Schottlands „No“ zur Freiheit: Reiche können bleiben – Ausschreitungen nach Referendum (Video)

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Schottland stimmt bei Referendum mehrheitlich gegen Unabhängigkeit. Vor allem Arme und Jugendliche votierten für Trennung von Großbritannien. Ausschreitungen in Glasgow

Anhänger und Gegner einer Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien sind in der Nacht in Glasgow aneinandergeraten

Der schottische Sozialist Tommy Sheridan entschuldigte sich am Vorabend des Unabhängigkeitsreferendums, als er seine Rede auf einem prall gefüllten ­George Square an Bord einer improvisierten Lastwagenbühne begann, für seine Verspätung. »Es gab einen wahnsinnigen Stau auf der Autobahn. Die Straßen waren voller Millionäre, die auf der Flucht aus Schottland waren.«

(Foto: Ein enttäuschter Anhänger der Unabhängigkeit Schottlands am Freitag in Edinburgh)

Die Millionäre können vorerst in Schottland bleiben. Bei dem Referendum am Donnerstag sprachen sich 55,3 gegen 44,7 Prozent der Teilnehmer für einen Verbleib im Vereinigten Königreich aus. Doch das Ergebnis ist alles andere als ein Triumph für die Großbanken, die Unternehmerverbände und die in den konservativen, liberaldemokratischen und in der sogenannten Labour Party versammelten Eliten Großbritanniens. Betrachtet man die Wahlergebnisse in den Arbeitervierteln, insbesondere jenen mit der höchsten Arbeits-losigkeit in Schottland, dreht sich das Ergebnis um. In Glasgow, Lanarkshire, Dundee und anderen Gegenden gab es jeweils stabile zweistellige Mehrheiten für die Unabhängigkeit.

Solche Ergebnisse sind Ausdruck einer Massenbewegung, die in den vergangenen Wochen und Tagen stetig an Fahrt aufgenommen hatte und sich dabei immer mehr der Kontrolle durch die Scottish National Party (SNP) entzog. Kurz vor dem Referendum gab es in jeder größeren Stadt tägliche spontane Massenkundgebungen, die größten davon in Glasgow.

Auf ihnen kamen jene Menschen zusammen, die sich normalerweise nicht an Wahlen beteiligen: Erwerbslose, Lohnabhängige und Jugendliche. Sie alle wollten ihre Opposition zu Sparpaketen, Massenverarmung und einem kostspieligen Atomwaffenprogramm zum Ausdruck bringen. Das Instrument dafür war das Referendum. In manchen Gegenden lag die Wahlbeteiligung bei fast 90 Prozent. 71 Prozent aller wahlberechtigten Jugendlichen stimmten mit »ja«. Noch nie in der Geschichte Großbritanniens haben sich so viele Menschen an einer Abstimmung beteiligt.

Die SNP aber konnte ihre Gefolgschaft in ihren ländlichen Kerngegenden nur unzu-reichend mobilisieren. Von hier kamen die Mehrheiten für das unionistische Lager. Während Menschen, die nur wenig oder nichts zu verlieren hatten, mehrheitlich mit »ja« votierten, war der Mehrheit in den wohlhabenderen Gegenden das Risiko einer Unab-hängigkeit zu groß. Scheinbar konnte die SNP mit ihrem Wirtschaftsprogramm, das unter anderem eine Währungsunion mit England vorsah, nur unzureichend punkten.

Am Tag nach dem Referendum heftete sich die britische Labour Party den Erfolg des unionistischen Lagers an die Brust. Es waren Alistair Darling und Gordon Brown, der Finanz- und der Premierminister der letzten Labour-Regierung, die die Kohlen für Westminster aus dem Feuer holten. In der Woche vor dem Referendum machten Gordon Brown und die Chefs der drei großen Parteien hastige, weitreichende Versprechen.

Schottland soll größere Autonomierechte bekommen. Außerdem ist den Schotten ein höherer Anteil der britischen Staatsfinanzen versprochen worden. Außerdem wird nun auch über eine größere Autonomie für England, ­Wales und Nordirland diskutiert. Doch daß sich Brown und Labour vor den Karren einer konservativen Londoner Regierung haben spannen lassen, ist in den Arbeitergegenden Schottlands zur Kenntnis genommen worden. Die nächsten Wahlergebnisse werden dort entsprechend ausfallen.

Unter den Anhängern der Konservativen Partei sind hingegen die Autonomieversprechen nicht gut aufgenommen worden. Eine wachsende Zahl konservativer Politiker fordert im Gegenteil eine Kürzung der Finanzspritzen für Schottland. So konnte sich Schottland bislang gegen die Privatisierung des Gesundheitssystems stellen. Viele Tories und ihre Sponsoren in der Privatwirtschaft möchten diesen Zustand beenden.

Die nächsten sozialen Konflikte sind indes bereits sichtbar. Am 14. Oktober werden der britische öffentliche Dienst und die Beschäftigten im Gesundheitswesen für eine Gehalts-erhöhung streiken. Diese wird von der Regierung kategorisch abgelehnt. Doch das Referendum hat gezeigt, zu welchen Zugeständnissen sie bereit ist, wenn der Druck nur groß genug scheint.

Ausschreitungen in Glasgow

Nach dem Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands ist es in Glasgow zu kleineren Ausschreitungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Loslösung gekommen. Berittene Polizisten mussten die Kontrahenten trennen. Sechs Menschen wurden vorübergehend festgenommen, teilte die Polizei am Samstag mit.

Nach Angaben eines BBC-Reporters hätten Anhänger der im Referendum siegreichen „No“-Kampagne das patriotische britische Lied „Rule Britannia“ angestimmt und damit die Konfrontation ausgelöst. Das gegnerische Lager habe mit der schottischen Hymne „Floer of Scotland“ gekontert. Dabei sei es vereinzelt zu Handgreiflichkeiten gekommen. Einige Demonstranten hätten auch bengalische Feuer abgebrannt und Fackeln in die Menge geworfen.

Video:

Quellen: dpa/faz.net/AP/jungewelt.de vom 19.09.2014

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