Der Name von Prozacs engem Verwandten Zoloft war ebenfalls das Ergebnis angewandter linguistischer Ingenieurskunst.
Japan ist der weltweit drittgrößte Markt für Pharmazeutika. Das Beispiel dieses Landes veranschaulicht, wie es der Pharmaindustrie gelang, eine Gesellschaft so zu manipulieren und zu verführen, dass sie bestimmte psychoaktive Substanzen in großen Mengen zu sich nimmt. Im Jahr 1988 lockerte das Land die Kontrollbestimmungen für den Verkauf und die Bewerbung von Medikamenten. 2001 boomte die direkt an den Verbraucher gerichtete Medikamentenwerbung amerikanischen Stils, und amerikanische Firmen kontrollierten nahezu 50 Prozent von Japans pharmazeutischen Umsätzen in Höhe von 364,2 Milliarden Dollar. Die wachsende Popularität und Verfügbarkeit von medizinischen Markenprodukten in einem nicht-westlichen kulturellen Milieu bereitete den Weg für Verkaufsstrategien, die sich brüsk über kulturelle Grenzen hinwegsetzten und die öffentliche Wahrnehmung so drehten, dass Nachfrage erzeugt wurde.
In den 1980er Jahren, als das japanische Pharmaunternehmen Meiji Seika kurz davor stand, mit Zustimmung der Kontrollbehörden ein Medikament zur Behandlung von Zwangsneurosen (OCD) auf den Markt zu bringen, stellten die Firmenmanager fest, dass es in Japan gar keine Standarduntersuchungen für die Diagnose von Zwangsneurosen gab. Das Unternehmen fertigte daher kurzerhand selbst eine schriftliche Definition an, für die ihm amerikanische Beschreibungen als Vorlage dienten. In den späten 1990er Jahren hob Meiji Seika diese Praxis auf eine völlig neue Stufe, als das Unternehmen das kontrollbehördliche „Okay“ für den Verkauf seines eigenen ASWHem-Medikaments mit dem Namen Luvox® erhielt.(12)
Nachdem es die Genehmigung erhalten hatte, focht die Firma einen harten Kampf aus, um das Medikament in einem Land akzeptabel zu machen, in dem nach einer von der Weltgesundheitsorganisation in den frühen 1990er Jahren durchgeführten Umfrage bei „Stimmungsstörungen“ am häufigsten ein mildes Beruhigungsmittel verschrieben wurde.(13) Angesichts dessen bewirkten Meiji Seika und einige andere interessierte Konzernpartner „nichts Geringeres als einen umfassenden kulturellen Wandel“, wie ein Beobachter es beschrieb.
„Ein wichtiger Schritt: Veränderung der Sprache, die die Menschen verwenden, wenn sie sich über Depression unterhalten. Das japanische Wort für eine klinische Depression, utsu-byo ließ die Assoziation mit schweren psychiatrischen Erkrankungen aufkommen. Also begannen Meiji und Partner damit, den Satz kokoro no kaze einzuführen, was frei übersetzt so viel bedeutet wie: ‚Die Seele holt sich eine Erkältung.‘ Die Botschaft: Wenn Sie Tabletten einnehmen, um im Winter eine verstopfte Nase zu kurieren, warum behandeln Sie Ihre Depression dann nicht genauso?“
Der Marketing-Direktor bei Meiji sagte, dass er regelmäßig den Satz kokoro no kaze verwendete, wenn er japanischen Reportern erklärte, „warum das Tabu, das diese Krankheit umgab, aufgehoben werden sollte.“(14)
Amerika war Japan weit voraus, was die Anerkennung von Pharmazeutika zur Behandlung psychischer Erkrankungen anbelangte. Die Vorstellung, dass Depressionen potenziell epidemischen Charakter haben und der „Behandlung“ bedürfen, wurde bereits einige Jahre vor der Einführung des äußerst populären ASWHem-Medikaments Prozac im Jahr 1988 ins öffentliche Denken eingepflanzt. Dennoch bedurfte dieses Konzept der kontinuierlichen Bestärkung. Das galt auch für das fragliche System der „Untersuchungen“, um potenziell schädliche „Stimmungen“ oder Verhaltensweisen aufzuspüren, eine Praxis, die derzeit in einigen amerikanischen Gesundheitszentren Anwendung findet. Dabei werden die Klassifizierungen des diagnostischen und statistischen Handbuchs für psychische Störungen, Version 5, zugrunde gelegt.
Die Architektur des Überwachungsapparates
„Die Wissenschaft verfügt über keine Technologien, um in einem lebenden Gehirn biochemische Unausgewogenheiten feststellen zu können“, bemerkte der Arzt und Autor Peter R. Breggin, MD. „Die Spekulation, dass ein solches biochemisches Ungleichgewicht bestünde, ist tatsächlich nichts weiter als eine Verkaufsstrategie der Arzneimittelfirmen, um Medikamente zu verkaufen.“(15)
Deshalb fehlen bei „Untersuchungen“ der psychischen Gesundheit sowohl der objektive wissenschaftliche Maßstab als auch die körperlichen Parameter, um das Vorhandensein von Störungen feststellen zu können. Stattdessen basieren Gutachten auf den Antworten des Untersuchten zu einer Reihe von gestellten Fragen.
In den letzten Jahren wurden allen Ernstes Marketingmethoden an amerikanischen Colleges angewendet, um eine Generation so zu konditionieren, dass sie Untersuchungen der psychischen Gesundheit als Routineangelegenheit akzeptiert. In den frühen 2000er Jahren sponserte Wyeth, der Hersteller des Antidepressivums Effexor, „Erziehungskampagnen für psychische Gesundheit“ an zehn Colleges. Das 90-minütige Programm mit dem Titel „Depression auf dem College: Die reale Welt, das reale Leben, die realen Probleme“ wurde in den Filmsälen der Hochschulen vorgeführt und von der MTV-Berühmtheit und Effexor-Konsumentin Cara Kahn präsentiert. Die zu dem Programm gehörende „Untersuchung“ auf Depressionen, die heute alltäglicher Bestandteil der öffentlichen Gesundheitsfürsorge ist, wurde mit aufmunternden Slogans wie „Gestresst? Finden Sie heraus, wie sehr“ oder „Kommen Sie und lassen Sie Ihre Stimmung testen“ propagiert. Vertreter der Branche konnten feststellen, dass solche Aufforderungen bei potenziellen Teilnehmern auf ein stärkeres Interesse stießen als das eher prosaisch klingende „Untersuchung auf Depression“.(16)
Wenn die Anziehungskraft psychotroper Rezepturen nachlässt, was einige der aktuellen Branchen- und Markttrends vermuten lassen, wird es entscheidend wichtig – mit welchen Mitteln auch immer – ein neues Bedürfnis nach entsprechenden Therapien und Produkten der Pharmaindustrie zu erzeugen. Die befürchtete Flaute bei den Verkäufen von Antidepressiva und die gleichzeitige weitläufige Akzeptanz, auf die Psychiater bei westlichen Regierungen treffen, wenn sie sich in ihrer oberflächlichen Art über abweichende menschliche Verhaltensweisen und deren Behandlung auslassen, vermögen sehr gut zu erklären, warum in letzter Zeit wie wild Studien publiziert werden, in denen von einer wachsenden Epidemie psychischer Erkrankungen die Rede ist und warum staatliche Programme aufgelegt werden, die obligatorische Untersuchungen der psychischen Gesundheit bei Jugendlichen und die dazugehörigen Behandlungen vorsehen.
Was genau macht eine psychische Störung aus, die einer Behandlung bedarf? Das bald erscheinende diagnostische und statistische Handbuch für psychische Störungen, Version 5, bietet ein Sammelsurium von Eigenartigkeiten, die uns als Hinweise dafür dienen können, wonach bei solchen Untersuchungen in Zukunft gesucht werden soll. Ein Mensch, der sich darüber auslässt, dass er gelegentlich eine Zigarette genießt, wird die Diagnose erhalten, dass er an einer „Tabakmissbrauchs-Störung“ leidet.
Ein Mensch, der in Gesellschaft ab und an ein Gläschen trinkt, wird mit dem Etikett „Alkoholmissbrauchs-Störung“ versehen werden. Einem Menschen, der regelmäßig zu viele Tassen Kaffee oder Eistee trinkt, könnte eine „Koffeinvergiftung“ oder schlimmer noch eine „Koffeininduzierte nervöse Störung“ bescheinigt werden. Wer zu häufig im Netz surft, Spiele- oder Pornoseiten besucht oder zu oft einkaufen geht, wird vielleicht als „internetsüchtig“, „spielsüchtig“, „hypersexuell“ oder „kaufsüchtig“ bezeichnet und entsprechend medikamentös therapiert werden.(17)
Je weiter sich die Psychiatrie unter staatlichem Schutz ausbreitet, besteht zudem durchaus die Möglichkeit, dass politische Dissidenten im sowjetischen Stil mundtot gemacht werden, wie der jüngste Fall des amerikanischen Marinesoldaten Brandon Raub zeigt.(18)
Beharrt man hartnäckig darauf, dass Wettermanipulationen stattfinden oder diskutiert man über den nicht zu erklärenden Einsturz von Gebäude 7 des World Trade Centers am 11. September, so könnte das für die Diagnose „paranoide Wahnvorstellungen“ ausreichen. Aktivisten, die dazu ansetzen, auf die fragwürdigen Begründungen für den „Krieg gegen den Terror“, die Federal Reserve Bank oder den überbordenden Polizeistaat aufmerksam zu machen, könnten nur allzu leicht die Diagnose „oppositionelles Trotzverhalten“ erhalten.
Da somit eine breite Auswahl an Krankheiten zur Verfügung steht, die der subjektiven Auslegung des jeweiligen Psychiaters unterliegen, kann nahezu jeder in den Radar des psychopharmazeutischen Kartells gelangen, besonders wenn dieser seine Arme nach jüngeren Altersgruppen ausstreckt.
„Das [Affordable-Care-Gesetz] ist darauf angelegt, bessere Anreize für Ärzte und andere im Bereich Gesundheit und psychische Gesundheit tätige Berufsgruppen zu schaffen, sich bei der Behandlung von Menschen des gesamten Spektrums von Behandlungsmöglichkeiten zu bedienen“, betont der Psychologe John M. Grohol, Herausgeber der beliebten Website PsychCentral. „Forschungsergebnisse belegen, dass diese Art integrierter, koordinierter Versorgung dem Patienten letztlich zugutekommt. So können Gesundheitsprobleme aufgedeckt werden, ehe sie sich zu ernsten Störungen auswachsen.“(19)
Die wachsende Epidemie psychischer Erkrankungen beziehungsweise die Behauptung der psychiatrischen Berufsgruppe, dass es eine solche gäbe, hat ernste Folgen nicht nur für den persönlichen Kummer des Einzelnen, sondern auch für ganze Wirtschaftsregionen.
Experten für psychische Gesundheit behaupten, dass nahezu 40 Prozent der Europäer psychisch krank seien, ein Problem, das die europäische Wirtschaft jährlich einige Hundert Milliarden Euros kostet. Eine Studie aus dem Jahr 2011 kommt zu dem Schluss, dass 165 Millionen Bürger der Europäischen Union an irgendeiner psychischen Erkrankung leiden.
„Die immense Lücke […] bei der Behandlung psychischer Erkrankungen muss geschlossen werden“, behauptet die Verfasserin der Studie. „Da psychische Störungen häufig schon früh im Leben beginnen, haben sie massive negative Auswirkungen auf das spätere Leben […] Nur die gezielte Behandlung junger Menschen kann wirksam das Risiko ausschließen, dass es in der Zukunft eine zunehmend größere Zahl schwerkranker Patienten geben wird.“(20)
In den Vereinigten Staaten, in denen das „Affordable Care“-Gesetz „die Wichtigkeit einer integrierten und koordinierten Zusammenarbeit der physischen und psychischen Gesundheitsdienste“ betont, und „Anreize für Behandler“ schafft, „integrierte Behandlungssysteme anzuwenden“,(21) wird ein Patienten, der eine Klinik aufsucht, um sich wegen einer Krankheit oder Verletzung körperlich untersuchen zu lassen, immer häufiger einer Untersuchung und Beurteilung nach den Standards des diagnostischen und statistischen Handbuchs für psychische Störungen unterzogen, besonders dann, wenn er privatversichert ist.
Der Bericht der Gesundheitszentren über die Überwachung der psychischen Gesundheit aus dem Jahr 2011 betont, dass 25 Prozent der Amerikaner psychisch krank sind und einer von zwei Amerikanern im Laufe seines Leben eine psychische Erkrankung erleiden wird.
Also soll ein Programm „öffentlicher Gesundheitsüberwachung“ aufgelegt werden, an dem „Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Akademiker, Therapeuten und Lobbygruppen“ mitarbeiten, um „verschiedene Überwachungssysteme“ ins Leben zu rufen, die das Auftreten, die Häufigkeit, die Schwere und die wirtschaftlichen Auswirkungen psychischer Krankheiten verringern helfen […]; die Zusammenhänge zwischen psychischen Erkrankungen und anderen chronischen Zuständen (wie beispielsweise Fettleibigkeit, Diabetes, Herzerkrankungen oder Alkohol- und Substanzmissbrauch) aufdecken; Bevölkerungsgruppen identifizieren, die einem besonders hohen Risiko psychischer Erkrankungen ausgesetzt sind und für diese gezielte Interventions-, Behandlungs- und Vorsorgemaßnahmen vorsehen; sowie Ergebnisparameter erstellen, um Interventionen bei psychischen Erkrankungen beurteilen zu können.“(22)
Im Rahmen des Projektes wird das diagnostische und statistische Handbuch für psychische Störungen zur Identifizierung und Diagnose solcher Erkrankungen herangezogen werden.
Die CDC merken an anderer Stelle an, dass sich die
„Wichtigkeit, die Behandlungsraten bei Depressionen im Interesse der öffentlichen Gesundheit zu erhöhen, in dem Programm ,Healthy People 2020‘ spiegelt – einem Zehnjahresplan des Gesundheitsministeriums, das sich die verstärkte Behandlung von Depressionen bei Erwachsenen und die Behandlung psychischer Gesundheitsstörungen bei Kindern auf die Fahnen geschrieben hat.“
Zur Unterstützung dieses Programms hat die US-Regierung ein Präventions-Gremium geschaffen, das „Untersuchungen der psychischen Gesundheit“ bei Kindern im Alter von 12 bis 18 Jahren empfiehlt. Ebenso wie das Programm zur Überwachung der psychischen Gesundheit verwendet auch dieses Gremium das diagnostische und statistische Handbuch für psychische Störungen als Schablone für die Stellung von Diagnosen.23
Schlussfolgerung
Angesichts der Tatsache, dass der amerikanische Staat und die Versicherungsindustrie sich gemeinhin dem Ziel verschrieben haben, die Risiken zu mindern, die nach den Klassifizierungen des diagnostischen und statistischen Handbuchs für psychische Störungen mit Myriaden menschlicher Verhaltensweisen einhergehen, sollten sich der Einzelne und die Gesellschaft insgesamt fragen: „Wo hört diese Überwachung auf?“
Zurzeit kann der Einzelne noch in gewissem Umfang entscheiden, welche gesundheitlichen Informationen er dem medizinischen Überwachungsapparat enthüllen möchte. Doch der zunehmende Einsatz biometrischer Technologien und die rasche Entwicklung hin zur elektronischen, „bargeldlosen“ Abwicklung finanzieller Transaktionen als Norm lassen das Ende dieser bescheidenen kleinen Privatsphäre befürchten und die vollständige Verwirklichung eines weitreichenden panoptischen Netzwerkes erahnen, durch welches persönliche Eigenarten aufgefunden und identifiziert werden können, um so Kandidaten für „Eingriffe“ und Behandlungen zu schaffen.
Um den psychopharmazeutischen Komplex mit seinem ständig wachsenden Zugriff auf die Gesellschaft an den Pranger zu stellen und sich ihm zu widersetzen, wird es von entscheidender Wichtigkeit sein, sich vor Augen zu führen, dass dieser Komplex stets durch Werbung und Öffentlichkeitsarbeit darauf hingearbeitet hat, eine bestimmte öffentliche Meinung zu konstruieren und damit das geschaffen hat, was man heute als die gemeinhin akzeptierten Glaubensstandards bezüglich psychischem Wohlbefinden beziehungsweise Krankheit betrachtet. Die Tatsache, dass sich dieses Kartell nun noch stärker auf die Strukturen des staatlichen Gesundheitswesen stützen kann und selbst zur zentralen Komponente der staatlich kontrollieren medizinischen Strategie geworden ist, lässt vermuten, dass sich eine vollumfängliche pharmakologische Technokratie etablieren wird, die durch fortgesetzte Verführung der Massen und staatliche Edikte, Scheinbehandlungen und Scheinmedikamente das Vakuum einer verfehlten, unerfüllten Existenz zu füllen sucht.
Literatur:
Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert von Peter C. Gøtzsche
Die Psychofalle: Wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht von Jörg Blech
Die Kinderkrankmacher: Zwischen Leistungsdruck und Perfektion – Das Geschäft mit unseren Kindern von Beate Frenkel
Verweise
- Peter R. Breggin verwendete diesen Begriff erstmalig in seinem Buch „Brain-Disabling Treatments in Psychiatry: Drugs, Electroshock, and the Psychopharmaceutical Complex“ (New York: Springer Publishing Company, 2007).
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Quellen: PRAVDA TV/PublicDomain/nexus-magazin.de
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