Darin liegt der eigentliche Widerspruch unserer Zeit: Die Menschheit steht in nahezu allen materiellen und technologischen Dimensionen auf einem historischen Höhepunkt und wirkt zugleich mental erschöpft, politisch zerrissen und zunehmend auf Krawall gebürstet.
Eine toxische Mischung.
Dabei ließe sich manches von dem, was wir täglich erleben, vielleicht sogar etwas gelassener betrachten, wenn wir ein sehr altes Prinzip der Macht schlicht beim Namen nennen würden:
„Divide et impera“ lässt sich zwar keinem römischen Caesar zweifelsfrei als Urheber zuschreiben. Das dahinterstehende Prinzip ist jedoch uralt: Wer Macht sichern will, verhindert am besten, dass sich diejenigen unterhalb der Machtpyramide über ihre gemeinsamen Interessen verständigen.
Die Römer beherrschten diese Kunst, lange bevor politische Berater Fokusgruppen erfanden. Machiavelli hat sie später in einer derart nüchternen Weise analysiert, dass sein Name bis heute stellvertretend für eine Politik steht, bei der Moral spätestens dort endet, wo Machtinteressen beginnen.
Und vielleicht erklärt dieses Prinzip auch einen Teil unserer merkwürdigen Gegenwart.
Während der überwiegende Teil der Bevölkerung mit Dingen beschäftigt ist, die für das eigene Leben durchaus existenziell sind: Miete, Energiepreise, Arbeitsplatz, Vermögensverlust, Altersvorsorge, gesellschaftlicher Status, politische Gesinnung, Ideologische Borniertheit, findet darüber ein immer unerbittlicher geführter Verteilungskampf statt.
Links gegen rechts.
Alt gegen jung.
Stadt gegen Land.
Arm gegen reich.
Ost gegen West.
Verbrenner gegen Elektroauto.
Fleischesser gegen Veganer.
Boomer gegen Generation Z.
Und wenn das alles für einen Donnerstagabend noch nicht reicht, findet sich garantiert irgendwo ein Fernsehstudio, in dem sechs Erwachsene darüber diskutieren, ob ein siebter Erwachsener vor acht Jahren einen problematischen Satz gesagt hat.
Beschäftigung ist schließlich auch eine Form der Stabilität.

Der Weiße Elefant bleibt unsichtbar
Währenddessen geschieht auf der eigentlichen Weltbühne etwas wesentlich Beunruhigenderes: Diejenigen, die über Atomwaffen, globale Finanzströme, Daten, künstliche Intelligenz und militärische Macht verfügen, spielen wieder Weltpolitik wie ein Brettspiel.
Nur dass die Spielfiguren diesmal acht Milliarden Menschen sind.
Man könnte darüber lachen, wäre der Einsatz nicht so hoch.
Einer, der das schon sehr früh verstand, war Albert Einstein. Sein Sommerhaus in Caputh bei Potsdam und seine ebenso schlichten wie entwaffnenden Gedanken haben mich schon als Heranwachsenden fasziniert. Dieser Mann konnte die kompliziertesten Strukturen des Universums mathematisch beschreiben und gleichzeitig politische Zusammenhänge in Sätze gießen, die ein Kind verstand.
Einstein, jener freundliche Herr mit den zerzausten Haaren, der der Welt zu seinem 72. Geburtstag genüsslich die Zunge herausstreckte, warnte bereits 1949 in der Sprache seiner Fluchtheimat vor der Konsequenz eines weiteren Weltkriegs:
„I know not with what weapons World War III will be fought, but World War IV will be fought with sticks and stones.“
Es ist einer jener Sätze, die mit zunehmendem Alter nicht antiquiert, sondern unheimlicher werden.
Denn schaut man heute auf das Handeln und Streben mancher Akteure aus Politik, Technologie, Finanzwelt und Militär, entsteht zuweilen der Eindruck, als beschäftigten sie sich intensiver mit der Frage, wie man den Untergang überlebt, als damit, wie man ihn verhindert.
Das Wort „Elite“ verwende ich dabei bewusst in Anführungszeichen.
Denn ich meine damit nicht automatisch Minister, Abgeordnete oder Menschen mit einem großen Bankkonto. Ich meine jene überschaubare Gruppe von Personen, die aufgrund von Kapital, Daten, Technologie, Netzwerken oder militärischer Macht Einfluss ausüben kann, den demokratische Wahlzettel allein kaum noch abbilden.


Und hier beginnt das Absurde
Nehmen wir als Gedankenexperiment einen gebürtigen Frankfurter Milliardär wie Peter Thiel, Mitgründer und Chairman von Palantir Technologies. Stellen wir uns vor, die Welt ginge tatsächlich zum Teufel und irgendein Luxusbunker tief unter der Erde hielte, was seine Prospekte versprechen.
Champagnerlager: voll.
Luftfilter: aktiv.
Notstromaggregat: läuft.
Golf-Simulator: selbstverständlich vorhanden.
Und nun steht dort, hundert Meter unter einer radioaktiv kontaminierten Erdoberfläche, einer der reichsten Menschen der ehemaligen Zivilisation und verbessert beim virtuellen Abschlag sein Handicap.
Neuer Highscore.
Herzlichen Glückwunsch.
Nur interessiert es niemanden mehr.
Nicht die Milliarden Menschen, die nicht mehr leben.
Nicht die Gesellschaft, deren Statussymbole seinen Reichtum überhaupt erst definierten.


Nicht die Märkte.
Nicht die Medien.
Nicht einmal die Projektionswand.
Macht braucht Menschen, die sie anerkennen. Reichtum braucht eine Gesellschaft, in der er etwas bedeutet. Und Elite braucht eine Welt, über die sie sich erheben kann.
Wer diese Welt zerstört, schafft deshalb nicht den ultimativen Triumph der Mächtigen.
Er schafft ihre endgültige Bedeutungslosigkeit.
Dazu passt ein Satz, der häufig Nikita Chruschtschow zugeschrieben wird, dessen authentische Herkunft allerdings nicht zweifelsfrei belegt ist:
„Die Lebenden werden die Toten beneiden.“
Vielleicht ist das die treffendste Beschreibung einer von wenigen herbeigesehnten Apokalypse überhaupt.
Denn spätestens nach einigen Jahren unter der Erde dürfte selbst dem raffiniertesten Machtstrategen dämmern, dass hundert Milliarden Dollar Vermögen erstaunlich wenig helfen, wenn draußen niemand mehr existiert, dem man damit imponieren könnte. Und radioaktive Isotope zeigen sich gegenüber Vermögensverhältnissen bemerkenswert unbeeindruckt.
Dabei wäre die Alternative so viel interessanter.
Wir könnten versuchen, von der dunklen Seite des technologischen Fortschritts wieder auf seine helle Seite zu wechseln.

Nützliche Werkzeuge
Noch nie in der Geschichte hatten so viele Menschen Zugang zu so viel Wissen. Ein Smartphone genügt, um innerhalb von Minuten Informationen abzurufen, für die frühere Generationen Bibliotheken, Universitäten und jahrelange Recherche benötigt hätten.
Ein Schüler in einem abgelegenen Dorf kann heute theoretisch auf dieselben wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Vorlesungen und historischen Quellen zugreifen wie ein Student an einer Eliteuniversität in Nw York mitten in einer Vorlesung von Frau Professor Annalena Baerbock (die vom Völkerrecht).
Aufklärung war noch nie so einfach.
und vielleicht war sie gesellschaftlich noch nie so notwendig.
Und noch gibt es ein historisches Zeitfenster: Noch beantwortet uns künstliche Intelligenz erstaunlich offen die Fragen, die wir über uns selbst, unsere Geschichte und unsere Machtstrukturen stellen.
Das muss nicht so bleiben.
Möglicherweise wird dieselbe künstliche Intelligenz eines Tages mehr Geheimnisse vor uns hüten als ein Ehepaar im Trennungsjahr.
Umso mehr sollten wir die Zeit nutzen.
Nicht für die nächste ideologische Stammesfehde. Nicht für den nächsten digitalen Pranger. Nicht für einen weiteren Stellvertreterkrieg zwischen Menschen, die einander nie begegnet sind.
Sondern für etwas, das erstaunlich radikal geworden ist:
selbst denken.

Zwischen Manipulation und Aufklärung
Vielleicht besteht der große Konflikt unserer Zeit deshalb gar nicht zwischen links und rechts, Ost und West oder Kapitalismus und Sozialismus.
Vielleicht verläuft die entscheidende Grenze längst woanders:
zwischen Aufklärung und Manipulation.
Zwischen Vernunft und Machtwahn.
Zwischen Aufbruch und Untergang.
Und wenn eine Gesellschaft merkt, dass sie nur noch Zuschauer eines Spiels ist, dessen Einsatz ihre eigene Zukunft ist, darf sie irgendwann durchaus aufstehen.
Oder, frei nach Heidi Reichinnek, einer Politikerin, der ich politisch nun wirklich nicht in jeder Hinsicht nahestehe:
„Auf die Barrikaden!“.
Bevor dort oben jemand den nächsten Abschlag macht.
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Quellen: PublicDomain/finanzmarktwelt.de am 09.09.2026
