Sie sollen sogar Informationen von Menschen beherbergen, die noch gar nicht geboren sind. Selbst Informationen über die Zukunft bestimmter Länder sind in der geheimnisumwitterten Palmblatt-Datenbank gespeichert, etwa die Entwicklung Europas.
Auch das individuelle Schicksalsblatt eines Fragenden lässt sich angeblich wiederfinden. All diese Geschichten erschienen mir so rätselhaft absurd, dass ich allein wegen ihrer nach Indien aufbrach, um „meinem“ Palmblatt nachzuspüren.
Gibt es überhaupt für die Jahrtausende alten Palmblatt-Texte in Alt-Tamil oder Sanskrit ein sprachliches Äquivalent in unserer heutigen Begriffswelt? Sicherlich fehlten damals für unsere modernen technischen Errungenschaften die Wörter.
Deshalb fragte ich nach einer der Sitzungen gezielt den Reader, den Interpret der Palmblatt-Information. Ruhig antwortete er mit einem Beispiel: „Sehen Sie, wenn ich eben sagte, sie seien wohl Ingenieur, dann ist in ihrem Palmblatt die Rede davon, dass Sie technische Dinge für andere Menschen ins Werk setzen“ (téchne bedeutet schon bei den alten Griechen „ins Werk setzen“). Allein diese Transformationsleistung aus dem Stegreif finde ich beachtlich.
Meine volle Hochachtung gilt aber den kalendarischen Umrechnungen. Der Reader ist in der Lage, aus der Palmblatt-Beschreibung genannte astronomische Konstellationen in den für uns gültigen Gregorianischen Kalender umzurechnen.

Allein diese astro-mathematische Kunst ist in Indien ein eigener Wissenschaftszweig. So ist es kaum verwunderlich, dass der Palmblatt-Leser (Reader) eine langwierige und umfassende Ausbildung genießt. Mehr noch, dazu zählen auch besondere geheime Einweihungen und gewisse spirituelle Fähigkeiten.
Jeder weiß: Eine Kopie ist nicht gleich dem Original. So fragte ich mich, wie hoch ist die Fehlerquote, wenn seit Jahrtausenden von der Urschrift alle drei bis vier Jahrhunderte eine Kopie der Kopie usw. der Palmblätter angefertigt wird. Das ist übrigens deswegen notwendig, weil Palmblätter als organische Substanz irgendwann zerfallen würden.
Sollten sich da nicht beim Abschreiben Fehler einschleichen? Dagegen sprechen die akribischen Fähigkeiten und Detailverliebtheit der Tamilen beim Übertragen der nur wenige Millimeter großen Schriftsymbole. Außerdem sind die Texte in einer Art Versmaß angelegt, so dass „Ungereimtheiten“ durch Übertragungsfehler sofort ins Auge springen würden.
Hintergründiges zur Palmblatt-Lesung
Die Lesung geht ja auf den weisen Begründer Brighu vor 5.700 Jahren zurück. Der Ratsuchende erfährt das „Drehbuch“ seines Lebens, keineswegs aber als fest eintretenden, unausweichlichen Schicksalsweg.
Vielmehr ist daran eine geistige, praktische und psychologische Lebensberatung geknüpft, die alle menschlichen Bemühungen einschließt, um damit das eigene Schicksal zum Positiven verändern zu können.

Darin sind nicht nur individuelle Schicksale, sondern auch Weltereignisse der Menschheitsgeschichte gespeichert, darunter auch Hinweise, wie sich die Zukunft der Menschheit entwickelt. Dieses geheime, brisante Wissen bleibt aber nur den Palmblatt-Lesern vorbehalten. Sie verlören ihre spirituellen Fähigkeiten, wenn sie dieses Weltwissen unverantwortlich preisgäben.
Die Reader verstehen sich nämlich als Medium, als Interpreten der Rishis. Diese Bibliotheken sind also keine Brennpunkte des Touristenrummels, die lediglich die Neugier auf die Zukunft befriedigen. Es sind Stätten der Lebenshilfe, keine Fluchtburgen des Karmas vor der eigenen Verantwortung. Im Westen wird ja Karma als unabwendbares Schicksal begriffen.
Karma bedeutet vielmehr in Sanskrit „Handlung“, d.h. alles das, was wir mit unseren Gedanken, Gefühlen, Worten und Taten bewirken und damit entsprechende Ergebnisse erzielen, das ist gemeint.
Keinem Neugierigen wird es gelingen, per Ferndiagnose seinen Lebensweg oder den eines anderen Menschen zu erfahren; der Rat-Suchende muss schon physisch bei der Lesung anwesend sein.

Prozedere der Lesung in Bangalore
Ohne viel Brimborium erfährt der Besucher zunächst seine astrologischen Daten, falls ausdrücklich gewünscht, bis zu seinem mutmaßlichen Tode. Da heißt es durchatmen! Der Reader nennt bestimmte Erfahrungen und Ereignisse sowie Berufe und Tätigkeiten aus früheren Leben, die unbewusst auf die derzeitige Inkarnation einwirken können. So wurde mir beispielsweise gedeutet, dass ich im Mittelalter in einer südeuropäischen Armee ein bekannter Waffenmeister war.
Da würde es naheliegen, so meinte er, dass ich „vorgeprägt“ sei und im jetzigen Leben deshalb wohl den Ingenieurberuf ausübe. Daran anknüpfend, kommt der Reader auf charakterliche Eigenschaften zu sprechen. Er nennt offenkundige Fähigkeiten, aber auch brachliegende, verschüttete Talente, die man aus den Vorleben erwarb, doch bis jetzt nicht zu nutzen wusste.
Wichtig ist auch der folgende Part, der sich mit der gesundheitlichen Verfassung, psychisch wie auch physisch, auseinandersetzt. Gezielte prophylaktische Maßnahmen und Vorsicht werden ausgesprochen. Spätestens dann, wenn der Reader auf Partnerschaft und Familie mit der ganzen Bandbreite punktgenau auf Gefühle und Probleme eingeht, beginnt der Ratsuchende nachdenklich zu werden.
Nichts überzeugt den Skeptiker mehr, als die Nennung bereits geschehener Dinge und Meilenstein-Daten aus seinem Leben. So beiläufig erklärte mit der Reader: „Sie haben während des Studiums ihrem Vater (er war Bäcker- und Konditormeister) nachts bei seiner Arbeit geholfen“. Ich war verblüfft, wie konnte er das wissen? Das sind kleine oder bedeutende Ereignisse, die bisher nur der Fragende als sein Geheimnis gehütet hat.
Erst dann ist er innerlich bereit, seinen zukünftigen Lebensplan als Schicksalsweg aufgedeckt zu bekommen und Hinweise auf mögliche Lebensgefahren ernst zu nehmen.
Zweimal Bangalore hin und zurück
Gewiss, über die Zukunft lässt sich trefflich streiten, weil sie im Prinzip noch alle Freiheitsgrade zulässt. Prophezeiungen im Nahbereich lassen sich geduldig auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen.
Was halten Sie z.B. davon, wenn Ihnen der Reader so nebenbei mitteilt, dass man sich bald schon wiedersehe. Für mich war diese Aussage Nonsens, denn warum sollte ich eine teure Indienreise ohne triftigen Grund wiederholen? „Das kann unmöglich sein“, widersprach ich trotzig. „Es steht aber hier“ entgegnete der Reader gelassen, aber bestimmt.
Dieser mehrfach gehörte Satz bedeutete immer das Aus für weitere Fragen. Der Reader sollte recht behalten. Meine späteren Palmblatt-Erzählungen beeindruckten einen Freund so sehr, dass er mich einlud, mit ihm gemeinsam noch einmal dem Mysterium weiterer Palmblatt-Bibliotheken nachzuspüren. Bereits ein halbes Jahr später saß ich wie selbstverständlich wieder vor meinem einstigen Reader.


Fazit: Eine lohnende Indien-Reise für Geist und Seele
Gewiss, die angeborene Sehnsucht des homo speculans, seine eigene Zukunft zu erkunden, und das in einer zunehmend unberechenbaren Welt, treibt oft üppige Blüten. Um sein Schicksal zu erfahren, bieten sich ominöse Geldmaschinen mit Perpetuum mobili-Charakter an.
Ob Wahrsager, Schamanen, Hindu-Priester oder Gaukler, alle wollen nur unser Bestes, und für manchen Ratsuchenden ist es das, was er im Portemonnaie hat. Auch in Indien! Für Indien-Reisen heißt das: Wahrhaftige Reader sind rar gesät; trennen Sie die Spreu vom Weizen!
Sei’s drum, denn unser Schicksal haben wir selbst in unserer Hand. Hoffentlich ergeht es uns nicht wie dem nach verborgenem Wissen dürstenden Faust, den Mephisto so trefflich mit diabolischem Zynismus so charakterisiert:
„Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebändigt immer vorwärts dringt
Und dessen übereiltes Streben,
Der Erden Freuden überspringt,
Den schlepp’ ich durch das wilde Leben,
Durch flache Unbedeutenheit…“
…
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Quellen: PublicDomain/anderweltonline.com am 29.12.2023
