Coronavirus in Russland: Welche Maßnahmen wurden beschlossen und wie ist die Situation? (Video)

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Da ich immer wieder gefragt werde, welche Maßnahmen in Russland wegen Corona gelten, will ich mal aus eigenem Erleben berichten.

In Russland wurde Ende März eine „arbeitsfreie Woche“ bis zum 5. April verkündet. So richtig arbeitsfrei war sie dann aber doch nicht, die Menschen sollten von zu Hause aus arbeiten, wenn möglich.

Die Arbeitgeber sollten den Lohn weiter bezahlen, außerdem wurde alles geschlossen, was nicht lebenswichtig ist. Wie vor allem kleine Firmen die Lohnfortzahlung leisten sollen, bleibt rätselhaft. Zwar hat die Regierung eine Reihe von Hilfsprogrammen beschlossen, aber dabei geht es in erster Linie um den Erlass von Sozialabgaben und Steuern. Von Thomas Röper

Gesundheitssektor, Behörden, ÖPNV, Logistik, Lebensmittelgeschäfte und Apotheken bleiben geöffnet, Restaurants, Bars, Cafes und so weiter wurden geschlossen.

Natürlich blieb es nicht bei der einen Woche. Schon Tage später wurde verkündet, dass man in den meisten Regionen Russlands nur noch zum Einkaufen, Arzt- und Apothekenbesuch aus dem Haus darf. Spaziergänge mit dem Haustier müssen in 100 Meter Umkreis des Hauses stattfinden. Obwohl die Anweisungen bindend sind und Bußgelder festgelegt wurden, kenne ich keinen Fall, in dem ein Polizist auch nur Fragen gestellt hätte.

Eine Freundin von mir arbeitet am Flughafen und fährt daher mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Sie wurde noch nicht ein einziges Mal gebeten, den Bescheid vom Arbeitgeber vorzuzeigen, den man mitführen muss (Coronavirus in Russland: Aktuelle Lage und welche Maßnahmen die russische Regierung ergreift (Videos)).

Russland ist, wie Deutschland auch, ein föderaler Staat. Das bedeutet, dass die Regionen (in Deutschland die Bundesländer) viele Vollmachten haben, selbst zu entscheiden, welche Maßnahmen getroffen werden. Das hat Putin auch ausdrücklich so bestätigt, weil die Regionen sich stark voneinander unterscheiden. Maßnahmen, die zu der quirligen 12-Millionen-Metropole Moskau passen, dürften kaum passend sein für fernöstliche Provinzen, wo es manchmal im Umkreis von hunderten Kilometern kein einziges Dorf gibt. Und umgekehrt.

Inzwischen wurde die „arbeitsfreie Woche“ inklusive der bindenden Aufforderung, zu Hause zu bleiben, bis Ende April verlängert.

Den Takt bei den Maßnahmen gibt die Stadt Moskau vor. Deren Bürgermeister Sergei Sobjanin ist auch Chef des russischen Krisenstabes im Kampf gegen Corona und überraschenderweise hat sich sogar die deutsche Presse, die sonst nie ein positives Wort über russische Regierungsverantwortliche verliert, in diesen Tagen positiv über seine Arbeit geäußert. Maßnahmen, die für Moskau beschlossen werden, werden von vielen russischen Regionen innerhalb weniger Tage übernommen.

Nun wurden die Maßnahmen weiter verschärft. Ab sofort braucht man in Moskau (und damit wohl demnächst in vielen Teilen Russlands) eine Genehmigung, wenn man öffentliche Verkehrsmittel nutzen, mit dem Taxi oder mit dem eigenen Auto fahren will. Diese Genehmigung kann man unter Angabe der Gründe für die Fahrt online einholen. Bei einer Kontrolle zeigt man dem Polizisten dann entweder den QR-Code auf dem Handy oder in ausgedruckter Form.

Genehmigungen für eine Fahrt zum Einkaufen kann man mehrmals die Woche einholen, sie gelten dann für einen Tag. Wer täglich zur Arbeit muss, bekommt eine Erlaubnis, die bis Ende April gültig ist. Fun Fact am Rande: Keine Genehmigung brauchen Polizisten, Beamte und Soldaten, bei ihnen reicht der Dienstausweis.

Und noch eine Berufsgruppe darf sich in Russland, in dem die Presse ja angeblich so gegängelt wird, weiterhin frei bewegen, um ihrer Arbeit ungestört nachgehen zu können: Journalisten mit Presseausweis. Das freut mich ganz persönlich, weil ich einen russischen Presseausweis habe. Leider weiß ich aber nicht, wohin ich gehen sollte, denn es ist ja ohnehin alles geschlossen.

Allerdings war das Portal, das die „Passierscheine“ ausgibt, heute Ziel einer Bot-Attacke und teilweise kaum erreichbar.

Viele Russen nehmen die Quarantäne nicht ernst. Die Freundin, die am Flughafen arbeitet, erzählt, dass die U-Bahn – nachdem sie einige Tage leer war – inzwischen wieder ziemlich voll ist, wenn sie zur Arbeit fährt. Und auch aus dem Freundeskreis höre ich, dass sich die Leute nun zu Hause treffen. In Russland halten viele das Coronavirus für ein Fake.

Bis auf jene – auch die habe ich im Bekanntenkreis – die bereits jemanden kennen, der infiziert ist, oder jene, die in Krankenhäusern arbeiten. Viele fragen sich nun, wann die russische Polizei beginnt, flächendeckend auf Einhaltung der Maßnahmen zu drängen.

Der Hostpot der Infektionen in Russland ist Moskau. Von 18.328 Infizierten in Russland entfallen 11.513 auf Moskau. Dort stößt das Gesundheitssystem bereits an seine Grenzen, wie die russischen Medien berichten. Auf sozialen Medien geht ein Video um, das eine kilometerlange Schlange von Notarztwagen zeigt, die demnach mit Corona-Infizierten auf Aufnahme vor einem Moskauer Krankenhaus warten. Allerdings lässt sich die Echtheit des Videos nicht verifizieren.

Noch gibt es in Russland Inlandsflüge, allerdings sind es nur noch wenige. Auch Züge fahren noch.

Ähnlich wie in anderen Ländern, in denen bereits mehr oder weniger offen darüber gesprochen wird, dass die Einschränkungen auch im Mai bestehen bleiben, dürfte das auch Russland bevorstehen, was jedoch viele in Russland noch gar nicht wahr haben wollen.

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Thomas Röper ist Autor des Buches „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt?“

 

Video:

Quellen: PublicDomain/anti-spiegel.ru am 14.04.2020

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