Medien und Presse: Eine Zensur findet statt

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Zum Thema Medienkritik, so scheint es, ist mittlerweile alles gesagt. Zahllose Artikel und Analysen wurden verfasst, mehrere Bücher geschrieben – angefangen von Ulrich Teuschs „Lückenpresse“ über Uwe Krügers „Mainstream“ bis hin zum aktuellen Bestseller „Tausend Zeilen Lüge“ des Spiegel-Autors Juan Moreno, der den Relotius-Skandal enthüllte. Jeder, der daran interessiert ist, kennt inzwischen die Zusammenhänge und die Hintergründe. Oder doch nicht?

Marcus Klöckner, Journalist und Soziologe, hat sich von der Welle an Veröffentlichungen jedenfalls nicht abschrecken lassen und präsentiert in seinem gerade erschienenen Buch „Sabotierte Wirklichkeit“ tatsächlich einen neuen Blickwinkel. Klöckners Buch gliedert sich in drei Teile, von denen jeder etwa 70 Seiten umfasst: „Zensur“, „Medienwirklichkeit“ und „Herrschaftsnähe“.

Am interessantesten ist der erste Teil, in dem der Autor praxisnah erklärt, wie eine Zensur ohne zentralen Zensor überhaupt funktioniert. Viele Medienkritiker erklären sich den medialen Gleichklang bislang mit der Annahme, es gebe heimliche Anweisungen und Absprachen hinter den Kulissen. Klöckner, als Soziologe theoretisch geschult und dazu ein Medienpraktiker, der für viele Redaktionen in Deutschland gearbeitet hat und die internen Abläufe kennt, lenkt den Blick nun auf das soziale Feld, in dem Journalisten tätig sind. Zensur, so die Hauptthese des Buches, ist in dieses Feld fest eingewoben, ein Zensor gar nicht nötig.

Hier wird es spannend, denn üblicherweise wird Zensur als Eingriff des Staates definiert. Gibt es keine staatliche Kontrolle der Medien, dann gibt es auch keine Zensur – so die Annahme. Klöckner hinterfragt diese Sichtweise grundlegend. Er argumentiert vom Ergebnis her, mit einer empirischen Beobachtung der Realität. Nicht jedes Weglassen von Fakten sei zwar Zensur, aber:

„Echte Zensur entsteht dann, wenn flächendeckend, immer wieder, über einen längeren Zeitraum medienübergreifend und dauerhaft zentrale Medien bestimmte Thesen, Stimmen und Sichtweisen unterdrücken.“ (Hervorhebungen im Original)

Als Paradebeispiel hierfür wird der Ukrainekonflikt genannt, der die Welle der Medienkritik 2014 ja erst richtig ins Rollen brachte. Hier lässt sich schlüssig argumentieren, dass die russische Perspektive flächendeckenddauerhaft und medienübergreifend unterdrückt oder zumindest als unsinnig dargestellt wurde. Klöckners Verdienst besteht nun darin, genau zu beschreiben, wie so etwas in modernen Gesellschaften ganz ohne staatliche Lenkung funktioniert.

Das Problem, so zeigt er, geht sehr tief und beginnt bereits bei der sozialen Herkunft vieler Journalisten – ihrer „Klasse“, wenn man so will. Klöckner zitiert Studien, denen zufolge die übergroße Mehrheit der Journalisten aus der Mittelschicht stammen – Kinder von Geringverdienern sind so gut wie nicht vertreten – und die Spitze, also die Herausgeber und Chefredakteure der privaten Medien, zu „über drei Vierteln aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung“ kommen. Er erläutert, dass die Mittelschicht von einem ganz bestimmten Verhalten, einem Habitus geprägt sei:

„Der Habitus der Mittelschicht lässt oft den Hang erkennen, sich in die herrschenden Strukturen bestmöglich zu integrieren. Er ist auf Anpassung ausgerichtet, die Akzeptanz der Herrschaftsverhältnisse gehört zu seiner inneren Programmierung.“

Das passt natürlich nicht zur Aufgabe des Journalismus, die Herrschenden zu kritisieren. Wer aufsteigen und dazugehören möchte, darf nicht zu kritisch sein. Er wird nicht alles hinterfragen, was die Schicht, in die er aufsteigen möchte oder der er sich verbunden fühlt, grundsätzlich trägt. Klöckner verwendet viele Seiten darauf, diesen Habitus („das Streben der mittleren Schichten, sich in der Gesellschaft weiter ’nach oben‘ zu bewegen“) zu beschreiben und analytisch zu durchleuchten (Good Trump News is no news: Deutsche Medien verzerren die USA-Wahrnehmung brutal).

Er stützt sich dabei immer wieder auf die Schriften Pierre Bourdieus (1930-2002), eines der einflussreichsten Soziologen der Moderne und dessen Habitus-Konzept:

„Zu begreifen, was mit Habitus gemeint ist, fällt vielleicht etwas leichter, wenn wir Habitus als ‚Inkorporation des Sozialen in den Körper‘ betrachten. Gemeint ist damit (grob vereinfacht), dass im Laufe der Sozialisation unsere Lebenswelt tief in uns eindringt. Unsere äußere Umgebung, also das Milieu, in dem wir uns bewegen, hat einen so weitreichenden Einfluss, dass unser Körper, also unsere Art, uns zu bewegen, zu sprechen, unsere Mimik, Gestik und so weiter zu einem Abbild dieser äußeren Lebenswelt wird.

Wenn die Prägung des Habitus so weit reicht, dass sie sich selbst in unserem Körper widerspiegelt, können wir uns leicht vorstellen, wie weit der Habitus auch unser Denken bestimmt. Gewiss sind das erst einmal relativ simple Erkenntnisse, aber sie werden, wenn es um die Einordnung von Journalisten und ihrer Arbeit geht, oft sträflich vernachlässigt.“

In der Tat. Das Selbstbild vieler (bestens integrierter) Journalisten, als neutrale Beobachter außerhalb der Gesellschaft zu stehen und zu „sagen, was ist“, erscheint angesichts dessen als naiver Kinderglauben. Man könnte sagen: Die so reden, „spielen“ im Grunde bloß Journalisten. Klöckner meint:

„Es ist notwendig, dass Journalisten in der Tendenz vorherrschende Meinungen und Ansichten grundlegend hinterfragen, jederzeit zum Bruch mit ‚der Orthodoxie‘ bereit sind. Doch das Gegenteil ist der Fall. Viel zu oft findet die so dringend notwendige grundsätzliche Hinterfragung politischer Entscheidungen und Weichenstellungen nicht statt. Denn: Der Habitus, der das journalistische Feld dominiert, ist zumindest in der Tendenz nicht dazu geeignet, ‚die da oben‘ fundamental anzugreifen. (…)

Und es kommt noch schlimmer: Nicht nur, dass so das journalistische Feld bei seiner Kernaufgabe versagt, in der weiteren Konsequenz richtet es sich auch noch gegen jene, die Kritik an Herrschenden und Machteliten üben (…). Und das ist nur logisch: Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Akteure, die sich in ihm bewegen, solidarisiert sich, wenn es darauf ankommt, eher mit den oberen Schichten als mit den unteren. (…)

Die Anstrengungen, die notwendig waren, um dort zu sein, wo man ist, spürt man als Angehöriger der Mittelschicht in aller Regel, wie Bourdieu ausführte. So blickt man in einer Mischung aus eigenartiger Verklärung der eigenen Leistung (…) und Verärgerung über den scheinbaren ‚Unwillen‘, nicht genügend Leistung zu erbringen, auf Angehörige der unteren Schichten. Über das Leiden, über die Schicksalsschläge, über die teils Jahrzehnte andauernden brutalen Lebenskämpfe der Angehörigen der unteren Schichten wissen viele Medienvertreter schlicht nichts. Oder sie wollen nichts davon wissen. (…)

Die soziale Zusammensetzung des journalistischen Feldes führt zu einem Wirklichkeitsverständnis, dass sich in der Formulierung zusammenfassen lässt: Aber im Prinzip geht es uns doch gut.“ (Russland: Proteste in Moskau – Was ist tatsächlich geschehen und was verschweigen die deutschen Medien?)

Hier wird deutlich, wie die Medienkrise letztlich Ausdruck einer sozialen Krise ist, einer Krise des Miteinanders, des Mitfühlens, der Empathie. Klöckner weiter:

„Journalisten fungieren so durch ihre Arbeit als ‚Spaltpilze‘, die – vermutlich meistens unbewusst – die ohnehin bereits weit entwickelte gesellschaftliche Spaltung durch eine eindimensionale Berichterstattung noch weiter verstärken. Wenn sie bestimmte gesellschaftliche Gruppen, wenn sie deren ‚Wahrheit‘, deren Perspektive, deren Glauben und Überzeugungen dauerhaft aus der Berichterstattung verdrängen beziehungsweise nur in marginalisierter Form vorkommen lassen (weil sie diese als minderwertig, ‚objektiv‘ falsch, ‚unangebracht‘ halten), dann kommt es zu einer weiteren Ausgrenzung der ohnehin bereits Ausgegrenzten.“

Diese Dynamik würde sich noch verstärken, wenn Journalisten Karriere machen und „abheben“, oder, so Klöckner, „ihr ökonomisches, kulturelles und symbolisches Kapital vergrößern“. Der Zugang zu Lebenswelten, die einem sonst verschlossen bleiben – ganz banal: die persönliche Telefonnummer von führenden Politikern oder Managern, die Teilnahme an Hintergrundgesprächen – verändere den Menschen:

„Was bedeuten diese sozialen Kontakte für einen Journalisten und seinen Habitus, der nur zu gerne den Anschluss nach oben finden will? Nicht unwahrscheinlich, dass sich hier der Habitus in der Tendenz noch weiter (mental) nach oben ausrichtet und noch weiter nach oben orientiert als nach unten. Und so kommt es dazu, dass in unzähligen journalistischen Beiträgen eher die Perspektive der Herrschenden denn die der Beherrschten eingenommen wird. Im Laufe der Sozialisation wird offensichtlich häufig ein Wirklichkeitsverständnis internalisiert, das nicht einmal mehr erkennt (oder erkennen will), dass es Herrschende und Beherrschte gibt.“

Die Schlussfolgerungen aus dieser Analyse sind weitreichend: Ein funktionierendes Mediensystem ist ohne die Bewusstmachung und Verringerung von Klassengegensätzen gar nicht möglich. Es reicht nicht, an den Journalistenschulen und in den Redaktionen zukünftig ein paar mehr Aufsteigern aus den unteren Schichten eine Chance zu geben, solange der gesellschaftliche Rahmen festbetoniert bleibt. Klöckner: „Das journalistische Feld in seiner derzeitigen Verfassung ist auch das Resultat sozialer Kämpfe“. Keine Frage: Die Medien sind ein Spiegel der Gesellschaft und die Medienkrise weist auf die politische Krise der Repräsentation.

Das Buch endet denn auch nüchtern:

„Es geht um die Vorherrschaft bei der Schaffung medialer Wirklichkeit. Es wäre reichlich naiv anzunehmen, sauber vorgetragene Lösungsvorschläge könnten etwas verändern. Wie eingangs geschrieben: Aus Sicht der dominierenden Akteure gibt es ja nicht mal ein Problem – außer eben, dass es da diese ‚Spinner‘ gibt. Da ist er, der soziale Kampf. Und dieser Kampf wird mit großer Härte geführt. (…) Machen wir uns nichts vor: Die Weichensteller in den Medien wissen um die Verhältnisse. Sie sehen, wie ihnen die ‚Felle‘ wegschwimmen. Das sind alles kluge Köpfe. Aber auf dieser Ebene des sozialen Kampfes will man nicht verlieren oder aufgeben.“

Der einzig realistische Ausweg liegt laut Klöckner in einer Stärkung der alternativen Medien:

„Wichtig wäre es, dass diejenigen Akteure in der Gesellschaft, die finanziell gut ausgestattet und besorgt über den Zustand unseres Mediensystems und der Demokratie sind, selbstlos finanzielle Mittel bereitstellen, sodass alternative Medien ihren Handlungsradius erweitern können.“

Literatur:

Propaganda als Machtinstrument: Fakten, Fakes und Strategien. Eine Gebrauchsanleitung

Bewußtseins- und Gedankenkontrolle

Die Macht um acht: Der Faktor Tagesschau (Neue Kleine Bibliothek)

Die Gefallsüchtigen: Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik

Quellen: PublicDomain/linkezeitung.de am 01.10.2019

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One thought on “Medien und Presse: Eine Zensur findet statt

  1. Rechts ist schlimm für das Land, die Rechten wollen aufklären, das wollen Sie doch auch nicht, oder?
    Wo kämen wir hin, wenn es bekannt würde, dass die BRD gar kein Staat ist?

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