
Schicke Sensationsnachrichten umrunden die Welt meist schneller als nüchterne wissenschaftliche Tatsachen. Wie leichtfertig so manches zu „Fake News“ verdreht wird, ist beinahe schon putzig. Skepsis ist da allemal angebracht – so wie im vorliegenden Fall. Eine Klarstellung von Hans-Jörg Müllenmeister
Um es vorweg zu sagen: Die Behauptung, der Pilz „fresse“ Radioaktivität, führt völlig in die Irre. Er vernichtet sie keineswegs, sondern entzieht ihr lediglich einen Teil ihrer zerstörerischen Kraft für sein eigenes Wachstum.
Fakt ist: Hinter diesem vermeintlichen Mythos steckt tatsächlich eine faszinierende wissenschaftliche Realität. Der ominöse schwarze Pilz hat sich nach der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 nicht etwa neu entwickelt. Er wurde dort in den 1990er-Jahren an den zerstörten Reaktorwänden und auf radioaktivem Grafit entdeckt.
Die biologisch exakte Bezeichnung für diesen Organismus lautet Cladosporium sphaerospermum – ein schwarzer Schimmelpilz, den die Wissenschaft eigentlich schon seit mehr als hundert Jahren kennt.
Dass er die Strahlung im wörtlichen Sinne auffrisst und neutralisiert, ist ein Trugschluss. Vielmehr nutzt der Pilz sie auf verblüffende Weise für seinen eigenen Stoffwechsel.
Wo das unsichtbare Feuer der Radioaktivität jede biologische Struktur in Sekundenschnelle zerfetzt, fand das Leben im finsteren Herzen des geschmolzenen Reaktors von Tschernobyl durch diesen Schwarzpilz eine evolutionäre Antwort.
Der Organismus kann der Strahlung nicht nur widerstehen – er fühlt sich zu den Strahlenquellen hingezogen, wie eine Pflanze, die sich dem wärmenden Sonnenlicht zuwendet.


Das biologische Wunder: Die Radiosynthese
Hier offenbart sich eine feine Parallele zur Pflanzenwelt: Während die Flora das grüne Chlorophyll nutzt, um das sanfte Sonnenlicht einzufangen, nutzt dieser Pilz das tiefschwarze Melanin, um die härteste, unsichtbare Energie des Kosmos zu zähmen. Ein Balanceakt auf der Rasierklinge der Physik.
Die Entzauberung des Mythos – Was ist nun Tatsache?
Das rätselhafte schwarze Pigment des Pilzes wandelt einen Teil der radioaktiven Gammastrahlung in Lebensenergie um. Dieser spezielle Stoffwechsel ermöglicht ihm die sogenannte Radiosynthese – ein Prinzip, abgeleitet von der Photosynthese.
Hinter diesem Prozess steckt ein uns wohlbekanntes Pigment: das Melanin. Es kommt auch in der menschlichen Haut sowie in unseren Haaren vor und bestimmt dort die Farbgebung.
Die Zellwände des schwarzen Schimmelpilzes sind vollgepackt mit diesem Farbstoff. Genauso wie dunklere Haut den Menschen effektiver vor UV-Strahlung schützt, schirmt das Melanin die Pilze gegen die radioaktive Strahlung ab.
Die ionisierende Gammastrahlung regt die Elektronen im Melanin an und verändert die elektronischen Eigenschaften des Pigments. Das Molekül nutzt diese Anregungsenergie, um den Stoffwechsel des Organismus anzutreiben und chemische Bindungen aufzubauen – ein Mechanismus, der in manchem der anaeroben Atmung ähnelt.


Neben der reinen Energieumwandlung neutralisiert das Melanin zudem jene zellschädigenden freien Radikale, die durch die Strahlung im Gewebe entstehen.
Dieses Phänomen steht nicht allein. Die sogenannte Tschernobyl-Anomalie zeigt sich auch in der Tierwelt: Die normalerweise grasgrünen Laubfrösche rund um das radioaktive Sperrgebiet kommen heute in deutlich dunklerer bis pechschwarzer Farbe vor.
Sie besitzen weitaus mehr Melanin in ihren Zellen als ihre fernen Artgenossen, was sie widerstandsfähiger und vitaler macht. Wie genau der genetische Schalter funktioniert, der diese Radiosynthese in Gang setzt, ist noch immer Gegenstand intensiver Forschung.
Der Umstand, dass die radioaktive Strahlung den Stoffwechsel des Schimmelpilzes antreibt und ihn sogar schneller wachsen lässt, ist indessen wissenschaftlich gesichert. Daher fühlen sich der Schimmelpilz und zahlreiche seiner Verwandten in der dystopischen Umwelt von Tschernobyl besonders wohl.
Der Blick in die Zukunft: Ein Schutzschild im Weltall
Hier öffnet sich der Bogen von den Ruinen Tschernobyls direkt zur modernen Raumfahrt. Die faszinierenden Erkenntnisse machen Hoffnung auf ganz spezielle Anwendungen. Wäre es nicht sensationell, wenn dieser Wunderpilz unsere irdischen Atommüll-Probleme einfach „verfrühstücken“ würde? In Wahrheit kann er das nicht.

Tatsache ist: Er gedeiht durch die Strahlung zwar besser, nimmt aber selbst nur kleinste Mengen an Radioaktivität auf. Die eigentliche Strahlenquelle bleibt unvermindert bestehen; die gefährlichen Radionuklide werden durch den Pilz weder aus der Umwelt entfernt noch unschädlich gemacht. Zu sagen, der Pilz beseitige die Radioaktivität, ist schlicht falsch.
Das ist jedoch kein Grund zur Enttäuschung, denn der Pilz könnte sich an ganz anderer Stelle als Segen erweisen: Er ist ein hochwillkommener Gast in der Weltraumforschung.
Für Experimente hat er es bereits auf die Internationale Raumstation ISS geschafft. Dort wurde er der ungefilterten kosmischen Strahlung ausgesetzt – und wuchs sogar noch schneller als auf der Erde.
Die unwirtlichen Bedingungen im All bringen Mensch und Technik gleichermaßen an ihre physikalischen Grenzen. Kosmische Strahlung, unentwegt ausgespien von unserer Sonne und fernen Schwarzen Löchern, schießt unbarmherzig durch das Vakuum.
Auf der Erde schützt uns die Atmosphäre. Zukünftige Raumschiffe sowie Habitate auf dem Mond oder dem Mars müssen diese tödliche Fracht indes technologisch eindämmen.

Die US-Raumfahrtbehörde NASA erforscht daher die Vision, ob der Schimmelpilz als lebendige, sich selbst regenerierende Schutzschicht dienen könnte.
Da sich der Pilz im Gegensatz zu schweren Bleiplatten bei Beschädigung von selbst heilt, könnte er in Zukunft als biologischer Schild für Astronauten auf dem Weg zum Mars fungieren.
Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der vielen noch offenen Fragen bleibt das Interesse der Wissenschaft an diesem lebenden Rätsel ungebrochen. Und auch wenn strahlenfressende Organismen vorerst im Reich der Mythen verbleiben:
Die extreme, beinahe unheimliche Anpassungsfähigkeit der Natur haben diese faszinierenden Lebewesen einmal mehr eindrücklich unter Beweis gestellt. Ein weiteres Wunder auf unserer blauen Perle im All.
Quellen: PublicDomain/anderweltonline.com am 19.06.2026
