
Unter der Berliner U-Bahn-Station Pankstraße liegt ein Relikt, das plötzlich wieder brandaktuell ist: ein Atomschutzbunker aus dem Kalten Krieg, Baujahr 1977, ausgelegt für knapp 3400 Menschen und zwei Wochen autarke Versorgung.
Heute laufen täglich Tausende achtlos über die Stahlplatte, hinter der sich das Schiebetor aus Stahlbeton verbirgt. Und heute gilt: Von den einst rund 2000 öffentlichen Schutzräumen Deutschlands ist kein einziger einsatzbereit.
Das Erbe: Eine Anlage, die an alles dachte
Der Verein Berliner Unterwelten dokumentiert die Anlage seit Jahren. Sein stellvertretender Vorsitzender für Forschung, Reiner Janick, führt Besucher durch Schleusen, Filterräume und Schlafsäle – und zeigt, mit welcher Akribie die Planer damals arbeiteten.
Sandfilter gegen radioaktive Partikel, Aktivkohle gegen Kampfstoffe, Überdruck gegen eindringende Luft, Technik auf Federn gegen Druckwellen. Zwei Tiefbrunnen reichen 110 Meter in den Boden, 120.000 Liter Trinkwasser sind lagerbar – rechnerisch 2,5 Liter pro Person und Tag, zwei Wochen lang.
Doch die Anlage zeigt auch die brutale Logik des Ernstfalls. An der Eingangsschleuse hätte eine hydraulische „Personendosieranlage“ geschlossen, sobald die Kapazität erreicht war.
Familien wären getrennt worden. Selbst die Gegensprechanlage hätte man gekappt – dem Bericht zufolge, um die Pförtner psychisch zu entlasten.

2007 gab Berlin das Schutzraumkonzept auf
Damals gab es noch etwa 1,6 Millionen Plätze – Schutz für rund zwei Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: Die Schweiz hält rund 370.000 Schutzräume vor, mehr Plätze als Einwohner. Möglich machte das eine gesetzliche Baupflicht, über Jahrzehnte konsequent durchgehalten.
Deutschland setzte stattdessen auf die „Stay-at-Home-Doktrin“ und auf Eigenverantwortung, inklusive Steuervorteilen für private Kellerbunker. Nach 1990 hielt man die ganze Frage schlicht für erledigt.
Aus Sicht unserer Redaktion ein Musterbeispiel dafür, wie deutsche Politik teure Vorsorge abräumt, sobald sie unbequem wird.
200 bis 800 Milliarden – und dann?
Norbert Gebbeken, Professor an der Universität der Bundeswehr München, hält eine Modernisierung der alten Bunker laut dem Bericht für unrealistisch.
Für einen flächendeckenden Minimalstandard veranschlage er 200 bis 800 Milliarden Euro. Selbst mit Geld fehlten Fachkräfte und Baukapazitäten – es dauere Jahrzehnte.
Das neue Konzept heißt deshalb Bescheidenheit: „schützende Räume“ statt Schutzräume. Keller, Tiefgaragen, U-Bahnhöfe, auffindbar über die Warn-App „Nina“.
Nicht atomsicher, nicht autark – gedacht für einige Stunden bis über Nacht, Schutz vor Splittern, Trümmern, Druckwellen.
Der Bund hat im Mai 2026 einen „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ beschlossen, offiziellen Angaben zufolge zehn Milliarden Euro bis 2029.
Kommunen sollten Medienberichten zufolge ab März 2026 geeignete Orte melden. Doch berichtet wurde im Mai 2026 auch, dass etwa Berlin noch nicht erfasse – weil klare Vorgaben des Bundes fehlten. Eine verbindliche Quote? Bis heute keine.

Krankenhäuser: der blinde Fleck
Besonders scharf fällt die Kritik Gebbekens bei Kliniken aus. Diese seien zwar gegen Cyberangriffe und Stromausfälle besser gewappnet, nicht aber gegen Drohnen oder Raketen; Intensivstationen lägen teils in oberen Etagen hinter großen Glasflächen. Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung kämen in den Planungen kaum vor.
Bleibt die private Vorsorge. Janick, in West-Berlin aufgewachsen, hält bis heute Vorräte für vierzehn Tage bereit.