
Der Exportstopp von Getreide aus dem Osten könnte ein weltweites Problem werden. Mittlerweile ist auch die Aussaat von Weizen in Gefahr. Ein ukrainischer Kollege zur Situation der Landwirtschaft und den Folgen.
Direkt aus der Ukraine erhalten wir brisante Informationen, die in den Nachrichten derzeit völlig untergehen. Oleg, unser Freund aus Lugansk (IT-Techniker), warnt: „Wenn nicht spätestens in drei Wochen mit der Aussaat des Weizens begonnen werden kann, dann gibt es auch keine Ernte im Juli und August. Normalerweise beginnt die Aussaatkampagne für Sommerweizen in der Ukraine Ende März. Das heißt, in nur ein paar Wochen.“
Fällt der Export von Weizen aus?
Um die Situation besser zu verstehen, muss man wissen, dass Russland ein Weizenexportverbot bis zum 31. August 2022 verhängt hat. Diese Weizenvorräte aus der Ernte des vorigen Jahres gelangen somit nicht mehr auf den Weltmarkt.
Es ist der wichtigste Weizenexporteur in den Jahren 20/21 (39,5 Millionen Tonnen). Die Ukraine ist der fünftgrößte Exporteur (etwa 21 Mio. Tonnen), mit einer Gesamtproduktion von 29 Mio. Tonnen. Auch der Transport ukrainischen Weizens kam derzeit völlig zum Erliegen, alle ukrainischen Häfen sind blockiert oder stark beschädigt.
Kraftstoffproblem
Aufgrund der Kämpfe sind die Dieselkraftstoffreserven eines der großen Angriffsziele. Eine große Anzahl von Dieselstofftanks wurde durch Raketenangriffe zerstört. Zudem wird derzeit die Lieferung von Dieselkraftstoff vorrangig für militärisches Gerät verwendet. Die ukrainischen Landwirte werden also kurz- und mittelfristig unter katastrophalem Treibstoffmangel leiden.
Und ohne Diesel fährt kein Traktor, der die Saatmaschine bewegt. Vielleicht haben einige landwirtschaftliche Betriebe eine Reserve angelegt, die aber auf keinen Fall nicht für eine erfolgreiche Aussaatkampagne ausreichen wird.
Kampfzone
Einige der für die Getreideproduktion wichtigsten Gebiete der Ukraine liegen mitten im Kriegsgebiet. Dabei handelt es sich um die Verwaltungsbezirke Cherson, Lugansk und Donezk (die fast vollständig von Russland kontrolliert werden oder in denen es zu massiven Kampfhandlungen kommt), sowie um Teile der Verwaltungsbezirke Saporischschja, Charkiw, Kiew, Tschernihiw und Sumy.(Anti-Strahlungspillen und Langzeitlebensmittel in den USA in Panik ausverkauft (Video))

Dies gefährdet zweifellos die Aussaat- und die späteren Erntekampagne in diesen Regionen. Außerdem gab es auch im Gebiet um Cherson Kriegshandlungen und die Landwirte werden höchstwahrscheinlich nicht in der Lage sein die Felder zu bestellen.
Das heißt, bis zu einem Drittel der potenziellen Produktion geht verloren. Und unter Berücksichtigung von Kraftstoffproblemen sogar 50 bis 60 Prozent Ernteverlust.
Bedrohliche Probleme
Die Getreidepreise reagierten bereits heftig auf den Krieg, der Preis ist derzeit fast doppelt so hoch wie Mitte Februar. Die wichtigsten Importeure ukrainischen Weizens sind (in absteigender Reihenfolge): Ägypten, Indonesien, Bangladesch, Türkei und Tunesien.
Der wichtigste Weg ist der Seeweg, der im Moment blockiert ist, alle Häfen sind blockiert – Odessa, Mariupol, Nikolaev.
Hungersnöte ante portas?
In der Tat haben wir einen erschreckenden Anstieg der Preise für das Grundprodukt Weizen. Nicht nur Brot wird aus Weizen hergestellt, auch das Futter für die Viehzucht, Geflügel und andere Industrien sind fest von diesem Preis abhängig, was eine Kettenreaktion auslöst.
Das heißt, dass infolge der hohen Weizenpreise die Kosten für weitere daraus hergestellte Produkte massiv steigen. Dies wird die wichtigsten Importländer treffen – Ägypten, die Türkei und sogar arme Länder in Afrika, die es sich nicht leisten werden können, Weizen zu diesen horrenden Preisen zu kaufen.
Oleg, der 20 Jahre lang via Internet als Grafiker und Programmierer für meine Firma arbeitete, schließt seine Beobachtungen mit:
„Ich will nicht wie ein schwarzer Engel klingen, aber es sieht so aus, als ob uns eine weltweite Hungersnot bevorsteht. Und die Welt hat buchstäblich nur ein paar Wochen Zeit, dies zu verhindern!“
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Deutschland produziert ausreichend Weizen
Dennoch sollte in Deutschland die Versorgung mit Weizen gedeckt sein. Vorstandsvorsitzender des Bayerischen Müllerbundes sagte gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, Engpässe beim Mehl befürchte er nicht.
Im vergangenen Jahr betrug die Weizenernte rund 3,6 Tonnen, davon gingen 1,3 Millionen Tonnen in die bayerischen Mühlen. Sogar ein Drittel des bayerischen Weizens werde exportiert – nach Norddeutschland und das europäische Ausland. Auch Ernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) sprach sich in den letzten Tagen dazu aus, dass die Lebensmittelversorgung gesichert sei.
Die Sorge des Vorstandsvorsitzenden sei jedoch die Preisexplosion. „Die Spekulanten kaufen heute den Weizen und verkaufen ihn morgen wieder mit Gewinn. Und der Preis geht jeden Tag rauf, das ist sehr ungesund. Das Mehl wird teurer, das Brot wird teurer. Aber wir werden uns das leisten können“, sagte er dem Bayerischen Rundfunk.

Diese Getreide produzieren wir selbst nicht genug
Laut agrarheute sei die Versorgung ebenfalls beim wohl wichtigsten Futtergetreide, Gerste, mit 113 Prozent gedeckt. Anders sehe es jedoch bei weiteren Getreidearten aus. Roggen produziere Deutschland nur zu 84 Prozent selbst, Hartweizen zu 15 Prozent und Hafer zu 71 Prozent. Auch bei Mais müsse Deutschland etwa die Hälfte des Bedarfs importieren. Diese Lebensmittel werden aber nicht unbedingt aus der Ukraine importiert.
Jedoch werde nur 20 Prozent des gesamten deutschen Getreides für die menschliche Ernährung benötigt. Der Rest – ganze 58 Prozent – fließt in die Futtertröge der Tiere, neun Prozent werden zur Energiegewinnung verwendet, acht Prozent in der Industrie und 2 Prozent werden für Saatgut benötigt.
Der Krieg in der Ukraine kann zu Hunger in Nordafrika führen
Während wir in Deutschland keine Angst um unser Mehl haben müssen, kann der Krieg in der Ukraine für andere Regionen der Welt enorme Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit haben.

Die großen Importregionen der Welt im Mittleren Osten, in Nordafrika und Südostasien fürchteten bei einem Stillstand des Getreidehandels in der Schwarzmeerregion um ihre Versorgung: „Manche Analysten sprechen bereits von einer möglichen weltweiten Nahrungsmittelknappheit“, sagte Stephanie Stöver-Cordes, Fachreferentin für Markt- und Absatzfragen bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, gegenüber der DPA.
Zu den betroffenen Ländern zählen unter anderem Ägypten und Tunesien. Bisher hatten die Länder laut taz.de Weizenimporte zu großen Teilen aus Russland und der Ukraine bezogen. Experten zufolge wolle Tunesien zwar künftig aus anderen Ländern wie Argentinien oder Rumänien importieren, doch es ist unklar, ob die Lieferungen den Bedarf der Bevölkerung decken können.
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Quellen: PublicDomain/mmnews.de/utopia.de am 17.03.2022
