Tschechien: Verkaufsstopp für harte Alkoholika

In den vergangenen Tagen sind schon mindestens 19 Menschen gestorben, weil sie mit Methanol versetzte Brände getrunken hatten. Eine Welle der Hysterie erfasst das Land.

Das Krankenhaus im nordmährischen Opava (Troppau) beherbergt derzeit eine Reihe von Menschen, die um ihr Leben kämpfen, bestenfalls aber „bloß“ ihr Augenlicht eingebüßt haben. Sie erblindeten, weil sie gepanschten Schnaps getrunken hatten.

„Der Wodka roch schon etwas komisch, aber ich habe doch davon getrunken“, bereut einer der erblindeten Überlebenden heute. „Am nächsten Morgen hatte ich einen dicken Kopf und mir war übel. Das kenne ich nicht von mir. Plötzlich sah ich nichts mehr.“ Immerhin hat der Mann überlebt. Sein Arbeitskollege, der auch von dem Hoch-prozentigen getrunken hatte, ist daran gestorben.

Bis Freitagabend waren in Tschechien offiziell bereits 19 derartige Alkoholtote zu beklagen, alle starben seit vorigem Wochenende an undefinierbar zusammengerührtem Schnaps, der statt Ethanol, dem „richtigen“ Trinkalkohol, dessen giftigen Verwandten Methanol enthielt. Geringe Mengen davon genügen, um einen ins Jenseits zu befördern.

In schlechten Zeiten wird in Tschechien mehr und mehr Billig-Alkohol an mobilen Ständen oder in 24-Stunden-Verkaufsstellen gekauft und oftmals gleich vor Ort getrunken. Jetzt mit fatalen Folgen: Drei Dutzend Menschen liegen in kritischem Zustand in den Kliniken, die Zahl der Toten könnte weiter steigen. Ein Krisenstab der Regierung kommt täglich zusammen, um die Lage zu erörtern. In vier Regionen wurden Krisentelefone für die Bevölkerung eingerichtet

17 Verdächtige festgenommen

Am Freitagabend wurde der Verkauf hochprozentiger Alkoholgetränke im ganzen Land gestoppt. Gesundheitsminister Leos Heger gab das Verbot im Fernsehen bekannt. Es gilt bis auf weiteres für alle Spirituosen mit einem Alkoholgehalt von mehr als 20 Volumen-prozent. Die Polizei hat gleichzeitig 17 Verdächtigte festgenommen, suchte aber weiter fieberhaft nach Hintermännern und Giftmischern.

Mobile Labors hatten bis Donnerstag 57 Proben untersucht. 30 davon waren „auffällig“. Fieberhaft suchen Zoll und Polizei nach dem Ursprung des tödlichen Alkohols. Mehrere Händler wurden festgenommen. Man fand auch Pansch-Werkstätten in Garagen, in denen Flaschen und ganze Kanister mit gefälschten Aufdrucken umetikettiert wurden. Ob damit die Quelle der tödlichen Schnäpse gefunden wurde, weiß niemand.

Es dürften indes aber wohl keine privaten Schwarzbrenner hinter der Todeswelle stehen: Schwarzbrennen gehört vor allem in Mähren zum Alltag. Doch die, die das tun, be-herrschen meist ihr Handwerk. Alle Anzeichen deuten vielmehr darauf hin, dass jemand bewusst und professionell schnelles Geld machen wollte, ungeachtet des hohen Risikos für Verbraucher.

Gewinne durch Gift

Ein Fünftel der stark alkoholischen Getränke wie Branntweine stammt in Tschechien aus dubiosen Quellen, in der ärmsten Region Mährisch-Schlesien an der Grenze zu Polen sind es Schätzungen zufolge sogar bis zu 50 Prozent. Genau dort sind auch die meisten Opfer zu beklagen. Methanol aber ist billiger zu bekommen als Ethanol. Wer Schnaps damit „streckt“, kann ein hübsches Sümmchen Gewinn machen. Das lohnt sich in einem Land, das in der Statistik der Weltgesundheitsorganisation beim Alkoholverbrauch an vorderer Stelle steht.

Gepanscht in Polen?

Die Behörden arbeiten eng mit den Nachbarn in Polen und der Slowakei zusammen. Möglich ist, dass der Fusel in Polen erzeugt wurde, denn auch dort sind jüngst zwei Menschen daran gestorben.

Seit 30 Jahren hat es jedenfalls eine solche Alkohol-Katastrophe in Tschechien nicht mehr gegeben. Ob die Androhung drakonischer Strafen hilft, das Problem in den Griff zu bekommen, ist fraglich. Ernst genommen wird es in Prag jedenfalls: Die Regierung verschob deswegen sogar die Beratungen über ein Sparpaket. Sollte dieses im Parlament durchfallen, würde das die Regierung nicht überstehen. Doch das tritt angesichts der Methanol-Toten in den Hintergrund.

Quellen: AP/diepresse.com 14.09.2012

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