Alte und neue Seilschaften: Das Auswärtige Amt und die Vergangenheit

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Seit der Veröffentlichung Ende Oktober 2010 schlägt der Abschlussbericht der Historikerkommission zur Beteiligung des Auswärtigen Amts an der nationalsozialistischen Gewalt- und Vernichtungspolitik beachtliche Wellen.

Für Fachleute war es durchaus keine Überraschung. Wie die nationalkonservativen Eliten in Wehrmacht, Wirtschaft und Justiz wies auch die vornehme Riege deutscher Diplomaten gerade im gehobenen Dienst große Schnittmengen im Denken und Handeln zur rassistischen Gewaltpolitik des Dritten Reiches auf. Schon am 25. Januar 1939, also acht Monate vor Kriegsausbruch und drei Jahre vor der Wannseekonferenz schwor das Auswärtige Amt in einem Rundschreiben seine diplomatischen und konsularischen Vertretungen im Ausland ein, dass es jetzt nicht nur darum gehe, die Juden »als Krankheit am Volkskörper« aus Deutschland zu vertreiben, sondern »eine globale antisemitische Welle zu fördern«, um eine »in der Zukunft liegende internationale Lösung der Judenfrage« vorzubereiten.

Über besorgte Nachfragen aus den Reihen der Diplomaten, worin denn eine inter-nationale Lösung der Judenfrage bestehen könne, ist nichts in den Akten überliefert. Offenbar war dies längst klar und wo nicht, dürfte Hitlers Reichtagsrede vom 30. Januar 1939 (nur fünf Tage später!) über die Vernichtung des Judentums in Europa im Falle eines Krieges die letzten Zweifel ausgeräumt haben.

Das jüngst von einer Kommission renommierter Historiker im Auftrag des Auswärtigen Amtes vorgelegte voluminöse Werk über das »Amt und seine Vergangenheit« spricht eine klare Sprache: In einer Mischung aus Korpsgeist und vorauseilendem Gehorsam stellte sich die Behörde in der Wilhelmstraße vorbehaltlos der Mord- und Vernichtungs-maschinerie des Dritten Reiches zur Verfügung. Selbst außerhalb des berüchtigten Judenreferates D III befassten sich Diplomaten intensiv und oft aus eigener Initiative mit Fragen der Judendeportationen aus den besetzten Ländern.

Deutsche Diplomaten organisierten und koordinierten beispielsweise in Serbien, Bulgarien, Griechenland und der Slowakei mit Eifer die Deportationen in die Vernichtungslager. In einer Reisekostenabrechnung sprach etwa der hochrangige Angehörige des Amtes und Leiter des Judenreferats (Legationsrat) Franz Rademacher unverblümt von »Judenliquidation« als Reisezweck, offenbar auch in der Erwartung, durch derartige Angaben den bürokratischen Prozess der Auszahlung von Reisespesen zu beschleunigen.

Über das Wüten der Einsatzgruppen in der Sowjetunion waren Spitzenbeamte wie Staatssekretär Ernst v. Weizsäcker durch regelmäßige und detaillierte Berichte des Reichssicherheitshauptamtes genauestens informiert.

An der Frage aber, ob das Auswärtige Amt in seiner Gesamtheit als »verbrecherische Organisation« (Eckard Conze) einzustufen sei, entzündete sich dann auch – nach einer kurzen Phase öffentlicher Euphorie – die herbe Kritik von Historikern wie Hans Mommsen oder Johannes Hürter vom Münchener Institut für Zeitgeschichte, die dem Autorenkollegium des in dreijähriger Arbeit erstellten »Kommissionsberichts« einen apodiktischen Tonfall, einseitige Pauschalisierungen und anachronistische Unter-stellungen vorwerfen. Man könne wohl nicht alle Angehörigen des Auswärtigen Dienstes über einen Kamm scheren und dessen Tätigkeit ausschließlich auf die Judenpolitik beschränken, lauten die Einwände aus München und Mommsen bestreitet die Vorher-sehbarkeit einer sich stetig radikalisierenden Judenpolitik für die Diplomaten der Wilhelmstrasse.

Das riecht nach allzu schneller Exkulpierung: Hatten denn nicht gerade die gut ausge-bildeten Akademiker der Wilhelmstrasse – bestens vernetzt im In- und Ausland und nach eigenem Verständnis Generalisten- die günstigsten Voraussetzungen, den Kurs der NS-Politik frühzeitig realistischer einzuschätzen als die übrigen Funktionseliten des Reiches oder gar die Masse der Bevölkerung? Was sonst könnte den beanspruchten Elitestatus der Diplomaten rechtfertigen? Hatten sich nicht schon 1933 die deutschen Diplomaten große Mühe gegeben, die antijüdischen Maßnahmen des Regimes gegenüber massiver Kritik des Auslandes abzuschirmen? Zweifeln an den Methoden der neuen Machthaber, so das Autorenkollektiv, dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zielsetzung einer generellen Zurückdrängung des Judentums aus Politik und Wirtschaft auch in der Wilhelmstrasse breite Zustimmung gefunden hat.

Über Bedenken oder gar Widersprüche aus dem Kreise der Diplomaten gegen das frei-mütige Rundschreiben vom 25. Januar 1939 ist jedenfalls nichts zu erfahren und auch generell schien das Spektrum von Bedenken oder gar Widerstand gegen die sich über-schlagende Gewaltpolitik des Regimes sehr überschaubar. Nur wenige Angehörige der Wilhelmstrasse hatten in den sechs Jahren seit der Machtübernahme das Amt verlassen. Im Gegenzug fand offenbar doch – anders als das Autorenkollektiv behauptet – eine gezielte Infiltration der Wilhelmstrasse mit Parteigenossen aus dem Dunstkreis des neuen Reichsaußenministers (seit Febr. 1938) Joachim v. Ribbentropp statt.

Integrationsprobleme hat dieser Vorgang aber nicht verursacht. Die Aufbereitung des statistischen Materials im Band erfolgte allerdings – und hier ist Johannes Hürter unbedingt zuzustimmen – in nicht sehr überzeugender Form. Zuzustimmen ist auch dessen Kritik, dass eine umfassende Geschichte des Auswärtigen Amtes im Zweiten Weltkrieg, das über die Judenpolitik hinaus alle seine Tätigkeitsfelder beschreibt, nach wie vor ein Desiderat der Forschung bleibt.

Ein Hort des Widerstandes, wie es von seinen späteren Apologeten unter Berufung auf Ullrich von Hassell, Adam von Trott zu Solz oder Hans Bernd von Haeften gerne behauptet wurde, ist das Auswärtige Amt nie gewesen. Im Gegenteil: Nicht ohne Grund wurde seinen prägenden Figuren wie Ribbentropp, v. Neurath, v. Weizsäcker und Edmund Veesenmeyer nach dem Krieg der Prozess gemacht. Die Haftstrafen gegen die beiden zuletzt erwähnten Angeklagten im so genannten Wihelmstraßen-Prozess fielen nur deshalb so niedrig aus, weil die Siegermächte im sich anbahnenden Kalten Krieg das Interesse an einer konsequenten Strafverfolgung allmählich verloren und sogar Mühe hatten, geeignete Richter für das neue Verfahren zu finden. Hier zeigte sich auch bereits die Macht der alten Netzwerke, die sich durch gegenseitige Ehrenerklärungen Schützenhilfe leisteten.

Gerade die Geschichte des Amtes und seiner Angehörigen nach 1945, die den größeren Teil des Werkes ausmachen, zeigt deutlich, dass die Täter der Wilhelmstraße keineswegs isolierte Figuren im diplomatischen Getriebe waren, sondern selbst noch nach dem Zusammenbruch auf den Beistand ihrer Zunftgenossen rechnen konnten. Auch dies ist ein wichtiger Beleg für die Homogenität der Behörde, den Hürter in seiner Kritik gar nicht berücksichtigt.

Gerade der Teil über die Neuformierung des Auswärtigen Amtes unter der Kanzlerschaft von Konrad Adenauer belegt das hohe Maß an personeller Kontinuität im diplomatischen Korps der neuen Republik. Mit Kopfschütteln registriert der Leser, wie Dank geschickter Lobbyarbeit und agiler Netzwerke es vielen – oft schwer belasteten- Angehörigen der untergegangenen Wilhelmstraßenbehörde in den 1950-iger Jahren gelang, unter den Augen der nachlässigen Siegermächte in ihr angestammtes Geschäft zurückzukehren.

Im März 1952 waren bereits 49 von 75 Ministerialdirektoren, -dirigenten und Referatsleitern ehemalige Mitglieder der NSDAP. Männer wie Fritz Kolbe, der im Widerstand gewesen war und mit dem amerikanischen OSS (Office of Strategic Services) in Bern zusammengearbeitet hatte, wurden dagegen als Verräter stigmatisiert und ihre Wiederverwendung im Auswärtigen Dienst von den alten »Wilhelmstraßen-Seilschaften« erfolgreich hintertrieben.

Erstmals wird in dem Band das befremdende Ausmaß der personellen Kontinuität im neuen Auswärtigen Amt nach 1951 und die Skrupellosigkeit, mit der man sich dabei durchsetzte, systematisch beschrieben. Dabei spielte es auch bis in die 1970iger Jahre keine Rolle, welcher Partei die Außenminister angehörten. Selbst der ehemalige Flücht-ling Willi Brandt mochte sich 1966 als neuer Ressortchef nicht mit den immer noch mächtigen Seilschaften anlegen und behandelte auch höchst problematische Figuren wie den deutschen Vertreter in Portugal, Herbert Müller-Roschach, geradezu mit Samt-handschuhen.

Im Falle dieses ehemaligen Angehörigen des so genannten Judenreferats hatte sogar die Staatsanwaltschaft wegen Beihilfe zum Mord ermittelt und das Bundespräsidialamt ihm daher eine Entlassungsurkunde mit dem üblichen Tenor (Dank des deutschen Volkes) verweigert.

Bemerkenswert bleibt aber auch, dass es dem neuen Amt in den ersten beiden Dekaden seiner Existenz gelang, trotz der unbestreitbaren personellen Kontinuitäten, eine völlige Neuausrichtung der auswärtigen Politik des prosperierenden Weststaates mitzugestalten und dabei letztlich sogar ein neues Selbstverständnis zu gewinnen: Weg vom alten nationalstaatlichen Paradigma hin zu einer nachhaltigen Orientierung auf die neuen internationalen Organisationen wie UNO, EWG oder NATO. Das alte Personal konnte also auch neue Wege beschreiten. In diesem Fall war es fraglos ein richtiger Weg, aber was sagt dies am Ende über die »Prinzipienfestigkeit« dieser selbsternannten Elite aus?

Das Buch:

Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann:
Das Amt und die Vergangenheit
Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik
Blessing Verlag, München 2010
ISBN 978-3-89667-430-2

Quellen: Blessing Verlag/glanzundelend.de

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