Der profitable Tod der Glühbirne

Ab September dürfen in der EU keine Glühbirnen mehr hergestellt werden. Damit werde ein „perfektes Produkt durch ein technisch unzulängliches“ ersetzt, nämlich die Energiesparlampe, meint der Medienhistoriker Markus Krajewski. Es gehe nicht um Umweltschutz, sondern um Profitmaximierung.

André Hatting: Übermorgen wird Europa wieder ein bisschen dunkler. Ab dem 1. September sind in der gesamten EU Glühbirnen verboten. Wolfram und Edison ade, der Tod kam schleichend. Ab Samstag dürfen in der Europäischen Union Glühbirnen nicht mehr hergestellt werden, und das ist ein Skandal, finden viele. Ihre Argumente: Energiesparlampen seien viel zu teuer und in Wahrheit gar nicht umweltfreundlicher. Und es gibt noch einen ganz entscheidenden Punkt, und darüber möchte ich jetzt mit Markus Krajewski sprechen. Er ist Professor für Mediengeschichte der Wissenschaften an der Bauhaus Universität Weimar. Guten Morgen, Herr Krajewski.

Markus Krajewski: Guten Morgen, Herr Hatting.

Hatting: Sie sind Herausgeber eines Glühbirnenbuchs. Wie kommen Sie als Medienwissenschaftler auf das Thema Glühbirne?

Krajewski: Nun, das ist ein kleiner Umweg. Als Medienwissenschaftler kann man sich mit sehr vielen Medien befassen, mit dem Radio und mit den Büchern natürlich, aber eben auch mit Leuchtmitteln. Und die Initialzündung, das eigene Licht, was einem aufgegangen ist, war in dem Falle tatsächlich über einen literarischen Text, nämlich Thomas Pynchon, „Die Enden der Parabel“, von 1981, wo eine Geschichte in die Geschichte eingeschaltet wird von einer ewig lebenden Glühlampe. Das liest man und reibt sich die Augen und denkt, das klingt alles ganz interessant, dass es Glühbirnen gibt, die unendlich lange brennen, und schreibt das dem Reich der Fantasie zu. Aber als richtiger Wissenschaftler arbeitet das in einem weiter und man macht sich seine Gedanken und fragt sich, was ist, wenn das wirklich stimmt. Man recherchiert ein bisschen und dann stellt sich heraus, dass das mitnichten Fiktion ist, sondern dass das tatsächlich eine richtig harte Technikgeschichte ist dahinter.

Hatting: Das finde ich nach wie vor überraschend: Thomas Pynchon, ein Autor, der gerne im Geheimbündlerischen kramt, der selber aus sich ein Geheimnis macht, dem haben Sie vertraut, dieser Spur sind Sie gefolgt?

Krajewski: Na ja, das sind schon harte Fakten, die dort aufgelistet werden. Es gibt eben eine solche Institution, die seinerzeit in der Schweiz tatsächlich gegründet wurde – seinerzeit heißt 1924 -, und die heißt „Phoebus“ und so steht das bei Pynchon. Ein Kartell, und zwar nicht nur irgendeines, sondern das erste in der Weltwirtschaftsgeschichte, was tatsächlich global agierte, sprich ein Zusammenschluss nicht nur von Firmen wie der AEG und Siemens, also den beiden großen Glühlampen produzierenden Firmen in Deutschland, aus denen wiederum dann per Zusammenschluss, per geheimer Absprache 1920 Osram hervorgeht, also nicht nur solche Firmen wie Osram, die sich einen nationalen Markt teilen, sondern eben eine Ebene höher auf weltweiter Basis.

Die finden dort zusammen, neben Osram ist das beispielsweise General Electric für die USA oder Philipps für die Niederlande. Die drei sind übrigens heute noch die größten Glühlampen produzierenden Unternehmen oder Konzerne, muss man ja inzwischen sagen. Die setzen sich zusammen, ihre Manager, zu Weihnachten ausgerechnet 1924, und unterzeichnen einen Vertrag, in dem sie sich den Kuchen Weltmarkt aufteilen. Das ganze wird ausstaffiert als zum Wohle des Verbrauchers, aber das ist natürlich gelinde gesagt eine Heuchelei, denn wer davon profitiert, sind vor allem die Glühlampen produzierenden Kompanien.

Hatting: Und genau da, Herr Krajewski, müssen wir jetzt den Bogen schlagen, denn was hat dieses Glühlampen-Kartell damit zu tun, dass ab dem 1. September gar keine Glühlampen mehr hergestellt werden dürfen?

Krajewski: Na ja, die Idee dahinter ist – vielleicht muss man zunächst einmal noch sagen, das ganze hat insofern einen kleinen Vorteil für den Verbraucher, weil damit kleine Standardisierungen verbunden sind. Der heute noch vorhandene Sockel der Glühlampe E27 – E steht für Edison, 27 für die Millimeter – passt eben in jeden Sockel weltweit. Was aber geheim sozusagen abgesprochen wurde war, die Brenndauer der Glühlampen zu begrenzen. Früher, vorm Ersten Weltkrieg, haben Glühlampen einfach 2000, 2500 Stunden gebrannt, und eine der entscheidenden Übereinkünfte der Unternehmen war, diese Brenndauer künstlich zu begrenzen, und zwar nicht auf 2000, sondern auf 1000 Stunden. Das wiederum hat natürlich zu extrem hohen Profiten für diese Glühlampen geführt.

Und nun muss man sich vorstellen, dass spätestens in den 30er-Jahren die Glühlampe ein technisch perfektes Objekt geworden ist. Da gab es nichts mehr dran zu verbessern. Die Profite sind aber, nun ja, sagen wir, auf einem ganz guten Niveau gleich geblieben. Jetzt sind es fast 80, 90 Jahre später, und die Unternehmen sind offensichtlich nicht zufrieden damit, dass sie hier einen Longseller haben, ein technisch perfektes Produkt, und deshalb hat man sich überlegt, wie man denn diese Profite weiterhin maximieren kann. Offensichtlich ist Lobbyarbeit in dem Falle außerordentlich erfolgreich und es ist den Firmen gelungen, die Brüsseler Administration zu überzeugen, dass das technisch perfekte Produkt ersetzt werden soll durch ein technisch unzulängliches, schwieriges und …

Hatting: Die Energiesparlampe nämlich!

Krajewski: Genau, die bei weitem nicht so ausgereift ist, und schwierig deshalb, weil dort beispielsweise Quecksilber drin verarbeitet wird, was nun weiß Gott nicht gesund ist. Diese Produkte wiederum haben aber – man weiß das ja, wenn man vorm Regal steht – einen sehr viel höheren Ladenpreis und damit genau das gleiche Versprechen für die Verkäufer wie eben seinerzeit vor 80 Jahren die Glühlampe.

Hatting: Jetzt könnte man natürlich sagen, Herr Krajewski, das klingt ein bisschen abenteuerlich, da ist ein Kartell, das agiert seit fast 100 Jahren, hat die Glühbirne perfektioniert, um sie dann schlechter zu machen, damit man die Energiesparlampen an den Markt bringt und damit die Profitmarge erhöht. Das würde ja bedeuten, das haben Sie auch angedeutet, dass eigentlich die Glühbirne sehr viel länger brennen könnte, als sie es im Augenblick tut. Wie gesagt, klingt erst mal abenteuerlich. Aber Sie haben für Ihre These auch einen ganz wichtigen Zeugen: Das ist die Livermore-Birne in den USA. Das müssen Sie erklären.

Krajewski: Man kann verschiedene Zeugen dafür anfinden, zum einen eben diese Livermore-Birne in Kalifornien, die, ich glaube, seit 1901 in einer Feuerwache in Kalifornien brennt. Was sehr viel evidenter zeigt, wie dieses Kartell, wie diese Firmen operieren, sind schlicht und einfach Firmenakten. Sprich: Man kann von „Phoebus“ hier und da was lesen, aber richtig deutlich wird es, wenn man sich die Firmenarchive anschaut, also die Osram-Akten von vor dem Zweiten Weltkrieg. Die sind dort gesammelt und dort kann man schwarz auf weiß nachlesen, was für ein riesiger Aufwand betrieben wurde, um diese Brenndauern künstlich von 2000 auf 1000 Stunden herunterzubekommen. Das ist ja nicht einfach so zu machen, sondern da muss man wiederum aufwendige technische Versuchsreihen installieren, damit es gelingt, eben diese 1000 Stunden Brenndauer ziemlich genau herbeizuführen.

Hatting: Erstaunlich, was Unternehmen angestellt haben, wie viel Geld sie investiert haben zu zeigen, dass man Glühbirnen auch kürzer brennen lassen kann. – Die Glühbirne ist tot, es lebe die Glühbirne – das war Markus Krajewski, Professor für Mediengeschichte der Wissenschaften an der Bauhaus Universität Weimar. Vielen Dank für das Gespräch.

Krajewski: Sehr gern.

Quelle: Deutschlandradio vom 30.08.2012

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38 comments on “Der profitable Tod der Glühbirne

  1. Dass die Lebensdauer der Glühbirne künstlich herabgesetzt wurde ist für mich keine Überraschung, das geschieht heute mit allen technischen Gütern… Aus Gebrauchsgütern werden Verbrauchsgüter.
    Ich empfehle hier die Kurzgeschichte „Der das Schießpulver erfand“ aus Carlos Fuentes: „Los Dias Enmascarados“ (Deutscher Ttiel: Verhüllte Tage) erschienen 1954, aber passt in die Jetztzeit.
    Hier die Kurzfassung: Zu Beginn der Erzählung geschieht etwas merkwürdiges, alles Besteck wird flüssig. Jeder Mensch geht los um sich neues Besteck zu kaufen, denn ohne ist es etwas umständlich zu essen. Nach einiger Zeit verflüssigt sich auch dieses Besteck. Es kommt dazu, dass jeder nur noch einen Löffel pro Tag kauft, dieser ist am jeweils nächsten Tag nicht mehr zu gebrauchen. Die Besteck-Industrie freut es anfangs, aber es bleibt nicht dabei. Eines Tages, nach einer groß angelegten Werbeaktion für ein neues Automodell, fallen praktisch alle anderen Fahrzeuge auseinander, und die Menschen gehen los um sich das neuste Modell zu kaufen, das, welch Zufall in den Autohäusern, bereits vorrätig war. Jeder freut sich, denn auch wenn es lästig ist ständig etwas ersetzen zu müssen, weil nicht mehr brauchbar geworden, ist dadurch doch das Problem der Arbeitslosigkeit gelöst, und durch die erhöhte Nachfrage steigt auch der Verdienst. Während also die Menschen in den Fabriken Zeug herstellen, dass nur noch eine „Höchsthaltbarkeitsdauer“ von wenigen Stunden bis zu Minuten hat, und praktisch nach dem Zusammenbauen auseinander fällt, füllen sich die Mülldeponien, für Natur bleibt kein Platz, und die Regierung führt beinahe unbemerkt Krieg, während die gemeine Bevölkerung zu beschäftigt ist um sich überhaupt die Frage nach dem Sinn und Zweck ihres Tuns zu stellen…

  2. Diese Teile sind nicht nur teuer, sondern sehen auch verdammt häßlich aus – jede noch so hübsche Lampe sieht jetzt doof aus . Ich mache diesen Kack nicht mehr mit und nutze jetzt größtenteils Kerzen,

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