
Seit Tagen ohne Geld und nichts mehr zu essen: Anna Ludewig kam erst Anfang Juni wegen einer Festanstellung mit Baby Paul nach Duisburg. Nun sitzt sie in einer gekündigten Wohnung und hungert. Der erste Schritt ins neue Leben scheiterte.
Es sollte der erste, große Schritt in ein neues, gutes Leben werden, für Anna Ludewig (22 Jahre) und ihr Baby Paul Luca (9 Monate). Aus Leipzig an den Niederrhein mit einer Festanstellung und Träumen im Gepäck: Paul Luca, dessen Vater keinen Unterhalt zahlt, sollte im Ruhrgebiet ein besseres Leben führen – zumal mit Annas Mutter auch die Oma in der Region lebt.
Ihr Freund Tim, auch aus Leipzig, mit einem Großvater in Dortmund, sollte später folgen. So die Absprache. Der 23-Jährige sollte sich als Hausmann erst um das Kind kümmern, das er liebt, wie er sagt. Später wollte er selbst Arbeit suchen.
Duisburger Callcenter-Dienstleister
Als Bürogehilfin arbeitete Anna ab 1. Juni bei einem großen Duisburger Callcenter- Dienstleister. „Lief alles klasse, bis 19. Juni“, sagt die junge Mutter, „da hatte Paul bei der Tagesmutter einen Unfall.“ Sie benachrichtigte den Arbeitgeber, fuhr mit dem Kind ins Krankenhaus. Dort blieb Anna an der Seite ihres Sohnes, der nach einem schweren Sturz zwei Tage zur Beobachtung bleiben musste.
„Der Anfang meines Unglücks“, sagt die junge Frau. Denn nach dem Krankenhaus-aufenthalt des Kindes ging Anna Ludewig das Geld aus: „Mir war ja klar, dass der erste Monat der schwerste sein würde, dann war nichts mehr da.“
Den Sohn konnte sie niemandem mehr anvertrauen, zur 20 Kilometer entfernten Arbeit kam sie aus dem Röttgersbach nicht, die eigene Mutter konnte ihr und dem Enkel nicht helfen: „Dann hat der Arbeitgeber mich fristlos gefeuert.“
Ohne Job, mit 300 Euro Elterngeld und dem Kindergeld für Paul Luca, beantragte sie in Duisburg Hartz IV . Auf dem Amt habe man sofort gesagt, dass sie aus der frisch be-zogenen Wohnung in Röttgersbach umziehen müsse. Zu groß, zu teuer. Eine vom Amt angebotene Wohnung in Neumühl akzeptierte sie.
Allein fühlte sich Anna in Duisburg, verlassen. Freund Tim, bei einem Paketdienstleister aus betrieblichen Gründen gerade entlassen und auch arbeitslos, kam zu Annas Unterstützung nach Duisburg. „Ganz regulär“, sagt der junge Mann, habe er sich beim Jobcenter als neues Mitglied der „Bedarfsgemeinschaft“ unter Annas Dach angemeldet. Allerdings geht das Amt davon aus, dass der nach eigenen Angaben völlig mittellose junge Mann Eltern- und Kindergeld kassiere. „Total absurd“, sagt die junge Sächsin, „seitdem verweigert das Amt uns beiden jeden Cent.“
Alle Leistungen eingefroren
Fakt sei, sagt die junge Frau, dass ihr Lebensgefährte null Einkünfte habe. Dies habe man dem Amt mehrfach, täglich, belegt. Zuletzt sogar dem Ombudsmann der Arge – bisher ohne Erfolg. Vom Amt komme kein Geld, alle Leistungen seien ganz offiziell eingefroren.
Auch die Beihilfen für den Umzug nach Neumühl, der bis 1. August über die Bühne gehen muss, sind eingefroren: „Wenn wir bis 1. August nicht umgezogen sind, sitzen wir auf der Straße. Und alles wegen eines Missverständnisses.“ Die Situation, sagt Anna be-schwörend, sei dramatisch. In der laufenden Woche, sagt die junge Mutter, hätten ihr Lebensgefährte und sie nichts gegessen: „Wir hungern und ernähren uns von Leitungs-wasser.“ Der kleine Paul werde von den kümmerlichen Resten ihrer Muttermilch kaum noch satt.
„Wenn sie jemand sagen ,Ich habe nichts mehr!’, dann glaubt ihnen das hier niemand“, schildert die junge Frau ihre bitteren Erfahrungen . Auch mit der eigenen Mutter. Ihrem Freund, der krank, hilflos und resignierend wirkt, ging es mit dem Großvater ebenso. Anna weint, ist am Ende: „Egal wer: Bitte, bitte, helfen sie uns!“
DAS SAGT DER SOZIALDEZERNENT
„Wir handeln!“
Eigentlich hatte Sozialdezernent Reinhold Spaniel in der Redaktion Duisburg-Nord angerufen, um aufzuklären. Auf Nachfrage des Redakteurs wollte Spaniel erklären, wie die von ihm eingeführte „Fachstelle für Wohnungsnotfälle“ in akuten Fällen funktioniere.
Nachdem Spaniel, einer der dienstältesten Dezernenten am Burgplatz, sich den Fall schildern ließ, war’s schnell vorbei mit der Theorie: „Wir handeln! Und zwar sofort“, sagte der kommunale Spitzen-Manager, „denn wenn es um eine Mutter und ein neun Monate altes Baby geht, erübrigt sich jede Diskussion.“
Vermutlich habe jedes Amt seine Gründe, finanzielle Zuwendungen zu beschränken oder zu streichen. Das sei die eine Seite: „Ich gehe von einer sauberen Recherche aus. Und da kann es nicht sein, dass eine junge Mutter ohne Geld und Nahrung in ihrer Wohnung hockt und mit dem Kind hungert.“
Grundsätzlich, sagt Spaniel, reagierten seine Mitarbeiter von der „Fachstelle für Wohnungsnotfälle“ in präventiver Absicht: „Wenn sich Leute bei uns melden, denen Obdachlosigkeit droht, dann verhindern wir das mit aller Konsequenz.“
Gleiches werde man nun für Anna, Paul und Tim tun.
Quelle: derwesten.de vom 27.07.2012
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