
„Wir wurden verarscht“: Bundeswehr-Musterung trifft junge Männer ohne Interesse am Dienst.
Die Bundeswehr mustert bereits in diesem Jahr erste 18-Jährige. Auch Männer ohne Interesse am Wehrdienst bekamen Post. Das Ministerium verwickelte sich zuletzt in Widersprüche.
Die Bundeswehr hat bereits 2026 erste 18-jährige Männer zur Musterung geladen – Monate früher, als die Bundesregierung es angekündigt hatte. Betroffen sind auch junge Männer, die auf dem Erfassungsbogen ausdrücklich kein Interesse am Wehrdienst angegeben hatten.
In Kiel und Flensburg landeten seit Juli Musterungsbriefe in den Briefkästen von Schülern. Bereits über 1000 betroffene 18-Jährige wurden demzufolge bereits gemustert.
Nach Angaben des Bündnisses „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ bestätigte das Verteidigungsministerium am 18. September, dass die Bundeswehr-Musterung bereits läuft. Für Freitag, den 25. September, ruft die Bewegung zum vierten bundesweiten Schulstreik auf. (🇩🇪 🪖 Oberstleutnant a. D. zur Frage: Kann Deutschland einen Krieg überhaupt überleben?)
Warum die Bundeswehr schon 2026 mustert
Nach dem Zeitplan der Bundesregierung sollten verpflichtende Musterungen erst zum 1. Juli 2027 flächendeckend beginnen – zunächst für den Geburtsjahrgang 2008.
Das Wehrdienstmodernisierungsgesetz gilt allerdings schon seit dem 1. Januar 2026. Volljährige, ab 2008 geborene Männer können demnach seit Inkrafttreten verpflichtend geladen werden.

Entscheidend ist ein Detail, auf das die Initiative verweist: Die Formulierung, dass die Musterung erst am 1. Juli 2027 startet, habe ursprünglich im Gesetzestext gestanden, sei aber zwei Tage vor der Verabschiedung gestrichen worden. Sie finde sich nur noch in der Gesetzesbegründung. Juristisch bindend ist allein der Gesetzestext – frühere Musterungen sind damit möglich.
Was das Verteidigungsministerium zur Musterung sagt
Auf Anfrage dieser Redaktion erklärte das Bundesverteidigungsministerium Anfang September, die Musterungspflicht für den Jahrgang 2008 bestehe bereits seit Inkrafttreten des Gesetzes. Die „bereits erfolgten Ladungen zur Musterung“ seien „gesetzlich legitimiert“.
Das eigentliche Problem sei die Infrastruktur. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 seien die Kreiswehrersatzämter weggefallen. Kapazitäten für einen ganzen Jahrgang stünden erst Mitte 2027 bereit. Bis dahin übernähmen die bestehenden Karrierecenter die Musterung.

Musterungsbrief trotz „Nein“ zum Wehrdienst
Golo Kirsch, 18, aus Kiel bekam eine Ladung für den 31. August 2026, 7 Uhr, ins Karrierecenter Kiel – zum Assessment und Musterung. Der Brief liegt dieser Redaktion vor. Interesse an der Bundeswehr hatte er nie angegeben.
Er ist kein Einzelfall. Nach Angaben des Schulstreik-Bündnisses erhielten über 1000 junge Männer eine Ladung, die im Fragebogen 0 von 10 Punkten beim Interesse am Wehrdienst angekreuzt hatten.
Bei einer Aktion des Schulstreikkomitees vor dem Karrierecenter Kiel hätten alle befragten 18-Jährigen angegeben, im Erfassungsbogen vollständiges Desinteresse geäußert zu haben. Viele interessierten sich für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung.
„Erst sollten die Musterungen im Juli 2027 starten und jetzt werden wir gezwungen. Wenn über 1000 Jugendliche ohne Interesse zur Musterung geladen werden, zeigt das, dass wir kurz vor der Wehrpflicht stehen!“, so Shmuel Schatz, Schüler aus Berlin.

Freiwillig oder Pflicht? Widersprüchliche Auskünfte zur Musterung
In den Briefen wird zur Musterung „eingeladen“, über die rechtliche Lage klären sie nicht auf. Am Telefon habe es für Kirsch anders geklungen als im Schreiben.
„Die Frau am Telefon meinte zu mir, dass das, also wenn ich dieses Jahr noch nicht dahin komme, dass das noch nicht so schlimm ist, und nächstes Jahr darf ich auch zweimal nicht kommen. Aber dann würden irgendwann die Polizei vor meiner Tür stehen“, schilderte er dieser Redaktion.
Auch bei der Frage, wer zuerst geladen wird, gibt es widersprüchliche Angaben. Dem Ministerium zufolge kommen zunächst jene an die Reihe, die Interesse bekundet haben. Einem anderen Schüler sagte das Karrierecenter dagegen, es würden gerade gezielt jene gemustert, die kein Interesse angegeben hätten.
Schulstreik gegen Wehrpflicht: Das fordert die Bewegung
Zum vierten Mal streiken Schüler in über 100 Städten gegen die Wiedereinführung einer Wehrpflicht. Sie fordern die Rücknahme des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes und einen sofortigen Stopp der Musterungen.
Unter dem Motto „Nein zu Wehrpflicht, Zivildienst und Krieg“ richtet sich der Streik auch gegen Gerüchte über einen möglichen Zivildienst und gegen das Nato-Manöver Red Storm Charlie, das zeitgleich in Hamburg stattfindet.
Der Schulstreik findet in vielen deutschen Städten statt, darunter Berlin, Chemnitz, Dresden, Erfurt, Halle und Leipzig.
Vom 24.-26. September 2026 soll in Hamburg zum dritten Mal eine Kriegsübung unter dem Motto „Red Storm“ durchgeführt werden: nach „Red Storm Bravo“ im vergangenen Jahr nun „Red Storm Charlie“. Drei Tage lang soll Hamburg Stadt für die Übung des Verlegens von Truppen und Kriegsgerät aus dem Hamburger Hafen an die „Ostflanke“ der NATO, also an die russische Grenze, missbraucht werden.
Im Zentrum des Manövers steht wieder die Einübung der „zivil-militärischen Zusammenarbeit“. So sollen Behörden, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Krankenhäuser und Unternehmen kriegstüchtig gemacht werden.
Einbezogen sind diesmal deutlich mehr zivile Beteiligte, u.a. das THW, das UKE, die Hochbahn, der Flughafen, Handels- und Handwerkskammer, Unternehmen von Airbus, Lufthansa-Technik, die HHLA, Blohm+Voss, Philips, die Schwarz-Gruppe (LIDL, Kaufland) bis zu Edeka und Netto.
Handelskammer und Handwerkskammer rufen ihre Mitglieder in diesem Zusammenhang zu einer Übung namens „Red Storm Business“ auf.

Was soll dieses Manöver?
Die globale Vorherrschaft der USA ist zunehmend in Frage gestellt. Der „Westen“ strebt danach, seine Dominanz mit Gewalt zu erhalten und befeuert damit Kriege und bewaffnete Konflikte rund um den Globus. In diesem Kontext will die Bundesregierung Deutschland mit massiver Hochrüstung militärisch zur europäischen Führungsmacht aufbauen. Die Wehrpflicht soll wieder eingeführt und die Bundeswehr zur größten Armee Europas hochgerüstet werden.
Die Ausgaben für „Verteidigung“ wurden in den letzten fünf Jahren verdoppelt und sollen bis 2030 fast die Hälfte des Bundeshaushalts ausmachen. Bezahlen soll die Allgemeinheit mit Sozialkahlschlag auf neuem Niveau. Sozialabbau und Hochrüstung sind zwei Seiten einer Medaille!
Die dringend erforderliche Ausfinanzierung von Krankenhäusern, Pflege, Schulen und Kitas, Kultur, Verkehr und Umweltschutz wird so mit den Füßen getreten. Dagegen regt sich zunehmend Widerstand!
Um Akzeptanz für diese brandgefährliche und unsoziale Politik zu schaffen, braucht es ein Feindbild. Das Manöver Red Storm Charlie ist Teil der Bemühungen, uns, die Bevölkerung, zum wiederholten Male mit der Lüge einer bevorstehenden „Invasion“ aus dem Osten auf einen Krieg gegen Russland einzustimmen und in dem Zuge Aufrüstung, Militarisierung und Sozialkahlschlag zu legitimieren.
Krieg braucht die Unterstützung der Bevölkerung – ohne uns ist er nicht führbar!
Jedes NEIN zu Aufrüstung und Militarisierung ist daher ein Baustein für eine friedliche Entwicklung.
Es ist ein JA zum gemeinsamen Kampf und zum gemeinsamen Schaffen besserer Bedingungen für die menschenwürdige Gestaltung aller Lebensbereiche. Es ist ein JA für eine Welt, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und die Zerstörung der Natur überwunden ist.

Für Bildungseinrichtungen, in denen die Entwicklung kritisch denkender, umfassend gebildeter Persönlichkeiten und das solidarische Miteinander im Mittelpunkt steht.
Für ein Gesundheitssystem, in dem die Gesundheit der Menschen oberster Zweck ist.
Für Kunst und Kultureinrichtungen, die kritisches Denken befördern.
Der mit dem Manöver und der zivil-militärischen Zusammenarbeit angestrebten Gewöhnung an Krieg als neue Normalität setzen wir unseren Anspruch auf ein Leben in Frieden entgegen. Das Engagement der Vielen für die weltweite Verwirklichung von Frieden, sozialer Gleichheit und internationaler Solidarität ist das Gebot der Stunde!
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Quellen: PublicDomain/berliner-zeitung.de/JungeWelt/kein-nato-hafen.de am 23.09.2026
