Lebensmittel: Der bizarre Streit um die Gentechnik-Kennzeichnung

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Alle gentechnisch veränderten Produkte zu kennzeichnen, das fordert inzwischen die Industrie. Nun halten die Grünen dagegen und warnen vor „Verbraucherverdummung“. Ernährungsexperte Udo Pollmer sieht die Fronten hier komplett vertauscht.

Die Wirtschaft probiert es mal andersherum: Sie will endlich alle Produkte kennzeichnen, die in irgendeiner Weise mit Gentechnik hergestellt wurden. Prompt regt sich bei den Kritikern der Gentechnik heftiger Widerstand: Denn wenn ausgerechnet die Lebensmittel-Lobby ihre populären Forderungen nach uneingeschränkter Kennzeichnung übernimmt, dann verheißt das in der Politik nichts Gutes.

Die Gentechnik-Gegner begründen ihre überraschende Kehrtwende damit, die „Lobbytruppe“ der Wirtschaft wolle eine Labelflut in den Regalen, „die den Verbrauchern suggeriert, der Gentechnik sei nicht mehr zu entkommen“. Sie hoffen, dass immer mehr Produkte mit dem Aufdruck „gentechnikfrei“ werben, noch besser, dass ganze Landstriche als „gentechnikfreie Regionen“ ausgerufen werden.

So Unrecht haben sie mit ihrer Befürchtung nicht. Die Kritiker der Gentechnik wissen natürlich, dass ihre gentechnikfreien Regionen potemkinsche Dörfer sind, Kulissen für gutgläubige Verbraucher. Wenn heute auf allen Produkten, die mit Gentechnik hergestellt worden sind, ein „roter Gentechnik-Punkt“ kleben müsste, so spotten Kritiker, dann wären die meisten Produkte im Supermarkt damit gebrandmarkt, egal ob Lebensmittel, Kosmetika, Waschmittel oder Textilien. Viele „natürliche“ Beigaben wie „Aromen“ oder „Duftstoffe“ stammen aus dem Genlabor, fast jedes Brot und Brötchen enthält gentechnische Enzyme, ebenso unsere Waschmittel, selbst die Sojawürstchen sind mit Glutamat aus gentechnisch veränderten Mikroben gewürzt.

Und die Wirtschaft? Die setzt nun – nach Jahren der Öffentlichkeitsscheu – zur Flucht nach vorne an, sie will mit ihrem Vorstoß einen Überraschungscoup landen. Hatte nicht vor Jahren der Chemiekonzern Hoechst damit seine Kritiker bloßgestellt? Nach einem eher unbedeutenden Chemieunfall, der sich durch ungeschicktes Agieren in der Öffentlichkeit zum medialen Super-GAU entwickelte, entschloss sich die Pressestelle, jedes Malheur zum Störfall hochzustilisieren. Die Medien stürzten sich zunächst begierig auf verschüttete Putzeimer und umgekippte Kanister, wurden dann aber des Spiels überdrüssig. Hoechst war endlich aus den Schlagzeilen. Und genau diesen Effekt erhoffen sich die Produzenten jetzt ebenfalls.

Gentechnik auf allen Produktionsstufen angekommen
Vom Schweigen profitieren bisher vor allem Branchen, die vermeintlich frei von Gentechnik sind, also Produkte gekennzeichnet mit „bio“ oder „gentechnikfrei“. Doch die Gentechnik ist längst auf allen Stufen der Produktion angekommen. Mit gentechnischen Verfahren werden Krankheitserreger von Nutzpflanzen und Nutzvieh identifiziert. Die schnelle und zuverlässige Diagnostik ist Voraussetzung für eine Verminderung des Einsatzes von Pestiziden und Antibiotika. Für die Schweinemast kommen die tierischen Aminosäuren und die Vitamine heute von Bakterien, die gentechnisch optimiert wurden. Werden diese Gen-Produkte an Tiere verfüttert, darf sogar das Siegel „gentechnikfrei“ drauf.

Es ist kaum zwei Jahre her, dass das ZDF in Biogemüse allerlei artfremde Gene nachgewiesen hatte, die nicht durch traditionelle Züchtung hineingeraten sein konnten. Die fraglichen Biogemüse, sogenannte CMS-Hybriden, waren mit modernster Gentechnik zusammengebastelt worden. Ohne diese hätte sich wohl auch Bio längst vom Acker gemacht. Wenn derzeit unsere Politiker ein generelles Verbot der Gentechnik auf unseren Äckern fordern, so ist das pure Augenwischerei. Ein Teil der Gentechnik wie die CMS-Hybriden fällt einfach durch das weitmaschige Netz der Definitionen. Und der andere Teil – wie genveränderte Baumwolle – wird halt im Ausland angebaut und hier verwendet.

Was lehrt uns das? Je lauter der Ruf nach dem „Schutz des Verbrauchers“ ertönt, um so unappetitlicher die Absichten. Land- und Lebensmittelwirtschaft haben die Öffentlichkeit hinters Licht geführt, sie haben die Gentechnik auf breiter Front eingesetzt und darüber geschwiegen. Umwelt- und Verbraucherschützer haben wider besseren Wissens so getan, als könnten wir durch Spenden in der Bilderbuchwelt von Heidi und ihrem Almöhi speisen. Mahlzeit!

Literatur:

Opium fürs Volk: Natürliche Drogen in unserem Essen von Udo Pollmer

Saat der Zerstörung. Die dunkle Seite der Gen-Manipulation von F William Engdahl

Mit Gift und Genen: Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert von Marie-Monique Robin

Quellen: PA/deutschlandradiokultur.de vom 12.06.2015

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