
Verschiedene Faktoren täuschen eine zu entspannte Lage am globalen Ölmarkt vor. Ein Blick auf USA, China und IEA-Daten.
Der globale Ölmarkt steuert auf eine Katastrophe zu, und man merkt es gar nicht so richtig. In China verkauft man sogar Öl an andere Länder. Dann kann die Lage nicht so schlimm sein?
Das wirkt nur so. Auch die Tatsache, dass die USA aus Reserveverkäufen ihre Ölexporte stützen, täuscht am Ölmarkt offenbar eine zu gute Lage vor, was die Dimensionen der Probleme des Ian-Kriegs überdeckt.
USA exportieren Öl aus Strategischer Reserve
Der Ölmarkt-Experte Javier Blas berichtet heute, dass die USA eine Rekordmenge Öl aus ihrer strategischen Ölreserve freigeben, was dazu beiträgt, die hohen amerikanischen Ölexporte aufrechtzuerhalten. Letzte Woche wurden über 1,2 Millionen Barrel pro Tag aus der strategischen Ölreserve auf den Markt gebracht, so Javier Blas.
Das bedeutet also: Der globale Ölmarkt profitiert aktuell davon, dass die USA ihre strategischen Reserven auf den Markt bringen.
Was, wenn Donald Trump Exporte aus Reserven oder generell Exporte verbietet, um durch ein Überangebot an Öl in den USA heimische Tankstellenpreise abzusenken? Dann schauen Abnehmer gerade in Asien in die Röhre.

Oder was, wenn das Programm zur Leerung der Ölreserven endet? Dann bricht eine Illusion zusammen, dass am Weltmarkt trotz Iran-Krise genug Öl vorhanden ist.
China verkauft sogar Öl
Staatliche Ölkonzerne in China haben einen Teil ihrer Ölvorräte an europäische und asiatische Konkurrenten weiterverkauft. Es handelt sich hierbei aber nicht um Überschüsse.
Fässer, die Anfang April noch 30 US-Dollar über den Referenzpreisen gehandelt wurden, wechseln laut jüngsten Berichten nun zu Aufschlägen von nur noch 1 US-Dollar den Besitzer.
Es wird sogar schon von Preisnachlässen gesprochen. China kauft derzeit offenbar nur 8,2 Millionen Barrel Rohöl pro Tag aus dem Ausland gegenüber einem Vorkriegsniveau von rund 11,7 Millionen.
Diese Schwankung von 3,5 Millionen Barrel pro Tag entspricht fast dem Gesamtverbrauch Japans. Chinas Kaufzurückhaltung entlastet die Verknappung am Weltmarkt. Offenbar leert man derzeit lieber Lagerbestände, als teuer am Spotmarkt Öl einzukaufen.

„Was sie heute sparen, fehlt ihnen morgen“
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Der Kapitalmarktexperte Furkan Yildirim berichtete diese Woche, dass Raffinerien in Asien ihre Beschaffung komplett umgestellt haben. Sie würden nur noch das absolute Minimum kaufen.
Sie würden ihre Lagerbestände runterziehen, anstatt neu zu bestellen, und sie würden ihre Verarbeitungsraten senken. Man schalte auf Just-in-Time-Beschaffung um, also auf Lieferung erst dann, wenn das Öl tatsächlich gebraucht wird.
Im Klartext, so Furkan Yildirim: „Diese Zurückhaltung hat nichts mit einem wieder reichenden Angebot zu tun. Die Käufer leeren ihre eigenen Lager, weil die Preise zu hoch sind und Just-in-Time billiger erscheint als Vorrat aufbauen. Was sie heute sparen, fehlt ihnen morgen“.
Man könnte es auch so formulieren: Der Ölmarkt ist viel zu gutgläubig, dass sich die Iran-Krise bald lösen wird, und man schnell wieder größere Öllieferungen aus dem Nahen Osten erhält.
Und was, wenn nicht? Die Lagerbestände schmelzen ab, und im Fall der Fälle steht man vor dem Desaster.
Ölvorräte sinken laut IEA im Rekordtempo
Die Ölvorräte sinken weltweit in Rekordtempo und werden noch monatelang weiter zurückgehen, da sich die Versorgungsengpässe im Nahen Osten aufgrund des Iran-Kriegs verschärfen, so sagt es heute laut Bloomberg die Internationale Energieagentur.
Die weltweit erfassten Ölvorräte gingen im März und April um etwa 4 Millionen Barrel pro Tag zurück, wie aus einem Monatsbericht der Agentur hervorgeht, die die Freigabe von Notfall-Treibstoffreserven durch große Volkswirtschaften wie die USA, Japan und Deutschland koordiniert.
Der Markt werde bis Oktober „stark unterversorgt“ bleiben, selbst wenn der Konflikt im nächsten Monat ende, hieß es.
Die weltweiten Lieferungen brachen im vergangenen Monat um weitere 1,8 Millionen Barrel pro Tag ein, wodurch sich die Gesamtverluste seit Februar auf 12,8 Millionen Barrel pro Tag beliefen, so der Bericht.
„Selbst wenn es eine Lösung für den Konflikt gibt, gehen wir davon aus, dass es Zeit – Wochen und Monate – brauchen wird, bis der Durchfluss durch die Straße von Hormus wieder ein normales Tempo erreicht“, sagte Toril Bosoni, Leiterin der Abteilung für Ölmärkte und Industrie der IEA, in einem Interview mit Bloomberg TV.
„Je länger die Unterbrechungen andauern und je schneller die Lagerbestände sinken, desto größer wird der Druck auf die Preise.“

Der Versorgungsschock, der die Exporte von Produzenten am Persischen Golf wie Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Irak stark eingeschränkt hat, hat kumulativ mehr als 1 Milliarde Barrel vom Ölmarkt genommen und den globalen Überschuss beseitigt, der vor Beginn des Konflikts für dieses Jahr prognostiziert worden war, so die IEA.
Im März koordinierte die IEA eine Zusage von Mitgliedsländern wie den USA, Deutschland und Japan, eine Rekordmenge von 400 Millionen Barrel aus ihren Notreserven freizugeben.
Diese werden nun aus den Lagerstätten auf die Märkte gebracht, hieß es. Das Defizit wird laut dem Bericht auch teilweise durch erhöhte Lieferungen aus dem Atlantikraum – angeführt von Produzenten wie den USA, Brasilien, Kanada und Venezuela – in die „hart getroffenen“ Märkte Asiens gemildert.
Kommentar
Die derzeit laufende Freigabe der Ölvorräte durch zahlreiche Industrieländer sorgt derzeit für eine halbwegs akzeptable Versorgung der Industrienationen mit hohem Ölbedarf.
Dies täuscht aber über die Probleme hinweg und sorgt für einen Ölpreis am Terminmarkt, der mit derzeit 107 Dollar gut 12 Dollar unter seinem Rekord während des Iran-Kriegs notiert.

Die Nutzung der Reserven auch in China und die sorglose Umstellung auf Just in Time Produktion täuscht vermutlich auch eine zu entspannte Lage am globalen Ölmarkt vor.
Je länger der Iran-Krieg dauert und die Straße von Hormus gesperrt bleibt, desto größer die Gefahr von realen Verknappungen.
Quellen: PublicDomain/finanzmarktwelt.de am 15.05.2026
