
Die Festnahme des mächtigen Drogenbosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán ändert nichts an den kriminellen Strukturen in Mexiko. „Es geht hier darum, ein ganzes Land auf den richtigen Kurs zu bringen. Dazu braucht es mehr als eine Festnahme“, sagte der Journalist und „El Chapo“-Experte Malcolm Beith kürzlich der Huffington Post.
Denn längst mischen die Verbrechersyndikate nach Ansicht von Experten auch im Menschen-, Organ- und Rohstoffhandel mit. Die Syndikate sind bereits in die reguläre Wirtschaft vorgestoßen.
Im Grunde sind die mexikanischen Kartelle daher mittlerweile kriminelle Logistik-unternehmen, schreibt die US-Fachzeitschrift „Foreign Policy“. Es gehe weniger um das einzelne Produkt als vielmehr um die Kontrolle der Transportwege. Darin ähnelten sie Amazon, das als Online-Buchhandel anfing und mittlerweile über seine weltum-spannendes Netz alle möglichen Produkte vertreibt. Mexikos Drogenkartelle sind gewissermaßen die Mafia 2.0.
Kartell von El Chapo soll in 50 Staaten aktiv sein
Eine Mafia 2.0, die ihren Einfluss mittlerweile längst bis nach Europa ausgedehnt hat. „Die Globalisierung hat auch die organisierte Kriminalität erfasst“, sagte der Politik-wissenschaftler Stefan Jost, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Mexiko, im Ge-spräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Das Sinaloa-Kartell von „El Chapo“ Guzmán soll in 50 Staaten aktiv sein. Es gibt Hinweise darauf, dass die Organisation in den Menschen-handel in Osteuropa verstrickt ist.
Lázaro Cárdenas ist eine Hauptschlagader der mexikanischen Wirtschaft. Nirgendwo sonst im Land werden so viele Rohstoffe umgeschlagen wie in dem Hafen an der Pazifikküste westlich von Mexiko-Stadt. Und wo in Mexiko richtig Geld verdient wird, sind die Drogenkartelle meistens nicht weit.
Bei mehreren Razzien in den Terminals von Lázaro Cárdenas beschlagnahmten Sicherheitskräfte vor wenigen Tagen 119.000 Tonnen Eisenerz zweifelhafter Herkunft im Gesamtwert von rund 15 Millionen US-Dollar (10,9 Millionen Euro). Zuletzt hatte das Drogenkartell „Caballeros Templarios“ (Tempelritter) die Kontrolle über zahlreiche Minen im Bundesstaat Michoacán im Westen des Landes übernommen.
Die Macht der Verbrechersyndikate
Meist fordern die Bandenmitglieder von den Betreibern eine Gebühr. „Wir haben Hinweise darauf, dass das organisierte Verbrechen zwischen vier und sieben Dollar pro Tonne kassiert“, sagte der Sonderbeauftragte für die öffentliche Sicherheit in Michoacán, Alfredo Castillo, nach den Razzien. Im vergangenen Jahr hat Mexikos Bergbausektor durch die illegalen Geschäfte schätzungsweise rund eine Milliarde Dollar (728 Millionen Euro) verloren.
Teilweise müssen die Eigentümer der Bergwerke ihre Grundstücke sogar ganz an Verbrechersyndikate abgeben. „Sie sagen: Verschwinde und ziehe deine Maschinen ab. Jetzt arbeiten wir hier“, berichtete der Präsident der Kammer für Eisen und Stahl, Alonso Ancira, lokalen Medien. „Dem Besitzer sagen sie: Hau ab oder du wirst bald die Jungfrau von Guadalupe treffen – und zwar nicht unbedingt in der Kirche.“
Vor allem in der boomenden chinesischen Baubranche besteht große Nachfrage nach dem illegal geförderten Erz aus Mexiko. Über Strohfirmen oder mittels Erpressung schleusen die Tempelritter das Eisen in den legalen Warenkreislauf des Hafens und verschiffen die heiße Ware nach Asien. Im Gegenzug importieren sie Ephedrin, das sie zur Herstellung synthetischer Drogen benötigen.
Banden mit Franchise-System
Im November vergangenen Jahres marschierten die Streitkräfte in Lázaro Cárdenas ein, der Hafen steht seitdem unter der Aufsicht der Marine. Doch die Macht der Kartelle wurde durch die Offensive offenbar nicht gebrochen.
Der Fall in Lázaro Cárdenas zeigt, wie tief das organisierte Verbrechen in Mexiko bereits in die reguläre Wirtschaft eingedrungen ist. In den vergangenen Jahren haben die Kartelle ihr Geschäft kontinuierlich diversifiziert. Zwar erwirtschaften sie mit dem Drogenhandel noch immer Umsätze in Milliardenhöhe, doch längst gehören auch Schutzgelderpressung, Produktpiraterie und Rohstoffhandel zum Tätigkeitsfeld der kriminellen Organisationen. Ihre Gewinne investieren sie häufig in legale Branchen.
Man müsse die Kartelle als Unternehmen sehen, um sie wirklich zu verstehen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Rodrigo Canales von der US-Universität Yale. Wie inter-nationale Großkonzerne sind sie ständig auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern und Märkten, sie investieren in Innovation sowie Personalentwicklung und betreiben professionelle Öffentlichkeitsarbeit. Banden wie „Los Zetas“ nutzen ein regelrechtes Franchise-System, wie Canales kürzlich auf einem Vortrag erklärte.
Quelle: huffingtonpost.de vom 11.03.2014
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