Indianer in Amerika: »Ausrottung der roten Teufel«

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Vor 150 Jahren verübte die US-Armee das Sand-Creek-Massaker.

Zum Zeichen der friedfertigen Absichten Washingtons lud US-Präsident Abraham Lincoln 1863 Black Kettle und Lean Bear, Stammesführer der Southern Cheyenne aus Colorado, in die Hauptstadt ein. Er zeichnete sie mit Orden aus und schickte sie mit einer US-Fahne wieder nach Hause ins Colorado-Territorium im Mittleren Westen der USA. Zu diesem Zeitpunkt tobte der Amerikanische Bürgerkrieg schon im zweiten Jahr. Colorado verfügte nur über zwei Regimenter, die im Osten den Truppen der konföderierten Sklavenhalter-staaten nachsetzten.

Fernab von dieser Front waren einflussreiche Leute in Colorado nicht an einer friedlichen Lösung der »Indianerfrage« interessiert. Hier sah man in den »Wilden« nur einen Stör-faktor, der den guten Geschäften mit Landraub, Goldrausch und Eisenbahnbau im Wege stand. Zur Vorbereitung einer militärischen Lösung wurde das 3. Kavallerieregiment aus Freiwilligen aufgestellt. Den Boden für das Vorgehen gegen die Native Americans bereitete die Presse mit einem Trommelfeuer von Artikeln über die »Gefährlichkeit der Indianer«.

Überall richteten sie angeblich »Verwüstungen« an, unter denen die Siedler zu leiden hätten. Tatsächlich aber wurden zu dieser Zeit mehr Indianer von Weißen getötet als umgekehrt. Doch wie in allen Kriegen ging es auch hier nicht um die Wahrheit, sondern darum, die lästigen Cheyenne und Arapaho loszuwerden.

»Patrioten«

»Vernichtet sie!« riet William N. Byers, Verleger der in Denver erscheinenden größten Tageszeitung Colorados. In seinen Rocky Mountain News vermeldete Byers am 4. April 1863, unter den Weißen in Colorado sei nun »allgemein das Gefühl« verbreitet, dass »der einzige Weg«, mit Indianern umzugehen, der sei, »einen Vernichtungskrieg gegen sie zu führen«.

Schreibtischtäter Byers spitzte seine Befürwortung des Völkermords 1864 weiter zu. »Humanisten aus dem Osten, die an die Überlegenheit der indianischen Rasse glauben, werden angesichts unserer Politik in ein fürchterliches Geschrei ausbrechen, aber es ist jetzt nicht die Zeit für Haarspaltereien oder Gewissensbisse. Selbsterhaltung verlangt nach entschlossenem Handeln, und der einzige Weg, sie zu garantieren, sind ein paar Monate aktiver Ausrottung der roten Teufel.« Dem schloss sich Colorados Gouverneur John Evans an, indem er erklärte, die Cheyenne hätten »den Vereinigten Staaten den Krieg erklärt«, und hinzufügte: »Jeder Mann, der einen feindlichen Indianer tötet, ist ein Patriot!« Die Weißen rief er auf, sich »zu organisieren« und die Cheyenne und Arapaho »zu verfolgen und zu töten, wo immer sie zu finden sind«.

Die Formierung des 3. Kavallerieregiments hatte Verleger Byers begeistert begrüßt und suggerierte seiner Leserschaft nun: »Sollten wir jetzt nicht gegen sie [die Indianer], ihre Hütten, Frauen und alles losschlagen?« Die Antwort kam kurz darauf von Oberst John Milton Chivington (Foto rechts), einem ehemaligen Methodistenprediger, der jetzt das 3. Regiment befehligte: »Es ist meine Absicht, alle Indianer zu töten, die mir über den Weg laufen.« Darin inbegriffen seien alle von den Ältesten und Gebrechlichen bis zu Neu-geborenen. Letztere aus keinem anderen Grund als dem, dass aus ihnen eines Tages erwachsene Cheyenne würden. »Aus Nissen werden Läuse«, wie Chivington es aus-drückte. »Ich möchte in Blut waten«, erklärte der Oberst. Außer seinen »Volunteers« nahm auch die Mehrheit der weißen Bürger Colorados solche Parolen begeistert auf.

Mitte September wurde eine indigene Friedensdelegation, zu denen die Cheyenne Black Kettle (Foto links) und White Antelope gehörten und der Arapaho Left Hand (Niwot), von Major Edward Wynkoop vom 1. Kavallerieregiment in das nahe Denver gelegene US-Camp Weld eskortiert. Den beiden Stämmen mit etwa 750 Menschen war erlaubt worden, sich unter dem Schutz des Militärs in einem Winterlager niederzulassen. Zur Anerkennung ihres Status als Nichtkombattanten mussten sie ihre Waffen abgeben und zustimmen, das ihnen zugewiesene Reservationsgebiet am Sand Creek nahe Fort Lyon nicht mehr zu verlassen. Über Häuptling Black Kettles Tipi wehte fortan neben einer weißen Fahne die US-Flagge, die ihm Präsident Lincoln geschenkt hatte. Nach langen, quälenden Jahren der Verfolgung wollte er mit seinem Volk hier endlich Frieden finden.

Bestialische Falle

Doch das Winterlager wurde zur Falle. Am 27. November 1864 erreichte Oberst Chivington mit seinem Regiment Fort Lyon. Der diensthabende Kommandeur des Forts versuchte noch im Sinne der Vereinbarung, die der abwesende Major Wynkoop mit den Natives geschlossen hatte, zu intervenieren und erklärte, die Indianer seien »nicht gefährlich und eher als Gefangene zu betrachten«. Ihm erwiderte Chivington: »Die werden keine Gefangenen mehr sein, wenn wir mit ihnen fertig sind.« In der Nacht noch brach das Regiment mit dem Ziel des 30 Meilen entfernten Winterlagers auf.

Im Morgengrauen des 29. November 1864 ritten die »Colorado-Volunteers« durch das trockene Bachbett von zwei Seiten auf das schlafende Indianerdorf zu. Ohne Vorwarnung nahmen sie alles unter Feuer, was sich bewegte. Zwei Haubitzen sorgten mit fürchter-lichen Treffern für heilloses Chaos unter den Frauen, Männern, Kindern und Pferden. Sie rannten durcheinander, flüchteten in alle Richtungen und wurden von ihren Häschern noch bis zu sechs Meilen weit gejagt. Der Befehl von Chivington lautete, »die Indianer mit allen Mitteln zu töten und zu skalpieren, ob jung oder alt«. Das bestialische Schlachten nahm erst ein Ende, als niemand mehr übrig war, den man hätte aufschlitzen oder auf sonstige unvorstellbar unmenschliche Art zerstückeln können. Über die Opferzahlen herrscht bis heute ein Historikerstreit. Oberst Chivingtons 3. Regiment ging als das berüchtigte »Bloody Third« in die Geschichte der »Indian Wars« ein, wie der Völkermord in Neusprech genannt wurde.

Nach dem Massaker boten versprengte Cheyenne, die dem von Black Kettle erhofften »Frieden« nicht getraut und sich dem Winterlager ferngehalten hatten, den Weißen in Colorado zusammen mit Kriegern anderer Stämme einen Rachefeldzug und damit einen Eindruck von dem »Krieg«, den sie nach den Propagandalügen von Gouverneur Evans angeblich längst erklärt hatten. Aber nichts und niemand konnte den Völkermord an den Native Americans aufhalten.

Das US-Kriegsministerium untersuchte zwar die Rolle Oberst Chivingtons in dem Massaker und machte ihn offiziell als Hauptverantwortlichen aus. Doch da seine Dienst-zeit während dieser Untersuchungen endete, konnte er sich ungestraft ins Zivilleben zurückziehen. Kein US-Gericht hat ihn oder andere Massenmörder an den Native Americans je zur Verantwortung gezogen. Black Kettle, der dem Massaker zusammen mit seiner Frau und wenigen anderen schwerverletzt entkommen war, starb am 27. November 1868 bei einem weiteren Massaker der US-Armee. Es sollte noch nicht das letzte sein.

Völkermord an den Ureinwohnern: Zerstückelt, lebendig begraben, totgetrampelt

Vier Jahrhunderte liegen zwischen dem Jahr 1492, als Christoph Kolumbus in der »Neuen Welt« zum ersten Mal seinen Fuß auf den Strand einer karibischen Insel setzte, und dem Jahr 1892, als das Statistische Bundesamt der USA zu dem Ergebnis kam, dass weniger als eine Viertelmillion Ureinwohner innerhalb der Grenzen des Landes überlebt hat. Die Urbevölkerung der westlichen Hemisphäre, die auf insgesamt 125 Millionen Menschen geschätzt wird, ist in dieser Zeit um über 90 Prozent reduziert worden. Millionen und Abermillionen dieser Menschen sind gestorben – sie wurden mit Äxten und Schwertern zerstückelt, lebendig begraben oder von Pferden totgetrampelt. Sie wurden zum Spaß gejagt und an Hunde verfüttert, erschossen, totgeschlagen, erstochen oder für ein Kopfgeld skalpiert, an Fleischerhaken aufgehängt und auf hoher See über Bord geworfen.

Als Sklaven ließ man sie unter dem Joch der Zwangsarbeit verrecken, bei einer Vielzahl von Gewaltmärschen und in Gefangenschaft vorsätzlich verhungern und erfrieren, und in einer unbekannten Zahl von Fällen wurden sie absichtlich mit Seuchenkrankheiten infiziert. (…) Alles in allem ist es wahrscheinlich, dass mehr als hundert Millionen Ureinwohner im Zuge der anhaltenden europäischen »Zivilisierung« der westlichen Hemisphäre »eliminiert« wurden.

Aus: Ward Churchill: A Little Matter of Genocide: Holocaust And Denial In The Americas 1492 To The Present. City Lights Publishers San Francisco 2001, S. 1, 86

Quellen: Wikimedia/jungewelt.de vom 05.12.2014

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One thought on “Indianer in Amerika: »Ausrottung der roten Teufel«

  1. Relativ gut recherchierter Artikel. Was er übersieht, war dass Chivington keine grossen Details nach dem Massaker veröffentlichte. Die Offiziere aus Ft. Lyon brachten das erst im Folgejahr an die Öffentlichkeit – Als Sie die Leichen endlich begraben wollten. Die hatte Chivoington nämlich offen liegen lassen!

    Und da schlug den Verantwortlichen durchaus Abscheu und Verachtung entgegen.
    Ehemalige Scouts, wie Bill Hickock sprachen sich öffentlich für ein Kriegsverbrecher Verfahren gegen Chivington aus. Was leider zu spät kam.
    Das Lt. Soule aus Ft. Lyon den Angriff verweigerte und später von einem anderen Beteiligten ermordet wurde, ehe er gegen Chivington aussagen konnte.

    Dennoch wurde Sandcreek zu einem beispiellosen Verbrechen, das an Perversion seines gleichen sucht. Einige Soldaten brachen nach dem Vorfall ihr Schweigen und die Details überragen jeden Splatterfilm. Ich werde darauf nicht weiter eingehen, aber wer dazu recherchiert wird die Details finden…

    Die Aussage “Aus Nissen werden Läuse” traf Chivington übrigens, als ein Soldat Bedenken äusserte, auf Kinder zu schiessen! Ein feiner Mensch, ich hoffe er bekommt im Jenseits täglich eine Ananas rektal!

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