Dasein – zwischen der Innen- und Außenwelt

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Die vielen irdischen-sinnlichen Eindrücken, die uns immerfort zerstreuen und ablenken, trüben unseren Geist. Die meisten Menschen sind permanent getrieben von ihrer Geschäftigkeit, dabei entgeht ihnen der Zauber vom Ruhepol – dem Herzen, so bleiben wir das gehetzte Tier, auf der Suche nach Mehr, zwischen Innen- und Außenwelt.

Im Auf und Ab eines langen Lebens habe ich beobachtet, dass die Zeiten, derer ich mich besonders gern und mit besonderer Rührung erinnere, nicht etwas jene sind, die von süßesten Wonnen und ungestümsten Freuden gekennzeichnet waren. Diese kurzen Momente des Taumels und der Leidenschaft mögen wohl heftig sein, aber eben ihrer Heftigkeit wegen bleiben sie nur vereinzelte, scharf abgetrennte Punkte auf der Lebenskurve.

Sie kommen so selten und gehen so rasch wieder vorbei, dass sie keinen Bestand haben. Das Glück, das mein Herz inne hat, ist jedenfalls keine Reihung vieler flüchtiger Augen-blicke, sondern ein einziger, aber fortwährender Zustand, der an sich nichts Ungestümes hat, dem jedoch eben seine Dauerhaftigkeit einen solchen Reiz verleiht, denn man letztlich die höchste Seligkeit darin findet.

Alles auf Erden ist in stetigem Fluss. Nichts behält eine feste, bleibende Gestalt, und unsere Gefühle, die sich an die Dinge in der Außenwelt heften, ändern sich und erlöschen notwendigerweise mit ihnen. Sie hinken uns entweder hinterher oder eilen uns voraus, rufen entweder das Vergangene wach, das nicht mehr ist, oder künden eine Zukunft, die oft genug nicht sein wird; im Jetzt aber findet das Herz immer einen Halt – daher sind uns hienieden nur vergängliche Freuden beschieden.

Und mit welcher Berechtigung nennen wir einen flüchtigen Zustand Glück, der uns doch nie recht befriedigt und erfüllt? Stets lässt er Wünsche übrig: entweder wir betrauern etwas, das vorbei ist, oder wir ersehnen etwas, das noch zu geschehen hätte.

Angenommen aber, unser Herz erreichte eine solide Ruhelage, in der es, sein gesamtes Wesen auf Atmung und Herzschlag konzentrierend, ganz zu sich käme: dann müssten wir die Vergangenheit und Zukunft gar nicht bemühen; Zeit zählt für das Herz nicht, denn dauernd wäre Gegenwart, ohne dass sich diese Dauer freilich bemerkbar machte, ohne dass irgendwo sich ein Vorher und ein Nachher abzeichnete, und ohne dass Gefühle entstünden wie Entbehrung oder Genuss, Freude oder Kummer, Erlangen oder Furcht.

Wir hätten einzig das Gefühl zu existieren, dieses aber würde unser Herz ganz erfüllen!

Und es wäre dies nicht jenes unvollkommene, armselige, bedingte Glück, das die Freuden des Lebens bieten, sondern ein reichliches, makelloses, vollkommenes Glück, das im Herzen eine Lücke hinterließe, die man noch zu schließen begehrte.

Was eigentlich genießen wir in einem Moment?

Nur uns selbst und unser eigenes Dasein, nichts jedenfalls, das außerhalb von uns wäre. Solange dieser Zustand währt, sind wir, uns selbst genug.

Das bloße Gefühl zu existieren ist – vorausgesetzt, es mengen sich keine anderen Gemütsregungen hinein – an sich bereits eine kostbare Quelle der Zufriedenheit und der Herzensruhe. Schon dieses Gefühl sollte uns genügen, dass wir unser Dasein als wert und reizvoll empfinden. Freilich darf, wer dies will, sich nicht den vielen irdischen-sinnlichen Eindrücken ausliefern, die uns hienieden immerfort zerstreuen und ablenken, sie nämlich trüben den Geist!

Die meisten Menschen kennen, weil ihre Leidenschaft sie pausenlos umtreiben, diesen Zustand nicht, und da sie ihn nur Augenblicke und unvollkommen gekostet haben, bewahren sie von ihm nur eine dunkle und wirre Vorstellung, die ihnen nicht erlaubt, seinen eigenen Zauber zu erleben.

Bei der gegenwärtigen Lage der Dinge wäre es auch gar nicht gut, wenn sie plötzlich Lust auf jene süße Ekstase bekämen, denn das würde ihnen nur die rastlose Betriebsamkeit verleiden, zu der ihre stetig wachsenden Bedürfnisse sie zwingen.

Das Herz muss ganz ruhig sein, und keine Leidenschaft darf seinen Frieden stören. Ein solches Gefühl kann nur empfinden, wer in der geeigneten Verfassung ist, und auch die Dinge ringsum spielen eine Rolle. Es sollte dort weder völlige Reglosigkeit noch zu viel Unruhe herrschen; zu wünschen wäre eine sanfte und gleichförmige, ruckfreie und nicht unterbrochene Bewegung.

Hier liegt die Krux, die Herausforderung sich seiner selbst, seiner Innenwelt, gewahr zu werden, trotz und wegen der Außenwelt!

Video: Immer wieder sehenswert! Der grüne Planet (Spielfilm/F). Nicht verwunderlich, dass es dieser Film nicht auf die Leinwand geschafft hat…

Quellen: PRAVDA-TV/Jean-Jacques Rousseau vom 11.07.2013

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