Pressefreiheit? Zensur bei Bayerns Schülerzeitungen

Eine Schülerzeitung unterhält, informiert und kritisiert – so sollte es zumindest sein. Doch in Bayern ist das oft nicht der Fall: Eine Studie zeigt, in welchem Ausmaß Schulleiter dort ihre Jungredakteure zensieren. Pressefreiheit gibt es nicht, schlussfolgert der Autor.

Was Zensur bedeutet, sollten Bayerns Schüler allenfalls theoretisch wissen – nicht aus eigener Erfahrung. Eine nun veröffentlichte Studie zeigt aber: Mehr als ein Drittel der bayerischen Schülerzeitungsmacher haben im Redaktionsalltag bereits Zensur erlebt. “Das ist eines von mehreren erschreckenden Ergebnissen der Studie und zeigt deutlich, dass es an Bayerns Schulen keine Pressefreiheit gibt”, sagt der Autor Dominik Mai, 24.

Für seine Bachelorarbeit im Studiengang Sozialwissenschaften an der Uni Augsburg schrieb Dominik Mai, früher selbst Schülerzeitungsredakteur, alle rund 750 Gymnasien und Realschulen in Bayern an. Schüler von etwa jeder siebten Schule antworteten: 220 Schülerzeitungsredakteure, der Großteil Gymnasiasten, nahmen an der Online-Umfrage teil. Die Daten stammen aus dem Jahr 2010, veröffentlicht wurden sie jetzt anlässlich des Internationalen Tages der Pressefreiheit am Donnerstag, den 3. Mai.

Die zentralen Ergebnisse:

  • Rund 37 Prozent der befragten Schüler sagten, dass die Schulleitung in den vergangenen Jahren schon Artikel zensiert oder ganz gestrichen habe. Rund ein Fünftel der Schüler gab an, dass die beratende Lehrkraft das schon mal getan habe. Wobei einige Schülerzeitungsredakteure diese Maßnahme mit eigenen Fehlern erklärten: Manche Artikel seien “qualitativ nicht hochwertig”, “aus dem Internet kopiert”, “ein bisschen beleidigend” oder “ziemlich forsch geschrieben”, gaben sie an.
  • Rund zwölf Prozent sagten, die Schulleitung habe verhindert, dass die Schüler über bestimmte Themen berichten – bevor sie überhaupt mit dem Schreiben begonnen hatten. Rund 16 Prozent gaben an, der betreuende Lehrer habe das schon getan. “Dies muss ebenso wie die Zensur von fertigen Texten als Verstoß gegen die Pressefreiheit und direkte Zensur gewertet werden”, schreibt Dominik Mai in seiner Arbeit. “In beiden Fällen liegt somit eine sogenannte Vorzensur vor, die eigentlich laut Grundgesetz verboten ist.”
  • Rund ein Viertel hat schon auf Artikel verzichtet, um Ärger aus dem Weg zu gehen. Viele sagten auch, sie müssten vorsichtig sein, was sie schreiben – andernfalls hätten sie Nachteile im Schulalltag zu fürchten.
  • Jeder vierte Schülerzeitungsredakteur hatte Probleme mit dem Briefgeheimnis: Bei ihnen sei die Post schon geöffnet gewesen, die an die Schülerzeitung adressiert ist. Wobei viele sagten, dass der betreuende Lehrer die Post aufmache – er sieht sich dann selbst als Teil der Redaktion, vermutet der Autor.
  • Die Schüler selbst scheinen die Ergebnisse nicht so sehr zu beunruhigen: Etwa zwei Drittel (rund 62 Prozent) stimmten der Aussage zu: “Wir sind völlig unabhängig in unserer Arbeit und können veröffentlichen, was wir wollen.” Nur etwa zwei Prozent der Teilnehmer sagten, ihre Zeitung sei absolut zensiert.

Die Junge Presse Bayern, der Landesverband junger Medienmacher, sieht die Ergebnisse weitaus kritischer: “Zensur findet immer noch statt”, sagt Roman Kindl, Mitglied im Landesvorstand.

Dabei sollte eine Gesetzesänderung das eigentlich verhindern. Auslöser waren zwei Zensurfälle – einer davon an Dominik Mais alter Schule. Gemeinsam mit der Jungen Presse Bayern machte der damals 17-Jährige den Fall öffentlich und erreichte mit einer Petition schließlich die Änderung des Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes.

Bis dahin durfte eine Schülerzeitung nur veröffentlicht werden, wenn die Schulleitung dem zustimmte. Seit sechs Jahren können Schülerredaktionen wählen: Entweder ihre Zeitung erscheint unter Verantwortung des Direktors oder die Schüler geben sie in eigener Verantwortung im Sinne des Bayerischen Pressegesetzes heraus. Für den Inhalt der Zeitung sind in diesem Fall die Schüler verantwortlich, richten die Kinder Schaden an, haften die Eltern. Schulleiter können auch dann immer noch “Einwendungen erheben”, wenn ihnen Passagen nicht gefallen.

Zufrieden ist die Junge Presse Bayern damit noch nicht: Das Gesetz überfordere Schulleiter, Eltern und Schüler, sagt Kindl. “Das Gesetz muss einfacher werden und die dort vorhandenen Maßnahmen der Zensur müssen verschwinden, so wie es in anderen Bundesländern längst geschehen ist.”

Quelle: Der Spiegel vom 01.05.2012

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