Selber ernten macht gesund: Mundraub statt Supermarkt

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Tausende Obstsorten reifen heran. In den Supermarktregalen liegen meist nur die gespritzten Clubsorten-Äpfel.

Der Herbst bietet eine Fülle an Äpfeln, Birnen, Pflaumen und Beeren, die in Gärten, auf Wiesen, Weges-, Straßen- und Waldrändern wachsen. Tausende Obstsorten reifen im September heran. In den Supermarktregalen liegen das ganze Jahr über fünf bis sechs so genannte Clubsorten Äpfel: Golden Delicious, Granny Smith, Elstar, Pink Lady und Braeburn. Sie sind gespritzt, genormt und kommen aus Italien, Neuseeland, Chile, Südafrika.

Auf ihrer Reise hierher legen sie oft tausende Kilometer zurück. Die Behandlung mit 1-Methylcyclopropen, einem gasförmigen Kohlenwasserstoff, der das natürliche Reifegas Ethylen blockiert und unter dem Namen SmartFresh im Handel ist, sorgt dafür, dass die Äpfel auch nach monatelanger Lagerung wunderschön aussehen. Auch wenn man es ihm nicht ansieht: Der Apfel altert dennoch und seine Vitamine werden abgebaut.

„In fast allen modernen Sorten ist Golden Delicious eingekreuzt, die kommen ohne Spritzmittel gar nicht mehr aus“, sagt Bio-Apfelbauer Eckhard Brandt, der an der Nieder-elbe drei Hektar mit Obst bewirtschaftet. Auf seinen chemiefreien Plantagen stehen 300 alte Apfelsorten, darunter der Finkenwerder Herbstprinz und der Weiße Winterglocken-apfel.

Die alten Sorten überzeugen weniger durch ihr Aussehen als durch ihren hervorragenden Geschmack. Aber auch im ökologischen Obstbau gelten die EU-Handelklassen: Sind zu vielen Flecken auf der Schale, wird der Apfel aussortiert.

Früher war es selbstverständlich, Äpfel, Birnen, Pflaumen und Beeren in den eigenen Gärten, an Weges- und Waldrändern selber zu ernten. Jede Region hatte ihren eigenen Weihnachtsapfel. Gab es eine Weihnachtsgans, füllte man sie mit einem Apfel. Heute findet der moderne Stadtmensch Kräuter und Obst zu jeder Jahreszeit im Supermarkt.
Nur begeisterte Gärtner pflücken und sammeln ihr Obst im eigenen Garten. Wer nach einem stressigen Arbeitstag abends nach Hause kommt, hat selten Lust, Fallobst auf-zulesen. Wochenlang gammelt das Obst unbeachtet vor sich hin. Dabei ist Stein- und Kernobst eine vitaminreiche Nahrungsergänzung. Egal, ob klein und groß, mit Schorf, Druckstellen oder wurmstichig – Äpfel kann man zu Kompott und Konfitüre verarbeiten oder Apfelkuchen backen. Ideal dafür ist der im Supermarkt kaum erhältliche Boskoop.

Alte Sorten nur noch im Museum?

Wer jemals in einen Gravensteiner, in eine Große Kasseler Renette oder in einen Geflammten Kardinal gebissen hat, weiß, wie herzhaft Äpfel schmecken können. Die Sommersorten James Grieve, Weißer Klarapfel und der Rote Astrachan werden schon ab Mitte August reif. Doch wo findet man die alten Apfelsorten, die früher so weit verbreitet waren?

Nur noch wenige Obstbauern kümmern sich um die Erhaltung selten gewordener, regionaler Obstsorten. Ende der 1980er Jahre gründete der Gärtner Meinolf Hammerschmidt in Sörup bei Flensburg eine Baumschule. Am Anfang des Unternehmens stand ein 150 Jahre alter Baum der Sorte Angelner Herrenapfel, von dem er Reiser weitervermehrte. Heute gedeihen rund 730 verschiedene Apfelsorten, fünfzig Birnen-, acht Kirschen- und zwanzig Pflaumensorten in den Gärten des Pomarium Anglicum.

Neben dem europäischen Malus sylvestris stehen auch chinesische Wildapfelbäume. Seit etwa 20 Jahren pflegt und beerntet auch Hans-Joachim Bannier rund 500 Apfelsorten, 70 Kirsch-, 40 Pflaumensorten sowie Aprikosen- und Pfirsichbäumchen im Obst-Arboretum Olderdissen bei Bielefeld.

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Lebensraum Streuobstwiese

Stark zurückgegangen sind auch die Streuobstbestände. Gab es 1950 noch rund 1,5 Millionen Hektar Streuobstwiesen in Deutschland, sind es heute gerade mal noch 300.000 Hektar. Dabei haben Streuobstwiesen eine wichtige ökologische Funktion, da sie Lebensraum für rund 5.000 Tier- und Pflanzenarten bieten. Doch in den letzten Jahren hat sich offenbar ein Problembewusstsein für das Verschwinden der Streuobstwiesen entwickelt, denn in einigen Regionen wird der Streuobstanbau wieder neu entdeckt.

Die Erzeugnisse werden in eigenen Mostereien vor Ort verarbeitet. So bewirtschaftet der Landschaftspflegeverband Oberes Vogtland im Mittelgebirge Streuobstwiesen auf Lagen bis zu 600 Metern Höhe eigene Apfelsorten. Auf diese Weise werden nicht nur ökologische Kreisläufe aufrechterhalten, sondern auch regionale Wirtschaftskreisläufe angekurbelt. Dafür erhielt die Initiative 2002 den sächsischen Umweltpreis.

In diesem Jahr allerdings sorgen überdurchschnittlich hohe Obsternten, hohe Lager-bestände an Tafelobst und Apfelsaft sowie das Einfuhrverbot von Obst aus der EU nach Russland dafür, dass die Preise im Keller sind. Der NABU empfiehlt eine betriebseigene Vermarktung mit Aufpreis von Streuobst aus Bio-Anbau. Denn Keltereien mit eigener Vermarktung sind unabhängig vom internationalen Saftmarkt.

Vergessene Früchte am Wegesrand

Das Wissen darüber, welche Pflanzen essbar sind, ist im industriellen Zeitalter mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Dabei bietet die Natur eine unglaubliche Vielfalt an genießbaren Wildpflanzen und -früchten. Wildobstgehölze bereichern die Landschaft und spenden Pollen und Nahrung für Wildinsekten. Im Herbst hat die Natur ihren Tisch für Mensch und Tier reich gedeckt. Äpfel, Pflaumen, Zwetschgen, Birnen, Himbeer- und Brombeerhecken tragen reife Früchte, die köstlich schmecken, häufig aber einfach nur herunterfallen und liegenbleiben.

Schon im Juli und August findet man Himbeeren und Brombeeren in Gebüschen und an Waldrändern. Die Vitamin-C-haltigen Beeren lassen sich zu Konfitüre verarbeiten. Himbeeren sind außerdem reich an Vitamin A, Rutin und Biotin. Auch pur schmecken sie gut. Ihre Blätter finden sich in Teemischungen, der gegen Husten und Schnupfen hilft. Bis in den Oktober hinein kann man die Blätter und Beeren der Himbeere ernten.

In der Nähe von Häusern findet man häufig Holundersträucher. Aus seinen Blüten, die man bis Ende Juni sammelt, bereitet man Tee zu, der gegen Erkältung wirkt. Erntezeit für Holunderbeeren ist von August bis Ende Oktober. Die Beeren sind reich an Vitamin C und A. Sie lassen sich zu Saft, Marmelade, Mus und sogar zu Wein verarbeiten. Weil sie das Glykosid Sambunigrin enthalten, das beim Kauen Blausäure freisetzt, sollte man sie aber nicht roh essen. Die Blüten des schwarzen Holunders wirken schweißtreibend, fieber-senkend und schleimlösend. Aus den Blättern lassen sich Salben herstellen.

15 Arten gehören zur Gattung der Haselnuss, die vor allem an Waldrändern wächst. Ihre Früchte sind reich an Vitaminen A, B1, B2 und C, Fetten, Eisen und Kalzium.
Aus den getrockneten Schalen der Hagebutten kann man einen gesunden, Kräutertee aufgießen, der gegen Erkältung wirkt und das Immunsystem stärkt. Auch frisches Hagebuttenmus enthält Vitamin C. Als Konfitüre ist Hagebutte gesund und wohlschmeckend.

Eher selten geworden ist die Elsbeere. Das größte einheimische Rosengewächs leuchtet im Herbst in rot-grün-gelben Farben. Der Baum liefert nicht nur ein qualitativ hochwertiges Holz, auch die Beeren, die man bis in den Spätherbst hinein ernten kann, lassen sich vielfältig verwerten. Bereits im Mittelalter aß man die Vitamin-C-haltigen säuerlich süß schmeckenden Früchte, die gegen Magen- und Darmbeschwerden helfen. Verarbeiten lassen sich die Früchte zu Mus, Konfitüre oder Kompott. Man kann sie trocknen lassen. Traditionell wird aus den Beeren auch Schnaps hergestellt.

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Selbstbedienung in der Natur?

Unter hochstämmigen Obstbäume an Straßen-, Wegrändern und Alleen vergammelt jedes Jahr tonnenweise Obst. Früchte, die man eigentlich sammeln und verwerten könnte. Doch Vorsicht, streng genommen gehört jede Pflanze dem Grundstückseigentümer. Pflückt man das Obst ohne dessen Erlaubnis, begeht man Diebstahl. Es schadet also nicht, vorher zu fragen. Auf öffentlichem Land hingegen wird das Pflücken sogar begrüßt Und dasjenige Obst, das von den Zweigen fällt, die über den Zaun auf das Nachbargrundstück hinüberragen, gehört laut Gesetz dem Nachbarn.

Die Initiative Mundraub hat es sich zur Aufgabe gemacht, wild wachsende Obstgehölze in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken. Wer Obstbäume und Sträucher findet, die auf öffentlichem Boden stehen oder zum Ernten freigegeben sind, kann deren Standort in einer Karte im Internet eintragen. Ziel ist es, Fundort und Früchte mit vielen Nutzern zu teilen aber auch alte Bäume zu pflegen und zu erhalten. Wer Obstbäume nutzt, übernimmt für sie die Verantwortung. So werden die Früchte der Natur wieder wert geschätzt. Und es gibt einen weiteren Vorteil: Wer Äpfel, Birnen, Pflaumen und Beeren selber erntet, handelt ökologisch und spart Geld.

Quelle: heise.de vom 05.10.2014

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9 comments on “Selber ernten macht gesund: Mundraub statt Supermarkt

  1. Wer auf „Mundraub“ einträgt wo öffentliche Obstbäume oder -sträucher stehen ist ein Idiot.
    Warum soll ich anderen meine besten Ernteplätze mitteilen? So etwas dämliches macht nur die neue Idiotengeneration Internet.

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