Das Schweigen brechen – Besatzungsrealität in den palästinensischen Gebieten

Seit über 45 Jahren gehören israelische Soldatinnen und Soldaten zum Stadtbild von Hebron und anderen palästinensischen Städten. Sie patrouillieren nachts durch die Gassen, setzen Ausgangssperren durch, dringen in private Häuser ein. Sie sehen viel, doch zurück zu Hause sprechen die jungen Menschen wenig über ihre Erfahrungen.

(Foto: Jagd auf jugendliche Steinewerfer: Israelische Soldaten am Montag in Hebron)

Denn die Mehrheit der israelischen Bevölkerung möchte nicht so genau wissen, wie der Alltag einer lang anhaltenden Besatzung der palästinensischen Gebiete aussieht, wie sich militärische Angriffe und Straßensperren auf die Zivilbevölkerung auswirken.

Auch möchte man nicht sehen, was die eigene Armee dort wirklich tut. Hier beginnt die Arbeit von »Breaking the Silence«. Der Name ist Programm: »Breaking the Silence« ist eine Organisation israelischer Reservisten, die als Soldaten die Besatzungsrealitäten – von struktureller Repression, über die stille Kooperation mit extremistischen jüdischen Siedlern bis hin zu alltäglichen Schikanen – erlebt haben und das Schweigen darüber in der israelischen Gesellschaft brechen möchten. Die alltäglichen Erniedrigungen in den palästinensischen Gebieten sollen öffentlich gemacht und die israelische Gesellschaft soll aufgerüttelt werden.

Geisterstadt Hebron

Gegründet wurde die Organisation von Reservisten, die in Hebron gedient hatten. Mit 180000 Einwohnern ist Hebron die zweitgrößte palästinensische Stadt in der Westbank – und die einzige, in der sich jüdische Siedler direkt im Zentrum niedergelassen haben. Denn hier befindet sich nach biblischer Überlieferung die Grabhöhle des Patriarchen Abraham, und die Siedler wollen Hebron in eine jüdische Stadt verwandeln – ohne Araber.

Hunderte Soldaten sind hier stationiert, um die rechtsradikalen Siedlerinnen und Siedler zu beschützen. Ergebnis: Heute gleicht Hebrons altes Stadtzentrum einer Geisterstadt. Die Geschäfte sind verrammelt, die Straßen menschenleer. Drei Viertel der Geschäfte sind geschlossen: mehr als 1800 Läden. Beinahe die Hälfte der Wohnungen im Stadt-zentrum ist verlassen. Von den Menschen, die geblieben sind, können viele ihre Häuser nicht einmal mehr durch die Tür betreten, weil die Armee sie zugeschweißt hat; sie müssen über die Dächer klettern.

Während andere Soldaten nach Beendigung ihres Armeediensts gern in die Ferne, ins indische Goa oder an den Amazonas fliegen, und sich berauschen mit allerlei Drogen, wollten die Gründer von »Breaking the Silence« nicht vergessen. In einer ersten Aktion sammelten sie Fotos, die Soldaten zu privaten Zwecken gemacht hatten. Die Ausstellung hieß »Hebron nach Tel Aviv bringen«, und tatsächlich sorgte sie in Israel für Furore, weil sie auf eindrucksvolle und unmittelbare Weise den Alltag der Besatzung wiedergab.

Schnell stellten die Aktivisten fest, daß Hebron kein Einzelfall war. Exsoldaten, die an anderen Orten Dienst taten, kamen auf sie zu und erzählten, Ähnliches erlebt zu haben. Seit ihrer Gründung 2004 hat »Breaking the Silence« mit Hilfe vieler Freiwilliger mehr als 700 Zeugenaussagen israelischer Soldatinnen und Soldaten aus allen Bevölkerungs-schichten und aus so gut wie allen Einheiten der israelischen Armee gesammelt, die in den besetzten Gebieten Dienst tun.

Die interviewten Soldaten und Exsoldaten kennen die Ziele der Organisation und legen bewußt Zeugnis ab, auch wenn viele lieber anonym bleiben möchten, da sie sich vor gesellschaftlichem Druck oder der Reaktion offizieller militärischer Stellen fürchten.

Auf diesen Zeugnissen basiert der eben auf Deutsch erschienene Bericht »Breaking the Silence. Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten«. Die Ergebnisse sind bedrückend, so das angesehene literarisch-intellektuelle US-Magazin New York Review of Books in einer ausführlichen Besprechung. »Breaking the Silence« sei »eins der bedeutendsten Bücher über Israel / Palästina in dieser Generation«.

Es setze die Puzzleteile des Besatzungsalltags akribisch zusammen, so Rezensent David Shulman, und am Ende entstehe ein Gesamtbild, das die Raison d’Être der Besatzung offenlege: die Verdrängung der Palästinenser und die gleichzeitige Besitznahme von immer mehr Land. Ins selbe Horn bläst die Publizistin Ilana Hammerman in Israels Qualitätszeitung Haaretz: Die im Bericht minutiös dokumentierte grausame Willkür einzelner Soldaten sei nicht der Verrücktheit Einzelner geschuldet.

Vielmehr stecke dahinter ein logisches System, so Hammerman; der Bericht demons-triere »die Reichweite der militärischen Kontrolle über die besetzten Gebiete, die wie das gigantische Siedlungsprojekt darauf abzielt, nicht die Bürger des souveränen Staats Israel zu verteidigen, sondern die zivile, politische und wirtschaftliche Kontrolle [über die Palästinenser] zu vertiefen.«

Zielscheibe der Rechten

Die bereits Jahrzehnte währende Verweigerung gleicher Rechte haben die besetzten Gebiete in Zonen permanenter Unsicherheit verwandelt, die sich tief in die Gesellschaft eingegraben hat. Die im Gazastreifen herrschende Hamas und die in der Westbank regierende Fatah agieren gleichermaßen autoritär, lassen Oppositionelle willkürlich verhaften und im Gefängnis mißhandeln.

Aber die Besatzung verändert nicht nur die Besiegten. Auch in Israel führt der Umstand, seit Jahrzehnten ein anderes Land und dessen Bevölkerung zu beherrschen, zur zunehmenden Erosion demokratischer Rechte. Traf es zunächst nur die arabische Minderheit, so werden heute auch jüdische Menschenrechtler und Friedensaktivisten mittels Medienkampagnen und Gesetzesinitiativen angegriffen.

Die Organisation »Breaking the Silence« ist eine der Lieblingszielscheiben der israe-lischen Rechten. Seit Veröffentlichung ihres Berichts »Soldaten sprechen über Gaza« 2009 werden die Mitglieder immer wieder Opfer gezielter Kampagnen, die sie mundtot machen wollen.

Quellen: PRAVDA-TV/AP/spiegeltv/Tsafrir Cohen für jungewelt.de vom 12.09.2012

About aikos2309

18 comments on “Das Schweigen brechen – Besatzungsrealität in den palästinensischen Gebieten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*