Chemiewaffen: Giftiges Erbe in Nord- und Ostsee

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Bericht warnt vor Spätfolgen der Verklappung von Chemiewaffen aus beiden deutschen Staaten.

»Das Risiko, mit Kampfstoffen belasteten Fisch auf den Teller zu bekommen, wird in naher Zukunft zunehmen – es ist schon heute nicht gleich null.« Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung, die der Koblenzer Experte Stefan Nehring jetzt exklusiv in Waterkant, einer kleinen nichtkommerziellen Fachzeitschrift für maritime Themen, veröffentlicht hat.

Nehring analysiert nicht nur den aktuellen Statusbericht, den die sogenannte Helsinki-Kommission (HELCOM) über die Situation der in der Ostsee versenkten Massen von Chemiewaffen erarbeitet hat. Er kombiniert darüber hinaus die Resultate dieses Reports sowohl mit bislang unbekannten oder unberücksichtigt gebliebenen historischen Daten zu Vergiftungen bei Menschen als auch mit amtlichen und eigenen Forschungsergebnissen über künftig zu erwartende Entwicklungen.

Anlass seiner Untersuchungen ist die jahrzehntelang praktizierte »Entsorgung« von Rüstungsgütern in Nord- und Ostsee – zum einen nach 1945 auf Veranlassung der Alliierten, zum anderen später durch BRD und DDR, die laut Nehring beide jahrzehntelang chemische und konventionelle Munition still und heimlich in den Meeren verklappt haben. Von mehr als zwei Millionen Tonnen sei heute insgesamt auszugehen, so der Forscher, der seit mehr als zehn Jahren mit dem brisanten Thema befasst ist.

Bis Anfang dieses Jahrtausends seien Einzelheiten kaum bekannt gewesen. Zuständige Behörden, kritisiert Nehring, hätten jahrzehntelang wenig zur Aufklärung beigetragen. Tatsächlich war der Koblenzer einer der wenigen, die sich um die Erfassung von Versenkungsgebieten und -umständen, um Bilanzierungen und Schätzungen gekümmert haben. Dafür ist er teilweise heftig angegriffen worden, denn seine Angaben lasen sich anders als die amtlichen Zahlen. So behaupteten die BRD-Behörden noch in den 90er Jahren, in der deutschen Nordsee lägen nur rund 10.000 Tonnen versenkter Munition, und chemische Kampfstoffe seien nie in deutschen Gewässern »entsorgt« worden.

Erst 2009 fanden sich Politik und Verwaltung des Bundes und der Küstenländer bereit, Fachleute im sogenannten Bund-Länder-Expertenkreis »Munition im Meer« zusammenzuziehen und sich so dem Problem zu stellen. Die geschehe »zumindest ansatzweise«, kommentiert Nehring, denn immer wieder findet er Schwächen und Lücken in den aktuellen Berichten des Sachverständigenkreises.

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Immerhin: Auch seitens dieses Gremiums ist mittlerweile anerkannt, dass die heute amtlich geschätzten Mengen versenkter Munition rund eine knappe Million Tonnen verschiedenster, überwiegend hochgiftiger Chemikalien enthalten. Während die aber in früheren Jahrzehnten meist nur aus beschädigten Hülsen freigesetzt wurden, ist jetzt zunehmend davon auszugehen, dass die Munition langsam verrottet. Die Gifte treten damit in viel größerer Menge aus. Bekannt sind die Schlagzeilen über die seit gut 30 Jahren zunehmenden Unfälle mit Phosphor an den Stränden – nicht nur auf der Insel Usedom, sondern auch an vielen anderen Stellen der deutschen Nord- und Ostsee. Der Phosphor aus Brandbomben sieht Bernstein zum Verwechseln ähnlich und verursacht bei spontaner Selbstentzündung schwerste Verbrennungen.

Kaum bekannt sei aber das Problem, dass etliche der anderen in den versenkten Chemiewaffen enthaltenen Substanzen in die marine Nahrungskette – und über die Fische auch zum Menschen gelangen können, schreibt Nehring. In seiner aktuellen Untersuchung geht er vor allem dieser Frage nach. In alten Akten fand er Hinweise auf einzelne Vergiftungen von Verbrauchern beispielsweise durch mit Senfgas oder Arsen belastete Fische. Der Forscher geht von einer hohen Dunkelziffer an Vergiftungen aus. So entdeckte er einen amtlichen Bericht aus dem Jahre 1993, in dem es heißt, dass kontaminierte Fänge von Fischern nicht immer gemeldet und vernichtet würden. Denn mangels akzeptabler Entschädigungsregelungen bedeute das für die Betroffenen erhebliche Einnahmeverluste.

Scharf kritisiert Nehring die anhaltende Verweigerungshaltung der Nord- und Ostseeanrainer, was die Rückholung der Altlasten betrifft. Es sei »nur eine Frage der Zeit, wann die knapp eine Million Tonnen Kampfstoffe & Co. aus versenkter Munition auch über die Nahrungskette auf unseren Tischen« landeten. Schätzungen zufolge ist der Höhepunkt der Freisetzungswellen erst in einigen Jahrzehnten zu erwarten. »Die Zeit drängt«, mahnt Nehring daher.

Quellen: PublicDomain/dpa/jungewelt.de vom 12.01.2015

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