„Mehr Tempel und Mobiltelefone als Toiletten“ – Dreck und Gestank in Indiens Schultoiletten

Indien hat ein Toiletten-Problem. Nur die Hälfte der Bevölkerung hat Zugang zu sanitären Einrichtungen. Vorhandene Toiletten sind oft in katastrophalem Zustand, wie ein Besuch in indischen Schulen zeigt.

Spontaner Besuch in einer staatlichen Schule am östlichen Stadtrand von Delhi. Hier lernen vormittags fast 1700 Mädchen, nachmittags dann noch einmal genauso viele Jungen. Für beide Schichten gibt es 10 Toiletten. Auch in Deutschland können Schulklos eklig sein. Aber immerhin haben alle Schulen genug Toiletten. Das ist in Indien nicht der Fall. Vor allem auf dem Land gibt es viele Schulen ganz ohne sanitäre Einrichtungen.

Auf dem Schulhof unterhalten sich die Mädchen über den Zustand der Toiletten: „Die Klos sind eklig und dreckig. Ich benutze sie nie“, sagt ein besonders mutiges Mädchen. „Lügnerin“, kontern die Klassenkameradinnen, alle sauber und adrett in blau-weißen Schuluniformen gekleidet, und schauen dabei ihre Lehrerin an. Die Direktorin kommt dazu. Sie versucht, Spuren der Toiletten-Diskussion zu verwischen, gibt Kommandos, verjagt die Kinder und will offizielle Papiere sehen, die den Besuch ihrer Schule erlauben.

Braune Brühe wegspülen

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Eine Putzfrau und ein älterer Herr, der eigentlich das Schultor bewachen soll, drehen in den Toilettenräumen alle Wasserhähne auf. Dann holt der Torwächter einen Schlauch und spritzt die Wände und den Boden ab. Es stinkt. Die braune Brühe auf dem Boden ist eindeutig.

Die Putzfrau erzählt, dass sie morgens um sechs Uhr anfängt und dann bis nachmittags immer wieder die Toiletten putzt. Die Direktorin nickt bestätigend. Aber danach sehen die Toiletten nicht aus. Einige sind kaputt. Andere sind mit Spinnweben überzogen und mit Kot und Urin verdreckt. Ein kleines Mädchen hockt sich vor einer offenen Toilettentür auf den Boden und macht einen kleinen Haufen.

Die Direktorin entschuldigt sich. „Diese Kinder haben keine Toiletten zu Hause. Ihre Eltern sind arm. Sie leben in den Slums, viele in Hütten aus Blech und Pappe. Wir versuchen, den Kindern beizubringen, wie man ein Klo benutzt. Sie verdrecken die Toiletten trotzdem.“

Jungentoiletten sind abgeschlossen

Aber das erklärt noch lange nicht, warum die meisten Klos in einem so erbärmlichen Zustand sind. Der Besuch in einer zweiten Schule bestätigt das Bild: auch hier gibt es Klos – einige wie in Deutschland mit Sitz und Wasserspülung, aber die meisten sind Plumsklos zum Hinhocken, wo theoretisch mit dem Wassereimer nachgespült wird, weil das weniger Wasser verschwendet.

Aber es gibt keine Eimer. Und die Toilette für die Jungs ist abgeschlossen. Die Schüler pinkeln gegen die Schulmauer und in die Ecken.

Mütter, die ihre Kinder zur Schule bringen, beklagen sich draußen vor dem Schultor. Nicht nur die Klos, auch die Klassenzimmer seien dreckig und würden vernachlässigt. Aber es bleibt bei den Klagen. Keiner packt an. Keiner fühlt sich verantwortlich. Die Lehrer nicht, die Eltern nicht, und die Schüler auch nicht.

„Mehr Tempel als Toiletten“

Tatsächlich gibt es in Indien mehr Menschen mit Mobiltelefonen als mit Toiletten zu Hause. Der zuständige Minister für Trinkwasser und Abwasser behauptet sogar spöttisch, dass es in Indien mehr Tempel als Toiletten gibt. Die junge Sozialarbeiterin Sunita stimmt ihm zu.

„Der Minister hat Recht“, sagt sie und betont, dass die Bevölkerung in Indien ihre Einstellung ändern muss. „Die Menschen müssen begreifen, dass Toiletten genauso wichtig sind wie das eigene Haus oder der Tempel. Sie müssten lernen, dass ein Leben ohne Toilette krank machen kann.“

Wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben und ihre Notdurft im Freien verrichten, dann können sich Krankheiten ausbreiten. Weil die Menschen sich nicht die Hände waschen. Und weil Kot und Urin ins Trinkwasser gelangen. Der zuständige Minister hat angeordnet, dass jede indische Schule bis März 2013 Toiletten für Jungen und Mädchen haben muss. Aber wenn die Toiletten dann verdrecken, weil sich niemand verantwortlich fühlt, ist das Problem nicht gelöst.

Quellen: Deutsche Welle vom 19.11.2012

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