler jetzt eine Arbeit veröffentlicht, die eine solche Manipulation an befruchteten Eizellen dokumentiert. In der Theorie ist damit eindeutig eine bislang unangetastete Grenze überschritten, die vielzitierte rote Linie. Denn was der Mensch in solchen sehr frühen Embryos verändert, bleibt. Für alle folgenden Generationen. Für immer.

Schuld daran ist eine verblüffend effektive und dabei leicht anzuwendende Technik, die erst vor drei Jahren entwickelt wurde und in einem Tempo die Biolabors der Welt erobert hat, das wenige für möglich hielten. Die Methode mit dem kuriosen Namen Crispr/Cas9 (gesprochen Krisper-Kas-nein) sollte man sich allerdings merken. Sie hat längst schon einen Zeitenwechsel in der Lebenswissenschaft eingeleitet, weil sie im Prinzip jeder Azubi anwenden kann – und weil sie derart rasant verbessert wird, dass jede Arbeit, die jetzt erscheint, im Grunde schon mit altem Werkzeug hantiert. Allein in den vergangenen Wochen sind mehrere Belege dafür erschienen, unter anderem aus Deutschland, wie hervorragend sich Crispr noch besser, noch effektiver machen lässt.

Die Studie ist weder gut, noch hat sie ihre Ziele erreicht

Es wäre deshalb ein fataler Fehler, sich mit dem üblichen Tunnelblick nur diese Arbeit der Chinesen anzuschauen, auf die vielen Schwächen hinzuweisen und darüber zu triumphieren, dass hier doch noch nichts Richtiges passiert sei. Denn ja, klar: Die Studie ist weder gut, noch hat sie ihre Ziele erreicht. Das Journal, in dem sie veröffentlicht wurde hatte, ist unbekannnt und hatte die Arbeit innerhalb eines Tages akzeptiert – normalerweise dauert sowas in einem Peer-Review-Journal Wochen und Monate. Das ist einigermaßen verdächtig.

Und von den mehr als 80 lebensunfähigen Embryonen, in denen die Wissenschaftler ein Gen für die bislang unheilbare Sichelezellenanämie ausschalten wollten, kam es nur in vier Fällen überhaupt zu einem gezielten Austausch der gewünschten Erbanlage. In der Mehrheit endete die Prozedur als Fehlerhäufung. Im Grunde also ein großer Murks, das Papier.

Aber die Zeiten, in denen man sich nach so einer Diagnose gelassen zurücklehnen konnte bis irgendwann mal eine etwas bessere Arbeit auftaucht, sind eben vorbei. Es passiert jetzt alles gleichzeitig, de facto überholen sich die Errungenschaften der Biomedizin inzwischen selbst. Das zeigt besonders eindrücklich eine andere Arbeit, die in dieser Woche erschienen ist, und in dem Aufschrei ums Embryo-Papier fast gar nicht bemerkt wurde.

Technik, die das dritte Elternteil überflüssig macht

Kaum sind in Großbritannien nämlich die sogenannten Dreieltern-Kinder zugelassen, stellt ein internationales Forschungsteam in der hoch angesehene Zeitschrift Cell eine Technik vor, die das dritte Elternteil ganz elegant schon wieder überflüssig macht – und dennoch das gleiche Resultat erzielt. Das Verfahren funktioniert ähnlich wie Crispr. Und wird gewiss sehr schnell durch Crispr ersetzt werden.

Abzuwarten und teilnahmslos zuzugucken ist deshalb keine Option mehr. Dessen müssen sich alle Beteiligten der ethischen Debatte um genetische Eingriffe am Menschen endlich bewusst werden – nicht nur die Wissenschaftler, von denen einige ja gehandelt und gewarnt haben, sondern Politiker, Ethikräte, die ganze Gesellschaft. Alle sind betroffen. Es geht um nichts weniger als die Zukunft und die Identität der Spezies Mensch.

Die neuen Methoden bergen dabei ein enormes Potenzial, Leid zu verhindern und Gutes zu bewirken. Doch was davon passieren soll und was nicht, darüber müssen sich die Menschen vorher klar werden. Nicht hinterher, wenn es zu spät ist.

Quellen: dpa/sueddeutsche.de vom 25.04.2015

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