China: Offizielle Wirtschaftsstatistiken stark verfälscht

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Die chinesischen Wirtschafts-Zahlen werden offenbar massiv manipuliert. Das hat der Ökonom Christopher Balding nun erstmals in einer wissenschaftlichen Untersuchung belegt. Investoren in China sollten sich warm anziehen.

Investoren und Ökonomen ahnen es schon lange: Die chinesischen Wirtschaftsdaten sind zu gut, um wahr zu sein. Nun erhält diese Vermutung ein solides Fundament in Form einer Studie, die von dem Wirtschaftswissenschaftler Christopher Balding an der Universität von Peking HSBC Business School erarbeitet wurde. Demnach sind die Inflationsdaten der chinesischen Wirtschaft hochgradig verfälscht.

(Foto: Der chinesischen Statistikbehörde zufolge wohnen nur 12 Prozent aller Chinesen zur Miete. Ein Professor der Universität Peking hat nachgerechnet und festgestellt, was viele schon lange vermuten: Die chinesischen Wirtschaftsstatistiken sind manipuliert)

Von diesen Daten leiten sich wiederum weitere ökonomische Kennzahlen ab, wie etwa das Bruttoinlandsprodukt. Dieses wurde, den konservativen Schätzungen von Balding zufolge, um mindestens 8 bis 12 Prozent zu hoch bemessen. Das sagte er den Deutschen Mittelstands Nachrichten (komplettes Interview am Ende dieses Artikels).

Die Studie trägt den vielsagenden Titel: „Wie sehr sind chinesische Wirtschaftsdaten verzerrt? Das Eröffnungsgebot liegt bei einer Billion US-Dollar.“ Balding konzentrierte sich in seiner Untersuchung zunächst auf die offiziellen Zahlen der Nationalen Behörde für Statistik China (NBSC). Sein Fokus lag dabei besonders auf den Wohnkosten, da diese im Allgemeinen den größten Faktor in vielen Warenkörben ausmachen. Der Wissen-schaftler kam schnell zu dem Schluss, dass die Basisdaten der Inflationsrate für den Wohnungsmarkt im großen Stil manipuliert seien.

Offiziellen Daten zufolge kamen private Hausbesitzer in chinesischen Stadtgebieten zwischen 2001 und 2011 in den Genuss einer Inflationsrate von relativ geringen 6 Prozent. Gleichzeitig schlug die Inflation auf Mieter in Stadtgebieten mit über 50 Prozent nieder. Die NBSC aber klassifiziert die meisten Haushalte in China als private Haus-besitzer, wodurch sie unter die geringere Inflationsrate fallen. Den Daten der NBSC zufolge wohnen lediglich zwölf Prozent der Chinesen zur Miete.

Darüber hinaus setzt die Behörde eine geradezu absurde Quote zur Verteilung der Be-völkerung in städtischen und ländlichen Regionen an. Obwohl im Jahr 2000 noch mehr als zwei Drittel der chinesischen Bevölkerung auf dem Land lebten, gewichtet die NBSC die Verteilung urbane und rurale Bevölkerung mit 80 zu 20 und verzerrt die Statistik dadurch weiter zu ihren Gunsten. Erst seit dem Jahr 2011 leben mehr Chinesen in den Städten (51 Prozent) als auf dem Land. Weiterhin behauptet die Behörde, dass die Wohn-kosten in urbanen Regionen langsamer gestiegen seien als in ruralen Gebieten.

Angesichts der Tatsache, dass viele Chinesen in dieser Zeit in die Städte gezogen sind und die Nachfrage nach Wohnraum dort stark gestiegen ist, erscheint diese Behauptung mehr als fragwürdig. Zudem gewichtet die NBSC die Wohnkosten im Warenkorb geringer als die Kosten für Kultur und Bildung oder die Kosten für Kleidung. Demzufolge geben Chinesen mehr Geld für Schulen, Universitäten, Theaterbesuche und Kleidung aus als für das Wohnen.

Und schließlich behauptet die NBSC, dass die Lebensmittelpreise für 99 Prozent der Inflation zwischen 2003 und 2011 verantwortlich seien. Das würde bedeuten, dass die einzigen Preisanstiege in diesem Zeitraum im Lebensmittelbereich lagen.

Um der Wahrheit ein Stück näherzukommen, bediente sich Balding der Daten der Abteilung für Bauwirtschaft an der Tsinghua Universität Peking und des Instituts für Immobilienstudien der Universität Singapur. Diesen Daten nach hat sich der Preis für Immobilien in 35 chinesischen Städten seit dem Jahr 2000 fast verdreifacht. Damit liegt der tatsächliche Anstieg von Immobilienpreisen mit 300 Prozent deutlich höher als die offiziell angegebenen acht Prozent. Das bedeutet, dass auch die Zahlen des Consumer Price Index (CPI, vergleichbar mit dem Warenkorb) sowie das inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt drastisch verzehrt sind. Nach Meinung des Ökonomen Balding ist letzteres – nach Abgleich der verschiedenen Daten – um mindestens 8 bis 12 Prozent zu hoch angesetzt. In US-Dollar ausgedrückt würde das einer Überbewertung von einer Billion US-Dollar entsprechen.

Die Implikationen einer solchen Statistikfälschung sind kaum abzusehen. Diverse Finanzprodukte, Ratings und Investitionsentscheidungen basieren auf den Daten der NBSC. Die China-Blase platzt. Und sie ist offenbar noch viel größer, als selbst die Pessimisten angenommen haben.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie waren die Reaktionen der chinesischen Behörden auf Ihre Anschuldigungen?

Christopher Balding: Meines Wissens nach gab es keine offiziellen Reaktionen oder Aussagen zu dem Thema. Die Reaktion von Kollegen und der chinesischen Presse war freundlich. Ich sage das deshalb, weil es in China als gegeben angesehen wird, dass ökonomische und finanzielle Daten fehlerhaft und manipuliert sind. Mit anderen Worten, jeder hier hat vorher schon geglaubt, was ich geschrieben habe, auch wenn niemand es bisher so ausgearbeitet hat wie ich.

DMN: Westliche Volkswirtschaften haben massiv in China investiert. Wie waren die Reaktionen von westlichen Ökonomen?

Balding: Es gab ein gesteigertes Interesse von nicht-chinesischen Ökonomen und Institutionen. Es gab schon lange Verdachte, was chinesische Wirtschaftsdaten betrifft, aber ich denke, diese Studie war die erste, die das Ausmaß des Betrugs in offiziellen Daten bloßstellt und belegt.

DMN: Investoren auf der ganzen Welt begründen ihre Entscheidungen auf der Richtigkeit der offiziellen Wirtschaftsdaten. Was sind die Implikationen für die Weltwirtschaft, wenn Ihre Aussagen zutreffen sollten? Ist China noch immer der Wachstumsmotor der Welt-wirtschaft oder basiert das alles nur auf Täuschung?

Balding: China ist ohne Frage stark gewachsen, aber ich denke, es gibt eine starke Diskrepanz zwischen realem Wachstum und offiziellem Wachstum. Ich persönlich glaube, dass es ein signifikant höheres Risiko in der chinesischen Wirtschaft gibt, als weitläufig geglaubt wird.

Die beiden Sektoren, die ich anhand dieses Beispiels von statistischer Manipulation für am verwundbarsten halte, sind Rohstoff-Unternehmen und der Einzelhandel. Das chinesische Wirtschaftswachstum hat die weltweite Nachfrage von Rohstoffen angeheizt, speziell Rohstoffe im Bauwesen wie Kupfer oder Eisen, aber auch viele andere. Jeder Rückgang der Nachfrage wird enorme Effekte auf die globalen Märkte haben. Des Weiteren sind Kennzahlen wie Konsumausgaben und frei verfügbares Einkommen deutlich langsamer gestiegen als die Löhne oder das Bruttoinlandsprodukt. Das ist ein Hinweis darauf, dass die chinesischen Haushalte und Konsumenten nicht in den Genuss der Früchte des offiziellen Wirtschaftswachstums kommen. Zudem haben viele Einzelhändler und Konsumgüter-Firmen echte Probleme, Geld zu verdienen.

DMN: Denken Sie, dass diese Art statistischer Tricks auch in anderen Ländern gängige Praxis ist (z. B. in den USA, der europäischen Union, Russland, etc.), um die wahren Inflationsraten zu verschleiern und die offiziellen BIP-Zahlen zu schönen?

Balding: Das wird eine komplizierte Antwort, aber lassen Sie es mich versuchen. Erstens denke ich, dass es wichtig ist zwischen legitimen methodischen Debatten über die Be-rechnung von Inflation (ob Sie es glauben, oder nicht, die existieren wirklich, und zwar mit klugen und rationalen Menschen auf beiden Seiten!) und regelrechtem Betrug zu unterscheiden. Die chinesischen Zahlen für Wohnkosten sind regelrecht betrügerische Manipulation. Der Unterschied von 8 Prozent zu 300 Prozent ist zu groß, um durch einen Rundungsfehler erklärt zu werden. Europäische und amerikanische Fragen zur Inflation sind methodische Debatten zur Berechnung.

Zum Beispiel: Wie beeinflussen Veränderungen bei schwankenden Gütern wie Lebens-mitteln oder Energie die größeren Kennzahlen des Warenkorbs, die nicht schwankend sind? Es gibt ehrliche und rationale Debatten darüber. Ein anderes Beispiel: Spiegelt der Warenkorb tatsächlich Veränderungen im Lebensstil durch geringere Beschäftigung und die daraus resultierenden verringerten Ausgaben für Transport und Kleidung wider?

Für größere Bestandteile des amerikanischen Warenkorbs kann ich sagen, dass sie die Veränderungen widerspiegeln. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine methodischen Bedenken über die Art der Berechnung und Erhebung dieser Daten gäbe, die zu Unter-schieden zwischen der offiziellen und der realen Rate führen könnten. Dennoch muss ich erneut betonen, dass das ein anderes Thema ist als die betrügerische Manipulation der Daten, die wir in Chinas Wohnkosten beobachten können.

DMN: Was sind Ihre Eindrücke der jüngsten chinesischen Bankenkrise? Ist sie eine Bedrohung für die Weltwirtschaft oder wird sie durch die westlichen Medien größer gemacht, als sie tatsächlich ist?

Balding: Um ehrlich zu sein, ich halte das für ein viel größeres Thema, als es in der Presse – sogar der westlichen Presse – dargestellt wird. Es gibt enormen finanziellen Druck in der chinesischen Regierung, im Unternehmens- und im Haushaltssektor. Die chinesische Stahlindustrie hat Verbindlichkeiten in Höhe von fast 500 Milliarden US-Dollar und hat im ersten halben Jahr gerade einmal Profite in Höhe von 350 Millionen US-Dollar ein-gefahren.

Unabhängige Daten deuten darauf hin, dass in den meisten chinesischen Städten die Rate von Hauspreisen zu Einkommen weit über 20 liegt. Dieselbe Rate lag in den USA in San Francisco im Jahr 2008, kurz vor Ausbruch der Hypothekenkrise, bei elf. Ich könnte Ihnen noch viele weitere Beispiele nennen, die auf den enormen finanziellen Druck hinweisen, unter dem China zurzeit steht. Was mich am meisten überrascht, angesichts dieser Daten und meiner Studie, ist, dass so viele Leute die Geschichte aus Peking über eine angebliche wirtschaftliche Erholung glauben.

Quelle: Deutsche-Mittelstands-Nachrichten vom 05.09.2013

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