Kaymaklı wurde, ähnlich wie Derinkuyu, während des Byzantinischen Reichs von griechischstämmigen Christen ausgebaut, die sich vor arabischen und mongolischen Angreifern versteckten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts suchten die Griechen Kappadokiens in der Stadt immer wieder Schutz vor türkischen Verfolgungswellen. Endgültig verlassen wurden die Tunnelsysteme 1923, als im Zuge des Bevölkerungsaustausches zwischen Griechenland und der Türkei alle Christen ausgewiesen wurden.
Die Höhlenstadt Özkonak wurde in der Provinz Nevşehir in Zentralanatolien, rund 14 Kilometer nordwestlich von Avanos, in den Fels des Bergs Idis gehauen.
Entdeckt wurde die unterirdische Stadt 1972 von Latif Acar, einem der ortsansässigen Bauern. Er versuchte herauszufinden, wohin sein Wasser versickerte, und stieß dabei auf einen unterirdischen Raum.
Forscher entdeckten bei den Ausgrabungen unter der Erdoberfläche eine riesige Stadt mit zehn Stockwerken, die bis in 40 Meter Tiefe reichten. In Özkonak konnten vermutlich 60.000 Menschen bis zu drei Monate lang beherbergt werden.
Die Höhlenstadt weist ein paar einzigartige Merkmale auf, etwa ein Röhrenkommunikationssystem zwischen allen Stockwerken und Belüftungsröhren für jeden in den Tuffstein gehauenen Raum. Außerdem gab es Wehranlagen, zum Beispiel Löcher in den Decken der Gänge, durch die heißes Öl auf jeden Feind gegossen werden konnte, dem es gelungen war, in das Tunnelsystem vorzudringen.
In der Stadt befanden sich des Weiteren eine Trinkwasserzisterne, eine Weinkellerei, eine Belüftungsanlage und bewegliche Mühlsteintore.




Höhlenstadt Belağası
Erst kürzlich wurde die Höhlenstadt Belağası in der Provinz Kayseri von ein paar Schäfern und Einheimischen entdeckt. Gegenwärtig untersuchen Forscher in Zusammenarbeit mit Beamten der Bezirksbehörden von Kayseri sowie Mitarbeitern der OBRUK Cave Research und der türkischen Stiftung zur Wahrung und Förderung der Umwelt und des kulturellen Erbes (ÇEKÜL)die Ausgrabungsstätte. Die Stiftung hatte 2014 ein Projekt für die Suche nach vergessenen unterirdischen Siedlungen Kappadokiens und deren Dokumentation ins Leben gerufen.
Anders als die übrigen Höhlenstädte wurde Belağası eher horizontal als vertikal angelegt. Die Stadt hat mehr als 50 Räume und ist über 80 Meter lang. An der Oberfläche befindliche Ruinen einer Kirche und anderer Bauwerke brachten die Forscher überhaupt erst auf die Idee, darunter nach einer möglichen unterirdischen Stadt zu graben.

(Ein großer Raum in der Höhlenstadt Kaymaklı)
Höhlenstadt Melikgazi
Die Höhlenstadt Melikgazi in der Provinz Kayseri wurde 2014 entdeckt, als ein Bewohner des gleichnamigen Ortes an der Oberfläche seinen Keller für Renovierungsarbeiten entrümpelte.
Nüvit Bayar, Projektleiter der für die Renovierung verantwortlichen Firma, berichtete:
„Wir dachten, unter dem Haus befindet sich eine Speicherkammer für Lebensmittel oder ein Stall. Wir hatten keine Ahnung, dass der Raum Teil einer unterirdischen Stadt war. Die von uns bei der Renovierung zufällig entdeckte Höhlenstadt liegt wenige Meter unter der Erde und hat zwei Ebenen. Manche Teile davon erinnern an Überreste unterirdischer Siedlungen in Kappadokien. Überall fanden wir wundervolle Bauwerke, etwa eine Werkstatt zur Verarbeitung von Metall oder einen Taubenschlag.“
Die Arbeiter informierten das Büro des Oberbürgermeisters von Kayseri sowie das Amt für Kultur und Tourismus. Beide Behörden erteilten die Genehmigung für weitere Ausgrabungen, um die unterirdische Stadt vollständig freizulegen. Darüber hinaus förderten sie die Ausgrabungsarbeiten mit 420.000 US-Dollar.

(Eingänge in die Höhlenstadt Belağası im Bezirk Gesi in der türkischen Region Kayseri)
Über 100 Lkw-Ladungen Erde wurden aus der unterirdischen Stadt entfernt. Zum Vorschein kamen etliche Höhlenkammern, verteilt auf mehrere Stockwerke.
Höhlenstadt Nevşehir
Im Dezember 2014 wurde eine weitere Höhlenstadt unter der Festung Nevşehir während der Arbeiten an einem städtischen Umstrukturierungsprojekt der türkischen Wohnungsbaubehörde entdeckt.
Diese Höhlenstadt ist in mehrerer Hinsicht einzigartig. Sie besteht aus einem sieben Kilometer langen Tunnelsystem, verborgenen Kirchen und Fluchtstollen und ist die erste Höhlenstadt, von der man weiß, dass sie permanent bewohnt wurde.
Die türkische Hürriyet Daily News schreibt dazu:
„Hasan Ünver, Bürgermeister von Nevşehir in der Region Kappadokien, sagt, die neuen Funde in der uralten unterirdischen Stadt der Provinz würden die Geschichtsschreibung verändern.




,Sobald die Arbeiten fertiggestellt sind, müssen wir die Geschichte Kappadokiens neu schreiben‘, erklärte Ünver und fügte hinzu, die während der Ausgrabungen entdeckten Fundstücke würden bis in die Zeit der Hethiter zurückdatieren.
,Wir haben einige bedeutende Funde gemacht; neue, lange Tunnel und Kammern, in denen die Menschen gemeinsam lebten. Räume, in denen Leinöl gepresst wurde, Kapellen und Tunnel, die verschiedene Wohnräume der unterirdischen Stadt miteinander verbanden‘, berichtete Ünver.“
Die Ausgrabungen werden vom Archäologen Semihİstanbulluoğlu geleitet. Er ist überzeugt, die Stadt sei mehr als 5.000 Jahre alt und stamme aus der Zeit vor den Hethitern. Möglicherweise handelt es sich hier um die größte Höhlenstadt der Welt, bestehend aus elf Wohnvierteln, die wie Honigwaben im Erdreich rund um die Burg Nevşehir angeordnet sind. Derzeit wird die genaue Lage von Gängen und Kammern unter Einsatz von hochmodernem Georadar bestimmt, um alle Wohnstätten freizulegen.
2016 wurde dabei eine Kirche entdeckt, die wahrscheinlich aus dem 5. Jahrhundert stammt. Sie ist geschmückt mit einzigartigen Fresken von Jesus, der in den Himmel auffährt, und verdorbenen Seelen, die vernichtet werden. Die Kirche war ziemlich verfallen und voller Erde und Staub. Einige der Fresken hatten sich von den Wänden gelöst, andere waren intakt geblieben.
Die übrigen Höhlenstädte sind alle weitaus kleiner und ähneln eher großen Felskammern mit mehreren miteinander verbundenen Räumen. Im Gegensatz zu bedeutenden unterirdischen Städten wie Derinkuyu oder Kaymaklı sind sie weder bekannt noch gut dokumentiert. Trotzdem wurden auch sie von der OBRUK Cave Research Group, der Technischen Universität Istanbul (İTÜ) und dem EURASIA Earth Sciences Institute untersucht.
Die folgende Auflistung stammt aus dem Konferenzbeitrag „Underground Cities of Kayseri, Turkey“, der im März 2015 von Ali Yamac von OBRUK sowie Ezgi Tok und Betül Filikci von der İTÜ verfasst wurde:
Die Höhlenstadt Catalin, gelegen in der Provinz Gesi, umfasst 18 Räume auf einer begrenzten Fläche von 621 Quadratmetern. Sie wurden auf drei Ebenen in den Fels gehauen. Der Eingang der Tunnel auf der Westseite der zweiten Ebene lässt sich mit einem rollenden Mühlstein verschließen.
Ganz in der Nähe von Catalin liegt die Höhlenstadt Penzikli. Sie verfügt über 22 Räume, die in zwei gegenüberliegende Kammern führen. Konzipiert wurde Penzikli mit schmalen Eingängen, die in weiten Höhlen münden. Die Gesamtfläche der labyrinthartigen Anlage beträgt 725 Quadratmeter.
Ali Saip Pasha ist sehr klein und besteht aus nur zwei „Wohnräumen“ sowie einem 916 Meter langen Tunnel.
Die Höhlenstadt Doganliin der Provinz Adana wurde nach den 40 Stufen benannt, die am Hauptzugang in den Fels gehauen sind. 15 Pfeiler stützen die Decke der 510 Quadratmeter großen Hauptkammer, die über eine eigene Zisterne verfügt. Links und rechts davon liegt jeweils ein Tunnel. Einer der beiden ist 74 Meter lang und durch Erdreich blockiert. In der südlichen Kammer befindet sich eine kleine Kirche.
In die Höhlenstadt Güzelöz führen zwei Tunnel. Ein Tunnel kann durch einen großen, rollenden Mühlstein verschlossen werden, ähnlich jenen in anderen unterirdischen Städten. Im obersten Stockwerk der Stadt befinden sich sieben Räume, von denen fünf wahrscheinlich als Vorratskammern genutzt wurden.
Die Höhlenstadt im Kırlangıç-Tal erstreckt sich über 505 Meter und verfügt über fünf Stockwerke, die 56 Meter tief in den Fels reichen. Die fünf Ebenen sind übereinander in eine Felswand gehauen und zum Tal hin geöffnet. Es gibt keinerlei Wehranlagen, der Eingang ist über einen Steilhang zu erreichen. Im Unterschied zu anderen Siedlungen in Kayseri gibt es eine große Gemeinschaftskammer auf der ersten Ebene und sechs verschiedene Räume in der Höhlenkammer der zweiten Ebene.
Gleich zwei Höhlenstädte gibt es im Ötedere-Tal. Viele der Räume in Stadt 1 verfügen über Fensteröffnungen zum Tal. Tunnel, Mühlsteintore und hohe Steinmauern entlang des Abstiegs zum Eingang lassen vermuten, dass es sich ursprünglich um eine unterirdische Stadt handelte, die später zur Klippensiedlung umgestaltet wurde. Vom Eingangsraum führen zwei Tunnel in eine große, von Säulen gestützte Kammer.
Der Eingang zur Stadt 2 im Ötedere-Tal befindet sich in der Wand einer Felswohnung. Von dort aus führt ein Tunnel nach unten in eine Kammer mit Mühlsteintor. Über eine Felstreppe gelangt man auf die untere Ebene. Drei Tunnel, etwa sechs Meter unterhalb des Eingangs, führen zu drei weiteren Kammern, die allerdings teilweise verschüttet sind.

Der Konferenzbeitrag endet mit den Worten:
„Uns wurde gesagt, dass in der Region zusätzlich zu den hier erwähnten elf Höhlenstädten noch mindestens 19 weitere existieren. Wir hoffen, im Zuge dieses Projekts zumindest einen Teil dieses kulturellen Erbes freilegen, von Schutt säubern und unter Denkmalschutz stellen zu können.“
Zu den Höhlenstädten, mit deren Untersuchung die Forschergruppe bereits begonnen hat, zählen Kırkgöz und St. Mercurius im Bezirk Aksaray.

(Karte der Höhlenstadt Doganli)

(Touristenkarte von Kappadokien)
St. Mercurius ist eine der weitläufigeren unterirdischen Siedlungen, verfügt über eine Kirche und ist auf die Unterbringung einer größeren Anzahl von Menschen über einen längeren Zeitraum ausgerichtet. Neben der Kirche mit einem in den Fels gehauenen Massengrab gab es in der Stadt auch Getreidespeicher, eine Belüftungsanlage, ein Toilettensystem und eine Wasserzisterne. Sämtliche Räume auf allen Ebenen können mit beweglichen Mühlsteinen verschlossen werden. Sowohl St. Mercurius als auch Kırkgöz wurden für den Tourismus geöffnet.
Höhlenstadt in der Provinz Trabzon
Im Januar 2018 veröffentlichten Archäologen einen Bericht über die Entdeckung einer 4.000 Jahre alten Höhlenstadt. Die eng mit einer byzantinischen Dynastie verbundene Stadt befand sich in der Provinz Trabzon.
Zu Zeiten des Byzantinischen Reichs, von 1081 bis 1185, soll diese Stadt im Besitz der komnenischen Dynastie gewesen sein. Darüber hinaus wurde in einem Tunnel, der die Stadt mit dem historischen Kloster Sumela in Trabazon verband, vor Kurzem eine griechische Kapelle mit wunderschöner sakraler Malerei entdeckt.

Die etwa 80 Kilometer von Derinkuyu entfernt gelegene unterirdische Stadt Gir-Gör wurde erst kürzlich wiederentdeckt, nachdem ein paar Häuser des zugehörigen Dorfes überflutet worden waren. Arbeiter der Gemeinde öffneten einen Tunnel, der aus Sicherheitsgründen vor Jahrzehnten verschlossen worden und in Vergessenheit geraten war. Auf der anderen Seite des Tunnels fanden sie eine teilweise von sauberem Wasser bedeckte Höhlenstadt, die sich über drei Ebenen und eine Länge von fünf Kilometern erstreckte.
Die Siedlung bestand aus Wohnungen, Tunneln und Kultstätten auf einer Fläche von rund 1,2 Quadratkilometern. Scheinbar war man bereits vor 25 Jahren auf die Höhlenstadt gestoßen, als ein Kind in einen der Tunnel fiel, hatte die Eingänge aber mit Erde zugeschüttet, um weitere Unfälle zu verhindern.
Literatur:
Unterirdisch (DuMont Bildband): Verborgene Orte in Deutschland
Verwunschene Orte: Atlas der unheimlichen Orte. Eine düstere Reise um die Welt. Über 40 verfluchte Plätze der Welt und ihre geheimnisvollen Geschichten, illustriert mit historischen Karten.
Vulkane, Schluchten, Höhlen: Geologische Naturwunder in Deutschland
Quellen: PublicDomain/nexus-magazin.de am 22.09.2020
