Psychisch Kranke in Berlin: Unter Ausschluss

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Es sollte sie gar nicht geben – stattdessen werden sie immer mehr: Psychisch Kranke, weggesperrt in geschlossenen Abteilungen, ohne Therapie lediglich aufbewahrt. Genannt: Geheimheime.

Angekommen. Am Rande von Berlin. Die Tür fällt ins Schloss, zwei Pförtner grüßen in ihrer gläsernen Festung, Herrscher über Drinnen und Draußen. Im Foyer sitzt ein junger Mann mit Krücken, schaukelt mit dem Oberkörper. Neben ihm steht eine Frau und mustert die Aushänge am Schwarzen Brett. Sie könnte die Mutter sein, wahrscheinlich eher die gesetzliche Betreuerin. „Backen und Fitness, schau mal, was du hier Schönes machen kannst“, sagt sie. Der Mann blickt mit leeren Augen nach draußen auf den grauen Parkplatz.

Eine betagte Prinzessin schiebt ihren Rollator den Gang entlang. Sie trägt eine Krone auf dem Kopf, die dünnen Haare sind zu Zöpfen gebunden.

Auf dem Hilfsgefährt sitzen Zwillingskinder aus Plastik. Sie mustert den Neuan-kömmling, gluckst und verschwindet hinter einer Ecke. Von irgendwoher dringen Schreie. „Ich will hier nicht sein“, sagt der junge Mann und beginnt zu weinen. Ein Kapitän in Uniform geht mit schleppenden Schritten vorbei. Grüßend tippt er an seine Mütze. „Neuzugang?“, fragt er. Die Frau reicht dem Jungen ein Taschentuch.

Es ist ungemütlich hier, nackter Boden, kaltes Licht, kahle Wände. Die Blätter der Yuccapalme hängen saftlos am Stamm. Angekommen im Pflegeheim Bethanien Radeland in Berlin-Spandau. Ein Auffangbecken für die Kranken, Alten, die geistig Behinderten – und Abstellkammer jener, die keiner mehr haben will: chronisch psychisch Kranke, Schizophrene, Manisch-Depressive, solche mit Zwangshandlungen, insgesamt 171 an der Zahl.

Die alten Menschen sterben hier. Die geistig Behinderten leben hier. Und die psychisch Kranken vegetieren hier nach einer langen Irrfahrt in den Wahnsinn. Nicht, weil die Heime versagen oder die Pfleger. Sie mühen sich nach Kräften. Das ist zu wenig. Viel zu wenig. In den Gängen riecht es nach Urin, nach Schweiß, nach Trostlosigkeit. Jene, die noch auf ihren Beinen stehen können und nicht in ihren Betten auf den Tod warten, gehen wie ferngesteuert umher. Viele der psychisch Kranken blicken durch einen hindurch, so, als gäbe es in diesem Gebäude keine Menschen mehr. Andere werden von unkontrollierten Emotionen geschüttelt.

Eine Frau fällt in einen hysterischen Lachkrampf, so lange, bis sie bitterlich zu schluchzen beginnt. Ein paar wenige diskutieren lauthals. Jakob zum Beispiel, der 25-Jährige mit den wirren Locken. Seine Augen flackern, während er Textstellen aus Franz Kafkas „Verwandlung“ zitiert: „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße.“ Er zeigt auf seine Sporttasche. „Unausgepackt, ist nur eine Durchgangsstation, bin bald wieder weg!“ Seit Wochen hofft er auf seine Entlassung.

„Kafka hat recht, und jetzt raus hier“, brüllt er dem Pfleger entgegen. Die Tür knallt zu, „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ steht auf ihr in Krakelschrift geschrieben. Drinnen hört man Jakobs Schrei. „Warum bin ich hier?“ Draußen zuckt der Pfleger mit den Achseln. „Gerichtlicher Beschluss“, sagt er, „mindestens für ein Jahr.“ Wahr-scheinlicher jedoch ein Leben lang. In den vergangenen vier Jahren konnte von damals 170 Patienten in Radeland eine einzige Person das Gebäude wieder verlassen.

Die Zahlen sind dramatisch. Auf 100 000 Berliner kommen mindestens 1400 Fälle schwerer chronisch psychisch Kranker. Deutschlandweit werden jährlich etwa 200 000 Menschen in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen. Das entspricht der Ein-wohnerzahl von Städten wie Saarbrücken oder Kassel.

Vor mehr als 20 Jahren siechten viele dieser Kranken unter menschenunwürdigen Bedingungen in großen Anstalten wie der Berliner Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik vor sich hin. Die Psychiatrieenquete im Jahr 1975 beschloss zwar die Enthospitalisierung der Heiminsassen und deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Aber erst zwischen 1993 und 2001 baute man in Berlin im Zuge der Schließung der großen Anstalten über 2500 Betten ab. Die Stadt spannte ein Netz von sozialpsychiatrischen Einrichtungen und betreutem Wohnen für seine psychisch kranken Bürger. Jeder Bezirk hat nun ein eigenes Steuerungsgremium, das für die Wiedereingliederung psychisch Kranker zuständig ist.

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Quelle: tagesspiegel.de vom 09.03.2013

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