
Abschiebung nach Polen: Immer mehr alte Menschen landen in Altersheimen jenseits der deutschen Grenze. Die Angehörigen können sich die Pflege zu Hause nicht leisten. So viel zur „Rentnerdemokratie“.
Sprach man früher von einer Residenzstadt, meinte man den Sitz eines Fürsten. Die Pflegeindustrie hat das Wort übernommen und zur bitteren Karikatur umgemünzt. Heute ist eine Seniorenresidenz schlicht und einfach ein Altersheim, wo allenfalls die Kosten fürstlich sind. Eine Residenzstadt wäre demzufolge ein Ort mit einer hohen Dichte an Altersheimen.
Alternde Städte gibt es in Deutschland schon, wo bereits das Straßenbild wie eine Illustration der demografischen Katastrophe wirkt; Residenzstädte aber noch nicht, allenfalls bevorzugte Residenzstandorte. Auffällig oft findet man sie an stark befahrenen Straßen, wo kein Mensch wohnen will. Aber den schwerhörigen Alten ist ja der Lärm gleich, und wenn nicht, haben sie eben Pech.
Mindestens ein Residenzdorf gibt es allerdings schon, und zwar das polnische Zabelkow in der Nähe von Kattowitz, wo schon das zweite Heim für deutsche Alte entsteht. Ja, Alte. Der Euphemismus „Senioren“ ist eine fast ebenso große Beleidigung wie die „Residenz“. Ein Wort, das der Tatsache des Alterns nicht ins Gesicht sehen will.
Da muss man der Oma ihr klein Häuschen nicht verkloppen
Dass die Deutschen nun als Demente nach Oberschlesien zurückkehren, das sie infolge eines Anfalls von Massendemenz verloren haben, mag man aus welthistorischer Warte so bemerkenswert finden wie die Tatsache, dass sich ausgerechnet Polen der hinfälligen Angehörigen eines Volks annehmen, das sich einmal als Herrenrasse halluzinierte. Sie tun das in Zabelkow und anderswo allen Berichten zufolge mit einer Hingabe, die man allzuoft in deutschen Einrichtungen vermisst.
Und – darauf kommt es nämlich an – zu einem Bruchteil des Preises. 1300 Euro kostet dort ein Einzelzimmer mit Vollpflege, unabhängig von der deutschen Pflegestufe. Da kann kein deutsches Altersheim mithalten. Da muss man der Oma ihr klein Häuschen nicht verkloppen, um der Oma ihre Pflege zu bezahlen. Ab nach Polen, nach Ungarn, Tschechien oder in die Slowakei, und die Versicherung deckt die Kosten.
Wohlgemerkt: Weder den findigen Unternehmern, die in Osteuropa – bevorzugt in menschenleeren Gegenden, wo die Bodenpreise gegen null tendieren – Aufbewahrungs-anstalten für deutsche Alte bauen, soll ein Vorwurf gemacht werden, noch den Angehörigen eines pflegebedürftigen Alten, die keine Möglichkeit sehen, die Differenz zwischen Versicherungsleistungen und Pflegekosten in einem deutschen Heim aufzubringen.
Heute Polen und Ungarn, morgen Bulgarien oder Rumänien
So viel freilich zur angeblichen „Rentnerdemokratie“ in Deutschland, die nach Ansicht des gut dotierten Pensionärs Roman Herzog die Zukunft verfrühstückt. So mächtig sind die Alten nämlich, dass sie nicht einmal Zustände verhindern können, in denen ihre eigene Abschiebung ihnen selbst als wirtschaftlich vernünftigster Ausweg erscheinen muss.
So viel zur Forderung des Katholiken Jens Spahn, die „Generationengerechtigkeit“ im Grundgesetz zu verankern, womit er meint, dass seine Generation mehr, die Alten weniger bekommen sollen. Eine Gerechtigkeit, deren direkte Folge noch mehr „Residenzen“ in Billiglohnländern sein dürften. Heute Polen und Ungarn, morgen Bulgarien oder Rumänien, übermorgen die Philippinen oder der Kongo. Die „Rentnerdemokratie“ kann ja noch zum Weltmeister im Oma-Export aufsteigen.
85 Prozent der Deutschen, heißt es, würden eine solche Lösung der Pflegefrage „kategorisch ablehnen“. Bleiben freilich 15 Prozent, das sind immerhin zwölf Millionen Deutsche, die den Alten einen Lebensabend im goldenen Schein der schlesischen Sonne gönnen. Da könnte auf unsere Nachbarn eine Welle deutscher Altersasylanten zukommen, an der gemessen die uns heute so beschäftigende Welle politischer und wirtschaftlicher Flüchtlinge wie Peanuts erscheint. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes.
Dem Philosophen Michel Foucault zufolge erkennt man das Selbstverständnis einer Gesellschaft an dem „anderen“, das es aussondert, etwa Wahnsinnige und Verbrecher. Hinzu kommen jetzt die Alten. So definiert sich Deutschland als rational, ordnungsliebend – und jung.
Die deutsche Politik öffnet wahnwitzig, trotz steigender Schulen, ihren löchrigen Geld-beutel für Waffenexporte, marode Banken, oder Putsch-Regime wie die Ukraine, aber die Menschen die jahrzehntelang hier geschuftet und Steuern gezahlt haben, kommen nicht zu ihrem Recht in ihrer eigenen Heimat zu altern.
Quellen: PRAVDA TV/dpa/WeltOnline vom 24.10.2014
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