Beziehungsbarometer: Sex ist nicht immer Sex

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In der Sexualität zeigen sich die Muster der Beziehung – Sex ist das Symptom der Beziehung. Sexualität ist eine Form der Kommunikation zwischen den Liebespartnern. Und gerade hier, das heißt, im Bett, zeigt sich ein wichtiger Teil der Wahrheit und keine Fehlfunktion.

Wie durch Sexualtherapie eine neue Basis für Intimität und Leidenschaft entstehen kann

Sexualtherapie gilt häufig immer noch als therapeutische Nischendisziplin, als notwendiges Mittel, das man in Anspruch nimmt, wenn das, was eigentlich funktionieren sollte, nicht mehr funktioniert. Für viele zielt Sexualtherapie lediglich darauf ab, die „normale Funktion“ wieder herzustellen. Doch die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität ist eine wunderbare Möglichkeit zur persönlichen, spirituellen und partnerschaftlichen Entwicklung.

Immer mehr Frauen und Männer, ob in langjährigen Beziehungen oder Singles, klagen darüber, sexuell unbefriedigt zu sein und/oder sich als sexuell unzulänglich zu erleben. Auch eine emotionale Tiefe, die beide Partner beschreiben, zeigt sich nicht immer als Schutz vor einer „sexuellen Störung“ oder dem Verlust der sexuellen Leidenschaft in einer Beziehung.

Wer selbst einmal an entsprechenden Problemen gelitten hat, weiß um die Hilflosigkeit, die in den meisten therapeutischen Schulen der Sexualität gegenüber vorherrscht. In unser Institut kommen viele Klienten, die sich nach jahrelanger Psychotherapie der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität nähern und dann überwiesen werden, weil auch fundiert ausgebildete Therapeuten an ihre Grenzen kommen.

Meist deswegen, weil sie bisher keine Haltung sexuellen Themen gegenüber entwickelt haben oder auch, weil sie selbst von diesen Themen zu sehr berührt sind und befürchten, sich am Sexuellen die „Finger zu verbrennen“.

Demgegenüber steigt die Zahl der Ratgeberbücher, die schnelle Tipps für ein optimiertes Sexualleben verkaufen. Fast jeden Tag bekommen wir Einladungen zu Seminaren und Gruppen, die neue Zugänge versprechen, um das Sexualleben mit oder ohne Partner zu verbessern.

Fast wöchentlich neue Trends und Methoden – fragwürdig ist jedoch, ob die neue Lifestyle-Sex-Welle tatsächlich dort Lösungen bietet, wo das menschliche Leiden am größten ist: im Bereich zwischenmenschlicher Intimität und Sexualität, der Möglichkeit also, sich mit einem anderen Menschen zu verbinden, sich geliebt zu fühlen und zu lieben, in Beziehung zu treten und mit einem anderen Menschen erfüllende Zweisamkeit zu erfahren.

Sex ist nicht immer Sex

Die persönliche oder partnerschaft­liche Sexualität ist Auffangbecken ­verschiedenster Regungen, Vorstellungen und Motive, die meist dem Bewusstsein nur schwer zugänglich sind. Unserer Erfahrung nach geht es in den seltensten Fällen darum, „Liebe zu machen“ oder dem anderen in Intimität seelisch zu begegnen.

Die meisten Frauen und Männer suchen nach Anerkennung, nach Bestätigung, wollen sich am anderen emotional „abarbeiten“, sich spüren – oder auch nicht mehr spüren –, sich durch Sex mit dem Partner berauschen, sich manchmal sogar selbst zerstören, „in den „Keller ziehen“ oder auch am anderen rächen. All diese oft verdeckten Motive sind weder „richtig“ oder „falsch“, noch „normal“ oder „anormal“ – diese zumeist tabuisierten Beweggründe beeinflussen allerdings maßgeblich Glück und Unglück in Beziehungen.

Sex ist das Spiel zwischen den Körpern, das ausschließlich durch unsere Beziehung zu uns selbst und zum Partner/zur Partnerin zum tiefen, berührenden Ereignis werden kann. Die Beziehung ist entscheidend und so kann die gleiche körperliche Praktik bei anderer innerer Haltung der Partner in Demütigung und Verachtung enden.

Manche Frauen und Männer haben kaum eine Beziehung zur eigenen Sexualität und suchen unsere Hilfe auf, um Schlimmeres zu verhindern, weil beispielsweise der Partner mit dem Beziehungsende droht, wenn nicht endlich wieder Leben ins Ehebett kommt. Oder auch, wenn die Erektion wegbleibt und die Partnerin zunehmend emotional auf eine Lösung drängt.

Oder auch, wenn der Sex partout nicht erfüllend wird, obwohl man anscheinend über alles gesprochen hat und alle gegenseitigen Bedürfnisse thematisiert worden sind.Ebenfalls ein Grund, sich mit dem eigenen Sexualleben auseinanderzusetzen, ist, wenn eine plötzlich auftauchende Affäre die Grundfesten der langjährigen Partnerschaft ins ­Wanken bringt.

Sex als Kommunikation: Auch im Bett kann man nicht nicht kommunizieren

Auch wenn einige Therapeuten oder auch Schulen das anders sehen: Für uns gibt es keine Trennung zwischen Paar- und Sexualtherapie. Und auch keine Trennung zwischen Sexualtherapie und Psychotherapie. Eine Psyche, die sich nicht verbinden kann, kann auch nicht gesund sein, und eine Partnerschaft, in der es an Intimität mangelt, ist in der Regel für die Partner nicht erfüllend.

Menschen sehnen sich nach Verbindung und Einheit, und diese zu erleben erfüllt sie mit Lebendigkeit und Kraft.

Viele Ratgeber empfehlen, bei mangelndem oder nicht erfüllendem Sex einfach mehr zu kommunizieren. Wir halten die Wirksamkeit dieser Methode für relativ begrenzt. Würde Reden helfen, dann ist doch die Frage, warum unsere ansonsten sehr intelligenten und eloquenten Klienten sich nicht bereits zusammengesetzt haben, um Lösungen auszuhandeln.

Schlechter oder mangelnder Sex ist für uns nicht durch wertschätzende Kommunikation zu verbessern. Schlechter oder mangelnder Sex ist die Kommunikation zwischen den Partnern!

Wenn ein Mann beispielsweise der Vorstellung unterliegt, es seiner Frau niemals recht machen zu können, dann wird sich diese Vorstellung auch im sexuellen Spiel mit der Partnerin zeigen. Jede noch so hilfreiche Übung wird aus dieser Haltung heraus zum selbsterfüllenden Ereignis.

In der Sexualität zeigen sich die Muster der Beziehung – Sex ist das Symptom der Beziehung. Daher teilen wir die Vorstellung nicht, dass Sex eine Art Verhalten ist, das man optimieren und durch neueste Techniken trainieren kann.

Sexualität ist ein Prozess beständiger Kommunikation zwischen den Liebespartnern. Und gerade hier, das heißt, im Bett, zeigt sich ein wichtiger Teil der Wahrheit und keine Fehlfunktion.

Von der sexuellen Funktionsstörung zur Funktion der sexuellen Störung

Sexuelle Probleme werden leider gerne noch als „sexuelle Funktionsstörungen“ bezeichnet. Damit wird angenommen, dass es eine eigentliche, normale Funktion gibt, die gestört ist und wieder herzustellen ist wie ein Auto, dessen Motor repariert werden kann. Was aber, wenn die sexuelle Problematik eine Botschaft an den Partner oder an den darunter Leidenden ist?

Was wäre, wenn beispielsweise die Lustlosigkeit keine Störung der Funktion ist, sondern eine versteckte, direkt zu verstehende Botschaft, dass der partnerschaftliche Sex eben nicht mehr als erregend erlebt wird? Wäre dann die sogenannte sexuelle Funktionsstörung nicht die Lösung, indem sie dem Betroffenen erlaubt, nicht zu funktionieren und trotzdem dem Konflikt zu entgehen, dem Partner die eigene Unzufriedenheit zu offenbaren?

Tabubereiche erobern

Die Kommunikation in Beziehungen und im Sexuellen ist stärker durch das beeinflusst, was wir nicht auszusprechen wagen, als durch das Konsensfähige. Jeder Beziehung liegt ein Vertrag zugrunde, dessen Klauseln wir stillschweigend abgestimmt haben. Jede Beziehung pflegt einen Konsensbereich, der zumeist erst dann auffällt, wenn er von einem der Partner verlassen wird. Erst wenn der Vertrag gebrochen wird, fällt in Beziehungen auf, dass es überhaupt einen gab.

Auch folgen wir zumeist Beziehungsidealen, idealen Frauen- oder Männerbildern, ohne dass diese uns bewusst sind. Erst bei Widersprüchen wie zum Beispiel in Krisen, Beziehungskonflikten oder bei sexuellen Problemen beginnen wir, diese Ideale in Zweifel zu ziehen und zu überprüfen.

Viele Paare suchen uns mit folgender Problembeschreibung auf: „Wir sind ein super Team, wir lieben uns, wir verstehen uns hervorragend und haben ein kleines Problem – wir haben seit sechs Jahren keinen Sex mehr.“ Nun könnte man davon ausgehen, dass man therapeutisch hier leichtes Spiel hat, schließlich bewegen sich beide ja auf einer soliden, liebevollen Basis. Aber für uns ist gerade dieses „Wir“ das Hindernis. ­

Dieser vermeintliche Konsens entpuppt sich meist als fauler Kompromiss, ­welcher der sexuellen Leidenschaft im Wege steht.

In der Regel haben sich die Partner in Beziehungen, in denen die erotische Leidenschaft eingeschlafen ist, einem bestimmten Ideal verschrieben: Gegenseitige Liebe und Achtung um jeden Preis! Nicht selten ist das Ganze dann noch spirituell-psychologisch etikettiert, indem sich ein oder beide Partner beispielsweise einem Ansatz wie der gewaltfreien Kommunikation, dem Tantra oder Ähnlichem verschrieben haben.

Die Funkstille beenden

Mir geht es hier keinesfalls darum, diese Ansätze zu kritisieren, doch will ich festhalten: Jedes Ideal wirft einen Schatten, und so ist in Partnerschaften wie diesen meist die Aggression verschattet. Vorbehalte dem Anderen gegenüber dürfen im Hinblick auf das Ideal nicht sein, sie werden exkommuniziert, auf diese Weise in den Untergrund verdrängt und begegnen den Partnern dann zumeist im Bereich intimster Nähe wieder: nämlich im Bett.

Dort herrscht dann Funkstille, obwohl sich beide angeblich so sehr bemühen, den Bedürfnissen des anderen in wertschätzender Weise gerecht zu werden. Manchmal zeigen sich uns in der Praxis grotesk anmutende Szenen: Paare, die vor uns großen Wert darauf legen, bedächtig und wertschätzend miteinander zu kommunizieren, während sie sich im Bett jahrelang nicht mehr begegnet sind und sich im Bereich körperlich-erotischer Bestätigung jegliche wertschätzende Kommunikation vorenthalten, sich also gegenseitig unausgesprochen „verhungern“ lassen.

Wie sieht in einem solchen Fall eine Lösung aus? Das Subversive, „in den „Untergrund Verdrängte“ und damit die in der Partnerschaft tabuisierten Aspekte müssen wieder ins partnerschaftliche Bewusstsein geführt und kommuniziert werden.

Und warum auch nicht? Wohl nichts ist natürlicher, als den eigenen Partner von Zeit zu Zeit als anstrengend zu erleben oder seine längst bekannten Verhaltensweisen nicht mehr ertragen zu können. In einer Partnerschaft zu sein führt eben auch zu Spannungen in uns. Für viele Paare ist es zu Beginn einer Paar- oder Sexualtherapie die größte Herausforderung, den Partner/ die Partnerin mit den eigenen Schattenseiten zu konfrontieren. Mit ein wenig Übung kann dies allerdings ein kraftvoller und humorvoller Prozess sein, der zu einer tiefen und wahrhaftigen Partnerschaft führt.

Ähnliches gilt auch für Männer oder Frauen, die nicht in Partnerschaft leben und unter sexuellen Problemen leiden oder für sich selbst nach Auswegen aus langjährigem Singledasein suchen. Auch hier ist die Suche nach dem Tabuisierten zentral – der Tabubereich muss erobert werden, will man die sexuelle Lebendigkeit zurückerobern.

Das Trennende ausdrücken und dabei in Kontakt bleiben

In Beziehungen müssen wir lernen, das vermeintlich Trennende auszudrücken, auch wenn es Angst macht und Befürchtungen weckt. Nicht selten kommen Männer zu uns in Therapie, die uns erschrocken ansehen, wenn wir empfehlen, die neue Partnerin/ den neuen Partner doch vor den ersten gemeinsamen sexuellen Experimenten darüber aufzuklären, dass sie unsicher sind und häufig daraufhin auch Probleme haben, eine Erektion zu bekommen. Viele Männer erleben es als ihre größte Herausforderung überhaupt, eben diese als komplett disqualifizierend erlebte Schwäche der Geliebten kundzutun.

Manche Partner berichten in Therapie, dass sie das immer gleiche sexuelle Routine-Spiel nicht mehr ertragen können – dass sie aber vor einem Gespräch zurückschrecken, da sie angeblich den Partner nicht verletzen wollen. Wieder andere ekeln sich gerade in intimen Momenten vor dem Geliebten, fühlen sich übergangen oder unterdrückt und trauen sich nicht, dies anzusprechen oder auszudrücken. Manch einer erlebt auch die eigenen Fantasien als trennend und hält diese angstvoll zurück, so zum Beispiel die Sehnsucht, vom eigenen Partner gefesselt oder geschlagen zu werden.

Doch gerade hier kann die Chance bestehen, dem Partner/ der Partnerin gegenüber wieder Respekt zu entwickeln. Denn gerade wenn wir angstvoll das zurückhalten, von dem wir befürchten, dass es den anderen verletzen könnte, bestätigen wir in uns, dass wir den Partner für schwach und klein halten. Und so halten wir ihn auch klein und verlieren den Respekt. Erst mit der Erfahrung, dass der Partner aushalten kann, was wir für absonderlich schlimm gehalten haben, kann wieder Respekt entstehen.

Emotionale Selbstständigkeit weckt Begehren

Schließlich finden wir nur den selbstständigen Partner sexuell anziehend und nicht den nach Bestätigung und Anerkennung geifernden, der uns am sprichwörtlichen Rockzipfel hängt. Und allzu leicht glauben wir, uns bei andauernder Beziehung besser zu kennen und einschätzen zu können, glauben zu wissen, wo die Grenzen des Partners/der Partnerin liegen und erkennen dabei häufig zu spät, dass mit zunehmender Beziehungsroutine der Raum der Beziehung immer kleiner und enger wird. Manche Partner müssen ausbrechen, um der kompletten „Eingemeindung“ zu entfliehen und sich die eigene Selbstständigkeit zu beweisen.

Der Weg in die partnerschaftliche und persönliche Lust besteht darin, die eigenen Tabubereiche zu erobern und dabei in liebevollem Kontakt zu bleiben. Erst dann können wir die Erfahrung machen, dass unsere Beziehung auf einer wahrhaftigen Basis fußt und nicht ausschließlich auf Illusionen und Schattenaspekten.

In Krisen ist Öffnung möglich

Viele Menschen finden den Weg in eine Paar- oder Sexualtherapie erst in einer schweren Krise. Zum Beispiel dann, wenn der geliebte Partner sich getrennt hat oder ein Seitensprung auffliegt, wenn Verlust droht und der Schmerz offenkundig wird. Vielen wird erst dann bewusst, dass sie über Jahre in der Beziehung Krieg geführt haben, anstatt den anderen kennen und lieben zu lernen. In Therapie versuchen wir bewusst, diesen Krisenpunkt anzusteuern oder auch zu verstärken.

Mal ganz ehrlich: Ist es nicht so, dass wir manchmal erst dann schätzen können, was wir haben, wenn wir befürchten müssen, es zu verlieren? Ebenso ist es in Beziehungen – häufig erwachen die Beziehungspartner erst dann aus dem sexuellen Tiefschlaf, wenn eine dritte Person in Gestalt einer erotischen Affäre erscheint. Vielfach zeigt sich ein Mann oder eine Frau erst dann bereit, sich mit einem sexuellen Problem zu beschäftigen, wenn der Partner/ die Partnerin mit dem Beziehungsende droht.

Doch auch eine plötzliche Liebe kann zur Krise führen: Einige Menschen kommen zu uns, weil der schlimmste Fall eingetreten ist, zu dem es hätte kommen können: Sie haben sich verliebt und sehen sich nun gezwungen, sich der eigenen Störungen anzunehmen und auf die Suche nach Veränderung zu gehen. Und nicht selten ist es sogar so, dass wir gar nicht darauf vorbereitet sind, einfach geliebt zu werden, und dass uns dies an die Grenzen bringt (Hermann Hesse: Liebe).

Literatur:

Über die Liebe von Jiddu Krishnamurti

Jetzt! Die Kraft der Gegenwart von Eckhart Tolle

Im Einklang mit der göttlichen Matrix: Wie wir mit Allem verbunden sind von Gregg Braden

Was wir für ein erfülltes Leben brauchen: Die Essenz von Jiddi Krishnamurti

Quellen: PublicDomain/sein.de am 03.06.2015

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