
Immer wieder gab es gegen den Modeunternehmer Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe. Ein Streit mit seinem Nachbarn auf den Bahamas führte wohl zu den Ermittlungen und nun zu der Verhaftung.
Anfang Februar hatten Beamte der New Yorker Polizei und der Bundesbehörde FBI die Geschäftsräume von Nygård International durchsucht. Zehn Frauen werfen dem 78-jährigen Firmengründer in einer Sammelklage sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung vor, mehrere mutmaßliche Opfer sollen zum Tatzeitpunkt jünger als 16 Jahre gewesen sein.
Die Polizeiaktion dürfte ein Hinweis darauf sein, dass dem finnisch-kanadischen Unternehmer neben einem zivilrechtlichen Verfahren auch strafrechtlich Konsequenzen drohen könnten.
Am Tag nach der Razzia wacht eine Rezeptionistin über den Aufgang zu den Büroräumen, das angrenzende Ladengeschäft, „Nygård Fashion“, ist geschlossen. Die grellblaue Schaufensterbeleuchtung erinnert an ein Solarium, ein Schaufensterpuppe trägt eine Weste in Leoprint-Optik, ein anderes eine pinke Wickelbluse, es gibt Goldschmuck und silberfarbene Rucksäcke.
Einst häufte Nygård mit dieser Art der Frauenmode ein Vermögen an. 2009 führte ihn das Canadian Business Magazine mit geschätzten 817 Millionen kanadischen Dollar auf Platz 70 der wohlhabendsten Einwohner des Landes.
In der New Yorker Klageschrift heißt es, Nygård habe sich über seine Firma und mithilfe seiner Angestellten immer neue Opfer zugeführt und diese dann mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht. Mitunter soll er die jungen Mädchen anschließend angewiesen haben, neue Sexualpartnerinnen ranzuschaffen.
Abgespielt haben soll sich das Ganze nicht in den USA, sondern auf den Bahamas. Dort, in Lyford Cay im Westen der Insel New Providence, auf der auch die Hauptstadt Nassau liegt, besitzt Nygård ein weitläufiges Anwesen namens „Nygård Cay“. Frei übersetzt: Nygårds Inselchen.
Den Ort gestaltete der in Finnland geborene und in Kanada reich gewordene Unternehmer ganz nach seinen Vorstellungen. Immer wieder führte er die Anlage stolz Fernsehteams vor. Eine sichtlich beeindruckte Reporterin von The Bahamas Weekly berichtete 2008 von Maya-Tempel-Nachbauten, riesigen Löwen- und Schlangenköpfen und drei Beachvolleyballfeldern, die Olympia-Anforderungen genügt hätten (Das grausame Geschäft mit Pädophilie, Menschenhandel und Prostitution).
Sexuelle Übergriffe bei den Verwöhn-Partys
Hier soll Nygård sonntags regelmäßig sogenannte pamper parties veranstaltet haben, also: Verwöhn-Partys. Weibliche Gäste konnten sich kostenlos massieren und die Nägel machen lassen, es gab Ausritte am Strand und unbegrenzt Alkohol. Einige der Frauen sollen dort zu sexuellen Handlungen genötigt worden sein, geht aus der Klage hervor.
Der New York Times zufolge hatten Nygårds Mitarbeiter den Auftrag, für die Feste in Geschäften, Clubs und Restaurants junge Frauen zu rekrutieren – gezielt in Armenviertel der Karibikinsel.

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahrzehnten Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe gegen ihn. 2004 hatte etwa die Schauspielerin Jessica Alba während Dreharbeiten auf den Bahamas eine Nygård-Party besucht – das Erlebte beschrieb sie später als „ekelerregend“. „Da sind Mädchen im Jacuzzi, die sind 14 Jahre alt, und ziehen ihre Klamotten aus.“
Doch am Ende ist es nicht die aufkommende Me-too-Bewegung, die dem mutmaßlich kriminellen Treiben des Modeunternehmers ein Ende setzt – Nygård wird ein Nachbarschaftsstreit zum Verhängnis.
Der Unternehmer und Louis Bacon, ein amerikanischer Hedgefonds-Milliardär, liefern sich seit mehr als zehn Jahren einen Kleinkrieg mit sämtlichen Mitteln, die sich Männern bieten, die viel Geld und wenig Skrupel haben. Mit mindestens 25 Klagen haben sich die Streithähne bis heute überzogen, nach Schätzungen der Times verschlangen die Rechtsstreitigkeiten mehrere zehn Millionen US-Dollar.
Weil er seinen Nachbarn dafür verantwortlich machte, dass ihm der Wiederaufbau seines 2009 teilweise abgebrannten Anwesens verwehrt wurde, lancierte Nygård eine Verleumdungskampagne gegen Bacon.
Bei einer Straßen-Demo 2015 in der Hauptstadt Nassau liefen Protestler mit Schildern durch die Straßen, auf denen Bacon als Mitglied des Ku-Klux-Klans verunglimpft wurde. Webseiten tauchten auf, die den Amerikaner mehrerer Morde beschuldigten. Bacon schlug auf seine Art zurück: Er heuerte ein Team aus Privatermittlern und Juristen an, um den Verdachtsmomenten gegen Nygård nachzugehen.
Der milliardenschwere Nachbar kaufte wohl Zeugen
Der New York Times sagte Louis Bacon, er habe sich verpflichtet gefühlt, etwas zu tun, nachdem er von dem möglichen sexuellen Missbrauch durch seinen Nachbarn gehört habe. Tatsächlich scheint aber auch er eher getrieben vom unbedingten Willen, den Gegner zu vernichten. Denn das Team des Milliardärs tat offenbar mehr, als nur Beweise zu sammeln.
So berichtet die Times von einem Schwesternpaar, das Nygård zunächst beschuldigt hatte, später aber zugab, die Vorwürfe gegen Bezahlung fabriziert zu haben. Beauftragt wurden die Frauen demnach von einer ehemaligen Nygård-Angestellten, die Bacons Leute angeheuert hatten, um mutmaßliche Opfer zu finden.
Eine der Schwestern hatte behauptet, mit 15 vergewaltigt worden zu sein, die andere gab an, sie sei erst zehn gewesen, als sich Nygård an ihr vergangen habe – während des Übergriffs sei im Fernsehen ein Cartoon gelaufen. Mehrere Frauen sagen inzwischen, sie fühlten sich von beiden Männern benutzt.
Von Nygård für Sex und von Bacon für dessen Vendetta. Beide Männer zusammen verfügen über ein Vermögen, das in etwa dem jährlichen Haushalt der Bahamas entspricht (Trumps Rechtsanwalt: „Amerikaner werden auf der Ebene der Pädophilie und der satanischen Anbetung schockiert sein“).

Modemogul Peter Nygard festgenommen: 57 Frauen werfen ihm Missbrauch vor
Der Modeunternehmer Peter Nygard ist im kanadischen Winnipeg festgenommen worden. Insgesamt 57 Frauen werfen dem 79-Jährigen Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch und Menschenhandel vor, teils reichen die Anschuldigungen bis ins Jahr 1977 zurück.
Gegen den Modeunternehmer, der in Helsinki geboren wurde, wird in Kanada, in den USA und auf den Bahamas ermittelt. Bereits im Februar hatte das FBI Anwesen und Firmensitze von Nygard in New York und Los Angeles durchsucht.
„Die Überlebenden unserer Klage haben sehr lange auf diesen Tag gewartet“, sagte Lisa Haba, eine der Opferanwältinnen, dem Sender CBC News. „Die Verhaftung von Peter Nygard ist der nächste Schritt, ihn und seine Komplizen für die unaussprechlichen Verbrechen gegen Frauen und Kinder zur Rechenschaft zu ziehen.“
Nach bekanntwerden der Vorwürfe hatte sich Nygard Anfang des Jahres aus seiner Firma zurückgezogen und hatte angekündigt, seine Anteile an dem Modeunternehmen zu veräußern. Zuvor hatte unter anderem die US-Kaufhauskette Dillard’s die Zusammenarbeit mit Nygard aufgekündigt.