Der Antikythera-Mechanismus: Rätsel um die “Himmelsmaschine” der Antike (Videos)

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Es ist das mit Abstand komplexeste Gerät der gesamten Antike – und eines der mysteriösesten. Denn bis heute rätseln Forscher darüber, wozu der Mechanismus von Antikythera diente. War es ein Astrolabium? Ein mechanischer Himmelscomputer? Oder eine Art „Astro-App“ für angehende Gelehrte?

Schon seit gut hundert Jahren bringt das Fundstück vom Meeresgrund der Ägäis die Wissenschaftler zum Staunen und Spekulieren. Denn obwohl das Innenleben des Mechanismus inzwischen dank moderner Scan-Technik weitgehend entschlüsselt ist, sind der Einsatzzweck, die Herkunft und der Erschaffer dieses faszinierenden Geräts noch immer unbekannt.

Eine „Titanic“ der Antike

Wir schreiben das Jahr 1900. Vor der Küste der kleinen griechischen Insel Antikythera tauchen einige Männer nach Schwämmen und folgen damit einer jahrhundertelangen Tradition in dieser Region. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern nutzen sie dabei jedoch eine brandneue Erfindung: einen Taucherhelm, der über eine Leitung mit Luft von der Oberfläche versorgt wird.

Dank dieser Ausrüstung können die Schwammtaucher nun länger als nur wenige Minuten unter Wasser bleiben und bringen viermal mehr Schwämme an die Oberfläche als zuvor.

Die Entdeckung

Doch an diesem Frühlingstag finden die Taucher mehr als nur die gesuchten Schwämme: Sie stoßen auf das Wrack eines gesunkenen Schiffes. Verstreut am Meeresgrund in rund 55 Metern Tiefe sehen sie einige dicke Holzbalken, Reste von nautischen Utensilien, aber auch Relikte einer wertvollen Fracht, darunter einige Objekte aus Bronze und Marmor. Als Beleg für ihren Fund nimmt einer der Taucher den bronzenen Arm einer Statue mit an die Oberfläche.

Sofort werden die Behörden über den Fund informiert und ein halbes Jahr später beginnt unter Aufsicht von Archäologen und mit Unterstützung der griechischen Kriegsmarine die Untersuchung des Wracks und die Bergung der Funde. Diese Expedition markiert den Beginn der Unterwasserarchäologie – und demonstriert gleichzeitig deren Tücken. Die Arbeit am Meeresgrund ist so hart, dass einige der Taucher schwer erkranken. Zudem erschwert schlechtes Wetter immer wieder den Fortgang der Arbeiten.

Bronze, Marmor und Wein

Doch trotz all dieser Schwierigkeiten ist die Ausbeute sensationell: Bis zum September 1901 haben die Taucher wahre Schätze aus dem Wrack von Antikythera geborgen. Unter ihnen sind die lebensgroße Bronzestatue eines Jünglings, die Portraitbüste eines Philosophen sowie Teile von weiteren Bronzestatuen. Außerdem bergen die Taucher Fragmente von 36 Statuen aus Marmor, darunter vier lebensgroßen Pferden, Darstellungen des Gottes Hermes, der Aphrodite und des Zeus sowie Statuen von Helden der griechischen Sage wie Odysseus, Achilles und Herakles.

Zur Ladung des Schiffes gehörten aber auch zahlreiche Gefäße, die vermutlich einst Wein enthielten, sowie Silbergeschirr, feine Keramik und einige teils farbige Glasgefäße. All dies deutet darauf hin, dass dieses Schiff aus der Antike stammen muss. Wahrscheinlich war es ein griechischer oder römischer Frachter, der Luxusgüter für die Elite der damaligen Zeit transportierte (Aliens in der Antike: Beweise für Hochtechnologie).

Woher kamen Schiff und Fracht?

Aber aus welcher Zeit stammt das Wrack genau? Erste Hinweise darauf liefern Münzen aus Bronze und Silber, die bei einem Tauchgang in den 1970er Jahren gefunden werden. Sie stammen ihrer Prägung nach aus der Zeit um 60 bis 70 vor Christus, dazu passt auch der Stil der aus dem Wrack geborgenen Gefäße. Nähere Analysen ergeben zudem, dass die noch erhaltenen Holzbalken des Schiffs aus Ulmenholz bestehen – einem von den Römern häufig beim Schiffsbau verwendetes Holz.

Heute gehen Archäologen aufgrund dieser Indizien und Radiokarbondatierungen davon aus, dass es sich bei dem Wrack um einen römischen Frachter handelt, der etwa im Jahr 65 bei einem Sturm von Antikythera sank. Vermutlich war das Schiff auf dem Weg von Griechenland nach Italien. Wo es allerdings losfuhr, ist bis heute umstritten. Ebenso strittig ist die Frage, ob die Luxusfracht an Bord Handelsware war oder aber Beute aus einem Raubzug. So könnte das Schiff einer Hypothese nach Teil eines Konvois gewesen sein, mit dem Julius Cäsar Kriegsbeute aus Rhodos nach Rom bringen ließ.

Größtes Wrack der Antike

Doch ungeachtet der spektakulären Schätze an Bord ist das Wrack von Antikythera noch aus einem anderen Grund eine echte Sensation: „Unsere Belege zeigen, dass dies das größte antike Schiffswrack ist, das je entdeckt wurde“, sagt Brendan Foley von der Woods Hole Oceanographic Institution. „Es ist die Titanic der alten Welt.“ Neuen Vermessungen der Wrackteile im Jahr 2014 zufolge muss das Schiff von Antikythera einst rund 50 Meter lang gewesen sein – deutlich länger als lange gedacht.

Die 3D-Kartierung des Wracks mit neuester Technik legt nahe, dass ein Großteil des Schiffs und seiner Fracht noch unter dem Sediment des Meeresgrunds verborgen liegt. Tatsächlich haben Unterwasserarchäologen im Rahmen des Projekts „Return to Antikythera“ in den letzten Jahren weitere spannende Funde im Wrack gemacht, darunter Relikte von sieben weiteren lebensgroßen Bronzestatuen, eine geheimnisvolle Bronzescheibe mit dem Relief eines Bullen und das gut erhaltene Skelett eines Menschen.

Schon das Wrack selbst ist damit einzigartig. Doch der mit Abstand bedeutendste Fund aus dieser „Titanic“ der Antike blieb zunächst unerkannt.

Der Himmelscomputer

Als Taucher im Jahr 1901 diesen Fund aus dem Wrack von Antikythera bergen, scheint er alles andere als spannend oder wertvoll: Es handelt sich nur um einen unförmigen Klumpen aus stark korrodiertem Metall und verkrustetem Sediment. Das unscheinbare Gebilde mit der Inventarnummer X 15087 landet daher wie viele der Antikythera-Fundstücke erst einmal in einem Lagerraum des Nationalen Archäologiemuseums in Athen.

Peilhilfe und Astrolabium?

Doch im Mai 1902 bekommen die eingelagerten Funde aus Antikythera prominenten Besuch: Spiridos Stais, hochrangiger Kulturpolitiker und Cousin des Museumsdirektors, sieht sich die Ergebnisse der Bergungsexpedition an – und entdeckt etwas Ungewöhnliches am Fundobjekt X 15087. Ihm fällt auf, dass die Oberfläche des korrodierten Klumpens an einigen Stellen Reste von Inschriften zu tragen scheint. Zudem ähneln einige der Metallobjekte Zahnrädern.

Nähere Untersuchungen lassen darauf schließen, dass es sich bei diesem Fund um ein mechanisches Anzeigegerät handelt – möglicherweise eine Art Astrolabium, wie 1905 der Münchener Philologe Albert Rehm vermutet. Mit einem solchen Hilfsmittel ließ sich die Position von Planeten und Sternen darstellen, gleichzeitig diente es als Peilhilfe beispielsweise bei der Navigation auf See. Einige schwache Markierungen auf dem Objekt scheinen zu dieser Nutzung zu passen. Doch die Verkrustungen und die starke Korrosion des Metalls machen es unmöglich, in das Innere des Apparats zu schauen, ohne das Fundstück zu zerstören.

Moderne

Tierkreis, Mondphasen und Sterne

Erst rund 50 Jahre später gewinnen Forscher einen ersten Einblick in das Innere des „Mechanismus von Antikythera“, wie das mysteriöse Objekt inzwischen genannt wird. Der Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price durchleuchtet den Fund und weitere inzwischen vom Meeresgrund hinaufgebrachte Komponenten des Apparats mittels Röntgen- und Gammastrahlen. Sie enthüllen erstmals das ungewöhnlich komplexe Innenleben des Mechanismus und machen weitere Inschriften sichtbar.

Demnach besitzt der Mechanismus drei runde Hauptzifferblätter, eines vorne, zwei übereinander angeordnet auf der Rückseite. Auf der vorderen Anzeige sind die Reste eines Sonnenkalenders erkennbar, der die Wanderung der Sonne durch die mit babylonischen Symbolen gekennzeichneten Tierkreiszeichen zeigt. Gleichzeitig sind Tages und Monatsnamen des ägyptischen Kalenders angegeben. In einem beweglichen Innenkreis sind zudem griechische Sternzeichen aufgereiht. Dessen nicht genug, zeigen die Scans auch Reste eines Mondphasenkalenders, sowie Inschriften, die die Planeten Mars und Venus erwähnen.

Ein „Computer“ für astrologische Berechnungen?

Price schließt daraus, dass die Vorderseite einen Anzeiger für astronomisch oder astrologische relevante Konstellationen von Sonne, Mond und Planeten darstellen könnte – eine Art astrologischen Himmelscomputer. „Man könnte ihn in der Hand gehalten und mit einer Kurbel an der Seite bedient haben, so dass er wie eine Art Computer arbeitete, wahrscheinlich für astrologische Berechnungen“, schreibt der Forscher 1959 in einem Artikel.

Welchem Zweck die beiden Zifferblätter auf der Rückseite dienen, kann Price jedoch mangels Auflösung seiner Aufnahmen nicht eindeutig feststellen.

Mehr als nur ein Planetarium

Das Rätsel um die Rückseite des antiken „Himmelscomputers“ klärt sich erst ab 1989, als eine Forschergruppe um Michael Wright vom Londoner Wissenschaftsmuseum den Mechanismus von Antikythera erstmals im Computertomografen untersucht.

Die Aufnahmen zerlegen die Fragmente des Geräts in mehr als 700 virtuelle Scheiben und machen so weitere verborgene Zahnräder und auch Beschriftungen an den Innenseiten und der Rückfront sichtbar. 2005 wiederholt das Antikythera Research Projekt diese Untersuchung mit noch hochauflösenderen CT-Aufnahmen.

Zyklen von Sonne und Mond

Das Ergebnis: Die Zifferblätter auf der Rückseite sind eine erstaunlich komplexe Anzeige von wiederkehrenden und miteinander verknüpften Zyklen von Mond und Sonne. So zeigt das obere, spiralige Zifferblatt den 235 Mondmonate umfassenden Meton-Zyklus – eine Zeitspanne, die genau 19 Sonnenjahren entspricht.

Schon die Babylonier nutzten diesen Zyklus zur Synchronisation ihres Mond- und Sonnenkalenders mithilfe von Schalttagen. Ein kleinerer Einsatz im Zentrum dieser Anzeige zeigt den längeren, 76 Sonnenjahre umfassenden Kallippischen Zyklus an, der von griechischen Himmelsgelehrten ebenfalls zur Kalendersynchronisation verwendet wurde.

Das untere Spiral-Zifferblatt auf der Rückfront des Antikythera-Mechanismus besitzt 223 Unterteilungen und zeigt den rund 18-jährigen Saros-Zyklus an. Dieser markiert die Zeitperiode, in der sich Sonnen- und Mondfinsternisse wiederholen und erlaubt so eine Vorhersage dieser Ereignisse. Archäologische Funden wie der Sonnenwagen von Trundholm oder die Goldhüte lassen vermuten, dass dieser Zyklus wahrscheinlich schon in der Bronzezeit bekannt war. Im Zentrum des Saros-Zifferblatts findet sich ein Einsatz, der den drei Saroszyklen umfassenden Exeligmos-Zyklus anzeigt.

Das komplexeste Gerät der Antike

Der Antikythera-Mechanismus verknüpfte demnach gleich mehrere astronomische und kalendarische Anzeigen und Funktionen miteinander. Sogar die Olympiaden, die vierjährige Zeitspanne zwischen zwei olympischen Spielen, konnte man an einer der Anzeigen ablesen. „Das neue Bild, das wir von dem Antikythera-Mechanimus haben ist komplexer als das von Price. Seine Beschreibung als ‚Kalender-Computer‘ passt daher nicht länger. Auch der Bezeichnung ‚Planetarium‘ wie Rehm es nannte, können wir nicht länger folgen“, konstatiert Alexander Jones von der New York University.

Stattdessen handelt es sich bei dem Antikythera-Mechanismus um das mit Abstand komplexeste Gerät der Antike. Es kombiniert komplexe Anzeigen und Vorhersagen der Himmelsmechanik mit verschiedenen Kalendern, Peilhilfen und Zeitgebern. „Es ist jedem anderen Uhrwerk-Mechanismus von ähnlicher Komplexität um mehr als ein Jahrtausend voraus“, erklären die Forscher des Antikythera-Projekts. Aus dem Altertum ist bisher nichts Vergleichbares bekannt.

„Ein enormer Glücksfall“ – und dennoch rätselhaft

„Das wir rund ein Viertel des Originalobjekts geborgen haben, darunter wesentliche und zusammenhängende Teile seines Rädermechanismus, ist ein enormer Glücksfall“, sagt Jones. „Dadurch kennen wir heute rund drei Viertel von dem, was passierte, wenn jemand damals die Kurbel an der Seite bediente – und können den Rest zumindest erraten.“

Tatsächlich existieren heute schon mehrere Nachbauten des Antikythera-Mechanismus, die sein komplexes Räderwerk und seine Anzeigen in Aktion zeigen. Die große Frage jedoch ist: Wo, wann und von wem wurde der Mechanismus von Antikythera damals eingesetzt?

Wozu diente die „Himmelsmaschine“?

Klar scheint: Der Mechanismus von Antikythera konnte Informationen anzeigen, die für die antiken Nutzer gleich in mehrfacher Hinsicht nützlich waren. Doch im Gegensatz zu spezialisierteren Werkzeugen wie Astrolabien, Kalenderanzeigern oder Finsterniskarten glich dieses Gerät eher einer eierlegenden Wollmilchsau: Es konnte alles auf einmal und war daher entsprechend hochkomplex und aufwendig konstruiert. Aber warum?

Nützlich nur in Teilen

Für die Menschen der griechisch-römischen Welt war beispielsweise der lunisolare Kalender von enormer Bedeutung: An ihm orientierten Bauern ihre Aussaat und Ernte, er gab die Feiertage vor und den Takt des gemeinschaftlichen Lebens. Ein Gerät, das diesen Kalender koordinierte und anzeigte, war daher durchaus nützlich. Auch die Mondphasen galten damals als ein wichtiger Einfluss auf Wohlergehen und Wachstum von Menschen, Tieren und der Pflanzenwelt. Dass der Mechanismus von Antikythera auch sie anzeigte, ist daher nicht überraschend.

Deutlich merkwürdiger ist jedoch, dass der „Himmelscomputer“ zusätzlich die Planetenpositionen sowie die babylonischen und ägyptischen Tierkreiskalender nachbildete – Angaben, die eher für die Astrologie relevant waren. Für diese Zwecke jedoch wäre die Anzeige der Olympiaden oder der Finsternisse deutlich weniger interessant gewesen.

Für die Navigation auf See wiederum wären zwar die Sternenpositionen hilfreich, nicht aber der Finsterniszyklen-Rechner auf der Rückseite des Mechanismus. Zudem hielt schon Albert Rehm im Jahr 1905 den Antikythera-Mechanismus für viel zu fragil, um auf See eingesetzt zu werden: „Dieses zarte und komplizierte mechanische Kunstwerk war nicht dafür gedacht, von Seeleuten genutzt zu werden“, schrieb er damals.

(Grundlage der griechischen und römischen Astronomie war das geozentrische Weltbild, hier in einer Darstellung aus dem 17. Jh.)

Für vieles zu kompliziert und fragil

„Es scheint demnach kein spezifisches Feld praktischer Anwendungen zu geben, das alle Funktionen des Antikythera-Mechanismus erklärt“, konstatiert der US-Archäologe Alexander Jones. Das Gerät zeigte für die meisten Einsatzgebiete schlicht zu viel unnötige Information an oder war zu empfindlich.

„Es ist schwer vorstellbar, dass ein Bauer diese Technologie nutzte, um den Zeitpunkt für das Beschneiden seiner Bohnen zu ermitteln“, sagt Jones. „Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass ein Athlet damit nachschaute, wann die nächsten Wettkämpfe anstanden.“ Für solche einfacheren Auskünfte gab es damals längst weniger teurere und robustere Alternativen. Und für einige Zwecke war der Mechanismus wiederum nicht präzise genug – dafür existierten bessere Werkzeuge, wie der Forscher erklärt.

Laien als Zielgruppe

Doch wozu diente der Mechanismus von Antikythera dann? Einen Hinweis darauf liefern erst vor einigen Jahren entzifferte Inschriften auf der Innenseite des Geräts. Sie beschreiben ausführlich, wie der Mechanismus funktioniert und was die verschiedenen Anzeigen darstellen – ein wenig wie in einer Gebrauchsanleitung. Das könnte darauf hindeuten, dass die Nutzer des Mechanismus keine erfahrenen Astronomen oder Wissenschaftler waren, sondern eher interessierte Laien oder vielleicht Studenten.

Ein weiterer Hinweis stammt aus den Schriften des berühmten römischen Philosophen und Schriftstellers Cicero. In zwei seiner Schriften beschreibt er ein Gerät, das er „Sphaera“ nennt und das die korrekten Konfigurationen von Sonne, Mond und Erde anzeigen kann. Cicero lässt seinen Protagonisten diese Sphäre im Haus eines reichen Römers bestaunen – auch das deutet auf eine Nutzung durch Laien hin.

Eine „Astro-App“ der Antike?

Aus all dem schließen Jones und seine Kollegen vom Antikythera-Projekt, dass die „Himmelsmaschine“ wahrscheinlich als Schaustück oder vielleicht Lehrmittel diente. „Es ist wie eine Art Lehrbuch der Astronomie, wie man sie damals kannte“, erklärt Jones. „Der Mechanismus von Antikythera verknüpfte die Bewegungen am Himmel und die Planeten mit dem Leben der alten Griechen und ihrer Umwelt.“

Tatsächlich hat die Weitergabe von Wissen an eine breitere Öffentlichkeit Tradition in der griechisch-römischen Astronomie, wie Jones erklärt. „Es gab keine klare Trennung zwischen einem astronomischen Text, der für Kollegen geschrieben wurde und einem, der einer breiteren Leserschaft zugedacht war“, so der Forscher. Auch die Lehre war wenig formell und fand meist in offenen Zirkeln statt. Das legt nahe, dass der Antikythera-Mechanismus möglicherweise für solche Lehrzwecke eingesetzt worden ist – als antike Entsprechung einer „Astro-App“ oder eines Lehrfilms.

Oder doch ein Schaustück?

Möglich wäre aber auch, dass die schiere Kunstfertigkeit und Komplexität des Mechanismus einfach nur Eindruck schinden sollte – beispielsweise bei reichen Gönnern der Gelehrten. Die „Himmelsmaschine“ hätte dann dazu gedient, sowohl das reiche Wissen der griechischen Astronomie zu demonstrieren als auch die Kunstfertigkeit der Handwerker.

Diese These vertrat schon 1905 auch der Altphilologe Albert Rehm. Er schrieb: „Es ist eine dieser Handelswaren, mit denen die kulturell überlegenen Griechen ihre römischen Herrscher beeindrucken wollten.“ Doch ob er damit Recht hatte oder ob der Mechanismus von Antikythera vielleicht doch ein didaktisches Lehrmittel war, bleibt offen. „Selbst ein vollständiger und perfekt erhaltener Antikythera-Mechanismus würde uns vermutlich nicht eindeutig verraten, wer ein solches Gerät nutzte und wofür“, sagt Jones.

Wer erschuf den Mechanismus?

Und noch ein Rätsel des Antikythera-Mechanismus ist bis heute nicht eindeutig gelöst: seine Herkunft. Während klar scheint, dass der antike Frachter mit dem Gerät an Bord damals in Richtung Italien unterwegs war, bleiben sein Ausgangshafen und die Herkunft seiner Ladung umstritten. Ebenfalls ungeklärt ist, wann und wo der Mechanismus von Antikythera konstruiert wurde.

Die erste Frage ist das genaue Alter des Mechanismus. Ein Indiz dazu liefert der Zeitpunkt, an dem der Frachter mit dem Gerät an Bord vor Antikythera sank. Demnach kann die „Himmelsmaschine“ nicht später entstanden sein als etwa 65 vor Christus. Aus der Form der Buchstaben und Inschriften auf dem Mechanismus wiederum schließen einige Forscher, dass das Gerät schon deutlich früher konstruiert wurde – möglicherweise um 150 bis 100 vor Christus.

Ursprung auf Rhodos?

Die zweite, weniger leicht zu beantwortende Frage ist die geografische Herkunft. Die Route des antiken Frachters sowie einige Teile seiner Ladung legen nahe, dass das Schiff aus dem Gebiet des östlichen Mittelmeerraums kam – beispielsweise von der Küste Kleinasiens oder vorgelagerten Inseln wie Rhodos. Auch der Antikythera-Mechanismus könnte demnach aus dieser Gegend stammen.

Dazu passt, dass gleich zwei berühmte griechische Gelehrte auf Rhodos lebten und lehrten: Hipparchos und Posidonios. Der Astronom und Mathematiker Hipparchos (190 bis 120 v.Chr.) legte den damals vollständigsten Sternenkatalog an und beschrieb die Bewegungen von Sonne und Mond in präzisen Modellen. Hipparchos gilt zudem als Schöpfer eines Himmelsglobus und mehrerer Instrumente zur Himmelsbeobachtung. Es wäre daher nicht unwahrscheinlich, dass er auch den Mechanismus von Antikythera schuf.

Die „Sphäre“ des Posidonios

Ein zweiter Kandidat wäre der Philosoph und Universalgelehrte Posidonios (125 bis 51 v.Chr.). Auch er lebte und lehrte auf Rhodos und beschäftigte sich unter anderem mit der Vermessung des Erdumfangs und einigen astronomischen Phänomenen. „Posidonios ist genau die Art von Person, die den Antikythera-Mechanismus in Auftrag geben würde – ein wohlhabender Philosoph und Lehrer, der an der physischen Welt tief interessiert war – wenn auch nicht unbedingt an den Details der mathemathischen Astronomie“, sagt Alexander Jones vom Antikythera-Projekt.

Interessanterweise erwähnt der römische Philosoph und Schriftsteller Cicero in einem seiner Werke eine von Posidonios gemachte oder zumindest beauftragte „Sphäre“, die die korrekten Konfigurationen von Sonne, Mond und Erde anzeigen kann. „Unser Mechanismus könnte demnach aus der gleichen Werkstatt stammen wie Posidonios‘ Sphäre, denn es kann damals wohl kaum mehr als einen oder zwei Hersteller eines so ausgeklügelten Geräts gegeben haben“, meint Jones.

…oder doch von Archimedes?

Seltsam allerdings: Das Kalender-Zifferblatt des Mechanismus trägt korinthische Monatsnamen – und damit eine auf Rhodos damals nicht gebräuchliche Form des Kalenders. Das spricht nach Ansicht einiger Historiker gegen einen Ursprung der „Himmelsmaschine“ auf Rhodos. Stattdessen halten sie es für wahrscheinlicher, dass sie aus Korinth oder dem korinthisch geprägten Syrakus stammte.

Möglicherweise, so die Hypothese, wurde der Antikythera-Mechanismus sogar vom großen Gelehrten Archimedes konstruiert, der in Syrakus lebte. Zwar starb dieser Mathematiker, Physiker und Ingenieur schon um 212 v.Chr., dafür weiß man von ihm, dass er zahlreiche technische Geräte erfunden und gebaut hat – darunter auch mehrere Planetarien.

Tatsächlich beschreibt Cicero in einem seiner Werke eine weitere „Sphäre“, die von Archimedes konstruiert wurde und dann bei der Eroberung von Syrakus durch die Römer im Jahr 212 nach Rom gebracht worden sein soll. Cicero lässt seinen Protagonisten beim Anblick dieses Geräts begeistert ausrufen, dass Archimedes „mehr Einfallsreichtum besitze als man der menschlichen Natur zutrauen würde“. Ob Cicero selbst jemals diese Sphäre gesehen hat oder ob er in dieser Szene nur die ihm bekannte Sphäre des Posidonios dem Archimedes zuschreibt, ist jedoch umstritten.

Welcher dieser Kandidaten der wahre Schöpfer des Antikythera-Mechanismus war, darüber sind die Archäologen und Historiker bis heute uneins. Und auch sein Einsatzzweck bleibt vorerst nicht eindeutig geklärt. Damit hütet die antike Himmelsmaschine einige ihrer Geheimnisse bis heute.

Literatur:

Wissen in Stein – Das Geheimnis der Pyramiden Ägyptens und Mittelamerikas [2 DVDs]

Ancient Aliens Seasons 1-6

Das Geheimnis der Pyramiden [2 DVDs]

DIE PYRAMIDEN VON BOSNIEN. Mitten in Europa stehen die größten Pyramiden der Welt [erweiterte Neuausgabe der Limited Edition]

Videos:

Quellen: PublicDomain/scinexx.de am 27.11.2019

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2 comments on “Der Antikythera-Mechanismus: Rätsel um die “Himmelsmaschine” der Antike (Videos)

  1. Das Schaubild wirkt irgendwie wie das schaubild der Shimano-7-Gang-Fahrradnabe…würde so eine heute in einem Wrack gefunden, was gäbe das für lustige Spekulationen…

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