„Katastrophales Verhalten“: Geoengineering-Experiment entsetzt Umweltschützer

Es ist der bislang größte gezielte Eingriff in die Meeresbiologie: Vor der Küste Kanadas hat ein Unternehmen das Meer mit 100 Tonnen Eisensulfat „gedüngt“, um eine Algenblüte zu bewirken und so Kohlendioxid zu binden. Unklar ist: Wie viel wusste die kanadische Regierung von dem Projekt?

Ein Geschäftsmann aus den USA hat im Juli auf eigene Faust 100 Tonnen Eisensulfat in den Pazifik vor der Westküste Kanadas gekippt, um eine Algenblüte auszulösen. Wie Satellitenbilder zeigen, hat Russ George aus Kalifornien mit seinem Versuch tatsächlich Erfolg gehabt (siehe Bild, gelbe und braune Flächen vor der Küste). Auf einer Fläche von 10.000 Quadratkilometern hat sich das Plankton erkennbar vermehrt, berichtet die britische Zeitung Guardian. Das Ziel einer solchen „Meeresdüngung“ ist, dass über die Algen klimaschädliches Kohlendioxid aufgenommen wird und auf den Meeresboden sinkt.

Wie Russ George dem Blatt begeistert erklärte, handelt es sich bei seinem Eingriff in die Natur um das mit Abstand größte Geoengineering-Experiment der Geschichte. Mit Geoengineering wollen manche Experten und Politiker versuchen, gezielt in das Klima der Erde einzugreifen, um etwa den Klimawandel zu bremsen. Allerdings ist der Ansatz extrem umstritten, da nicht klar ist, ob sich die Folgen für die Ökosysteme überhaupt abschätzen lassen.

Deshalb waren Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven 2009 auf großen Widerstand gestoßen, als sie sechs Tonnen Eisensulfat in den Südatlantik ausbringen wollten. Die Fachleute sollten für das Bundesforschungs-ministerium feststellen, ob sich damit eine Algenblüte auslösen und eine große Menge des Treibhausgases Kohlendioxid binden lasse. Selbst das Bundesumweltministerium nahm „die Entscheidung zur Freigabe des Lohafex-Experiments mit Bedauern zur Kenntnis“.

Trotz des Widerstands von Umweltschützern wurde der Versuch unternommen: Die Wissenschaftler düngten das Meer in einem 300 Quadratkilometer großen Versuchsgebiet mit dem Eisensulfat. 2004 hatten sie bereits einmal sieben Tonnen Eisensulfat im Südpolarmeer ausgebracht. Die Ergebnisse des als Eifex-Experiment bezeichneten Versuchs hat das Team um Victor Smetacek vom AWI kürzlich im Fachmagazin Nature veröffentlicht. Eine wichtige Erkenntnis war, dass Lohafex und Eifex zu widersprüchlichen Ergebnissen führten. Demnach reagiert das Ökosystem Meer ganz unterschiedlich, je nachdem, wo man es beeinflusst.

Zweifel an der Wirksamkeit der Speicherung

Spanische und ecuadorianische Häfen hatten seinen Schiffen die Einfahrt verwehrt, schreibt der Guardian. Und von der Umweltschutzbehörde der USA war George bei dieser Gelegenheit darüber informiert worden, dass er gegen ein internationales Moratorium verstoßen würde, mit dem die Vereinten Nationen 2008 die Meeresdüngung auf rein wissenschaftliche Versuche beschränkt hatten.

Von solchen Bedenken ist Russ George offenbar völlig frei. Im Vergleich zu den Experimenten der Bremerhavener Forscher hat er deutlich massiver eingegriffen. Dass nicht jeder damit einverstanden sein dürfte, hätte er aus persönlichen Erfahrungen wissen können. Schließlich waren bereits frühere Pläne, durch seine damaligen Firma Planctos Inc Eisensulfat in der Nähe der Galapagos-Inseln und der Kanaren ins Meer zu schütten, unterbunden worden.

Und nicht nur gegen dieses Moratorium hat George verstoßen, sondern auch gegen das sogenannte internationale Londoner Protokoll über die Verhütung der Meeresverschmutzung durch das Einbringen von Abfällen und anderer Stoffe.

Dass beide Übereinkommen auch die Meeresdüngung betreffen, hat gute Gründe, wie das Umweltbundesamt feststellt. Nicht nur gibt es „Zweifel an der Wirksamkeit und Langfristigkeit der Speicherung“ des Kohlendioxids im Meer. Auch „schädliche und unkalkulierbare Auswirkungen der Ozeandüngung sind wahrscheinlich“, stellt das Amt fest. „Nicht zuletzt könnten großflächige Ozeandüngungen […] die Anstrengungen der letzten 20 Jahre auf dem Gebiet der Meerespolitik zunichtemachen, deren Hauptziel es ist, die anthropogenen Einträge von Nährstoffen in die Meeresökosysteme zu reduzieren.“

George hüllt sich nun ins Gewand eines Forschers. Sein Team von Wissenschaftlern – Namen sind nicht bekannt – hat die Effekte des Versuchs der New York Times zufolge mit 20 Messbojen verfolgt, die ihm die Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten (NOAA) überlassen hat. Ein Sprecher der Behörde sagte der US-Zeitung, man sei von Georges Team „irregeführt“ worden. Dieses hätte sein Vorhaben, etwas in den Ozean zu schütten, nicht aufgezeigt.

Irritationen gibt es auch auf der Inselgruppe Haida-Gwaii (Queen Charlotte Islands) vor Kanadas Küste. In der Umgebung der Inseln hat George das Eisensulfat ausgebracht, nachdem er die örtliche Gemeinde Old Masset Village der indigenen Volksgruppe der Haida überzeugt hatte, damit etwas Gutes für das Meer und die schrumpfenden Lachsbestände zu tun, von denen viele Menschen dort leben. Es wurde die Haida Salmon Restoration Corporation (HSRC) gegründet, die Gemeinde borgte sich Geld, eine Million Dollar wurde in das Projekt investiert.

„Katastrophales Verhalten“

Doch nun bedauert man auf den Inseln, das Projekt finanziert zu haben. Man wäre damit nicht einverstanden gewesen, wenn man gewusst hätte, dass es möglicherweise negative Effekte haben oder gegen internationale Vereinbarungen verstoßen könnte, sagte ein Vertreter der Haida Nation, der Umweltorgansation ETC Group. Diese kanadische Organsisation hatte den Vorfall aufgedeckt.

Die heikelste Frage aber ist, was die kanadische Regierung wusste. Der Geschäftsführer der HSRC, John Disney, erklärte dem kanadischen Sender CBC News, sieben zuständige kanadische Behörden seien über das Vorhaben informiert worden, auch das Umweltministerium. „Alle diese Leute wussten davon.“ Das Ministerium erklärte dagegen laut CBC, man habe niemals einen Antrag auf eine Genehmigung zur Meeresdüngung erhalten.

Martin Lukacs vom Guardian berichtet, Regierungspapiere deuteten darauf hin, dass es im Juni Gespräche zwischen dem Umweltministerium und HSRC gab, und dass die Behörde Bedenken geäußert, aber nichts weiter unternommen habe, um die Pläne zu stoppen. Ein Sprecher des Ministeriums sagte der New York Times, man habe zweimal gewarnt, dass eine solche Aktion gegen internationale Gesetze verstoßen würde.

George sagte dem Guardian sogar: „Leute der Regierung haben uns geholfen“. In der New York Times hält er dran fest, dass es sich gar nicht um Geoengineering gehandelt habe. 100 Tonnen seien eine vernachlässigbare Menge von Eisen im Vergleich zu dem, was auf natürlichem Wege in die Ozeane gelange. Im Umweltministerium heißt es nun, die Angelegenheit würde untersucht.

Unterdessen äußern sich Experten mit Besorgnis über das Experiment. Victor Smetacek vom AWI bezeichnete das Verhalten von George der US-Zeitung zufolge als „katastrophal“.

Besonderes Gewicht bekommt die Diskussion um die Meeresdüngung, weil derzeit im indischen Hyderabad die Artenschutzkonferenz der Vereinten Nationen stattfindet. Und Kanada, so berichtet der Guardian, habe sich dort als Quertreiber hervorgetan – auch in den Verhandlungen über Geoengineering. Die CBD Alliance, ein Netzwerk von Umweltschützern, hat das Land – gemeinsam mit Großbritannien – deshalb auf der Konferenz in Indien mit dem „Dodo Award“ ausgezeichnet. Der Preis geht an Regierungen, deren Politik der Artenvielfalt eher schadet als nutzt, und die so gegen die Biodiversitäts -Konvention der Vereinten Nationen verstoßen.

Quellen: NOAA/NASA/TheGuardian/NewYorkTimes/sueddeutsche.de vom 22.10.2012

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