Die Schlüsselkomponente von MMS, Chlordioxid, besteht aus den Elementen Chlor und Sauerstoff. Der normale Aggregatszustand von Chlordioxid ist der gasförmige Zustand. Dieses Gas ist in seiner Reinform braun bis bernsteinfarben und besitzt einen intensiven Geruch.
Da Chlordioxid ein sehr starkes Oxidationsmittel ist, kann es sich bei falscher Lagerung oder versehentlicher falscher Handhabung explosionsartig zersetzen. Aus diesem Grund sind mit reinem Chlordioxid gefüllte Behältnisse mit der Aufschrift „Explosionsgefahr“ zu kennzeichnen.
Um diesen erheblichen Nachteil zu umgehen wird Chlordioxid entweder gleich in wässriger Lösung (= Chlordioxidlösung) angeboten, oder aber wie in der Industrie und wie es auch Humble empfiehlt, kurz vor dem Gebrauch hergestellt.
Aufgrund seiner starken oxidativen Wirkung wird Chlordioxid normalerweise als Bleichmittel in der Papierindustrie verwendet und hat seit seiner Erstbeschreibung das damals übliche reine Chlor fast gänzlich ersetzt.
Der wesentliche Vorteil gegenüber Chlor ist: Wenn Chlordioxid in Kontakt mit organischen Verbindungen wie Cellulose kommt, entstehen weniger ozonschädigende Chlorverbindungen. Auf vielen Aussenverpackungen von Papierherstellern ist dementsprechend der Vermerk „ohne Chlor hergestellt“ zu finden.
Chlordioxid als Desinfektionsmittel
Neben seinem Gebrauch als Oxidationsmittel wird Chlordioxid in immer grösserem Umfang zur Trinkwasseraufbereitung als Desinfektionsmittel eingesetzt. Es besitzt ein breites Wirkspektrum gegen Bakterien, Pilze, Viren und Protozoen und ist in der Lage auch Reste von Algen oder phenolischen Verbindungen aus dem Wasser zu eliminieren (7).
Die Wirkung von Chlordioxid ist vergleichbar mit anderen bekannten Wasserdesinfektionsmitteln wie Chloramin T und Ozon, wobei sein sporenabtötender Effekt stärker ausgeprägt ist. Mit herkömmlichen Hautdesinfektionsmitteln (z. B. Chlorhexidin oder Isopropanol) lässt sich Chlordioxid hingegen nicht vergleichen, da es für diese Art der Anwendung nicht gedacht ist.
Chlordioxid zur Wasseraufbereitung
Das mit Abstand älteste Mittel in der Trinkwasseraufbereitung ist Chlor (das auch in der Schwimmbadwasserpflege eingesetzt wird) und das aus ihm hergestellte Chlorgas. Beide lassen sich einfach gewinnen und preiswert herstellen, mit dem Wermutstropfen, dass Chlorgas eine äusserst giftige und instabile Verbindung ist. Erschwerend kommt hinzu, dass die Reaktionsprodukte von Chlorgas, die Chloramine, noch in geringster Konzentration Haut und Schleimhäute reizen und stark ätzend wirken.
Aus diesem Grund wurde in Deutschland bereits 1974 die Trinkwasseraufbereitung neu bewertet, man begab sich auf die Suche nach alternativen Möglichkeiten zur Reinigung von verschmutztem Wasser und stiess auf Chlordioxid. Die Vorteile umfassen die weitaus günstigere Herstellung im Vergleich zu Ozon (einem anderen potentiellen Wasserreinigungsmittel) und die breite pH-Wert unabhängige antimikrobielle Wirkung.


Die Vorteile von Chlordioxid sind die folgenden:
- bakterizid (wirkt bakterienabtötend)
- viruzid (wirkt virenabtötend)
- sporozid (wirkt sporenabtötend und damit pilzfeindlich)
- algizid (wirkt algenabtötend)
- stärkere und schnellere Wirkung als Chlor
- günstige Herstellung
- pH-Wert unabhängige Wirkung
- lang anhaltende bakteriostatische Wirkung (hemmt Bakterien im Wachstum)
- keine Bildung von Chloraminen
Das gängigste Verfahren zur Herstellung ist das sogenannte Salzsäure-Chlorit-Verfahren, bei welchem Natriumchlorit durch Zugabe von Salzsäure in Chlordioxid, Natriumchlorid und Wasser umgewandelt wird.
Eine Vorstufe dieses Verfahrens führte bereits 1811 zur Entdeckung von Chlordioxid durch Humphry Davy. Dieser spaltete Chlorsäure und gewann somit Chlordioxid, das allerdings nicht in reiner Form, sondern verunreinigt mit Chlor als gelbe Flüssigkeit vorlag (daher auch der von ihm vorgeschlagene Name Euchlorine, vom griechischen für „gelblich“).
Ganz so neu und revolutionär ist die „Entdeckung“ Jim Humbles also nicht, da das grundsätzliche Herstellungsverfahren bereits seit vielen Jahrzehnten bekannt und in Verwendung ist (7).
So soll MMS funktionieren
Ähnlich dem Prozess bei der Wasseraufbereitung entsteht beim Mischen der wässrigen Natriumchloritlösung mit einer Säure das Gas Chlordioxid, welches eine hervorragende Wasserlöslichkeit besitzt und sich deshalb zum Teil in der trinkfertigen Lösung befindet.
Nimmt man diese Flüssigkeit ein, sollen nach Angaben von Jim Humble sämtliche schädlichen Bakterien, Viren und Pilze im Körper abgetötet werden. Im Anschluss reagieren das giftige Gas mit Wasserstoff zu Wasser oder mit Kohlenstoff zu Kohlenstoffdioxid und das Chlor mit Natrium zu Natriumchlorid, drei für den Körper unschädliche Verbindungen.
Zu schön, um wahr zu sein
Das Chlordioxid tatsächlich desinfizierende Eigenschaften hat, daran ist nicht zu rütteln. Das dieses jedoch selektiv nur schädliche Bakterien und Viren abtötet und die für den Körper nicht schädlichen unbeeinflusst lässt, ist schlicht falsch, schon allein wegen seines universellen Wirkungsmechanismus.
Tatsache ist, dass nützliche und schlechte Bakterien abgetötet werden, vergleichbar mit dem Effekt, als würde man ein herkömmliches Desinfektionsmittel (z. B. Sagrotan) trinken. In Zeiten vom zunehmenden Verständnis über das enge Zusammenwirken der Darmflora mit dem restlichen Körper keine gute Nachricht.
In einem Interview aus dem Jahr 2008, damals war der Begriff Darmflora gerade einmal medizinischen Experten ein Begriff, sagte Jim Humble in einem Interview im Nexus Magazin, dass nur anaerobe Bakterien im menschlichen Darm pathogen (krankheitserregend) seien und MMS gezielt auf diese wirke. Wie wir heute wissen, sind anaerobe Bakterien essentielle Bestandteile einer gesunden Darmflora. Man nehme als Beispiel die Milchsäurebakterien (Lactobacillus sp.), die für ein natürliches Gleichgewicht im Darm und den weiblichen Geschlechtsorganen verantwortlich sind.
Oft heisst es ausserdem, MMS reagiere nur mit Mikroorganismen, die einen pH-Wert von unter 7 aufweisen (17), was mit dem Fakt zu widerlegen ist, dass Chlordioxid eine pH-unabhängige antimikrobielle Wirkung besitzt. Gerade deshalb wird es auch universell in der Wasseraufbereitung eingesetzt. Übrigens: Sämtliche Zellen des menschlichen Körpers besitzen ebenfalls einen pH-Wert von unter 7.
Eine andere Behauptung, wonach „die Aussenmembran (Haut) der Pathogene mehrere 100mal dünner, als die Wände der menschlichen Organe“ sein soll, MMS nur diese attackiere und deshalb keine Nebenwirkungen auslöse, ist ebenso nicht richtig.
Zellmembranen menschlicher Zellen („die Wände“) und bakterielle Zellmembranen („Haut“) unterscheiden sich in der Dicke nicht voneinander. Diese beträgt nachgewiesenermassen bei beiden immer zwischen 6 – 10 Nanometer. Viele Bakterien verfügen jedoch noch zusätzlich über eine schützende Zellwand (Bakterienzellwand), während keine einzige menschliche oder tierische Zelle über eine solche Zellwand verfügt.




MMS und seine Nebenwirkungen
Trotz zahlreicher gegenteiliger Behauptungen im Internet ist MMS nicht frei von Nebenwirkungen. Diese betreffen in erster Linie Reizungen der Haut und Schleimhäute bis hin zu lebensbedrohlichen Verätzungen der Speiseröhre. MMS kann in milden Fällen Übelkeit und Durchfall auslösen, in schweren Fällen Erbrechen, blutigen Durchfall, Magenkrämpfe und Ulzerationen im Magen und Darm. Es gibt sogar Berichte über Nierenversagen und schweren gastrointestinalen Schädigungen, sowohl bei einmaliger, als auch bei längerfristiger Einnahme (8 – 15).
Da Jim Humble selbst sagt, dass der Durchfall ein Teil der Wirkung und des allgemeinen Reinigungsprozesses seines Produktes ist, nehmen viele Menschen diesen folglich nicht als Nebenwirkung, sondern als erwünschten Effekt wahr. Dies ist insofern überraschend, da die breite desinfizierende Wirkung höchstwahrscheinlich die Darmflora sehr stark in Mitleidenschaft zieht und der Durchfall darauf zurückzuführen ist. Was also bei einer Antibiotikaeinnahme ungewollt ist, soll bei MMS Teil der eigentlichen Wirkung sein.
Risikobewertung von MMS
Die USA, Kanada, England, Spanien und viele weitere Staaten der Welt haben MMS mittlerweile verboten, die Herstellung, der Handel und der Verkauf sind also illegal und strafbar (4). In Deutschland warnen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sowie die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BVR) vor der Einnahme (1, 2, 3). Der Verkauf und Erwerb sind jedoch legal, solange keine Heilversprechungen oder Bewerbungen als Heilmittel gemacht werden.
Produkte finden sich dementsprechend häufig unter Bezeichnungen wie „Lebensmineralien“ oder „Badezusatz mit Lebenskatalysatoren“. Dennoch schaffen es immer wieder Menschen die Grenze zum Strafbestand zu überschreiten, wie der Fall eines MMS-Verkäufers zeigt, der erst 2019 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde (6).
Wissenschaftliche Belege für MMS wünschenswert
Es sei an dieser Stelle noch einmal daran erinnert, das MMS weder ein Nahrungsergänzungsmittel noch ein naturheilkundliches Mittel ist. MMS ist eine starke Chemikalie. Befürworter von MMS stützen sich oft auf eigene persönliche Erfahrungen oder Heilversprechen, von denen sie gehört haben, um diesen Aspekt in den Hintergrund treten zu lassen.
Bis zum jetzigen Zeitpunkt gibt es leider keine ordnungsgemäss geplanten oder durchgeführten Untersuchungen zur Wirkung von MMS im menschlichen Körper. Dies ist jedoch eine essentielle Voraussetzung dafür ein Mittel als Arzneimittel zu bezeichnen, mit einer spezifischen Indikation zu versehen und im Fall von MMS, es zumindest als eindeutig sicher in der Anwendung am Menschen kennzeichnen zu dürfen. Im Sinne einer sicheren ganzheitlichen medizinischen Versorgung der Bevölkerung sind klinische Studien auch für Präparate wie MMS zu fordern.
Dass diese nicht im Sinne der Händler und Verkäufer sind, ist nicht überraschend. Kein einziger Hersteller und nicht einmal Jim Humble selbst machen Anstalten, derartige Studien zu initiieren oder zu unterstützen. Eventuell weil reines Natriumchlorit bzw. Calciumhypochlorit in der chemischen Industrie einen Bruchteil dessen Wert ist, was MMS kostet. In einigen MMS-Produkten wird der Gehalt von Natriumchlorit bzw. Calciumhypochlorit vor Verkauf noch reduziert, womit sich grosse Gewinnspannen erzielen lassen.
MMS gegen Covid-19
Covid-19 hat jetzt zusätzlich Öl ins Feuer gegossen, indem Befürworter von MMS behaupten dieses wirke sehr gut gegen das Coronavirus Sars-Cov-2. Die Behauptungen stützen sich auf eine Studie aus Südamerika, in welcher insgesamt 104 Personen von Covid-19 durch Chlordioxid geheilt worden sein sollen (16). Betrachtet man die Studie genauer, fallen folgende Einschränkungen auf:
Nicht alle der 104 Personen hatten Covid-19, einige hatten nur Kontakt mit Infizierten, andere ausschliesslich respiratorische Symptome. Des Weiteren nahmen sogar einige der behandelnden Ärzte an der Studie teil, was die Glaubwürdigkeit weiter senkt. Es gab weder eine Kontrollgruppe noch wurde etwas über die genaue verabreichte Menge von Chlordioxid geschrieben. Alles in allem kann hier also nicht von einer „klinischen Studie“ gesprochen werden.
Die durchweg positiven Eigenschaften von Chlordioxid bei der Entkeimung sind mittlerweile aus der modernen Wasseraufbereitung nicht mehr wegzudenken (pH-unabhängige Wirkung, breites Wirkspektrum gegen Keime). Für die Desinfektion der Haut und Schleimhäute hingegen gibt es deutlich besser verträgliche und vergleichbar wirksame Alternativen – und das ganz ohne der Gefahr von Hautreizungen und Verätzungen.
Bezüglich der oralen Einnahme und Anwendung von MMS zur Behandlung von Krankheiten oder körperlichen Beschwerden kann zum jetzigen Zeitpunkt aus den oben erklärten Gründen weder aus naturheilkundlicher noch aus pharmazeutischer oder medizinischer Sicht eine Empfehlung ausgesprochen werden (MSM – Hilfe bei Schmerz, Entzündung und Allergie).




MMS: Wägen Sie Ihr Nutzen-Risiko-Verhältnis ab!
Wenn Sie sich jedoch im Urwald allein auf weiter Flur befinden und plötzlich Malaria bekommen, aber keine Medikamente haben und ärztliche Hilfe meilenweit entfernt ist, kann der Einsatz von MMS als letzte Hoffnung gerechtfertigt sein, wobei natürlich auch hier Nebenwirkungen möglich sein können und wonach Sie – ähnlich wie bei Antibiotika oder anderen stark antimikrobiell wirksamen Mitteln – unbedingt Ihre Darmflora wieder aufbauen sollten.
Wägen Sie also immer Ihr persönliches Nutzen-Risiko-Verhältnis ab und überprüfen Sie, ob es nicht – insbesondere bei chronischen Erkrankungen – ganzheitliche Konzepte gibt, die Ihrem gesamten Organismus gut tun, die aber auch ein gewisses Umdenken erfordern und anstrengend sein können, weil man liebgewordene Gewohnheiten über Bord werfen muss.
MMS hingegen zieht jene Menschen an, die nicht wirklich etwas ändern möchten, sondern stets auf der Suche nach dem EINEN Allheilmittel sind, dessen Anwendung keinerlei Anstrengung oder Änderung der Lebensumstände erfordert – eine Sichtweise, die der Schulmedizin bedenklich nahe kommt.
Verweise als PDF.
Literatur:
Codex Humanus – Das Buch der Menschlichkeit
Die 10 besten Nahrungsergänzungsmittel: Vorbeugen und heilen mit den Power-Nährstoffen Vitamin D 3, MSM, OPC, Coenzym Q 10,5-HTP, Alpha-Liponsäure und anderen…
MSM: Der Wunderschwefel gegen Allergien, Arthritis, Arthrose und chronische Schmerzen
Quellen: PublicDomain/zentrum-der-gesundheit.de am 24.08.2020
