Crash-Prophet William White: „Wir stecken mitten in einer neuen Blase“

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Bis in die Details hat William White bereits 2003 die globale Finanzkrise vorhergesagt. Niemand wollte damals auf ihn hören. Der Ökonom erklärt im Interview, warum die Welt bereits auf den nächsten Crash zusteuert – und warum auch die neuen EU-Bankenregeln daran nichts ändern werden.

Interview:

SPIEGEL ONLINE: Mister White, haben die Banken ihre Lektion aus der Finanzkrise gelernt?

White: Sie behaupten es zumindest. Sie reden viel vom Vertrauen der Kunden, das es zurückzugewinnen gilt. Aber ich glaube nicht daran. Es reicht ja nicht, dass der Vorstandschef einer Bank neue Werte predigt. Er muss das Denken und Handeln einer globalen Organisation umprogrammieren. Keine einfache Aufgabe, wenn man bedenkt, dass mittlerweile eine ganze Generation von Bankern vom Prinzip des „Anything goes“ geprägt ist.

SPIEGEL ONLINE: „Anything goes“ – was meinen Sie damit?

White: Ich habe vor einiger Zeit mit einem Investmentbanker gesprochen, der die An-leihe eines chinesischen Unternehmens am Markt platzieren sollte. Ich fragte ihn nach den Geschäftszahlen des Unternehmens. Er sagte sinngemäß: „Keine Ahnung, muss ich auch nicht wissen, das Papier ist eh zigfach überzeichnet. Es wird binnen eines Monats wieder aus unserem Bestand verschwunden sein. Und wenn ich das Geschäft nicht mache, macht es jemand anders.“ Es gab mal Zeiten, da haben sich Bankiers für die Qualität eines Unternehmens interessiert, bevor sie dessen Anleihen ihren Kunden empfohlen haben.

SPIEGEL ONLINE: Das verlorene Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, ist eine Sache. Der vorsichtigere Umgang mit Risiken eine andere. Haben die Banken da Fortschritte gemacht?

White: Scheinbar hat sich die Branche aus einigen der riskantesten Geschäftsmodelle zurückgezogen. Aber ich glaube, gerade bei den großen Investmentbanken herrscht die Einstellung vor: Irgendwann wird dieses Gerede über Risikobegrenzung ja wohl aufhören, und dann können wir endlich wieder unserem üblichen Geschäft nachgehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es die Finanzbranche nicht aus eigener Kraft schafft, sich zu reformieren, dann müssen die Regulierungsbehörden sie eben dazu zwingen.

White: Die nationalen Regulierer sind momentan vor allem damit beschäftigt, ihre jeweiligen Banken gegen vermeintliche Risiken aus dem Ausland abzuschirmen. Aber es sind keineswegs immer die riskantesten Geschäftsmodelle, die damit getroffen werden. Viele Banken ziehen sich zum Beispiel auf Druck ihrer Regulierungsbehörden aus der Finanzierung von internationalen Handelsgeschäften zurück. Dabei ist die internationale Handelsfinanzierung nun wirklich eine der ältesten und gesellschaftlich wertvollsten Tätigkeiten von Banken überhaupt.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gab doch auch Fortschritte. Wir führen dieses Interview in Basel. Wenige Meter von hier wurde das Basel-III-Abkommen beschlossen, das eine drastische Steigerung der Eigenkapitalvorschriften für Banken vorsieht. Aus der richtigen Erkenntnis heraus: Je stärker die Banken mit eigenem Geld für ihre Geschäfte einstehen müssen, desto weniger neigen sie zum Zocken.

White: Basel III ist sicher ein Fortschritt. Aber das Beängstigende ist doch: Alle diese Abkommen beruhen darauf, was politisch machbar ist. Die eigentliche Frage hat noch niemand beantwortet: Wie viel Eigenkapital müsste eine Bank eigentlich vorhalten, um bei einer Finanzkrise nicht zusammenzubrechen?

SPIEGEL ONLINE: Wie lautet Ihre Antwort?

White: Ich weiß es nicht. Aber es gibt sehr glaubwürdige Experten, die sagen: Es müssten wesentlich mehr sein als die 7,5 Prozent Eigenkapital, die Basel III vorschreibt. Außer-dem haben die Banken bereits begonnen, nach Schlupflöchern zu suchen, wie die Eigenkapitalvorschriften umgangen werden können.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Schlupflöcher?

White: Das breiteste Einfallstor ist die Risikogewichtung. Das vorgeschriebene Eigen-kapital beträgt ja nicht pauschal 7,5 Prozent. Je nach Risikograd des damit getätigten Geschäfts können es auch deutlich mehr sein. Da versucht natürlich jede Bank, für von ihr selbst besonders häufig praktizierte Geschäfte eine besonders risikoarme Einstufung zu erhalten. Der Lobbyaufwand, der von den Banken in solchen Regulierungsfragen be-trieben wird, ist gewaltig. Gleichzeitig sind die Regulierer aber auch auf die Mitarbeit der Banken angewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Die Wirtschaft in Europa steckt in der Rezession. Die Eigenkapital-renditen der großen Banken sind von 20 oder 25 Prozent vor der Krise auf magere vier bis acht Prozent Prozent gesunken. Ist das wirklich der richtige Moment, um den Banken das Geschäft zu erschweren? Dann würden sie im Zweifel noch weniger Kredite vergeben, als sie es ohnehin schon tun.

White: Das ist doch das ganze Dilemma! Seit 25 Jahren ist nie der richtige Moment. Das gilt für eine stärkere Regulierung der Banken ebenso wie für die Geldpolitik. Immer heißt es: Ja, langfristig müssen wir mit der Politik des billigen Geldes und des einfachen Schuldenmachens mal aufhören. Aber bitte nicht gerade jetzt, jetzt muss erst mal die Wirtschaft wieder auf die Beine kommen. Das war die Reaktion auf den Börsencrash 1987, auf die Asien-Krise 1997, auf die geplatzte Internetblase 2001 und auf die Weltfinanzkrise 2008.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben es die Notenbanken dank ihres entschlossenen Eingreifens geschafft, 2008 eine globale Dauerrezession wie 1929 abzuwenden…

White: …was in der Tat ein großer Verdienst vor allem von US-Notenbankchef Ben Bernanke ist. Aber gleichzeitig legen wir jedes Mal, wenn wir die Folgen einer geplatzten Spekulationsblase mit noch mehr billigem Geld bekämpfen, die Saat für die nächste, noch größere Blase. All die überschüssige Liquidität muss ja irgendwo hin.

SPIEGEL ONLINE: Stehen wir gerade wieder am Beginn einer Blase?

White: Am Beginn? Wir stecken schon mittendrin: Der Börsenboom in Japan, gefolgt von einem jähen Kurseinbruch. Die Preise für Gold und andere Rohstoffe, ebenfalls mit starken Schwankungen. Der gigantische Strom von Kapital in die Emerging Markets, das dort nach Anlagemöglichkeiten sucht – und sehr nervös auf alle schlechten Nachrichten reagiert. Diese Volatilität allerorten, das ist typisch für eine Spekulationsblase.

SPIEGEL ONLINE: Ben Bernanke hat angekündigt, dass er die Zügel bei der Geldpolitik demnächst ein bisschen fester zieht.

White: Und allein diese Vermutung hat ausgereicht, um rund um den Globus die Finanz-märkte in Turbulenzen zu stürzen. Was gleichzeitig ein Argument für die Finanzlobby ist: Seht ihr, die Wirtschaft ist noch so labil, wir können ihr jetzt wirklich keine Schocks zumuten. Meine Befürchtung ist, dass die Notenbanken diesem Argument einmal mehr folgen werden.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat sich die EU jetzt auf Abwicklungsregeln für marode Großbanken geeinigt: Die Aktionäre sollen als Erstes ihr Geld verlieren, die Steuerzahler ganz zum Schluss einspringen. Das ist doch eine gute Sache, oder?

White: Potentiell ja. Aber in einer neuen Bankenkrise brauchen die Politiker auch den nötigen Mut, diese Regeln durchzusetzen – gegen den Lobbydruck der Banken und gegen das Argument, das diese Branche dann sicherlich vorbringen wird: Dass nämlich ein allzu scharfes Vorgehen gegenüber den Banken einen Konjunktureinbruch verursachen könnte. Im Verlauf der Euro-Krise haben wir ja oft genug gesehen, wie klare Regeln gebrochen wurden – weil es angeblich angesichts der Krise keine Alternative gab.

William White, 70, gelangte spät zu Ruhm: Der damalige Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel (BIZ) hat die globale Finanzkrise bereits 2003 bis in viele Details hinein vorhergesagt – doch seine Warnungen blieben unerhört. Heute berät White die Industriestaaten-Vereinigung OECD.

Quellen: thesundaytimes.co.uk/SpiegelOnline vom 27.06.2013

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