Geheime Treffen zwischen Ost und West: Skat unterm Stacheldraht (Video)

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An der innerdeutschen Grenze zwischen Hof und Plauen begann 1981, mitten im Kalten Krieg, eine unglaubliche Geschichte mit geradezu absurden Wendungen. Grenzer und Arbeiter aus Ost und West freundeten sich miteinander an. Bald darauf flohen vier Arbeiter in den Westen – um bald darauf in die DDR zurückzukommen.

Die innerdeutsche Grenze sicherte für die DDR die Abgrenzung vom Klassenfeind. Doch hinter den Grenzzäunen, dem Stacheldraht, dem Sperrgraben, den Minen, den Selbst-schussanlagen war die DDR noch nicht zu Ende. Dahinter lag ein – an manchen Stellen bis zu 100 Meter breites – Stück „Niemandsland“. Dieser Streifen wurde bewirtschaftet, denn die Grenztruppen brauchten freie Sicht.

1981 ebneten hier, an der Grenze zwischen Plauen und Hof, vier Arbeiter Wiesen, sie begradigten einen Bach, bewässerten den Boden. Auf Schritt und Tritt wurden sie von einer Grenztruppeneinheit überwacht, deren Aufgabe es war, Fluchten und Kontakte mit westlichen Grenzdiensten zu verhindern. Doch selbst die ausgeklügeltste Sicherungs-technik und Warnungen vor der Gefährlichkeit des Gegners konnten nicht verhindern, dass sich Deutsche aus Ost und West begegneten.

Dutzende Male trafen sich im Sommer 1981 Ost- und Westgrenzer und die vier Arbeiter zu Gesprächen über die Arbeit, die Familien, den Alltag. Die geheimen Treffpunkte waren schnell zu erreichen und vor allem von der DDR-Seite nicht einzusehen, denn die Grenze verlief an dieser Stelle des Vogtlandes mitunter mitten durch den Wald. Vom Osten in den Westen war es nur ein Schritt.

Der Zollbeamte Siegfried Schmutzer informierte den MIC über die illegalen Treffen an der innerdeutschen Grenze. Der MIC war eine Einrichtung der US-Armee, bis zum Mauerbau zuständig für die Spionageabwehr. In den 80er-Jahren unterrichtete das Kontaktbüro dann die US-Armee über Kontakte zwischen Grenzern und Arbeitern. Alle wussten Bescheid, nur die Stasi ahnte nichts von den Treffen.

„Wir waren verpflichtet, wenn wir irgendeinen Kontakt mit Leuten aus der DDR hatten, das zu melden. Ich habe das getan und war dann praktisch von meiner Dienststelle angehalten, an der Sache ein bisschen dranzubleiben. Dann hat sich die MIC […] mit eingeklinkt. Die wollten auch wissen, was da los ist. Und vor allen Dingen hat die immer interessiert, was die eventuell erzählen könnten von der russischen Kaserne in Plauen.“

Siegfried Schmutzer, ehem. bayerischer Zollbeamter

Picknick mit dem Zoll

Drei Monate missachteten die Grenzer und Arbeiter sämtliche Dienstvorschriften und rauchten Westzigaretten mit dem Klassenfeind. Die große Politik blieb außen vor.

„Wir haben zum Beispiel an der Grenze beieinander gesessen und da hat einer gesagt, bei uns gibt’s nur eine Sorte Leberwurst. Und da habe ich gesagt: Pass auf, wir machen Folgendes. Ich gehe heute sowieso noch mit ’nem Kumpel was zur Brotzeit holen, ich bring dir halt mal von zwei, drei Metzgern die Leberwurstpallette mit, die wir haben.“

Joachim Vollert, ehem. Bayerische Grenzpolizei

Die Arbeiter fragten ihre Bewacher öfter, was sie machen würden, wenn einer abhauen würde. Eine klare Antwort gab es nicht. Die Fluchtidee saß in ihren Köpfen. Am 10. Juli 1982 schritten sie zur Tat. Als der Fähnrich Udo Unterdörfer begriff, was geschah, war es schon zu spät. Die vier Arbeiter rannten in Richtung Bundesrepublik und waren nach wenigen Sekunden verschwunden. Keiner ihrer Bewacher schoss. „Jemand in den Rücken schießen, ist Mord“, rechtfertigte sich Udo Unterdörfer. Er wurde verhaftet und zehn Stunden lang zu dem Vorfall vernommen. Seine Entscheidung hat er bis heute nicht bereut.

Hartmut Endler und seine drei Kollegen wurden von den westdeutschen Grenzern Schmutzer und Vollert freundlich aufgenommen und mit dem Nötigsten versorgt. Auch Arbeit und eine Unterkunft besorgten sie ihnen. Während drei der Flüchtlinge darauf warteten, dass ihre Familien ihnen offiziell nachreisen durften, versuchte die Staats-sicherheit den vierten, Dorn, in die DDR zurückzulocken.

„Die Tante des Dorn ist zu beauftragen in die BRD nach Hof zu ihrem Sohn zu reisen. Die Dorn wird bevollmächtigt, ihrem Sohn mitzuteilen, dass bei Rückkehr gegen ihn keine strafrechtlichen Maßnahmen durchgeführt werden. Sie wird ihrem Sohn einen Brief der Ehefrau und der Kinder aushändigen, in dem das dringende Ersuchen seiner Rückkehr zum Ausdruck gebracht wird.“

Zitat aus einer Stasi-Akte

Dorn kehrte mit seiner Tante in die DDR zurück.

Rückkehr mit Vergünstigungen

Fünf Wochen nach der Flucht schickte die Stasi Rechtsanwalt Wolfgang Vogel in den Westen, dazu vertrauenswürdige Verwandte der Geflohenen. Sie sollten auch die anderen drei überzeugen, zurückzukommen. Eine Familienzusammenführung im Westen wurde ihnen verweigert. Die Stasi übte auch Druck auf die Ehefrauen aus. Sie sollten sich von den Republikflüchtigen scheiden lassen. Gleichzeitig sicherte Rechtsanwalt Vogel den drei Arbeitern Straffreiheit zu, wenn sie zurückkehren würden, außerdem neue Jobs und andere Vergünstigungen. Ihr im Westen verdientes Geld sollten sie mitnehmen können.

Im Juli 1982, sechs Wochen nach ihrer Flucht, kehren Hartmut Endler und seine beiden Kollegen in die DDR zurück. Sie wurden nur kurz von der Stasi vernommen und waren frei – ohne weitere Verpflichtungen. Ein Rechtsanwalt brachte Hartmut Endler 1.000 Mark Wiedereingliederungshilfe, auch ein Telefon wurde ihm gewährt, dass er zuvor schon jahrelang vergeblich beantragt hatte. Doch der Preis dafür war hoch: Ihm schlug Misstrauen entgegen, Bekannte dachten, dass er für die Stasi arbeitet.

Udo Unterdörfer saß zu dieser Zeit im Stasi-Untersuchungsgefängnis in Karl-Marx-Stadt. Weil er die illegalen Kontakte an der Grenze gedeckt und die Flucht der vier nicht vereitelt hatte, wurde er degradiert und unehrenhaft aus den Grenztruppen entlassen. Im November 1982 verurteilte ihn ein Militärgericht zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten, ebenso seinen Vorgesetzten. Unterdörfer saß knapp die Hälfte seiner Strafe ab. Nach einem Jahr und zwei Monaten wurde er vorzeitig entlassen. Als er von der Rückkehr der vier erfuhr, war er wütend und schockiert: „Ich hab für sie gebüßt und sie machen sich ein fröhliches Leben. Die kommen wieder und ich brumme trotzdem meine Zeit ab.“

Im Dezember 1983 reisten die Endlers als Familie in den Westen aus, anderthalb Jahre nach der Flucht und Wiederkehr von Hartmut. Sie ließen sich in Oberfranken nieder, zwei Kilometer hinter dem Todesstreifen. Warum die Stasi die vier Arbeiter unbedingt zurückholen musste, nur um Endler später legal ausreisen zu lassen, darüber können weder die Beteiligten noch Tausende Seiten Stasi-Akten Auskunft geben.

Kurzversion zum Film des MDR hier.

Video:

Quelle: mdr.de vom 15.07.2014

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