Saarbrücken: "Die Prostitution hat unerträgliche Ausmaße angenommen"

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In Saarbrücken arbeiten rund tausend Prostituierte. Die Oberbürgermeisterin versucht, die Situation mit Sexsteuer und Sperrgebieten in den Griff zu bekommen. Ein Investor baut das größte Bordell Südwestdeutschlands.

Da, wo im Dezember das größte Bordell Südwestdeutschlands eröffnet werden soll, wuchert das Gras. Müll liegt herum, in der Einfahrt zum Hinterhof steht ein Ein-kaufswagen. Ein paar rote Vorhänge hängen schon, das meiste ist noch Baustelle. Handwerker bauen die Klimaanlage ein, die Kabel für die zukünftige Leuchtreklame hängen aus den Wänden.

4500 Quadratmeter groß soll das Etablissement in Saarbrücken-Burbach werden, 45 Mitarbeiter, 70 bis 90 Prostituierte. 60 bis 70 Euro soll der Eintritt kosten. Wer mit einer Frau aufs Zimmer will, handelt den Preis selbst aus. 4,5 Millionen Euro kostet die Firma Paradise Island Entertainment GmbH das Investment.

Das Riesenbordell ist der neueste Schritt einer Entwicklung, die viele in Saarbrücken nicht wollen. Burbach und die Landeshauptstadt des Saarlandes haben große Schwierig-keiten, die Prostitution in den Griff zu bekommen. Viele Franzosen kommen nach Saarbrücken, weil im Gegensatz zu Deutschland in Frankreich Bordelle verboten sind. Das Saarland bedient eine doppelte Nachfrage, auch ein Grund für den Investor, gerade in Burbach ein neues Haus zu eröffnen.

Manche kommen freiwillig, manche gewaltsam

Wie viele Prostituierte es in Saarbrücken gibt, weiß keiner so genau. Nach Schätzungen des Prostituierten-Hilfsverein Aldona e.V. sollen es an die tausend in hundert Bordellen, Clubs oder privaten Räumen sein. Seitdem Bulgarien und Rumänien der EU beigetreten sind, kämen viele Frauen nach Deutschland, um der Armut zu entfliehen. Manche freiwillig, manche durch falsche Versprechungen, manche gewaltsam, sagt Barbara Filipak von Aldona.

Wenn Oberbürgermeisterin Charlotte Britz aus ihrem Fenster im Rathaus schaut, sieht sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite zwei Bordelle, das Haus Nummer acht und Nummer zehn. „Die gegenwärtige Situation ist schlecht für das Image der Stadt“, sagt sie. Britz sorgt sich aber beileibe nicht nur um die Stadt: „Straßenprostitution findet meist unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen statt. Menschenhandel ist da auch nicht weit.“

Britz will, dass Saarbrücken bis auf zwei Straßen zum Sperrgebiet wird. „Die Prostitution hat unerträgliche Ausmaße angenommen“, sagt sie. Die SPD-Politikerin fordert zudem eine „kommunale Sexsteuer“, die den Anreiz zur Prostitution mindert. Auch das Mega-Bordell in Burbach sieht die Stadt kritisch, hat aber keine Handhabe dagegen.

Tatsächlich gibt es für Städte und Bundesländer nicht so viele Möglichkeiten, gegen Prostitution vorzugehen. Die Bundesregierung hat das Prostitutionsgesetz 2001 neu geregelt. Prostituierte sollte ein Beruf wie jeder andere werden, sozialversichert und besteuert. Wer sich mit Leuten unterhält, die sich in der Szene auskennen, egal ob Polizisten oder Zuhälter, bekommt zwölf Jahre später zu hören, dass sich eigentlich nichts zum Besseren geändert hat. Das gutgemeinte Gesetz nutze vielmehr Zuhältern und Menschenhändlern statt den betroffenen Frauen.

„Früher gab es nur eine Handvoll von uns“

Keine Krankenversicherung nimmt eine Prostituierte zu bezahlbaren Konditionen. Und weil der Staat Steuern erheben will, aber die Einnahmen kaum nachprüfen kann, ver-langen manche Städte etwa pauschal 25 Euro pro Tag von Bordellbetreibern. Die geben die Kosten meistens an die Prostituierten weiter, auch wenn sie nur 100 Euro am Tag verdienen.

Vivian (Name geändert) ist raus aus dem Geschäft. Nicht richtig, sie arbeitet immer noch in einem Saarbrücker Club, allerdings nur noch hinter der Bar. Aufs Zimmer geht sie nicht mehr. 22 Jahre lang war sie im Geschäft, mit 17 hat sie angefangen. „Früher gab es nur eine Handvoll von uns in Saarbrücken“, erzählt sie. Vor allem nach dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens seien viele Frauen nach Deutschland gekommen. Das Angebot stieg, die Nachfrage blieb gleich. „Die Preise sind enorm gefallen“, sagt sie. Die ganzen Probleme – Armut, Drogen, keine medizinische Versorgung – das hätte viel damit zu tun. „Auf dem Straßenstrich muss man als Kunde teilweise nur 15 Euro zahlen“, sagt sie.

Das neue Etablissement in Burbach liegt direkt oberhalb des Wohngebiets Matzenberg. Neubauten, viele Familien wohnen hier, Kinder spielen Fußball vor den Garagentoren, fünf oder sechs gehen mit Schulranzen die Straße hoch. Ein älterer Mann schimpft: „Schauen sie sich um, hier kann man doch kein Bordell hinbauen.“ Die Straße runter arbeitet Rudolf Kunzler im Garten. „Ob da jetzt noch ein Bordell mehr oder weniger eröffnet, was macht das schon?“, sagt er resigniert. „Wir haben ja schon vier oder fünf.“

„Die Hoffnung ist unrealistisch“

„Dass es Proteste gibt, ist ganz normal“, sagt Michael Beretin, der zukünftige Geschäfts-führer des Bordells. „Wir laden alle Anwohner vor der Eröffnung zu einer Info-Ver-anstaltung ein, jeder kann das Haus besichtigen.“ Beretin sagt, große Häuser wie das seine würden sich an gesetzliche Standards halten, würden mit den Behörden zusammen-arbeiten und seien einfach zu kontrollieren.

Ein paar hundert Meter vom neuen Mega-Bordell entfernt führen Claudia Saller and Miriam Junasson vor ihren Häusern Nachbarschaftsgespräche. „Wir hatten hier schon mal ein Bordell, davon haben wir wenig mitbekommen“, sagt Saller. „Es ist doch besser für die Frauen, sie arbeiten in so einem Haus statt auf der Straße“, entgegnet Junasson.

Wer in die Burbacher Stadtmitte fährt, hört dieses Argument oft. Carmen Dienhart be-treibt ein Café im Stadtzentrum, das neue Bordell ist schon länger Stadtgespräch. „Ein paar Anwohner sind gegen das Bordell, aber hier in der Stadt sind viele dafür“, sagt sie. Besser, die Frauen arbeiten unter hygienischen Bedingungen statt auf der Straße, sei häufig das Argument der Befürworter.

„Da hinten stehen sie immer“, sagt Dienhart und zeigt aus dem Fenster. „Aber die werden nicht verschwinden. Vom Straßenstrich in ein Bordell, das funktioniert nicht“, sagt sie. Ein älterer Gast nickt stumm und nippt an seinem Kaffee. „Die Hoffnung ist unreali-stisch“, sagt auch Beretin. „Wer auf dem Straßenstrich arbeitet, wechselt nicht einfach in ein Haus.“

Quellen: AP/SpiegelOnline vom 25.09.2013

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