Europäischer Satellit „Envisat“ meldet sich nicht

Mehr als 50.000 Erdumrundungen im Dienste der Wissenschaft hat er hinter sich – doch nun ist der Esa-Satellit „Envisat“ vorläufig ausgefallen. Sollte die Mission tatsächlich nicht mehr zu retten sein, wäre das ein schwerer Schlag für die Forschung.

Für einen endgültigen Abgesang ist es wohl zu früh – doch es steht nicht gut um den Forschungssatelliten „Envisat“. Die Europäische Weltraumorganisation (Esa) berichtete am Donnerstag, dass sich die fliegende Messzentrale seit Tagen nicht mehr meldet. Damit könnte die wissenschaftliche Karriere des größten und teuersten Esa-Observatoriums nach zehn Jahren zu Ende sein.

Der Kontakt zu „Envisat“ sei bereits am Sonntag abgerissen, erklärte die Organisation. Der Bodenstation im schwedischen Kiruna sei es nicht gelungen, aktuelle Messergebnisse vom Satelliten herunterzuladen. Die zehn Messinstrumente auf „Envisat“ produzieren täglich gigabyteweise Daten. Auch andere Bodenstationen schafften es nach Angaben der Schweden nicht, sie dem Satelliten zu entlocken.

Gesteuert wird „Envisat“ vom Europäischen Satellitenkontrollzentrum im Darmstadt. Doch momentan gibt es eben nicht viel zu steuern: ein Fehlerbehebungs-Team, bestehend aus Experten der Organisation und Industrievertretern, kümmert sich um den Fall – Ausgang höchst ungewiss.

„Envisat“ hat die Forschung bislang entscheidend vorangebracht und der Menschheit geholfen, sich ein besseres Bild ihrer Heimat zu machen.

Der Satellit hat Vulkane beim Ausbrechen beobachtet und Eisschilde beim Zerbröseln. Seine Instrumente haben die Ölpest im Golf von Mexiko verfolgt und das Ozonloch über der Antarktis, haben Überflutungsgebiete kartiert und Schifffahrtsrouten. Und das sind nur einige der Beobachtungsziele. Die Rubrik „Satellitenbild der Woche“ bei SPIEGEL ONLINE hat viele der spektakulären Fotos von „Envisat“ gezeigt.

Im September vergangenen Jahres brachte der Satellit seine 50.000 Erdumrundung hinter sich. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 2,25 Milliarden Kilometer um unseren Planeten geflogen. Freilich zog er bereits seit einiger Zeit auf einem etwas niedrigeren Orbit seine Kreise – um Sprit zu sparen. Denn „Envisat“ war ohnehin nicht für die Ewigkeit gebaut. Eigentlich hätte er sogar schon vor fünf Jahren außer Dienst gehen sollen, verrichtete seine Aufgaben also deutlich länger als ursprünglich geplant.

Beim Start im März 2002 war der Satellit in einen 800 Kilometer hohen Orbit gebracht worden. Die Europäer hatten mit der Mission hoch gepokert, denn sie war eine absolute Kraftprobe für die Trägerrakete „Ariane“. Der Acht-Tonnen-Wonneproppen mit den Abmaßen eines Lastwagens war die bis dahin schwerste europäische Nutzlast. Der milliardenteure Start hätte leicht scheitern können, doch alles ging glatt. Der damalige Esa-Chef Antonio Rodotà sprach anschließend von einem „großen Erfolg für Europa“.

Für Wissenschaftler waren die Daten von „Envisat“ eine wahre Fundgrube: 4000 Forschungsprojekte in 70 Ländern haben nach Angaben der Esa die Daten des Satelliten genutzt. Über ein Abkommen mit der kanadischen Raumfahrtagentur sollen einige der Forschungsteams nun Daten des Satelliten „Radarsat“ erhalten, um so ihre Arbeit fortsetzen zu können.

„Envisat“ repräsentiert ein anderes Designprinzip als es heute bei europäischen Satellitenmissionen zum Einsatz kommt. Auf dem wuchtigen Träger wurden möglichst viele verschiedene Instrumente untergebracht, die sich perfekt ergänzen. Wäre die Mission beim Start jedoch gefloppt, dann hätten diese allesamt nicht zur Verfügung gestanden. Um solchen Problemen aus dem Weg zu gehen, setzt die Esa mittlerweile eher auf kleine Satelliten. Wenn die das All nicht erreichen, wie die erste „Cryosat“-Mission zur Eismessung, können sie vergleichsweise einfach nachgebaut werden.

Das Erbe von „Envisat“ soll nun eine ganze Satellitenflotte mit dem Namen „Sentinel“ antreten. Der Start eines ersten Radarsatelliten ist für das kommende Jahr geplant. Möglicherweise können auch zwei weitere Modelle zeitnah abheben. Doch dann folgt eine größere Lücke. Der Platz von „Envisat“ ist schwer zu füllen, wenn denn die jetzige Funkstille der Anfang vom endgültigen Ende des Satelliten ist.

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