„Five Eyes“ – und der hundertjährige Krieg gegen Eurasien

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Er ist wieder da, der Krieg in der Ukraine. Wer hätte das gedacht – oder wer hätte wirklich gedacht, dass er auf einmal so still und heimlich verschwindet? Fast niemand macht sich mehr Gedanken darüber, wie er überhaupt entstehen konnte: immerhin haben wir ein weit gespanntes Netz von Diplomaten in allen Ländern, die vielfältig untereinander vernetzt sind – zur Sicherung des Friedens, was ja auch 70 Jahre gut funktioniert hatte.

Es gibt deutsche Botschaften in Moskau und russische Botschaften in Deutschland, wo auf vielen Empfängen, Essen und Arbeitstreffen ein reger Austausch stattfindet, von dem die Öffentlichkeit nicht viel mitbekommt – aber sie bieten den idealen Boden dafür, Informationen auszutauschen und frühzeitig zu warnen, wenn Situationen zu eskalieren drohen, wenn Handlungen einzelner Staaten missverstanden werden können.

All diese diplomatischen Kanäle scheinen momentan still zu liegen, was zu sonderbaren Erscheinungen führt: da fragt man sich doch in der Tat im Rahmen des G7-Gipfels, was Putin wohl denkt – obwohl es doch ein Leichtes wäre, mal den deutschen Botschafter danach zu fragen, was denn seine Gäste bei diversen Empfängen darüber reden … doch dies scheint niemanden mehr zu interessieren.

Warum auch? Alle Fragen werden in einer Tradition beantwortet, die hundert Jahre alt ist: „Putin war´s“, so lautet die Parole, die jegliche Diskussion verbieten, ja, verhindern will. Wer nicht in der Lage ist, der Parole zu folgen, für den haben die Nachrichtendienste schon längst eine weitere Parole bereit: „Putinversteher“ ist man dann, wenn man versucht, normal geisteswissenschaftlich zu arbeiten, verläßt man die Linie der offiziellen Propaganda oder wagt es auch nur, kritische Fragen zu stellen, ist man „Verschwörungstheoretiker“ und landet damit im gleichen Vernichtungslager wie „Arbeitslose“ – die ebenfalls zu den Hauptfeinden des Westens zählen, hier aber nur mal nebenbei erwähnt werden sollen.

Es wundert, wenn man hundert Jahre nach dem ersten Weltkrieg auf einmal Parolen wiederfindet, die schon 1914 die Schlagzeilen füllten: damals waren es „die Hunnen“, die kamen, allen voran der deutsche Kaiser. Der US-Senator Robert Owen legte dazu am 18.12.1923 einen denkwürdigen Bericht vor, der den Glauben an die damalige Kriegspropaganda massiv erschütterte:

„Weder die russische noch die französische Regierung glaubte wirklich, dass die deutsche Regierung einen Angriffskrieg gegen sie beabsichtigte. Doch lieferten die militärische Bereitschaft Deutschlands und der Bombast einiger seiner Chauvinisten eine passende, aber unwahre Grundlage für die französische und die britische Propaganda, dass die deutsche Führung die brutale militärische Eroberung der Welt ausgeheckt hatte. 1914 hatte Deutschland keinen Grund, einen Krieg anzufangen, beanspruchte keine Länder, hatte keine Rachegelüste und wusste, dass ein allgemeiner europäischer Krieg leicht seine Handelsmarine und seinen Handel, die sich beide rasant entwickelt hatten, zerstören könnte und zum Verlust seine Kolonien führen würde.“

Dieses Zitat stammt aus einem Buch, das zu lesen sicher bald verboten werden wird: Professor Guido Giacomo Preparata schrieb es, um zu belegen, „Wer Hitler mächtig machte“ oder: „Wie britisch amerikanische Finanzeliten dem Dritten Reich den Weg bereiteten“ (Perseus Verlag Basel, 3. Auflage September 2012, Zitat aus Seite 41).

Sehen Sie Ähnlichkeiten zur aktuellen Weltsituation? Damals waren es die Hunnen mit ihrem Kaiser, heute ist es Putin mit seinen Russen. Jeder Verstand ist völlig ausgeschaltet, wenn sein Name genannt wird, keinerlei diplomatischen Feinheiten oder Taktgefühl werden bei der Putinhatz berücksichtigt, der Hass der Propagandaleute des Westens wird erst gestillt sein, wenn er wie Gaddafi auf eine Eisenstange gepfählt durch Moskau getragen wird – alle Bildzeitungsfans werden an diesem Tag eine Extraflasche Bier an ihrer Lieblingsbude trinken, wahrscheinlich gibt der deutsche Arbeitgeberverband sogar extra frei dafür.

Der Ansatz von Professor Preparata zur Erklärung der Verwerfungen des 20. Jahrhunderts reicht weit zurück bis in die Tage des britischen Empires, in dem mächtige Männer des Imperiums eine große Gefahr entstehen sahen, die „Heartland-Theorie“ kam in die Welt (siehe Preparata, a.a.O. Seite 35)

„Die Vorstellung von Eurasien, die wir damit bekommen, ist die einer ununterbrochenen Landmasse, die im Norden von Eis und überall sonst vom Meer eingeschlossen wird. Sie bemisst sich auf 21 Millionen Quadratmeilen oder mehr als das Dreifache des Gebietes von Nordamerika. Das zentrale und nördliche Gebiet umfasst etwa 9 Mio. Qudratmeilen oder mehr als das zehnfache des Gebietes von Europa, verfügt über keine brauchbaren Wasserwege zum Ozean, ist aber andererseits, wenn man vom subarktischem Wald absieht, im Allgemeinen für den Verkehr von Reiter- und Kamelkarawanen sehr günstig. Im Osten, Süden und Westen des Herzlandes bilden Randzonen einen riesigen Halbmond, der für Schiffsmenschen zugänglich ist. Entsprechend ihrer physikalischen Gestaltung unterscheidet man vier dieser Regionen, und dabei ist es nicht unerheblich zu bemerken, dass sie im Allgemeinen mit den Einflussbereichen der vier großen Religionen, des Buddhismus, das Brahmanismus, des Islams und des Christentums zusammenfallen. Großbritannien, Kanada, die Vereinigten Staaten, Südafrika, Australien und Japan bilden nun einen Ring außen vorgelagerter, inselartiger Stellungen der See- und Handelsmächte, die für die Landmächte Europas unerreichbar sind.“

Geschrieben im Jahre 1904 sollte dieser Aufsatz von Sir Halford Mackinder über die Gefahren aufklären, der sich das Empire ausgesetzt sah.

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(„The Geographical Pivot of History“ / Halford J. Mackinder)

Man könnte seine Ideen ins Reich der Fantasie verweisen, wäre nicht seine Herzland-Theorie (in der vor allem ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland vermieden werden sollte, Russland aber der zentrale „Erbfeind“ der „Seemächte“ war – unabhängig von seiner jeweiligen Gesellschaftsform) auch in die Überlegungen und Überzeugungen eines Zbigniew Brezinski oder eines Henry Kissinger eingeflossen: zwei Männer, die heute zu den grauen Eminenzen der US-Politik gehören. Brezinski erklärt uns nebenbei auch genau, warum der Krieg um die Ukraine so wichtig ist (siehe Zeit):

„Auch Zbigniew Brzezinski, der Sicherheitsberater des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter und ein amerikanischer Globalstratege, betont in seinen Interviews, ohne die Ukraine könne Russland nie wieder Supermacht werden. Erst in diesem Kontext wird der erbitterte politische Kampf Russlands um die Ukraine verständlich.“

Erschreckend, oder? Da tobt seit einhundert Jahren ein Krieg gegen Eurasien, um die Bildung eines Machtschwerpunktes jenseits von London und New York zu verhindern – und wir merken nichts davon.

Wirklich nicht? Seit einigen Jahren sind wir konfrontiert mit einem seltsamen „Geheimbund“ (siehe Tagesspiegel), einer ominösen Allianz von Geheimdiensten, die wir nicht weiter hinterfragen dürfen, weil wir sonst höchstpersönlich zu einem Sicherheitsrisiko für „den Westen“ werden … jenem „Westen“, der eine Allianz jener Länder repräsentiert, die für Mackinder den „Halbmond“ repräsentieren, jene Seefahrernationen, die einen weiten Ring um Eurasien bilden: Großbritannien, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland.

Ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit drang dieser Geheimbund durch Edward Snowden, einem ganz besonderen Helden, der unsere Sicht auf die politische Realität maßgeblich veränderte. Welche Verschwörungen von den „Five Eyes“ zur Kontrolle des Herzlandes initiiert wurden, kann man in der Zeit nachschlagen (siehe Zeit). Der Bund hört alles und jeden ab, macht nur vor eigenen Mitgliedern halt (aber nicht vor der eigenen Bevölkerung – siehe Süddeutsche Zeitung). Besonders streng wird Deutschland überwacht (sieheTagesspiegel) – was uns erstmal verwundert und verwirrt in der Gegend herumstehen läßt.

Warum Deutschland? Der bravste Vasal des „Westens“ an der neu entstehenden Ostfront ist völlig durchsetzt durch „westliche“ Netzwerke wie Lionsclub, Rotarier oder Atlantikbrücke, bis ins Kleinste wird jede gesellschaftliche Regung beeinflusst, die Lebensweise des Westens ist absoluter Standard in der Bundesrepublik – wozu also die nachrichtendienstliche Superkontrolle, die auch vor dem  Handy der deutschen Bundeskanzlerin nicht halt macht – oder vor Industriespionage wie im Fall Siemens (siehe FAZ).

Verständlich wird es vor dem Hintergrund paranoiden Denkens von „westlichen“ Globalstrategen, die gerade mal wieder via Bilderbergertagung die Linientreue des Personals getestet haben: wie schon seit hundert Jahren fürchtet man die Allianz der Deutschen mit Russland, fürchtet sich vor der Allianz von technischer Brillanz (die gar nicht mehr so gegeben ist) mit unendlichen Bodenschätzen (die es in der Tat noch gibt), eine Allianz, die ein Hitler (der Mackinders Fantasien ebenfalls folgte) auch im Auge hatte … allerdings nicht gerade in Form einer gleichberechtigten Partnerschaft.

Wir merken auch, warum die gesamten diplomatischen Kanäle schweigen – die Geheimdienste haben schon längst die Macht in der Politik übernommen und marschieren im Geiste des alten (und neuen) Imperiums immer noch auf den selben Bahnen wie vor einhundert Jahren: das Herzland muss zersplittert werden. Darum der erbitterte Kampf um die Ukraine, ein Kampf der Seefahrer des Halbmondes gegen das Herzland: fällt die Ukraine, ist Russland nicht mehr zu verteidigen … etwas, dass nur jemanden interessieren kann, der den Angriff wirklich im Sinn hat, um selbst die Macht über das ominöse „Herzland“ zu übernehmen.

Seltsame Beobachtungen machen wir in diesen Zeiten – sogar Altkanzler Helmut Kohl (CDU) wird zum terrorverdächtigen Putinversteher (siehe Spiegel):

„Für eine stabile europäische Sicherheitsordnung ist die Einbeziehung Russlands existenziell“

Aber wer von den „Herzland-Strategen“ der „Five-Eyes“ hat schon wirklich in Interesse an einer stabilen, europäischen Sicherheitsordnung? In ihrem Sinne wäre es das Schlimmste, was geschehen kann: die dort zu befürchtenden Allianzen von „Märkten“ würde den Traum von einem „neuen amerikanischen Jahrhundert“ empfindlich stören – also reagiert man lieber militärisch als diplomatisch, stationiert schwere Waffen im „Osten“, obwohl man damit gegen bestehende Verträge verstößt (siehe Spiegel):

„Der Schritt würde mit großer Wahrscheinlichkeit zu noch größeren diplomatischen Verstimmungen zwischen Moskau und Washington führen. Seit 1997 gibt es zwischen Russland und der Nato eine Vereinbarung, laut der man sich gegenseitig „nicht mehr als Gegner betrachtet“. Auch die „dauerhafte Stationierung von zusätzlichen Bodentruppen“ der Nato in den russlandnahen Staaten soll laut diesem Abkommen vermieden werden.“

Als Gegner betrachtet man Russland in britischen „Clubs“ seit über einhundert Jahren – und vor lauter Furcht vor dem ominösen „Herzland“, das den Seemächten den Rang ablaufen würde, wird man wohl auch weiterhin Russland als Gegner betrachten und zu allen Mitteln greifen, aus „Putin“ den neuen „Kaiser“ zu machen – oder den neuen „Hitler“. In diesem Sinne bringt man reißerische Nachrichten über russische Kampfjets, die ihre Transponder ausschalten (siehe BR), obwohl der Westen ähnlich verfährt (siehe Spiegel) – dabei liegt die Gefahr für den Westen eher in einem „Geheimbund“, der zu drastischen Maßnahmen greift (siehe Heise):

„Dem Guardian wurden im Rahmen der Snowden-Enthüllungen nicht nur auf Geheiß der Regierung Festplatten zerstört. Wie der stellvertretende Chefredakteur nun enthüllte, wurde der Zeitung sogar unverblümt mit der Schließung gedroht.“

Das ist möglich im Kernland der „Five-Eyes“ – und die Techniken ihrer Mitglieder ähneln denen übelster Autokraten – und würden einen SS-Sturmbannführer stolz machen (sieheSpiegel):

„Viele Passagen in dem Folterbericht zur CIA sind geschwärzt – doch was man lesen kann, ist entsetzlich genug: Gefangenen wurden Schläuche zur Zwangsentleerung eingeführt, sie wurden in Eiswasser gesteckt, anal penetriert.“

Zudem weisen ihre „Sturmtruppen“ eine erstaunliche Degeneration menschlicher Werte auf, die ebenfalls an die Zeiten der Waffen-SS erinnern (siehe Spiegel):

„Eine „globale Menschenjagd-Maschine“: Ehemalige und aktuelle Mitglieder der US-Navy Seals berichten laut „New York Times“ von exzessiven und gezielten Tötungen der Spezialeinheit. Sogar Straßendiebe hätten die Soldaten verfolgt.“

Da stimmt etwas ganz gewaltig nicht im Herzen der seefahrenden „Halbmond-Staaten“, dem Geheimbund der „Five-Eyes“, zu dem der Zugang für Deutsche auf immer gesperrt bleibt (siehe NTV):

„Denn Deutschland wäre ein Fremdkörper bei den „Five Eyes“. Der britische Premier Cameron betonte nach dem EU-Gipfel, wie „einzigartig“ die Zusammenarbeit der britischen und amerikanischen Geheimdienste sei. „Ein Teil davon ist die Five-Eyes-Partnerschaft, die vor vielen, vielen Jahren eingerichtet wurde und auch Neuseeland, Kanada und Australien einschließt. Ich denke also, wir sind in der für uns richtigen Situation.“ Neue Mitglieder? Nein danke.“

Cameron – jener Mann, der jetzt Großbritannien kurz vor Kriegsbeginn aus der EU herauslösen möchte … um sich nicht an der Finanzierung des Wideraufbaus Europas nach dem angestrebten Krieg gegen Russland beteiligen zu müssen. Da schaut einer sehr weit voraus … oder auch weit zurück. Für die „Five Eyes“ ist Kontinentaleuropa nur ein Brückenkopf zur Invasion Eurasiens, ein Schlachtfeld. Hören wir dazu nochmal den Herrn Mackinder:

„Damit wäre das Weltreich in Sichtweite gerückt. Das könnte geschehen, wenn sich Deutschland mit Russland verbünden würde. Die Bedrohung durch eine solche Entwicklung sollte daher Frankreich in ein Bündnis zu den Seemächten bringen, und damit würden Frankreich, Italien, Ägypten, Indien und Korea ebenso viele Brückenköpfe werden, über die die Seestreitkräfte von außerhalb Armeen versorgen würden.“ (Preparata. a.a.O. Seite 36).

Erstaunlich, wie 2015 die Politik der Einkreisung Russlands immer noch mit der gleichen Vehemenz wie 1904 betrieben wird. Erstaunlich, dass es so eine geheime Allianz wie die Five-Eyes noch gibt.

Gruselig, dass Weltpolitik möglicherweise von äußerst machtvollen Paranoikern betrieben wird, die in der Vernichtung Russlands eine wichtige Grundlage für ihre eigene „Sicherheit“ sehen.

Literatur:

Wiederkehr der Hasardeure: Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure 1914 und heute von Wolfgang Effenberger und Willy Wimmer

Wir sind die Guten.: Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulierenvon Mathias Broeckers, Paul Schreyer

Wall Street und der Aufstieg Hitlers von Antony C. Sutton

Die deutschen Katastrophen 1914 bis 1918 und 1933 bis 1945 im Großen Spiel der Mächtevon Andreas von Bülow

Quellen: PublicDomain/neopresse.com vom 17.06.2015

Weitere Artikel:

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Im Großen Spiel der Mächte: Die deutschen Katastrophen 1914 bis 1918 – 1933 bis 1945

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4 comments on “„Five Eyes“ – und der hundertjährige Krieg gegen Eurasien

  1. Die Kontinuität dieser Verfolgung Russlands und das strategische Vorgehen dabei lässt darauf schließen, dass auch heute noch genau diesselben Machtzirkel dahinter stecken, wie vor einem Jahrhundert.

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