Kann der Streit um Grönland das Ende der NATO bedeuten?

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Der Streit um Grönland ist ein Streit des wichtigsten NATO-Landes mit dem Rest des Bündnisses. Die Washington Post sieht die Gefahr, dass die NATO daran zerbrechen könnte.

In der Washington Post in ein Artikel über den Streit um Grönland und seine möglichen Folgen für die NATO erschienen, den ich übersetzt habe. Von Thomas Röper

Beginn der Übersetzung:

Nach einem Jahr der Beschwichtigungsversuche gegenüber Trump zieht Europa in Grönland-Frage eine rote Linie

Während viele europäische Staats- und Regierungschefs verhalten auf den Angriff auf Venezuela reagierten, gab es scharfe Kritik an der Gier der Trump-Regierung nach Grönland.

Im vergangenen Jahr sind die Europäer, einst Freunde der USA, nun zu Feinden geworden, vorsichtig von einen Schock zum anderen navigiert und haben auf das Beste gehofft, während Präsident Donald Trump drohte, die globale Ordnung zu zerstören.

Als Trump die NATO-Verbündeten rügte, den ukrainischen Präsidenten scharf kritisierte, Zölle verhängte und ratifizierte Verträge als bedingte Abkommen darstellte, bestand die Strategie der europäischen Staats- und Regierungschefs darin, mit Zusagen bei Militärausgaben, Zugeständnissen beim Handel, disziplinierten Gipfeltreffen und einer Sprache, die frei von Moral und Urteil war, zu beschwichtigen.

Es war nicht immer elegant oder würdevoll, aber die Politik der strategischen Nachgiebigkeit schien einigermaßen zu funktionieren, denn die Lieferungen von US-Waffen an die Ukraine flossen weiter, ein umfassender Handelskrieg wurde abgewendet, und Trump ließ sich sogar zu einigen lobenden Worten über die NATO herab.

Dann kamen die Angriffe, die Caracas erschütterten, Explosionen, deren Detonationen in Hauptstädten weltweit widerhallten. Regierungen, die jahrelang Zurückhaltung, Rechtsstaatlichkeit und Multilateralismus gepredigt hatten, suchten verzweifelt nach Worten, um ihre Besorgnis auszudrücken, ohne Trumps Zorn zu entfachen.

Die riskante Strategie, Trump zu kontrollieren statt ihn zu konfrontieren, wirkte umso entlarvter, als der Präsident und sein engster Kreis ihre Pläne, Grönland zu „bekommen“, wieder aufgriffen und sogar militärische Interventionen ins Spiel brachten.

Für europäische Ohren klang das weniger nach Prahlerei als vielmehr nach einer rückwärtsgewandten Weltanschauung, die nun von unverhohlener amerikanischer Macht gestützt wurde: Macht über Prozesse, Einfluss über Recht, Loyalität abhängig vom Nutzen.

„Es steuert auf eine vollständige existenzielle Krise zu“, sagte Mujtaba Rahman, Geschäftsführer für Europa bei der politischen Risikoberatung Eurasia Group. „Es könnte weitaus schlimmer sein als Russlands Invasion in der Ukraine, denn Russland ist ein Gegner. Nun untergräbt der Garant der europäischen Sicherheit diese selbst.“

Während viele europäische Staats- und Regierungschefs verhalten auf den Angriff auf Venezuela reagierten, Vorbehalte äußerten oder sich auf juristische Abstraktionen der UN-Charta verwiesen, kritisierten sie am Dienstag die Gier der Trump-Regierung in Grönland ungewöhnlich scharf.

Die Ministerpräsidentin Dänemarks, ein NATO-Mitglied, erklärte, ein US-Eingreifen in Grönland, das seit über 300 Jahren zum Königreich Dänemark gehört, wäre das Ende des Bündnisses. Die Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Polens, Spaniens und Großbritanniens schlossen sich Kopenhagen an und gaben eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie betonten, Grönlands Zukunft sei die Sache „nur von Dänemark und Grönland“.

Dänemark und Grönland haben wiederholt und mit Nachdruck erklärt, dass das riesige arktische Territorium – dünn besiedelt mit 59.000 überwiegend indigenen Einwohnern und mit potenziell reichen Vorkommen an Seltenen Erden – nicht zum Verkauf steht. Grönland ist offiziell als autonome Region anerkannt, und die Bewohner erklären, sie hätten nicht die Absicht, unter dem Joch eines neuen Kolonialherrschers zu leben.

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Trump schien sich am Mittwoch in einem Post auf TruthSocial über die Andeutungen, er gefährde die NATO, zu ärgern und prahlte damit, er habe die Verbündeten unter Druck gesetzt, ihre Ausgaben zu erhöhen.

„Die meisten haben ihre Rechnungen nicht bezahlt, BIS ICH KAM“, schrieb Trump. „Ich habe sie, mit Verlaub, dazu gebracht, 5 % des BIP auszugeben, UND SIE ZAHLEN umgehend. Alle sagten, das sei unmöglich, aber es ging, denn vor allem sind sie alle meine Freunde.“

„RUSSLAND UND CHINA HABEN OHNE DIE USA KEINERLEI ANGST VOR DER NATO, UND ICH BEZWEIFLE, DASS DIE NATO FÜR UNS DA WÄRE, WENN WIR SIE WIRKLICH BRÄUCHTEN“, fuhr Trump fort.

„ALLE KÖNNEN SICH GLÜCKLICH SCHÄTZEN, DASS ICH UNSER MILITÄR INMEINER ERSTEN AMTSZEIT WOEDER AUFGEBAUT HABE UND DAS AUCH WEITERHIN TUE. Wir werden immer für die NATO da sein, selbst wenn sie nicht für uns da ist. Die einzige Nation, die China und Russland fürchten und respektieren, sind die von Trump WIEDERAUFGEBAUTEN USA.“

Was Grönland betrifft, haben die widersprüchlichen Signale aus Washington die Besorgnis jedoch nur noch verstärkt.

Außenminister Marco Rubio erklärte am Montag in einer nicht-öffentlichen Sitzung vor Abgeordneten, Trumps Ziel sei es, Grönland von Dänemark zu kaufen, und spielte damit militärische Interventionen herunter.

Am Dienstag sagte die Pressesprecherin des Weißen Hauses Karoline Leavitt, Trump und sein Team würden „viele Optionen diskutieren“, und „der Einsatz des US-Militärs steht dem Oberbefehlshaber immer zur Verfügung“. Einen Tag später dämpfte der Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Vorgehens.

„Die USA haben für jede Situation militärische Optionen“, sagte Johnson am Mittwoch vor Reportern. „Ich denke, im Fall Grönland ist es ganz klar, dass wir auf diplomatischem Wege vorgehen.“

Europa hatte Trumps Schocks bisher ausgesessen und darauf gesetzt, dass es Grenzen geben würde. Für viele erscheinen diese Annahmen nun deutlich riskanter.

Die NATO hat schon früher Konflikte zwischen Bündnispartnern überstanden. Griechenland und die Türkei befinden sich beispielsweise seit der türkischen Besetzung Nordzyperns im Jahr 1974 in einer Pattsituation.

Doch wie Rahman anmerkte, haben die USA, das reichste und mächtigste NATO-Mitglied, eine entscheidende Rolle bei der Beilegung dieses Konflikts gespielt.

„Jetzt sind sie selbst die Ursache“, sagte er. „Die NATO kann eine gewaltsame Annexion nicht überstehen. Das Bündnis wäre bedeutungslos, selbst wenn es auf dem Papier weiterbesteht.“

Die Spannungen um den Status Grönlands hatten sich bereits vor dem Angriff Venezuelas verschärft.

Im Dezember ernannte Trump den Gouverneur von Louisiana Jeff Landry (Republikaner) zu seinem „Sondergesandten für Grönland“ – ein Posten, den Dänemark und Grönland ablehnten. Landry bekräftigte das Ziel, Grönland zu einem Teil der USA zu machen.

Die dänische Regierung bestellte US-Diplomaten ein, um Landrys Äußerungen persönlich zu kritisieren. Dies war bereits das zweite Mal in den letzten Monaten, dass Dänemark amerikanische Beamte zu einer persönlichen Rüge einbestellte, während sie nach Grönland greifen.

Nach der Operation in Caracas wurde die Rhetorik schärfer und – nach Trumps faktischer Annexion eines souveränen Nachbarn – deutlich glaubwürdiger.

Der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses Stephen Miller erklärte am Dienstag, die „offizielle Position“ der USA sei, dass Grönland aus Gründen der nationalen Sicherheit amerikanisch sein solle und dass es im Grunde Trumps Sache sei. „Niemand wird die USA wegen der Zukunft Grönlands militärisch bekämpfen“, sagte Miller.

Millers Frau postete ein Bild, auf dem die amerikanische Flagge mit der Bildunterschrift „BALD“ über eine Karte Grönlands gelegt war.

„Es ist klar, dass sich einige Leute innerhalb und außerhalb der Regierung durch den Erfolg der Operation bestärkt fühlten“, sagte Heather Hurlburt, Mitarbeiterin im Amerika-Programm des Londoner Thinktanks Chatham House.

Hurlburt zitierte einen pensionierten US-General, der das Vorgehen des Weißen Hauses in Venezuela und dessen Fixierung auf Grönland mit Teenagern verglich, die das geostrategische Brettspiel Risiko spielten.

„Sobald man sich mit der Monroe-Doktrin oder der ‚Donroe‘-Doktrin – oder wie auch immer wir sie jetzt nennen – auseinandersetzt, schaut man sich eine Karte der westlichen Hemisphäre an, und da ist Grönland“, sagte sie.

Ob es nun um Spiele oder um Gier geht, die europäischen Staats- und Regierungschefs stehen vor unangenehmen Entscheidungen. Eine Möglichkeit ist, an der in den letzten Tagen herauskristallisierten, einheitlichen harten Linie festzuhalten und klarzustellen, dass jeder Schritt in Grönland eine Reaktion der europäischen Verbündeten auslösen könnte – nicht gegen Russland oder China, sondern, undenkbar, gegen die USA.

Die Berufung auf die NATO-Klausel zur kollektiven Verteidigung, bekannt als Artikel 5, nach der ein Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle gilt, erfordert die Einstimmigkeit aller 32 Verbündeten. Die USA würden natürlich jedes Hilfegesuch Dänemarks ablehnen – und den Vertrag damit faktisch neutralisieren.

„Artikel 5 hat nicht vorhergesehen, dass das angreifende Land ein NATO-Mitglied sein würde“, sagte Senator Chris Murphy (Demokrat aus Connecticut) gegenüber Reportern, die ihn nach einem Gesetzentwurf im Kongress fragten, der Trumps Vorgehen in Grönland untersagen soll.

Militärexperten sagen, Dänemark und Grönland hätten gegen die amerikanische Militärmacht keine Chance. In Wirklichkeit ist das völlig unrealistisch; politische Analysten stimmen Miller einhellig zu, dass niemand wegen Grönland in den Krieg ziehen wird. Europa ist militärisch und wirtschaftlich zu abhängig von den USA, um einen echten Bruch zu riskieren.

Doch allein die Aussicht auf einen solchen Konflikt verdeutlicht, wie viel schwieriger es für die US-Verbündeten geworden ist, Trumps Linie zu folgen. Auch das könnte zu einer drastischen Schwächung des transatlantischen Bündnisses, wenn nicht gar zu dessen Ende führen, so Analysten.

„Viele europäische Länder versuchen immer noch, auf dem europäischen und dem amerikanischen Pferd zu reiten“, sagte Rahman. „Das könnte unmöglich werden.“

Eine andere Möglichkeit wäre ein Abkommen über Grönland, ein Verkauf oder eine Verpachtung mit erweitertem Zugang zu den Bodenschätzen und einer Rolle der USA im Sicherheitsbereich. Im Krisenfall „wird der Rest Europas Druck auf Dänemark ausüben, damit es eine Vereinbarung mit den USA trifft“, sagte Rahman.

Eine Transaktion nach dem Vorbild des Kaufs von Louisiana ist wohl am unwahrscheinlichsten. Das dänische Recht erkennt die Grönländer als Volk mit dem Recht auf Selbstbestimmung an, was bedeutet, dass Kopenhagen die Insel nicht einfach abtreten kann, selbst wenn es wollte.

Jede Änderung der Souveränität würde voraussetzen, dass Grönland zunächst die Unabhängigkeit erklärt, ein separater rechtlicher Prozess und mit Wahlen, bevor überhaupt Verhandlungen mit Washington möglich wären.

Politisch gesehen gibt es in beiden Ländern starken öffentlichen Widerstand gegen jegliche Übertragung von Souveränität. Eine YouGov-Umfrage aus dem letzten Jahr ergab, dass 78 Prozent der Dänen gegen einen Verkauf der Insel an die USA sind, während in einer separaten Umfrage 85 Prozent der Grönländer angaben, nicht Teil der USA sein zu wollen. Das Büro von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen lehnte eine Stellungnahme ab.

Einige europäische Beamte argumentieren hinter vorgehaltener Hand, dass der Widerstand aus den europäischen Hauptstädten kontraproduktiv sein könnte.

Ein kategorisches „Nein“ komme bei Trump nie gut an, betonen sie, und seine Hardliner-Anhänger würden es genießen, die öffentliche Meinung zu verschärfen, sobald das Weiße Haus herausgefordert wird.

„Diese Regierung verdoppelt, wenn sie provoziert wird, den Einsatz“, sagte ein europäischer Diplomat, der unter der Bedingung der Anonymität über heikle diplomatische Angelegenheiten sprach.

„Das ist momentan etwas gefährlich. Wir sollten sagen, dass es in der Arktis tatsächlich ernsthafte Sicherheitsbedenken gibt und wie wir diese gemeinsam angehen können.“

Europäische Militärs stimmen mit Trump weitgehend darin überein, dass die eisigen nördlichen Atlantikregionen in den kommenden Jahrzehnten zu einem strategischen Brennpunkt werden, ein offensichtlicher Weg für chinesische Raketen und russische U-Boote.

Viele sagen, es gäbe kaum Widerstand gegen US-Pläne, ihre Präsenz in dem Gebiet zu verstärken, das bereits von der NATO und zahlreichen bilateralen Abkommen zwischen Washington und Dänemark abgedeckt wird und wo die USA bereits einen Militärstützpunkt unterhalten.

Ihre Befürchtung, die seit dem abschreckenden Beispiel des Weißen Hauses in Venezuela deutlich zugenommen hat, ist, dass die alten Protokolle tatsächlich im Müll sein könnten. Und ihre größte Sorge ist vielleicht einfach: Was kommt als Nächstes?

Ende der Übersetzung

Quellen: PublicDomain/anti-spiegel.ru am 08.01.2026

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