
Die Banken treiben die Verbreitung von kontaktlosen Geldkarten voran. Im deutschen Handel gibt es bereits 35.000 Karten-Lesegeräte, 300.000 weitere sind geplant. Die Banken halten die Technologie für „sicher, schnell und kostengünstig“. Die Bürger können sich dem Wandel zum elektronischen Zahlen nicht entziehen.
Neue kontaktlose Geldkarten sollen in Deutschland Schritt für Schritt das Bargeld ersetzen. Kunden müssen ihre Karten beim Bezahlen dabei nur kurz an ein Lesegerät halten. Nach einem schleppenden Start gewinnt das kontaktlose Bezahlen in Deutschland zunehmend an Akzeptanz, sagen der Kartenanbieter Visa Europe und die Banken-verbände übereinstimmend.
Hauptgrund für den Aufwärtstrend sei, dass die Deutschen in immer mehr Geschäften kontaktlos ihre Rechnung begleichen können, sagte Visa-Deutschland-Geschäftsführer Ottmar Bloching am Mittwoch in einer Starbucks-Filiale in Frankfurt. Dort ist diese schnelle Zahlungsweise bereits möglich.
„Wir gewinnen täglich neue Händler hinzu, weil das kontaktlose Bezahlen von Klein-beträgen für den Handel sicher, schnell und kostengünstig ist“, sagte Bloching.
Laut Visa Europe ist kontaktloses Zahlen im Handel in Deutschland mittlerweile an 35.000 Terminals möglich. Neben Starbucks ist dies unter anderem bei Tengelmann, Karstadt, Kaufhof und Aral-Tankstellen möglich. In den nächsten Jahren erwartet Bloching einen weiteren Schub. Dann müssten 200.000 bis 300.000 Lesegeräte ausgetauscht werden. „Wir gehen davon aus, dass die neuen Terminals dann so ausgestattet sind, dass an ihnen kontaktloses Bezahlen möglich ist.“
Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die die Technik in Pilotprojekten getestet haben, ziehen ebenfalls eine positive Zwischenbilanz. „Kontaktloses Bezahlen wird sich als logische technische Weiterentwicklung der Kartentechnik sukzessive am Markt etablieren“, sagte eine Sprecherin der Deutschen Kreditwirtschaft (DK), dem gemeinsamen Sprachrohr der fünf deutschen Bankenverbände.
Das kontaktlose Bezahlen hat sich in Deutschland bisher langsamer als in anderen europäischen Ländern verbreitet. Mittlerweile sei kontaktloses Bezahlen aber auch hierzulande auf dem Vormarsch, so Visa Europe. Der Konzern hat die Zahl der Karten, mit denen kontaktloses Bezahlen möglich ist, in Deutschland 2013 mehr als verdreifacht auf 1,7 Millionen. Zu den Abnehmern zählen unter anderem die Postbank, Comdirect und die DKB.
Visa Europe gehört Banken aus 37 europäischen Ländern, die Visa-Karten ausgeben. Mit dem börsennotierten Kreditkartenkonzern Visa Inc verbindet den Konzern nur ein Lizenzvertrag. In den kommenden Jahren will Visa Europa in Deutschland mit weiteren Neuerungen wachsen.
Seit Ende 2013 bietet der Konzern mit Vodafone eine Technologie an, mit der Bezahlen über das Smartphone möglich ist. Wenn Kunden sich ein Mobiltelefon mit einer ent-sprechend ausgestatteten SIM-card anschaffen, können sie das Gerät beim Einkauf – wie bisher die Bankkarte – an das Lesegerät halten. In den kommenden Wochen wollen die Unternehmen das Angebot, das es bisher nur in Düsseldorf gibt, auf weitere deutsche Großstädte ausweiten.
Europaweit arbeitet der Kartenanbieter zudem an einem Zahlungssystem für den Online-Handel – und macht damit der Ebay-Tochter PayPal und Google Wallet Konkurrenz. In Deutschland will Visa Europe die digitale Geldbörse „V.me“, die es in Frankreich, Großbritannien, Polen und Spanien gibt, im vierten Quartal 2014 einführen.
Die deutschen Sparkassen wollen bis 2015 alle 45 Millionen SparkassenCards mit der girogo-Funktion ausrüsten, mit der Einkäufe bis 20 Euro kontaktlos bezahlt werden können. Die Technologie soll bundesweit durchgesetzt werden. Geldkarten ohne die girogo-Technologie wird es dann nicht mehr geben.
McKinsey hat in einer Studie berechnet, dass jeder Deutsche 200 Euro im Jahr für sein Bargeld bezahlt. Die Steinbeis-Universität will ermitteln haben, dass die deutsche Gesell-schaft bei „einer Abkehr von Münzen und Scheinen bis zu 35 Milliarden Euro“ jährlich sparen könnte. Die FAZ, die über diese Untersuchungen berichtet, erklärt, dass Bargeld eigentlich ein Unding sei:
„Theoretisch wäre es für alle – Handel, Banken und Privatleute – am günstigsten, wenn es nur noch Kartenzahlung gebe. Möchte man verstehen, warum das so ist, muss man den Bargeldkreislauf verstehen. Dieser ist total widersinnig: Der Kunde holt Geld von der Bank, um damit in einem Geschäft zu bezahlen. Das Geschäft nimmt dieses Geld wieder und lässt es dann aufwändig zur Bank zurück transportieren, die es dann wieder zum Kunden bringt – ein wenig effizienter Kreislauf, der auf allen Ebenen mit Kosten verbunden ist.“
Das mag rein rechnerisch stimmen.
Doch die Betrachtung übersieht den wichtigsten Aspekt von Geld: Geld ist Vertrauen, das wusste schon Goethe.
Und in einem Finanz-Umfeld, in dem täglich neue Betrügereien, Manipulationen und Tricksereien mit dem Geld der Kunden ans Tageslicht kommen, sind die Kunden gut beraten, maximales Misstrauen walten zu lassen.
Der Verhaltensforscher Dan Ariely sagte dem Magazin Wired, dass Bargeldlosigkeit leichter zum Betrug verleitet und geradezu mit Unehrlichkeit in Verbindung gebracht werden kann. Es sei leichter, ethische Grenzen zu überschreiten, wenn das Geld, das man verschiebt, real gar nicht existiert.
Der Taschendieb hat also immer noch eher ein schlechtes Gewissen als eine Bank, die hemmungslos mit den Einlagen der Kunden zockt.
Quelle: Deutsche-Wirtschafts-Nchrichten vom 23.01.2014
Weitere Artikel:
Droht ein globales Bargeldverbot?
Weltwirtschaftsforum erwartet soziale Unruhen
US-Denkfabrik: »Außergewöhnliche Krise« notwendig, um »Neue Weltordnung« aufrechtzuerhalten (Video)