
Mitten in der Kuba-Krise vor einem halben Jahrhundert hätten die USA um ein Haar versehentlich die Sowjetunion mit Atomraketen angegriffen. Dass der Angriff nur im letzten Moment abgewehrt werden konnte, wurde erst jetzt bekannt, wie die amerikanische Zeitung „Bulletin of the Atomic Scientists“ unter Verweis auf einen Luftwaffen-Offizier berichtet.
Dank Captain William Bassett, der diese Geschichte fünf Jahrzehnte lang geheim gehalten hatte, konnte der Krieg vermieden werden. Davon, was geschehen war, erzählte John Bordne, ein Kollege von Bassett.
Als Bassett am 28. Oktober 1962 auf einer der vier geheimen amerikanischen Raketenbasen auf der japanischen Insel Okinawa Dienst hatte, erhielt er den Befehl, vier mit Kernsprengköpfen bestückte Raketen auf die vier Städte Wladiwostok, Peking, Pjöngjang und Hanoi abzuschießen.
Es war die Tatsache, dass drei der vier genannten Ziele außerhalb der Sowjetunion – des wahrscheinlichsten Gegners – lagen, die den Offizier misstrauisch werden ließ. Die Raketen blieben auf dem Stützpunkt, und der Captain befahl seinen Untergeordneten, niemandem etwas von dem Geschehen zu erzählen.

Befehl zum Angriff
Wie an jedem Tag hatten die Offiziere den empfangenen Code rasch abgeglichen – anders als sonst stimmte er an jenem 28. Oktober wohl tatsächlich mit den Angaben in ihren Unterlagen überein. Es galt, weitere Zeilen zu überprüfen. Auch diese waren identisch. Schließlich gab es noch einen dritten Teil des Codes, der separat aufbewahrt wurde. Stimmte auch dieser überein, bedeutete dies: Abschuss.
Sie waren identisch, wie sich John Bordne erinnert. Lediglich sein Vorgesetzter William Bassett habe Zweifel an dem Abschussbefehl gehegt. Normalerweise durften die US-Streitkräfte ihre Atomwaffen nur im Alarmzustand „DEFCON 1“ starten. Dieser bedeutete Krieg. Bis dahin hätte lediglich die schwächere Stufe „DEFCON 2“ gegolten.
Offizier Bassett habe sich in seinen Zweifeln bestätigt gefühlt, so berichtet Bordne, als er die Liste der Angriffsziele seiner Mannschaft las. Nur eins lag in der Sowjetunion. Er tauschte sich darüber mit seinen Kollegen aus, die wie er jeweils für vier Marschflugkörper verantwortlich waren. Ein anderer Offizier meldete, dass auch zwei der ihm vorgegebenen Ziele außerhalb der Sowjetunion lagen.

(Nach Bordnes Schilderung gab es Streitigkeiten unter den US-Soldaten auf der Basis. Bassett habe gedroht, einen Leutnant, der trotzdem seine Marschflugkörper starten lassen wollte, erschießen zu lassen. Die Aufnahme zeigt eine US-Atomwaffenbasis auf Okinawa Anfang der Sechzigerjahre)
Angriff abgeblasen
Bassett habe daraufhin um erneute Übermittlung des Codes gebeten, um einen Fehler auszuschließen. Die erneute Sendung allerdings habe den Angriffsbefehl bestätigt. Unter den Führungsoffizieren spitzte sich die Situation zu. Ein Leutnant hätte sich geweigert, mit dem Abschuss zu warten: Seine vier Angriffsziele befanden sich in der Sowjetunion. Kurzerhand, so sagt es Bordne, habe Basset angeordnet, den Offizier zu erschießen, falls er weiterhin den Abschuss vorbereiten würde.
Per Telefon erreichte Bassett danach offenbar den Major, der den Code abgeschickt und damit beinahe einen tödlichen Fehler begangen hätte. Der Angriff wurde abgesagt.
Eine Bestätigung für diese Geschichte, so wie sie der Luftwaffensoldat John Bordne 2015 dem Magazin erzählte, gibt es bislang nicht. William Basset selbst ist 2011 gestorben, wie die Website „The Intercept“ meldete. Zwar interviewte laut „Bulletin of the Atomic Scientists“ 2013 ein japanischer Journalist einen weiteren Zeugen, der allerdings anonym bleiben wollte. John Bordne wäre demnach vorerst der einzige aussagewillige Überlebende für die Vorgänge in der Atomwaffenbasis.

(Nach der Entdeckung der sowjetischen Raketen auf Kuba ordnete Kennedy eine Seeblockade der Insel an. Weil später US-Kriegsschiffe ein sowjetisches U-Boot zum Auftauchen zwingen wollten, kam es beinahe zur Katastrophe. Der Kommandant wollte einen Nukleartorpedo auf die US-Schiffe abfeuern – doch der Offizier Wassili Archipow widersetzte sich)
Untergang entkommen
Bekannt war allerdings bereits, dass Unfälle und fahrlässiger Umgang im Zusammenhang mit Atomwaffen eher die Regel als die Ausnahme waren. Schon 1958 verloren die US-Streitkräfte eine Atombombe in der Arktis , drei Jahre später stürzte in North Carolina ein Bomber mit zwei Wasserstoffbomben an Bord ab (
„Broken Arrow“: Wie die USA eine Atombombe verbummelten).
Auch die sowjetische Seite verzeichnete Beinahe-Katastrophen. Am 27. Oktober 1962, genau einen Tag vor dem kritischen Moment auf der US-Basis auf Okinawa, hatten US-Kriegsschiffe im Atlantik ein sowjetisches U-Boot zum Auftauchen zwingen wollen. Dessen Kommandant ordnete daraufhin das Abfeuern eines Nukleartorpedos an. Der Offizier Wassili Archipow allerdings verweigerte seine erforderliche Zustimmung. Der Angriff blieb aus – und ebenso der mögliche Gegenschlag. 1983 meldete schließlich das sowjetische Frühwarnsystem den Abschuss amerikanischer Atomraketen (Der letzte Tag (Video)). Nur weil Oberst Stanislav Petrow den vermeintlichen Angriff richtig als Fehlalarm identifizierte, entging die Welt dem nuklearen Inferno.

„Erst vor kurzem haben die US-Luftstreitkräfte John Bordne erlaubt, diesen Vorfall der Öffentlichkeit mitzuteilen. Und – sollte diese Geschichte wahr sein – wird sie eine weitere schreckliche Ergänzung auf der Liste von Fehlern, die beinahe einen Atomkrieg herbeigeführt hätten“, schlussfolgert der Autor des Artikels (US-Nachrichtensender: Was CNN zeigt, wenn die Welt untergeht (Video)).
Literatur:
Das Szenario eines Dritten Weltkriegs: Die geheimen Pläne des Pentagons zur Errichtung einer Neuen Weltordnung von Michel Chossudovsky