Irlmaiers Prophezeiungen: Wenn die Zukunft rückwärts gelesen wird

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Es gibt Seher, die sahen nichts – und Menschen, die in ihnen alles sehen.

Alois Irlmaier gehört zu Letzteren: ein Brunnenbauer aus Freilassing, geboren 1894, einfacher Mann, einfaches Gemüt, aber mit einer Aura, die ganze Telegram-Kanäle am Leben hält.

Kaum fällt irgendwo eine Gasleitung aus, ruft jemand: „Das hat der Irlmaier vorhergesagt!“

Kaum regnet es im August, heißt es: „Das steht in seinen Prophezeiungen!“, und schon verwandelt sich jedes Wetter in Weltgeschichte und jede Schlagzeile in Apokalypse.

Das Faszinierende: Niemand weiß genau, was er wirklich gesagt hat.

Die Quellen sind brüchig wie altes Porzellan, die Zitate stammen aus zweiter, dritter oder gar aus zehnter Hand. Doch das hält niemanden davon ab, sie für bare Münze zu nehmen.

Je weniger belegbar, desto glaubhafter. Ein paradoxes Naturgesetz der Gegenwart!

Der moderne Irlmaier-Kult funktioniert wie ein Meme: Er wird geteilt, geliked, weiterinterpretiert, neu vertont, mit dramatischer Musik unterlegt und in WhatsApp-Gruppen diskutiert wie ein heiliges Evangelium.

Dabei erzählt das alles weniger über die Zukunft als über die Gegenwart: über Angst, Kontrollverlust, das Bedürfnis nach Sinn – und die menschliche Schwäche, im Chaos ein Drehbuch erkennen zu wollen.

Dieses Essay zerlegt das Irlmaier-Universum in seine Bestandteile.

Es untersucht, welche Verschwörungstheorien daraus entstanden sind, warum seine Sätze so elastisch sind, dass sie sich jedem Zeitgeist anpassen, und was sie tatsächlich bedeuten könnten, wenn man sie einmal ernsthaft, aber ohne Weihrauch betrachtet.

Wie aus fragmentarischen Aussagen ein Jahrhundert-Mythos wurde, von Alfred-Walter von Staufen

Der Prophet als Projektionsfläche

Alois Irlmaier war kein Theologe, kein Okkultist, kein Apokalyptiker im klassischen Sinn, nein, er war ein Mann mit Schaufel, Wasserader und Bauchgefühl.

In den 1940er-Jahren wurde er zum lokal bekannten „Rutengänger“, der angeblich verschollene Soldaten lokalisierte oder Bombenopfer vorhersah.

Der Nachkriegsmensch brauchte Hoffnung, irgendetwas, das mehr wusste als die Trümmerfrau von nebenan. Da kam einer, der behauptete, er sehe Dinge – und schon war der Prophet geboren.

Seine Aussagen waren bunt, poetisch und vor allem ungenau.

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Er sprach von „einem großen Krieg im Osten“, „gelben Linien über Europa“, „drei Tagen Finsternis“ und einer „neuen Zeit danach“. Das klingt heute nach Netflix-Trailer, war damals aber nichts anderes als das Gemurmel eines Katholiken mit lebhafter Vorstellungskraft.

Er sprach in Bildern, nicht in Zahlen. In Ahnungen, nicht in Daten!

Doch die Menschheit liebt Kalender, also wurde aus seinen Gleichnissen ein Countdown.

Als Irlmaier 1959 starb, hinterließ er kein Werk, kein Tagebuch, kein Manifest. Was blieb, waren Anekdoten und die Lust der Nachwelt, sie auszuschmücken.

Ein Jahrzehnt später erschien das erste Buch über ihn – geschrieben von anderen. Seitdem wurde er fortlaufend modernisiert: vom Bauernseher zum Kalte-Krieg-Propheten, dann zum Nostradamus des Internets. Heute dient er wahlweise als Anti-Globalisten-Ikone, Esoterik-Held oder nationalkonservativer Märtyrer wider die „Mainstream-Lüge“.

Kurz: Irlmaier ist längst das geworden, was seine Jünger immer suchten – ein verzerrter Spiegel der Realität, in dem sie sich selbst erkennen können.

Die Geburt der Rückwärtsprophetie

Das Erfolgsgeheimnis jeder Prophezeiung liegt in ihrer Dehnbarkeit.

„Von Osten kommt es“ – ein Satz, der seit Jahrhunderten alles und nichts bedeuten kann: die Hunnen, die Russen, der Sonnenaufgang.

Nach jedem Krieg findet sich ein Anhänger, der behauptet: „Schaut, das hat er gemeint!“

Damit ist Irlmaier der Erfinder einer genialen Technik: Nicht die Zukunft erklärt die Prophezeiung, sondern die Prophezeiung erklärt die Vergangenheit – nachträglich 😉.

Dieses Prinzip nennt man Rückwärtsprophetie.

Es funktioniert wie Horoskope: Je allgemeiner die Aussage, desto größer die Trefferquote.

Wenn er sagt, „es wird Unruhe geben“, dann gilt das für jedes Jahrzehnt seit Caesar.

Wenn er sagt, „in der Stadt wird es brennen“, dann hat er statistisch immer recht,

denn irgendwo brennt es immer – und im Zweifel reicht auch ein E-Auto in Flammen.

Der Trick liegt in der Sprache! Sie ist vage genug, um alles zu umfassen, und präzise genug, um sich prophetisch anzuhören. Damit lassen sich sämtliche politischen Katastrophen recyclen:

  • Corona = „gelbe Linie“,
  • Ukrainekrieg = „Angriff aus dem Osten“,
  • Inflation = „großes Geldverderben“.

So wird Irlmaier zur semantischen Wundertüte: man schüttelt sie einfach mal richtig durch und heraus fällt, was gerade passt.

Wer das kritisch anspricht, bekommt den Klassiker: „Du musst zwischen den Zeilen lesen.“

Übersetzt heißt das: Man darf alles hineinlesen, solange es ins eigene Weltbild passt.

Wissenschaft nennt das Confirmation Bias.

Religion nennt es Glauben.

Telegram nennt es Content.

Das Geschäft mit der Angst

Apokalypse verkauft sich gut. Schon die Kirchen wussten das, Hollywood perfektionierte es, und heute übernehmen es Influencer im Hoodie.

Ein alter Seher aus Bayern ist da reines Gold, denn wer Angst vor dem Untergang hat, kauft Kerzen, Generatoren, Rucksäcke, Plastikwassertanks (hmmm, fein mit Plastikweichmacher 😉), Nahrung in Dosen und natürlich Bio-Kaffee bei AUF1 für den Weltuntergang, denn wenn wir schon krepieren, dann bitte mit nachhaltigem Kaffee aus Bio-Anbau von echten schwarzen Plantagensklaven gepflückt!.

Der Markt für Endzeit-Merch wächst jährlich zweistellig!

Bücher über Irlmaier erscheinen in Zyklen – immer dann, wenn die Weltlage wieder ein bisschen nach Donner riecht:

  • 1991 (Golfkrieg),
  • 2001 (9/11),
  • 2008 (Finanzkrise),
  • 2020 (Pandemie).

Jedes Mal wird nun aber wirklich neu „bewiesen“, dass jetzt endlich „alles so kommt, wie er sagte“. Zufall? Natürlich nicht! Das nennt man Marketing!

YouTube-Kanäle mit Titeln wie „Der Seher aus Freilassing hatte recht!“ erreichen Millionen Aufrufe. Jedes Video beginnt gleich: dramatische Musik, eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie, dazu Text in Frakturschrift. Dann folgen 20 Minuten Spekulation, ein Spendenlink und ein Affiliate-Code für „Survival-Kerzen“. Am Ende bedankt man sich artig bei „den Unterstützern, die uns helfen, die Wahrheit zu verbreiten“.

Der moderne Prophet ist also nicht der, der sieht, sondern der, der monetarisiert.

Irlmaier ist längst Marke, ein Label, unter dem sich alles verkaufen lässt: Katastrophenromantik, Esoterik, und das Gefühl, Teil einer auserwählten Minderheit zu sein.

Von der Wirtshaus-Weissagung zur Weltverschwörung

Die ursprünglichen Irlmaier-Zitate sind handzahm.

Er sprach von Bauern, nicht von Banken; von Engeln, nicht von Eliten.

Doch mit jeder Generation wurde der Ton schärfer.

In den 1980ern wurde aus dem „Krieg im Osten“ eine sowjetische Invasion.

Nach 2001 mutierte sie zum Kampf der Kulturen.

Seit 2020 ist sie der „Dritte Weltkrieg gegen das Volk“.

Die Szene bastelte daraus ein Gesamtwerk, das in seiner inneren Logik beeindruckend geschlossen ist. Es gibt Karten, Zeitachsen, PDF-Chronologien. Jede neue Krise wird hineingeschrieben, bis die Fiktion stabil genug ist, um als Fakt verkauft zu werden.

Manche „Forscher“ sprechen Irlmaier heute sogar Kenntnisse über Atomwaffen, Satelliten und Biolabore zu. Das ist ungefähr so plausibel, als hätte Nostradamus TikTok erklärt.

Die Dynamik ist stets dieselbe: Ein Ereignis passiert, jemand findet ein altes Zitat, interpretiert es passend und ruft „Prophezeiung erfüllt!“.

Das Publikum jubelt, die Klickzahlen steigen. Und niemand merkt, dass aus einer Wirtshaus-Weissagung eine globale Verschwörungserzählung geworden ist, die mehr über die Fantasie der Gegenwart als über die Zukunft aussagt.

Die Psychologie des Propheten

Warum glauben Menschen an so etwas?

Nicht, weil sie dumm sind – sondern weil sie überfordert sind!

In einer Welt, in der selbst Experten widersprechen, sucht der Mensch nach eindeutigen Bildern. Irlmaier liefert sie: Feuer, Rauch, Finsternis, Reinigung.

Das sind Archetypen, tief im kulturellen Gedächtnis verankert.

Zudem befriedigt der Glaube an Vorherbestimmung ein paradoxes Bedürfnis: Er nimmt Verantwortung und gibt Bedeutung. Wenn alles vorhergesehen ist, muss man nichts mehr verändern – und fühlt sich trotzdem wichtig, weil man „erleuchtet“ ist.

Psychologisch betrachtet ist der Prophet eine kollektive Projektionsfläche für Kontrollverlust. Je chaotischer die Gegenwart, desto klarer scheint die Weissagung.

So wird der Glaube an Irlmaier zur Therapie gegen Nachrichtenüberforderung.

Auch Medien spielen mit.

Jedes Jahr erscheinen neue Artikel:

  • „Hat Irlmaier die Ukraine vorhergesagt?“
  • „Seher warnte vor Wirtschaftskrise!“

Man könnte meinen, Journalismus sei die moderne Form des Wahrsagens – nur mit besserer Rechtschreibung.

In Wirklichkeit ist es Klick-Alchemie. Der Name Irlmaier zieht Leser, wie der Heiland einst Fische. Und je öfter er erwähnt wird, desto realer wirkt sein Mythos.

Zwischen Religion und Realpolitik

Irlmaiers Sprache ist religiös durchtränkt. Er spricht von Strafe, Sühne, göttlicher Ordnung. Das kommt in Deutschland gut an – hier liebt man Apokalypse mit theologischer Fußnote.

Viele seiner Deutungen gleichen den alten Offenbarungen der Heiligen Birgitta oder Hildegard von Bingen: Visionen des Endes, gefolgt von Läuterung.

Doch während die mittelalterlichen Mystiker den Himmel beschrieben, beschreibt Irlmaier eher das Fernsehen.

Seine „drei Tage Finsternis“ klingen verdächtig nach Stromausfall – und seine „gelbe Linie“ nach Gaswolke oder Chemtrail.

Damit eignet er sich perfekt für die Gegenwart:

  • religiös genug für die Esoterik,
  • technisch genug für die Paranoia.

So entsteht eine hybride Mythologie, in der Gott, Putin und Pfizer auf derselben Bühne stehen.

Was bei Irlmaier als „Vision“ begann, endet in Facebook-Kommentaren als „Beweis“. Der Übergang ist fließend – wie der Glaube selbst.

Was seine Vorhersagen wirklich bedeuten

Wenn man die Irlmaier-Texte historisch liest, erzählen sie nicht von der Zukunft, sondern von der seelischen Landschaft der 1950er. Ein Land in Trümmern, traumatisiert, suchend nach Ordnung und Erlösung.

Seine Bilder sind Metaphern:

  • „Drei Tage Finsternis“ steht für den Blackout der Zivilisation nach dem Krieg.
  • „Feuer am Himmel“ für Bombennächte.
  • „Ein neuer Glaube“ für den Wunsch, alles möge wieder Sinn ergeben.

Dass heutige Generationen diese Symbole auf ihre Krisen übertragen, ist menschlich. Doch ihre wörtliche Deutung ist Anachronismus.

Irlmaier sprach in Mythen, nicht in geopolitischen Analysen.

Was er wirklich hinterließ, ist ein moralischer Appell: Bewahrt den Glauben, auch wenn die Welt brennt.

Das ist kein Telegram-Mantra, sondern Nachkriegs-Mystik.

Lesen wir ihn so, dann wird aus dem Propheten kein Scharlatan, sondern ein Zeitzeuge. Dann ist seine Finsternis nicht kosmisch, sondern psychologisch – und seine „neue Zeit“ kein Goldenes Zeitalter, sondern schlicht: Hoffnung.

Abschluss & Moral

Irlmaier war nie das Orakel von Freilassing. Er war das Echo einer Generation, die Angst hatte, noch einmal alles zu verlieren.

Seine Nachfolger sind das Echo einer Generation, die Angst hat, nichts mehr zu verstehen.

Zwischen diesen beiden Ängsten liegt der Fortschritt: Wir haben Internet, Strom, Satelliten – und glauben trotzdem wieder an Kerzen. Vielleicht, weil Kontrolle immer Illusion bleibt. Vielleicht, weil der Mensch, trotz aller Technik, lieber an den Propheten glaubt als an die Statistik.

Die Moral ist simpel: Wer Irlmaier wörtlich nimmt, versteht ihn nicht. Wer ihn als Spiegel liest, versteht sich selbst. Denn Prophezeiungen sagen weniger über Morgen als über das Heute, das sie erträgt.

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie dürfen gern an Irlmaier glauben – aber bitte ohne Angst und ohne Telegram-Filter.

Lesen Sie ihn wie ein Märchen, nicht wie ein Manifest, denn wer auf Vorhersagen wartet, übersieht das Offensichtliche: Wir gestalten die Zukunft jeden Tag selbst.

Vielleicht liegt die wahre Prophezeiung nicht in alten Büchern, sondern in unserer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Und das ist am Ende viel magischer, als es jede Finsternis je sein könnte.

Bitte werden oder bleiben Sie gesund, denn das ist das höchste Gut das wir pflegen sollten!!!

Herzlichst
Ihr Alfred-Walter von Staufen

Dieser Beitrag erschient zuerst und exklusiv bei PRAVDA-TV!

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Abbildungen:

  • Alfred-Walter von Staufen (Mit KI generiert)

Quellenverzeichnis:

  • Anton Joachimsthaler (Hrsg.): Alois Irlmaier – Ein Mann sagt, was er sieht
  • Passauer Neue Presse (1950-1959): Zeitgenössische Artikel
  • Popper: Die Logik der Forschung – Falsifizierbarkeit von Prophezeiungen
  • APA / Psych Review 2021: „Cognitive Bias and End-Time Belief“
  • Müller (2023): „Apokalypse als Geschäftsmodell“ – FAZ Essay

Quellen: PublicDomain/A. W. von Staufen für PRAVDA TV am 09.01.2026

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