Eugenik in Österreich bis 2001: Zwangssterilisation von jungen Frauen

Am 17. September 2012 wurde im Mittagsjournal des österreichischen Senders Ö1-Mittagsjournals der Beitrag “Zwangssterilisation in Kinderheimen” ausgestrahlt. Der Inhalt bezog sich nicht auf den Ausrottungsfeldzug unter den Nationalsozialisten, sondern auf die Praktiken in Behindertenheimen bis zum Jahr 2001.

Mädchen und junge Frauen wurden ohne ihr Wissen durch die Ärzte unter Tarnung einer Blinddarmoperation sterilisiert.

In österreichischen Heimen sollen Mädchen und Frauen mit Behinderungen und intellektuellen Beeinträchtigungen zwangssterilisiert worden sein. Die Eingriffe wären bis ins Jahr 2000/01 vorgenommen worden, sagte der Kinderpsychiater Ernst Berger im APA-Gespräch. Berger bestätigte damit einen Bericht des Ö1-Mittagsjournals. Die Zwangssterilisationen wurden als Blinddarmoperation getarnt. Die Betroffenen wussten nicht, dass sie danach keine Kinder mehr bekommen konnten, so Berger.

Mit der Operation mussten nur die Eltern einverstanden gewesen sein, auf diese wurde vonseiten der Ärzte und den Behindertenheimen Druck ausgeübt. So soll von den Eltern verlangt worden sein, dass sie die Sterilisation vor der Aufnahme in eine Behinderteneinrichtung erfolgt werden müssen, sagte Berger zur APA. „Das war ein offenes Geheimnis, aber es hat niemanden interessiert“, sagte der Kinderpsychiater.

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Auch nichtbehinderte Mädchen betroffen?

Der frühere Wiener Psychiater im Behindertenbereich, Andreas Rett, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied, habe die Zwangssterilisationen generell unter einem Intelligenz-quotient von 85 befürwortet, berichtete neben Berger auch der Tiroler Behinderten-rechtsexperten Volker Schönwiese. „Rett war mein Vorgänger. Ich kannte seine Position“, sagte Berger.

Die generelle Sterilisation unter einem Intelligenzquotient von 85 sei sogar ein publiziertes Zitat bei einer Tagung im Jahr 1975 gewesen. „Das ist nachzulesen.“ Somit sei nicht auszuschließen, dass Mädchen sterilisiert wurden, die aus heutiger Sicht gar nicht als behindert gelten würden, betonten Berger und Schönwiese.

Um wie viele Betroffene es sich handelt, konnte Berger nicht sagen. Zum Großteil seien es junge Frauen gewesen, die in den 1980er und 1990er Jahren gerade volljährig geworden sind.

Der langjährige Weggefährte und Stellvertreter des 1997 verstorbenen Andreas Rett, Heinz Krisper, sagte im Ö1-Mittagsjournal, ob Rett bei einem IQ unter 85 generell für Sterilisationen gewesen sei, wisse und glaube er nicht. Es sei immer im Einzelfall entschieden worden mit Blick auf die Behinderung und die Gesundheit der Nach-kommenschaft.

Quellen: PRAVDA-TV/wienerzeitung.at/radio-utopie.de vom 18.09.2012

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