Leo Tolstoi: Das geistige und animalische Ich (Hörbuch)

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Wie sehr die Menschen sich mühten, nachdem sich einige Hunderttausend von ihnen auf einem kleinen Raum angesammelt hatten, die Erde, auf der sie sich drängten, zu verunstalten, wie sehr sie den Boden mit Steinen zurammten, damit nichts darauf wüchse, wie eifrig sie ihn von jedem hervorbrechenden Gräschen reinigten, wie sehr sie mit Steinkohlen, mit Erdöl die Luft verpesteten, wie immer sie die Bäume beschnitten, alle Tiere und Vögel verjagten – der Frühling war Frühling, sogar in der Stadt.

Die Sonne wärmte, das junge Gras wuchs, grünte überall, wo immer man es nicht weg-gekratzt hatte, nicht nur auf den Rasenstücken der Boulevards, sondern auch zwischen den Steinplatten; Birken, Pappeln, Traubenkirschen entfalteten ihre klebrigen, duftigen Blätter; die Linden schwellten ihre berstenden Knospen; Dohlen, Spatzen und Tauben bereiteten schon frühlingshaft-fröhlich ihre Nester; und Bienen und Fliegen summten, von der Sonne erwärmt, an den Wänden. Fröhlich waren die Pflanzen, die Vögel, die Insekten und die Kinder.

Nur die Menschen, die großen, erwachsenen Menschen hörten nicht auf, sich selbst und einander zu betrügen und zu quälen. Die Menschen glaubten, daß nicht dieser Frühlings-morgen heilig und wichtig sei, nicht diese Schönheit der Gotteswelt, die zum Heil alles Wesen erschaffen ist, die Schönheit, die zum Frieden, zur Eintracht, zur Liebe geneigt macht – sondern heilig und wichtig war, was sie selbst ausgedacht hatten, um über einander zu herrschen.

So wurde in einem Büro … nicht für heilig und wichtig gehalten, daß allen Tieren und Menschen die Rührung und die Freude des Frühlings gegeben ist, sondern für heilig und wichtig wurde gehalten, daß eben zuvor ein mit Nummer, Siegel und Überschrift ver-sehenes Papier eingegangen war …

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Aus unbeschwerten Kindern des sanften Frühlings, wurden zerrissene Menschen ihren automatischen Trieben folgend.

„Die allerwichtigste Sache ist: Gutes tun, weil nur dafür der Mensch lebt.“

… Damals war er ein ehrlicher, aufopferungsfähiger Jüngling gewesen, der sich jeder guten Sache hinzugeben bereit war; jetzt war er ein raffinierter Egoist, der nur seinen Genuß liebte. Damals war ihm die Gotteswelt als ein Geheimnis erschienen, das er freudig und begeistert zu enträtseln suchte – jetzt war alles im Leben einfach und klar und wurde durch die Verhältnisse bestimmt, in denen er sich befand.

Damals war für ihn der Umgang mit der Natur nötig und wichtig gewesen, der Umgang mit Menschen, die vor ihm gelebt, gedacht und gefühlt hatten, mit Philosophie und Poesie – jetzt waren ihm menschliche Einrichtungen und der Verkehr mit den Kameraden nötig und wichtig. Damals war ihm das Weib als ein geheimnisvolles und reizendes Wesen erschienen – reizend eben durch das Geheimnis; jetzt war die Bedeutung des Weibes, jedes Weibes, ausgenommen die eigenen Familienangehörigen und die Frauen der Freunde, sehr bestimmt; das Weib war eins der besten Mittel zu dem schon erfahrenen Genuß.

Damals hatte man kein Geld gebraucht und konnte nicht einmal den dritten Teil dessen verbrauchen, was die Mutter hergab; man konnte auf das Vatererbe verzichten und es den Bauern abtreten – jetzt aber kam er mit den eintausendfünfhundert Rubel monatlich, die ihm die Mutter gab, nicht aus, und er hatte schon unangenehme Gespräche wegen des Geldes mit ihr gehabt.

Damals hatte er sein geistiges Wesen für sein wirkliches Ich gehalten, jetzt hielt er sein gesundes, munteres, animalisches Ich für sein wahres Ich.

„Bewahrt euch vor allem für euch selbst, dann wird auch noch viel für andere bleiben.“

Und diese ganze furchtbare Veränderung in ihm rührte nur davon her, daß er aufgehört hatte, sich selbst zu glauben, und angefangen hatte, anderen zu glauben. Aber aufgehört, sich selbst zu glauben, und angefangen, den anderen zu glauben, hatte er, weil es zu schwer war zu leben, wenn man sich selbst glaubte; denn wenn man sich selbst glaubte, mußte man jede Frage nicht zugunsten seines animalischen, nach leichten Freuden suchenden Ichs entscheiden, sondern fast immer gegen es; glaubte man den anderen, so war nichts zu entscheiden, alles war schon entschieden, und zwar immer gegen das geistige zugunsten des animalischen Ichs.

Auszug aus Leo N. Tolsoi „Auferstehung“ mit Zitaten.

Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi, deutsch häufig auch Leo Tolstoi (* 28. August(jul.)/ 9. September 1828(greg.) in Jasnaja Poljana bei Tula; † 7. November(jul.)/ 20. November 1910(greg.) in Astapowo), war ein russischer Schriftsteller. Seine Hauptwerke Krieg und Frieden und Anna Karenina sind Klassiker des realistischen Romans.

Der Achtung im Ausland folgte eine Ächtung im Inland. Seit 1882 unterstand er polizei-licher Überwachung. Meine Beichte sowie Worin mein Glaube besteht wurden mit dem Erscheinen sofort verboten. Über Tolstoi wurde das Gerücht verbreitet, er sei geistesge-stört. Als Tolstoi angesichts der Verfolgung seiner Anhänger seine Verantwortung als Urheber betonte, antwortete man: Herr Graf! Ihr Ruhm ist zu groß, als dass unsere Gefängnisse ihn unterbringen könnten! Die Veröffentlichung des Romans Auferstehung (1899)  führte dazu, dass ihn der Heilige Synod im Februar 1901 exkommunizierte, da er – angeblich –

  • „den als Dreieinigkeit gepriesenen Gott leugne“;
  • „den von den Toten auferstandenen Gottmenschen Christus leugne“;
  • „die Jungfräulichkeit Marias vor und nach Christi Geburt leugne“;
  • „das Geheimnis des Abendmahls lästere“; (Tolstoi verneinte Wunder an sich und insbesondere die Verwandlung des Abendmahlbrotes in den Leib Jesu).

Tolstoi zeigt sich wenig reuig. „Die Lehre der Kirche ist eine theoretisch widersprüch-liche und schädliche Lüge“, heißt es in einem Antwortbrief an den Synod, „fast alles ist eine Sammlung von grobem Aberglauben und Magie.“ Dies war aber „kein uneingesch-ränktes Verneinen, dahinter stand immer ein tiefer Glaube an das Wirken Gottes in der Welt und das Bemühen, das wahre göttliche Gesetz zu ergründen“.

„Wer lernen möchte, den Menschen die Wahrheit zu sagen, muss lernen, sie sich selbst zu sagen.“

Hörbuch: Das unhaltbare Leben. Tolstoi lesen heißt, die Konturen des Selbst heraus-schälen, sich gleich wie in einem Selbstverhör zu entblößen.

Quellen: PRAVDA-TV/Bild: Paul Morstad(Hobo Jellyfish)/Wikipedia/Winkler Verlag vom 19.07.2013

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