
Noch klingt es für viele nach einem Szenario aus einer düsteren Zukunft: Lebensmittel nur noch gegen digitale Bezugsberechtigung, Treibstoffkontingente, persönliche Verbrauchslimits und ein QR-Code, der entscheidet, wer was beziehen darf. Doch so weit hergeholt ist zumindest der Grundgedanke nicht.
Rationierungen gab es bereits, die Schweiz hält sie bis heute als Kriseninstrument bereit – und seit Covid wissen wir, wie schnell sich digitale Zugangskontrollen technisch und politisch umsetzen lassen.
Der entscheidende Unterschied zu früher liegt deshalb weniger darin, was ein Staat in einer schweren Krise tun könnte, sondern mit welchen technischen Mitteln er es heute tun könnte.
Während des Zweiten Weltkriegs war die Schweiz trotz ihrer Neutralität von der internationalen Versorgungskrise betroffen. Von Ende Oktober 1939 bis zum Sommer 1948 bestimmten Lebensmittelkarten den Alltag.
Milch, Zucker, Kaffee und andere wichtige Güter konnten zeitweise nur gekauft werden, wenn neben dem Geld auch die entsprechenden Coupons vorhanden waren. Auf dem Höhepunkt mussten landesweit monatlich bis zu 700 Millionen solcher Papiercoupons verarbeitet werden.
Das System war langsam, analog und personalintensiv. Gemeinden verteilten Karten, Händler sammelten Coupons ein, Zwischenhändler reichten sie weiter und Behörden kontrollierten die Mengen.
Trotzdem funktionierte damit etwas, das heute technisch in Sekunden erledigt werden könnte: Der Staat legte fest, wer wie viel von einem knappen Gut beziehen durfte. (⛽ 💶 Spritpreis auf Rekordhoch, obwohl der Weltmarktpreis für Rohöl 2008 viel teurer war als heute: Was stimmt hier nicht?)

Drei Jahrzehnte später zeigte die Ölkrise von 1973, dass solche Eingriffe keineswegs auf einen Weltkrieg beschränkt sind. Als die Erdölversorgung zum politischen Druckmittel wurde, verordnete der Bundesrat der Schweiz drei autofreie Sonntage.
Am 25. November 1973 blieben die Autos stehen, Menschen spazierten über Autobahnen. Was wenige Monate zuvor im normalen Alltag kaum vorstellbar gewesen wäre, wurde aufgrund einer internationalen Energiekrise Realität.
Dann kam Covid – und damit eine völlig neue Dimension.
Ab dem 13. September 2021 galt in der Schweiz die Zertifikatspflicht unter anderem für Innenräume von Restaurants und Bars sowie für Kinos, Museen, Schwimmbäder und zahlreiche Veranstaltungen.
Zur Kontrolle wurde der QR-Code des Covid-Zertifikats mit einer staatlich bereitgestellten Prüf-App gescannt. Das Bundesamt für Informatik beschreibt selbst, wie innerhalb weniger Wochen eine digitale Infrastruktur zur Ausstellung, Speicherung und Überprüfung dieser Zertifikate aufgebaut wurde.
Man muss die damaligen gesundheitspolitischen Entscheidungen nicht mit einer zukünftigen Versorgungskrise gleichsetzen. Aber Covid demonstrierte etwas Entscheidendes: Eine digitale Berechtigung kann technisch zum Schlüssel für die Teilnahme an Teilen des öffentlichen Lebens werden – und die notwendige Infrastruktur lässt sich sehr schnell aufbauen.
Damals ging es um den Gesundheitsstatus. In einer zukünftigen schweren Versorgungskrise könnte es theoretisch um Liter Benzin, Heizenergie oder bestimmte Lebensmittel gehen.
Und hier wird die historische Parallele plötzlich hochaktuell. Denn Lebensmittelrationierung ist in der Schweiz keineswegs ein vergessenes Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung führt die Nahrungsmittelrationierung (NARA) ausdrücklich weiterhin als mögliche Massnahme für „langanhaltende und schwere Versorgungskrisen“ auf.

Rationierte Lebensmittel könnten dann nur gegen Vorlage eines Bezugsausweises gekauft werden. Bereits als vorgelagerte Massnahme kann der Bund Abgabemengen begrenzen – ein Instrument, das laut BWL während der Covid-Pandemie wegen Hamsterkäufen bereits in Verkaufsstellen eingesetzt wurde.
Auch beim Treibstoff ist das keine Theorie. Die offizielle Schweizer Krisenvorsorge sieht ausdrücklich eine Rationierung von Benzin und Diesel vor, falls eine erhebliche und länger dauernde Mangellage entsteht. Zuvor könnten Pflichtlager freigegeben, Sparappelle ausgesprochen und Geschwindigkeitsbeschränkungen angeordnet werden.
Die Schweiz hält derzeit Mineralölreserven für ungefähr viereinhalb Monate des durchschnittlichen Bedarfs vor; bei wichtigen Lebensmitteln reichen die Pflichtlager je nach Produkt ungefähr zwei bis vier Monate.
Noch besteht eine solche Mangellage nicht. Doch der internationale Hintergrund wird gefährlicher.
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine dauert an. Gleichzeitig hat sich der Krieg mit Iran auf weitere Teile des Nahen Ostens ausgeweitet. Angriffe im Umfeld Saudi-Arabiens und Jemens treffen inzwischen unmittelbar die Energieinfrastruktur.
Nach den jüngsten Angriffen ist die wichtige saudische Ost-West-Pipeline ausgefallen – ausgerechnet jene Route, über die normalerweise Öl an der blockierten beziehungsweise massiv beeinträchtigten Strasse von Hormus vorbei zum Roten Meer transportiert werden kann.
Reuters beziffert ihre Kapazität auf rund vier Millionen Barrel täglich. Brent-Rohöl lag am 15. September bereits bei rund 107 Dollar je Barrel.

Europa trifft eine solche Entwicklung an einer empfindlichen Stelle. Die EU ist beim Rohöl nahezu vollständig von Importen abhängig. Steigende Energiepreise verteuern nicht nur das Tanken und Heizen. Sie wandern über Lastwagen, Schiffe, Flugzeuge, Landwirtschaft, Dünger, Verpackungen und Produktion durch praktisch die gesamte Wirtschaft und landen schliesslich im Supermarkt.
Noch bedeutet das keine bevorstehende Lebensmittelrationierung. Zwischen einem Ölpreis von über 100 Dollar und Lebensmittelkarten liegt ein gewaltiger Unterschied. Eine Rationierung würde erst bei einer tatsächlichen, schweren und länger anhaltenden Mangellage relevant.
Doch genau deshalb lohnt sich der Blick in die Geschichte.
1939 konnte kaum jemand wissen, wie lange die Lebensmittelkarten bleiben würden. 1973 verwandelte eine Krise im Nahen Osten Schweizer Autobahnen innerhalb weniger Wochen in Fussgängerzonen. 2021 genügte ein QR-Code auf Papier oder Smartphone, um automatisiert zu prüfen, ob jemand die vorgeschriebene Zugangsberechtigung für bestimmte Bereiche besass.
Heute stehen all diese Instrumente technisch auf einer völlig anderen Grundlage.
Ein moderner digitaler Bezugsausweis müsste nicht mehr wie 1944 aus Hunderten Millionen Papiercoupons bestehen. Ein zentral oder dezentral verwaltetes System könnte theoretisch jedem Einwohner ein persönliches Kontingent zuweisen: eine bestimmte Menge Treibstoff, Heizenergie oder rationierter Lebensmittel.
Beim Kauf würde die Berechtigung elektronisch geprüft und das verbleibende Kontingent aktualisiert. QR-Code, Chipkarte oder digitale Identität könnten die Lebensmittelkarte ersetzen.

Genau hier beginnt jedoch die politische Frage, die weit über Versorgungssicherheit hinausgeht.
Denn dieselbe Technik, die knappe Güter effizient und möglicherweise sogar gerechter verteilen kann, ermöglicht zugleich eine Kontrolldichte, von der die Kriegswirtschaft der 1940er-Jahre nur träumen konnte.
Papiercoupons wussten nicht, wann sie benutzt wurden, konnten keine Datenbanken miteinander verbinden und erstellten nicht automatisch digitale Transaktionsspuren. Moderne Systeme können hingegen Identität, Zeitpunkt, Bezugsberechtigung und Verbrauch technisch miteinander verknüpfen.
Das bedeutet nicht, dass ein solches Überwachungssystem geplant ist. Für eine bevorstehende QR-Code-Rationierung von Lebensmitteln in der Schweiz oder der EU gibt es derzeit keinen Beleg. Genau diese Grenze sollte man nicht verwischen.
Aber ebenso falsch wäre es, die Möglichkeit als Science-Fiction abzutun.
Die Schweiz besitzt bereits gesetzlich vorgesehene Instrumente für Lebensmittel- und Treibstoffrationierung. Die Covid-Jahre haben gezeigt, dass QR-basierte Berechtigungssysteme in kürzester Zeit für Millionen Menschen eingeführt und im Alltag kontrolliert werden können.
Und die Geschichte zeigt, dass Regierungen in aussergewöhnlichen Versorgungskrisen zu Massnahmen greifen, die wenige Monate zuvor kaum jemand für realistisch gehalten hätte.
Während gleichzeitig Kriege wichtige Energie- und Handelsrouten erfassen und der Ölpreis wieder dreistellig ist, sollte deshalb eine Frage erlaubt sein:

Wenn Europa tatsächlich in eine schwere und langanhaltende Versorgungskrise gerät – werden wir dann wieder Lebensmittelmarken bekommen?
Die Lebensmittelkarte der nächsten grossen Krise könnte auf dem Smartphone liegen. Und aus dem kleinen Papiercoupon, der einst bestimmte, wie viel Zucker oder Kaffee jemand kaufen durfte, könnte eine digitale Infrastruktur werden, die in Echtzeit weiss, wer was beziehen darf.
Noch sind wir nicht dort. Aber Geschichte, geltendes Kriseninstrumentarium und heutige Technik zeigen: Unvorstellbar ist es längst nicht mehr.
Quellen: PublicDomain/uncutnews.ch am 17.09.2026
