Der letzte Dreck: Wie Dummheit produziert wird

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»Fernsehen macht dumm«, »Unser Bildungssystem produziert karrieristische Fachidioten«, »Der Kapitalismus braucht Konsumtrottel« – Wenn eine Gesellschaft auf das in ihr (zu Recht) grassierende Unbehagen an »allgemeiner Verblödung« statt mit handfesten Gegenmaßnahmen bevorzugt mit kulturpessimistischen Slogans und Verschwörungstheorien reagiert, wird klar, wie sehr sie sich bereits in ihrem Dummsein eingerichtet, es gar zum System erhoben hat.

Markus Metz und Georg Seeßlen analysieren die Mechanismen, mit denen Dummheit heute produziert wird, nebst den fatalen Strategien, mit denen die meisten Individuen sie »bewältigen« und dadurch noch verstärken. Wer sich der Dynamik der »Blöd-Maschinen« nicht blind oder – noch schlimmer – sehend ergeben möchte, muß ihre Strukturen begreifen. Nur so entsteht die Chance, sie zu zerschlagen.

Blödheit ist für die Autoren eine Kombination aus Dummheit und Benommenheit, die verhindert, aus dem, was passiert, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Blödmaschinen sind als eine Art Interface zwischen Mensch und Welt zu verstehen, die dem Menschen die Arbeit abnehmen, sich selbst über die Welt ein Urteil zu bilden.

Als postmoderne Blödmaschinen bezeichnen die beiden Autoren die Medien, allen voran das Fernsehen und die Boulevardpresse, das Internet, die Werbung, die Mode, den Sport und die Politik.

Von den „Veränderungen des Menschenbildes und der Gesellschaftsform“ in Neoliberalismus und Postdemokratie handelt das 780 Seiten starke Buch und diagnostiziert „eine fundamentale Veränderung in der Art, wie gegenwärtig der öffentliche Raum organisiert wird und wie man ihn betritt.“

Aus der enzensbergerschen Bewusstseinsindustrie ist für die Autoren in der Phase des Neoliberalismus die Verblödungs-industrie geworden. Es gibt heute, und das ist der Unterschied zu den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, keine Trennung mehr von Sendern und Empfängern. Der Terminus Maschine wird von den Autoren gewählt, weil Eigner, Maschine, Maschinisten, Händler und Konsumenten in einem maschinellen Regelkreis sich gegenseitig zuarbeiten: Blödmaschinen als kulturelle Subsysteme sind verblödend und verblödet in einem, Produzent wie Konsument eint der gemeinsame Genuss an der Verblödung und, so lautet ein Kernsatz der Autoren, das „Wesen (und das Rätsel) der Blödmaschine (ist) nicht die Blödheit selbst ( … ), sondern das Einverständnis“ mit ihr.

Ein Grundkennzeichen der Blödmaschine ist, dass sie um jeden Preis unterhalten will. Blödmaschinen haben immer ihr eigenes Wachstum im Auge, so erzeuge eine andauernde Produktion von Unterhaltung einerseits Überdruss, andererseits den Wunsch nach noch mehr und immer neuer, blöder Unterhaltung. Diese Grundbedingung der Kommunikation im öffentlichen Raum produziere auf dem Gebiet der Wahrnehmung, der Schlussfolgerung und Kritik, den einstigen Grundlagen des Denkens und des bürgerlichen Subjekts, gravierende Verschiebungen: Die genaue Wahrnehmung, das genaue Schließen und die fundierte Kritik sind den Blödmaschinen suspekt und werden von ihnen bekämpft oder, und, dies ist das Tückische an ihnen, integriert:

„So wie die alten Blödmaschinen (die Kirchen, die Herrschaft, die Wissenschaft) immer auch Weisheit und Dissidenz erzeugten, so erzeugen die neuen Blödmaschinen (Medien, Mode, Waren) Subversion und Ironie, möglicherweise als paradoxes Symptom ihrer Aktivierung.“

Wie schon seinerzeit bei Autoren wie Adorno und Althusser mit ihrem umfassenden Ideologieverdacht wird hier eine Hermetik der allgemeinen Verblödung, der niemand von uns entkommen kann, behauptet. Es geht nicht länger um dumm versus klug, es geht darum, dass die Ungebildeten es nicht besser wissen und auch nicht wissen sollen, und die Klugen sich dümmer stellen als sie sind.

Als postmoderne Blödmaschinen bezeichnen die Autoren die Medien, allen voran das Fernsehen und die Boulevardpresse, das Internet, die Werbung, die Mode, den Sport und die Politik. Die unterhaltsame Inszenierung stehe im Mittelpunkt all dieser gesellschaftlichen Teilsysteme. Impulsgesten und Visiotypen statt Aussagen beherrschen die öffentliche Kommunikation, wie das Beispiel der Politik zeige. Obwohl sich das Buch davon abgrenzen will, ist es in diesem Punkt ein Ausbuchstabieren der Thesen, die der amerikanische Medienpädagoge Neil Postman schon in den achtziger Jahren für die amerikanische Gesellschaft aufgestellt hat. Durch die Transformation von Politik in Unterhaltung erscheinen unsere Politiker nur noch als Chargen in den Medienblödmaschinen. Gestus und Visiotypen haben die Rolle von Sprache, Bedeutung und Aussage längst hinter sich gelassen.

„Wie macht ein Guido Westerwelle das denn, wenn er über Jahre hinweg immer dieselben Sätze über Leistung, die sich wieder lohnen müsse, und damit Steuern, die gesenkt werden müssten, mit einer Emphase vorträgt, als hätten sie irgendeinen rationalen Sinn oder als wäre ihm gerade die politische Erleuchtung gekommen? Spricht vielleicht seine Krawatte deutlicher? So wie Johannes B. Kerner das von Barbara Walters gelernte Kopfschiefhalten sprechen lässt? Falsche Frage. Wie macht es ein Publikum, auf so etwas mit ‚frenetischem Applaus‘ zu reagieren, als habe jemand das erlösende Wort gesprochen, eine Pforte aufgestoßen. Wir könnten einfach von ‚Lügen‘, von ‚Dummheit‘, von ‚Inszenierung‘ sprechen. Oder eben von einem gemeinsamen Genuss der Blödheit.“

Der radikalen Kritiklosigkeit der Maschine stehe die Hyperkritik des Terroristen gegenüber, das heißt, es ist eine ganz und gar verblödete Gesellschaft, die auf einem ihrer Pole die gewaltsam-terroristische Auflehnung produziert, die sich selbstredend wieder den Normen der Medienblödigkeit unterwirft, indem sie über ihre Gewalt ausführlich im Internet berichtet, wie man an ISIS oder anhand der jüngsten Vorfälle in Paris exemplarisch vor Augen geführt bekommt.

Neben der Politik habe sich auch die gesellschaftliche Funktion von Sport grundlegend verändert. Fußball zum Beispiel, früher ein Spiel, und als solches genossen, hat sich für die Autoren in ein einziges Szenario der Medienverblödung im öffentlichen Raum gewandelt: Spieler und Fans sind hier Produkte und Maschinisten in einem.

Das Verschwinden des klassischen Bürgertums ist der unterschwellige Topos, der sich bei den Beschreibungen des öffentlichen Raums immer wieder aufdrängt. Die Autoren zeigen anhand von Extremen unserer Alltagskultur, die das neoliberale System mit sich gebracht hat, wie die Gesellschaft ökonomisch und kulturell auseinanderdriftet. Trashfernsehen für die „da unten“ auf der einen, „Eliteuniversität“ für die da oben auf der anderen Seite, Fast- und Convenience-Food und Nahrungsmitteldiscounter auf der einen, absurde Feinschmecker- und Sterneküche auf der anderen Seite, Ein-euro-Ramschläden für die da unten, denen noch der letzte Dreck verkauft wird, Design-Marken- und Ambientekult für die oben, die Integration des Volkstümlichen in teurer Trachtenmode und das Beschwören des Landhausstils auf der einen, die extrem lieblose Nullmode eines Anbieters wie „kik“ mit seinem Slogan „alles unter 7.95“, auf dem anderen Extrem, Prada gegen Reno, dies sind die neuen Eckpunkte einer Gesellschaft, zwischen denen sich die „Mittelschicht“ in der Welt der „beseelten Dinge“, wie die Autoren die Waren nennen, positionieren muss.

Entsprechend schwer hat es die bürgerliche Hochkultur:

„Wo Unterhaltung herrscht, ist es für jedwelche Oberschicht in der Tat schwer, sich kulturell zu distanzieren. Denn eine Hochkultur, die sich vor allem durch ökonomische Barrieren und Ritualisierung schützt (parodistisch: eine Bayreuth-Kultur, eine Vernissagen-Kultur, eine ‚Kultur-Tussi-Kultur‘), verliert ihrerseits die Erneuerungsfähigkeit und wird – dumm. Ein Berlusconi zerstört mehr ‚Oberschichtkultur‘ als es Horden von Anarchisten ( … ,), Punks und gekränkte Hauptschullehrer je könnten … „

Roland Barthes „Mythen des Alltags“ standen zwar bei der Kritik der Autoren Pate, hatten jedoch noch die bürgerliche Kultur und deren Mythen im Auge. In der Verblödungsindustrie verschwinde jedoch selbst der Mythos, da sie, wie in der Endlosschleife einer Soap-Opera, lediglich noch Mytheme, kleine Schnipsel der großen Mythen zulasse.

Als herausragende Medienblödmaschinen die Bild-Zeitung und das Fernsehen zu wählen, ist vielleicht nicht originell, aber sie gelten den Autoren auch nur als Paradebeispiele der Verblödungsindustrie. Nachricht, Interpretation und Bewertung werden dem Leser der Bildzeitung so geliefert, dass „Bild“ in der Tat die Meinung nicht nur bildet, sondern verkörpert, demnach paradigmatisch dem Konsumenten Wahrnehmung, Schlussfolgerung und Kritik abnimmt. Und: Wie Unterhaltung in Brutalität und grenzdebilen Schadenfreudenhumor umschlagen kann, zeigt sich, wenn Deutschland im Fernsehen den Superstar oder das nächste Topmodel sucht.

Auch die Schwarmintelligenz der Social Webforen reflektiere die allgemeine Verblödung. Das Internet ist für die Autoren weder ein neues Paradies noch eine neue Hölle, „sondern eine jener Maschinen, die dafür sorgen, dass alles genau so weitergeht wie bisher.“ Überdruss statt Revolte kennzeichne die Haltung der Maschinisten der postdemokratischen Blödmaschinen gegenüber dem Kapitalismus: Man tue nichts dagegen, man habe ihn nur über!

Fazit: Es wurden zwar keine Daten erhoben, wie seinerzeit bei Bourdieu in seiner umfassenden Studie zu gesellschaftlichen Geschmacksunterschieden. Das Buch hat stattdessen Pamphletcharakter, spielt mit der Provokation und reflektiert auch seinen eigenen Status. Diagnostisch interessant ist es dort, wo es um genaue Beschreibung geht, wie Blödigkeit hergestellt und affirmiert wird.

In medienkritischer Hinsicht wäre eine stärkere Berücksichtigung von Computerspielen sowie der fortschreitenden Verschaltung des Individuums mit dem Internet wünschenswert gewesen. Über diese hätte man auch die Kurve zum „Verlust des bürgerlichen Subjekts“ und der explizit maschinellen Verknüpfung von Subjekt und Regelsystem theoretisch besser in den Griff bekommen. Dennoch haben die Autoren eine überaus lesenswerte Oberflächenanalyse der kulturellen Produktion und Konsumtion vorgelegt, die immer wieder überraschende Zusammenhänge herstellt. Am Ende ihrer Studie verweisen Georg Seeßlen und Markus Metz dann doch auf eine Möglichkeit, die Geschlossenheit der Verblödung zu transzendieren.

„Die Herrschaft der Blödmaschinen besteht darin, die Welt undenkbar und unveränderbar zu machen, sie wieder denkbar und veränderbar zu machen, das wäre doch was – oder?“

Am Ende dieser medialen Entmündigung steht der „Verlust des Vertrauens in die eigene Würde“. Was tun? Die Autoren zitieren Hannah Arendt: „Die Revolte beginnt damit, das eigene Leben (zurück) zu fordern.“

Verweis:

Buch: Blödmaschinen: Die Fabrikation der Stupidität (edition suhrkamp) von Georg Seeßlen, Markus Metz.

Quellen: PRAVDA TV/PublicDomain/Suhrkamp/deutschlandfunk.de vom 22.02.2015

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