
Das einst mächtigste Land der Erde wird ohnmächtig und schaut sich dabei zu: Die USA sind gut in Panikmachender-Pseudo-Terrorabwehr, aber Wetterkapriolen haben sie nichts entgegenzusetzen. Ausnahmezustand in der Ersten Welt.
Seit Mitternacht liegen wir unter dem Feuer der Invasionsarmee. Wir werden beschossen mit einer schaumähnlichen, kalten Substanz, die unsere Straßen, Schienen, Flughäfen lähmt. Die Regierung und alle ihre Beamten haben sich verkrochen. Schulen sind geschlossen, Züge und Busse stehen still, ohnmächtig erleben wir das Grauen – es schneit.
(Bild: Mehrere US-Südstaaten, wie oben North Carolina, die Stadt Charlotte, versinken in Eis und Schnee. Der US-Wetterkanal Weather Channel bezeichnete den Wintereinbruch im wärmeverwöhnten Süden als einen der schlimmsten seit Jahren)
Mehr ist nicht passiert. In Chicago und Minneapolis spotten sie jeden Winter über uns Hauptstädter, wenn wir Tage vor einem drohenden Zwei-Zentimeter-Schneeangriff gigantische Truppen in Bereitschaft versetzen und Material horten: Schneepflüge, Salzstreuer, Tausende tapfere Helfer werfen sich in den Weg der anstürmenden Unbill.
Wenn sie angreift. Meist kommt sie nicht. Die Kinder in unserem Kreis, Montgomery County, finden diese Pseudokriegstage wunderbar. Ihre Eltern, die beide arbeiten müssen und nicht wissen, wohin mit den Bälgern, twitterten nach dem sechsten oder achten „snow day“ ohne Schnee derart üble Pöbeleien an die Schulbehörde, dass diese jetzt eine Taskforce für „cyber civility“ gegründet hat.

(Auch in den Straßen von Philadelphia ging nach dem Schneefall nicht viel. „Snowmageddon“ wurde der Wintereinbruch in den Wetternachrichten getauft, in Anlehnung an den Katastrophenfilm „Armageddon – Das jüngste Gericht“)
Video: Obamas Wortschöpfung … Panikmache von oben
Strafe von „mother nature“
Heute pöbelt niemand, es ist der weiße Ernstfall. Mehr als 30 Zentimeter Schnee sind bis zum Donnerstagmorgen gegen sieben Uhr in unserem Vorort Bethesda gefallen. Begeisterte Wetterleute beim lokalen Fernsehsender lassen sich in ihrer Sendung „Storm Watch“ (einfache Tiefs gibt es nicht, alles ist Sturm und Dramadrang) feiern, und wir lesen von ihren Lippen. Alle mögen vernünftig sein und zu Hause bleiben, sagen sie und lächeln glücklich, während sie auf die gigantische weiß-violette Masse zeigen, die entlang der Interstate 95 nach Norden zieht. Dass sich der Schnee exakt östlich der meist be-fahrenen US-Autobahn entlangschiebt, wirkt kurios und planmäßig. Die Meteorologen sprechen in Demut dem Tiefdruckgebiet Gefühle zu und eine recht dunkle Seele. „Mother nature“, sagen sie alle, strafe uns, und es klingt bäuerlich und gottesfürchtig.
Wetter wird in Amerika inszeniert wie eine Vegas-Show. Das einst mächtigste Land der Erde wird ohnmächtig und schaut sich dabei zu. Zumal im Süden: Washington liegt auf der Höhe Neapels. Wir verstehen hier mehr von Terrorabwehr als von Angriffen der Götter. Der atomwaffensichere Bunker unter dem Weißen Haus, die Scharfschützen und Raketenwerfer auf dem Dach, alles versagt kläglich vor Schnee. Wir ziehen unsere Schuhe und Gürtel aus am Flughafen, aber keiner hat Winterreifen. Wir haben Einsatzpläne für den Terrorangriff auf Washington mit biologischen Waffen und einer „dirty bomb“, aber der Strom fällt für Hunderttausende von uns bei jedem zweiten Gewitter aus. Wir spielen Allererste Welt im Cyber Space und leben mit einem Bein in der Dritten.
Kein Mitleid, Gelächter ist angebracht. Insgeheim wissen wir, wie lächerlich die amerika-nische Wetter-Katastrophen-Show ist. Es sterben Menschen, immer wieder, und das ist nicht zum Lachen. Auch diesmal erwischt es arme, manchmal törichte Menschen, die bei jedem Wetter Auto fahren. Oder fahren müssen. Es stürzen vereiste Bäume auf Häuser und verletzen Menschen, die sich sicher wähnten. Es leiden Hunderttausende in er-kaltenden Häusern und neben einfrierenden Wasserleitungen, weil der Strom ausfällt. Stromkabel werden auch in den feinen Vororten der Hauptstadt – wie überall im Land – an Holzmasten entlang der Straßen gespannt wie vor hundert Jahren. Ein fallender Ast kann ganze Viertel für Tage in Kälte und Dunkelheit stürzen.
Gouverneure rufen gerne den „state of emergency“ aus
Ohne Saft zu sein, ohne Wärme, Internet, Licht und Kochmöglichkeit, ist nicht lustig. Jahr um Jahr ertragen Amerikaner, Arme wie Multimillionäre – die sich mit Diesel-generatoren behelfen – diese verlässlichen Rückfälle ins 19. Jahrhundert. Niemand will das Geld bewilligen, Stromkabel in die Erde zu legen. Kein Kongress, keine kommunale Behörde: Zu viel Steuern, zu viel Staat, lieber zahlen wir jedes Jahr Milliarden Dollar für Amerikas Verdienstausfall durch Saftlosigkeit. Obendrein bezahlen wir den Bund, der bei jeder Ausrufung eines Notstands in einem Bundesstaat zur Kasse gebeten wird. Nur des-halb, um Bundesmittel anzuzapfen, rufen Gouverneure, gern solche, die am lautesten gegen die Überschuldung des Bundes wettern, schwer besorgt den „state of emergency“, den Notstand, aus.
Diesmal ist es kein Fehlalarm. Es schneit wirklich. Und es geht nichts mehr. Taxis in Washington verlangen 15 Dollar „emergency fare“-Aufschlag. Es wird wenig Nachfrage geben. Wer nicht zu Hause bleibt, ist selbst schuld oder arm dran. Die TV-Bilder aus Sotschi passen endlich nahtlos zum Blick aus dem Fenster. Am Nachmittag werden sich wieder junge Leute zur Schneeballschlacht am Dupont Circle versammeln. Ein paar Kinder werden Schneemänner bauen. Solange der Strom fließt, ist alles gut im Ausnahmezustand.
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Quellen: PRAVDA TV/Reuters/WeltOnline/WBAL/ABCnews vom 13.02.2014
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