1177 v. Chr.: Der erste Untergang der Zivilisation (Video)

Im Jahr 1177 v. Chr. stehen die ersten großen Zivilisationen unserer Menschheit vor dem Untergang. Marodierende Seevölker bedrohen Ägypten unter König Ramses III. Wie Dominosteine fallen Mykene, Troja und Milet nach Jahrhunderten des Aufstiegs und des Glanzes. Konnte das allein das Werk der Seevölker sein?

In seinem internationalen Bestseller “1177 v. Chr.” erzählt der Eric H. Cline die packende Geschichte vom »ersten Untergang der Zivilisation«: Erst durch die katastrophale Summe von Krieg, Revolten, Wirtschaftskollaps und Naturkatastrophen stürzte die erste große Zivilisation für Jahrhunderte in die Dunkelheit.

Östliches Mittelmeer, 12. Jahrhundert vor Christus: Städte brennen, Reiche gehen unter, Völkerschaften verschwinden. Fast alle antiken Kulturen zwischen Ägäis und Persischem Golf stecken in der Krise. Die späte Bronzezeit geht zu Ende, und Gewaltkonflikte erschüttern die Region. Eine Zeitenwende, die deutliche Spuren in den Überlieferungen hinterlässt.

Was passierte damals?

Über den ägyptischen Pharao Ramses III. ist überliefert, er habe in seinem achten Regierungsjahr – eben 1177 v. Chr. – fremdländische Angreifer vor seiner Küste abgewehrt, die er “Seevölker” nannte. Auch von Ägyptens Nachbarkulturen sind Textquellen aus dieser Zeit erhalten, in denen immer wieder von Plünderern oder Piraten die Rede ist.

Für die Archäologen früherer Generationen schien die Sache klar: Ein “Seevölkersturm” habe die bis dahin blühenden Reiche der Ägypter, Mykener, Hethiter und Babylonier ins Unglück gerissen und ein “Dunkles Zeitalter” eingeläutet.

Turbulente Zeiten

Moderne Archäologen sind von dieser Deutung nicht mehr überzeugt. Warum aber im 12. Jahrhundert v. Chr. die Staatenwelt der Spätbronzezeit zusammenbrach, können auch sie nicht sicher beantworten. Dürre- und Hungerperioden infolge eines Klimawandels werden ebenso diskutiert wie politische Umbrüche, Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen.

Der Autor liefert mit seinem Buch eine populärwissenschaftliche Aufbereitung dieses Themas. Er erörtert verschiedene Ansätze zur Lösung des Rätsels, die in den zurückliegenden Jahren vorgebracht wurden.

Zunächst führt Cline seine Leser in die Welt der späten Bronzezeit ein und richtet den Blick dabei auf Ägypten, den östlichen Mittelmeerraum und Vorderasien.

Die damaligen Großmächte – Ägypten, Babylonien, das Hethiterreich und zeitweise auch das mykenische Griechenland – wirkten intensiv aufeinander ein. Dies mündete in ein bis dahin noch nie dagewesenes, Regionen übergreifendes Wechselspiel von Diplomatie, Krieg und Handel.

Rätselhafter Untergang

In den letzten beiden Kapiteln widmet sich der Autor dem Ende dieser frühen globalisierten Gesellschaft. Dabei orientiert er sich am neuesten Stand der archäologischen und historischen Forschung und zeigt mögliche Gründe für die Katastrophe auf.

Es erscheint heute zwar als sicher, dass der Einfall marodierender “Seevölker” allein nicht ausgereicht hätte, um die spätbronzezeitliche Staatengemeinschaft zusammenbrechen zu lassen.

Der Autor erörtert den Stoff sachlich und ohne Partei zu ergreifen, so dass die Leser sich selbst eine fundierte Meinung bilden können.

Auch ohne wissenschaftliche Vorbildung wird man dabei einige “alte Bekannte” wiedererkennen, etwa Pharao Echnaton (14. Jh. v. Chr.) und seinen Nachfolger Tutanchamun, die hier in den größeren Kontext der Weltgeschichte eingeordnet werden. Den Auszug der Israeliten aus Ägypten prüft der Autor ebenso auf historische Plausibilität wie den trojanischen Krieg.

Ganz nebenbei geht er auf Wissenschaftsgeschichte ein, indem er Forscherkoryphäen wie Howard Carter (1874-1939) oder Heinrich Schliemann (1822-1890) in interessanten Anekdoten beleuchtet. Auch weniger bekannte Pioniere der Archäologie treten auf, etwa der Minoer-Experte John Stringfellow Pendlebury, der 1941 auf Kreta von deutschen Fallschirmjägern erschossen wurde. So zeichnet Cline neben der Alten Geschichte auch fast zwei Jahrhunderte archäologischer Forschung in der Region lebendig nach.

Eine Art “globalisierte Welt”

Es ist das Jahr, in dem der ägyptische Pharao Ramses III. eine Schlacht gegen die sogenannten Seevölker schlug und gewann. Aber der Sieg war ein Pyrrhussieg, schreibt Eric H. Cline, das ägyptische Imperium war so geschwächt, dass es sich nicht wieder erholt hat und einen Niedergang erlebte.

Cline ist Direktor des Archäologischen Instituts an der George Washington Universität. In seinem Buch versucht er zu ergründen, warum sich damals “der erste Untergang der Zivilisation” – so der Untertitel – vollzog.

Die über 3000 Jahre alte Geschichte hat viel mehr mit unserer Gegenwart zu tun als uns bewusst ist. Als Touristen bestaunen wir die gewaltigen Bauwerke, die die damaligen Reiche hinterlassen haben – von den Tempelanlagen in Ägypten bis zum Löwentor auf Mykene. Warum brach diese Zivilisation zusammen?

300-jährige Blütezeit brach zusammen

Die baulichen Relikte und eine Vielzahl archäologischer Funde zeugen von einer hochstehenden Zivilisation im östlichen Mittelmeerraum. Trotzdem brach sie nach einer dreihundertjährigen Blüte innerhalb weniger Jahrzehnte zusammen. Es war das Ende der zweitausendjährigen Bronzezeit, der Beginn der dunklen Jahrhunderte vor dem Aufstieg des klassischen Griechenland, der mit Homers Epen beginnt, einem Widerhall der Untergangskatastrophen.

Und diese zivilisatorische Katastrophe liefert vielleicht eine Vorahnung dessen, was unserer heutigen Zivilisation bevorstehen könnte: das ist Clines beunruhigende Botschaft.

Die Geschichte, die er erzählt, ist in wesentlichen Teilen die Geschichte der Blütezeit zwischen 1500 und 1200 v. Chr., als im östlichen Mittelmeer mehrere Hochkulturen in intensivem Austausch miteinander standen: die Ägypter am oberen Nil, die Hethiter in Kleinasien, die Minoer auf Kreta, die Mykener auf dem griechischen Festland und einige andere.

Zwischen diesen Regionen, Machtzentren und Kulturen entwickelte sich ein intensiver wirtschaftlicher und politischer Austausch – eine “globalisierte Welt”, wie Cline sie nennt (wobei die Vokabel nicht ganz passt, wenn man bedenkt, dass es in anderen Regionen eigene Hochkulturen gab). Die archäologische Forschung, die Cline rezipiert, zeichnet inzwischen ein bemerkenswert detailliertes Bild dieses wirtschaftlich-kulturellen Geflechts.

Damit verändert Cline die herkömmliche Perspektive, die sehr auf das ägyptische Imperium ausgerichtet ist: nicht das mächtigste der Imperien macht die Zivilisation jener Jahrhunderte aus, sondern der Austausch zwischen den mehr oder weniger starken Reichen. Die hochkomplexe “globalisierte Welt” des östlichen Mittelmeers erinnert Cline an die extrem komplexe globalisierte Welt unserer Zeit.

Das ist der Grund, warum ihn die Frage nach dem Untergang umtreibt und warum die Antwort, die ihm wahrscheinlich erscheint, beunruhigend ist. Die herkömmliche Antwort lautet: Um 1200 überfielen die “Seevölker”, deren Herkunft und Zusammensetzung bis heute rätselhaft ist, die Reiche und ließen sie zusammenbrechen.

Zerstörung von Wirtschaftsgeflecht und Kultur

Cline hält etwas anderes für plausibler: eine Kette von Ereignissen, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun hatten, haben das Wirtschaftsgeflecht und damit auch die Kulturen zerstört: Naturkatastrophen, Störungen der Handelsrouten, Hungersnöte, Aufstände. Die mysteriösen Seevölker hätten dann der geschwächten Mittelmeerzivilisation den Garaus bereitet.

Da liegt der Gedanke nicht fern: Klimakatastrophen, Aufstände, kollabierende Wirtschaftssysteme – wie anfällig ist unser hyperkomplexes Weltwirtschafts- und Handelssystem heute? Wenn damals eine Kette verschiedener Vorgänge zum Untergang einer scheinbar starken Zivilisation führte – welche Rückschlüsse lässt das auf uns zu?

Das ist ein Gedanke, der auch für Leser, die kein spezifisches Interesse an alter Geschichte haben, dieses Buch interessant macht. Trotzdem trügt der Eindruck, den Cline in seinem Prolog erweckt. Das Buch ist über weite Strecken eine detaillierte – wenngleich gut geschriebene – Bestandsaufnahme der archäologischen Forschung. Die Materialgrundlage ist trotz aller Fortschritte, verglichen mit späteren Geschichtsepochen, so dünn, dass jeder Fund Interpretationen zulässt.

Cline widersteht der Versuchung, aus der Geschichte einen Historienroman zu destillieren. Stattdessen zeichnet er nach, wie archäologische Forschung aus Fundstücken Geschichte rekonstruiert, mit all ihren Unsicherheiten. Etwas zu vollmundig kündigt er sein Buch als “Schauspiel in vier Akten” an. Stattdessen erfährt der geneigte Leser mal um mal, wie schwer es ist, zu sicheren Erkenntnissen über diese frühe Zivilisation zu kommen.

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Literatur:

Das erfundene Mittelalter

Vom Exodus bis König Echnaton: Zeitalter im Chaos. Band 1

Mysterium Ägypten: Es ist längst noch nicht alles gesagt…

Video:

Quellen: PublicDomain/spektrum.de/deutschlandfunkkultur.de am 19.01.2018

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