Verschwinden der Kindheit: Ich sehe keine glücklichen Kinder mehr

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Erde. Mit großem Aufwand wird hier pädagogische Forschung betrieben und das pädagogische Angebot immer weiter ausgebaut.

Nicht eine Dekade, in der nicht das Schulsystem reformiert wird und immer neue pädagogische Konzepte „erfunden“ werden wie etwa das Lesen und Schreiben besser und sicherer erlernt werden können.

Dennoch bleibt die Zahl der primären und sekundären Analphabeten konstant hoch und Handschriften lassen sich kaum noch lesen, weil die Feinmotorik verkümmert ist.

Inzwischen ist der Alltag vieler Kinder völlig durchstrukturiert, während andere Kinder vor der Unterhaltungselektronik „geparkt“ werden und jenseits von Schule gar nichts mit ihnen geschieht.

Man traut den Kindern offenbar nichts mehr zu. Vor allem nicht, Freiräume und Freizeit sinnvoll zu nutzen. Hinzu kommt das Bestreben, Kinder vor allen Gefahren des Lebens zu beschützen. Das Ergebnis dieser Entwicklung sind unglückliche Kinder (Die Freiheit der Kinder und der Angriff auf die Kindheit).

Es gab sie mal, die „glücklichen Kinder“

Die Ideologie der „glücklichen Kindheit“ ist in der modernen bürgerlichen Gesellschaft immer schon kritisch zu hinterfragen. So blieben Kinder in Deutschland in den letzten hundert Jahren natürlich nicht unberührt von den Katastrophen und Umstürzen, die die Gesellschaft erlebte.

Kriege, Hunger, Genozid oder Vertreibung; von allem waren Kinder betroffen und nicht wenige überlebten etwa den Faschismus nicht, weil sie zu den Gruppen gehörten, die der Staatsideologie zufolge kein Lebensrecht hatten oder sie wurden direkt und indirekt von den Kriegsfolgen betroffen.

Nicht wenige Kinder aus jener Zeit hatten ihr Leben lang mit Traumata zu kämpfen. Viele der heute Siebzig- bis Neunzigjährigen kannten beispielsweise Krieg, Hunger und Not nicht nur aus dem Fernsehen, sondern haben dies alles am eigenen Leib erfahren. Eine völlig glückliche und unbeschwerte Kindheit gab es daher vermutlich nie. Wenigstens nicht für alle.

Und dennoch gab es sie, die glücklichen Kinder. Das gilt vermutlich am meisten für die Nachkriegsgeneration. Aber auch für die Generationen davor. Kinder, die unbefangen mit Gleichaltrigen spielten, deren Leben nicht durchgeplant und durchpädagogisiert war, die Abenteuer erleben durften und die diese Abenteuer tatsächlich ohne Helm, Knieschützer und Freizeitpädagogik überlebt haben.

Kindheit war dabei vor noch nicht all zu langer Zeit in gewisser Weise ein besonderer Zeitraum, in dem man vor allem nicht alle Last und Verantwortung der Erwachsenenwelt tragen durfte und musste und in dem es Freiräume gab.

Diese Freiräume bestanden vor allem in ungeplanter Zeit und Räumen, die Kindern vorbehalten waren, ohne dass sie eingezäunt waren und als Spielplatz deklariert wurden.

 

Diese Orte waren Trümmergrundstücke, Baustellen, aufgelassene Industriebrachen oder, wie auf vielen Dörfern, einfach der Wald, ein Bach oder ein See. Kinder hatten Raum, in dem sie sich selbst ausprobieren konnten, ohne dass die Erwachsenen sich groß in diese Spiele einmischten.

Die Erwachsenen selbst waren zumeist mit sich selbst beschäftigt, etwa mit der Erwerbsarbeit und nicht selten mit landwirtschaftlichen Unternehmungen, der Kleintierhaltung und dem Anbau von Gemüse im Schrebergarten.

Die legendären Kaninchenställe der Schmuddelkinder aus einem bekannten Lied von Franz-Joseph Degenhard erzählen von diesen Umständen.

Und schließlich waren Erwachsene bis in die 70er Jahre oft mit dem eigenen sozialen Aufstieg beschäftigt. Nicht wenige belegten Abendkurse, machten den Meister oder ihr Abitur nach oder studierten noch einmal.

Kinder hatten früher mehr Zeit für sich

Das galt für Familien in Ost und West, denn in der Zeit der Systemkonkurrenz herrschte Vollbeschäftigung und permanenter Mangel an qualifizierten Fachkräften und Ingenieuren.

In jener Zeit gelang nicht wenigen deutschen Familien der Aufstieg aus der Schicht der Arbeiter in die der Angestellten. Rückblickend lässt sich feststellen, dass das Bildungssystem bis in die 70er Jahre hinein recht „überschaubar“ war. Die meisten Kinder besuchten die achtjährige Volks- bzw. Hauptschule, die auf Dörfern bis in die 60er Jahre hinein meist einklassig war.

Die Umstände, dass Kinder zwischen sechs und 14 Jahren von einem Lehrer in einem Raum unterrichtet wurden, sind heute kaum vorstellbar. Ebenso die Tatsache, dass oft über vierzig Kinder in einem Klassenzimmer saßen. Umso erstaunlicher ist, dass die Analphabetenrate nicht geringer war als heute und zudem Handschriften aus jener Zeit oft gestochen scharf waren.

Aber nicht nur, dass die meisten Kinder schon wieder mittags zuhause waren, auch endete die Schulzeit, und damit die Kindheit, recht abrupt mit vierzehn Jahren, denn dann begann für die große Mehrheit die Lehre in einer Fabrik, einem Handwerksbetrieb oder in der Land- und Forstwirtschaft.

Natürlich gab es Hausaufgaben und bis in die späten 60er Jahre hatten Kinder ihren festen Platz als „Hilfsarbeiter“. Ob in den landwirtschaftlichen Familienbetrieben auf dem flachen Land oder als FDJ-Erntehelfer in der LPG, überall waren Kinder dabei, wenn es etwa darum ging, die Ernte einzuholen, Tiere zu füttern oder Unkraut zu rupfen (Weshalb Kinder nicht in die Schule gehören).

Und das Traktor fahrende Kind aus Ottos Ostfriesenwitz konnte man zu jener Zeit in den Dörfern zwischen Emden und Passau tatsächlich antreffen. Ebenso gab es in den Städten zahlreiche typische Kinderarbeiten vom Kohlenschleppen bis zum Straßenkehren.

 

Man baute Hütten, bildete Banden, zerstörte die Hütten anderer Banden

Die Mechanisierung der Landwirtschaft, der Hausarbeit und der Welt im Allgemeinen hat diese Kinderarbeiten in der westlichen Welt beseitigt. Heute kämpfen Eltern höchstens noch darum, dass der Nachwuchs den Geschirrspüler ausräumt und den Müll runter bringt.

Waren früher die Schularbeiten und „Hilfsdienste“ erledigt, begann die freie Zeit der Kinder. Und diese wurde in der Regel nur durch das Abendessen unterbrochen, welches fast überall um sechs stattfand. Diese freie Zeit wurde dabei oft draußen verbracht, denn die Wohnungen waren meist klein und die „gute Stube“ wurde nicht als Spielzimmer für Kinder genutzt.

Hinzu kam, dass bis Mitte der 60er Jahre Kinder zahlreich waren. Ganze Horden trieben ihr „Unwesen“ auf den Straßen und in der Landschaft. Kinder brauchten nur vor die Tür zu gehen und trafen Gleichaltrige. Man baute Hütten, bildete Banden, zerstörte die Hütten anderer Banden, schoss mit Pfeil und Bogen oder Steinschleudern, ließ Drachen steigen oder fuhr Schlitten und trieb in der Tat jede Menge Unfug.

Das Fahrrad war Spielzeug und Fortbewegungsmittel zugleich und diente der Erkundung der näheren Umgebung. Und natürlich gingen so gut wie alle Kinder den oft weiten Schulweg zu Fuß oder kamen mit dem Rad.

Heute wissen wir aus soziologischen Untersuchungen, dass Kinder in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts einen wesentlich größeren Mobilitätsradius hatten als Kinder heute. So wurde im Jahr 1925 für eine schwedische Stadt ein durchschnittlicher Mobilitätsradius der Kinder von 6,5 Kilometern ermittelt, der im Jahr 2000 nur noch bei 100 Metern lag (Kinder verbringen heute weniger Zeit an der frischen Luft als Häftlinge).

Und auch der Schulweg war unbeobachtete „Freizeit“. Hier sprachen Kinder miteinander, schmiedeten Pläne für den Nachmittag und trugen natürlich auch Konflikte aus. Denn in Streitigkeiten der Kinder mischten sich Erwachsene selten ein. Selbst körperliche Auseinandersetzungen blieben meist ungeahndet.

Erwachsene trauten Kindern zu, dass sie diese Dinge selbst regelten und umgekehrt gab es strikte Regeln. Etwa dass man sich nicht an wesentlich Schwächeren vergriff oder dass der, der auf dem Rücken liegt und aufgibt, als besiegt galt und nicht weiter verdroschen wurde.

Wer sich die keineswegs friedlichen Verhältnisse, die bis in die frühen 70er Jahre hinein relativ konstant blieben, vergegenwärtigen will, der sehe sich beispielsweise den Film „Krieg der Knöpfe“ an.

Es gilt dabei, nichts zu beschönigen! Kinder prügelten sich und erkämpften ihren Platz in der Gemeinschaft oft mit körperlicher Gewalt und Erwachsene erlaubten sich grundsätzlich, Kinder und Jugendliche jederzeit auch körperlich zu züchtigen. Die Lust, vor allem der Jungen nach Raufereien war nicht verpönt wie heute.

Es war daher auch ein ständiger Kampf und die Kinder verhielten sich dabei gegenüber den Erwachsenen wie Partisanen. Denn da sie den offenen Widerstand nicht wagen konnten, blieben ihnen nur die Streiche, die sie Erwachsenen spielten und von denen heute eine ganze Literaturgattung lebt. Kinderstreiche sind heute jedoch so gut wie ausgestorben!

 

Jugend in Ost und West

Im Faschismus und der DDR herrschten freilich andere politische Verhältnisse und der Staat wendete nicht unerhebliche Mittel auf um über die Kinder- und Jugendorganisationen direkten ideologischen Zugriff auf die nachwachsende Generation zu erhalten (Bundesverfassungsgericht stellt klar: Kinder gehören dem Staat).

Beide totalitären Systeme, die hier nicht gleichgesetzt werden sollen, da der Nationalsozialismus in seiner rassistischen und menschenverachtenden Ideologie unvergleichbar ist, wussten aber auch, dass sie die Kinder und Jugendlichen bei ihren Bedürfnissen abholen mussten.

Viele Elemente der bürgerlichen Jugendbewegung (Wandervogel und Pfadfinder) wurden so aufgegriffen, freilich unter den jeweiligen politischen Vorzeichen. Die Bedingungen in der Nazizeit wären eine eigene Betrachtung wert.

Hier sei nur soviel gesagt, dass es der NS-Staat mit der verpflichtenden HJ-Mitgliedschaft auf eine teuflische Art verstand, die Abenteuerlust und andere Interessen von Jugendlichen für seine verbrecherischen Ziele zu nutzen.

Aber auch dieses Regime erzeugte eine Jugendopposition, die von den „Jazzern“ bis zu den Edelweispiraten reichte und nicht wenige Kinder und Jugendliche entzogen sich dem Trommeln und Marschieren auf ihre Weise.

Auch in der DDR gab es den Versuch, die nachwachsende Generation über Pionierorganisation und FDJ ideologisch zu erreichen. Und auch hier wurden Kindern und Jugendlichen zahlreiche Angebote gemacht, die vom Sport bis zu den Singegruppen reichten.

Und das Angebot war, abgesehen von der obligatorischen Rotlichtbestrahlung, durchaus anspruchsvoll, wie ich dies beispielsweise in der Pionierrepublik in der Berliner Wuhlheide nach 1989 selbst noch besichtigen konnte.

Aber auch in der DDR wussten Kinder und Jugendliche sich dem Anspruch zu entziehen und nutzten zahlreiche Freiräume jenseits des Pioniernachmittags.

So waren der Musikgeschmack und die Antennen des Fernsehens und der Radios meist Richtung Westen gerichtet und der Wert der DDR-eigenen Rockmusik wurde erst nach der Wende geschätzt.

Für Freiräume sorgte im Osten Deutschlands zudem die hohe Erwerbstätigkeitsquote der Frauen. Nur wenige Mütter hätten sich den nervigen Luxus so genannter „Helikoptermütter“ leisten können.

In Ost und West war man zudem nicht im heutigen Maße um die Sicherheit der Kinder besorgt, und hielt sie deshalb in der Wohnung oder fuhr sie mit dem Auto überall hin. Natürlich gab es zu allen Zeiten Kriminalität und Missbrauchsfälle und auch die Eltern wussten darum. Aber das hinderte die Erwachsenen nicht, die Kinder unbeaufsichtigt auf die Straße zu lassen (Prügelnde Kinder, respektlose Väter, Deutsch spricht kaum einer: Der Hilfeschrei einer Erzieherin).

Das Risiko wurde akzeptiert, wie man heute gemeinhin mit dem Risiko eines Autounfalls umgeht. Man warnt vor der Gefahr, erklärt Verhaltensregeln und setzt auf die statistische Unwahrscheinlichkeit und darauf, dass die Kinder lernen mit der Gefahr umzugehen.

Die Erlebniswelten früherer Kindergenerationen sind inzwischen weitgehend kommerzialisiert.

Kinder klettern nicht mehr im Wald auf Bäume oder schwimmen im Feuerlöschteich, sondern gehen in die Bolderhalle oder ins Erlebnisbad. Die Eintrittspreise für diese Orte sind freilich für die rund 2,5 Millionen armen Kinder in Deutschland unerschwinglich.

Bei mehr als einem Viertel der Kinder scheitert die Mitgliedschaft im Fußballverein oft schon am Mitgliedsbeitrag und dem Geld für Schuhe und Trikot. Ihnen bleibt als Freizeitbeschäftigung daher nur der Computer, die Spielekonsole oder der Fernseher.

Umgekehrt sorgt sich die Mittelschicht sehr darum, dass auch ihre Kinder den erreichten Wohlstand wenigstens halten können. Denn der Aufzug, mit dem ihre Vorfahren in der sozialen Hierarchie nach oben fuhren, ist längst ins Stocken geraten (Alleinerziehende Mutter: Ich schaffe das nicht, Frau Merkel).

Kampf um die besten Jobs

Im harten Kampf um die vorderen Plätze beim „Rattenrennen“ ihres Nachwuchses setzen die Eltern dabei auf jede erdenkliche Art der Frühförderung und ein profitorientierter Markt an pädagogischen Angeboten und Verheißungen bietet alles nur Erdenkliche an, was die lieben Kleinen später einmal „fit for job“ machen soll.

Von Mandarin oder Spanisch im Kindergarten bis hin zu musikalischer Frühförderung und diversen esoterischen Angeboten findet man auf diesem Markt alles. Was man aber nicht mehr findet, sind glückliche Kinder!

Kinder, die zweckfrei spielen und auf ihre Art mit Neugier die Welt entdecken, Kinder die sich als soziale Gruppe selbst organisieren und sich nach ihrer Entwicklung und ihrem Interesse selbst zu beschäftigen wissen.

Ich vermisse das Lachen unserer Kinder, die Freude, die Neugier und das Staunen. Dies alles ist weitgehend verschwunden in einer Welt, die scheinbar perfekt funktioniert und in der auch Kinder perfekt funktionieren sollen und daher permanent mit angeblich perfekten Lernangeboten traktiert werden, anstatt sie einfach einmal sich selbst zu überlassen und zwar ohne sie vor dem Fernsehen oder einem digitalen Unterhaltungsgerät zu „parken“.

Weil dies so selten geschieht, ist es nicht verwunderlich, dass viele Kinder weder rückwärts laufen noch auf einem Bein stehen können und die Kosten für ergotherapeutische Maßnahmen seit Jahren kontinuierlich steigen.

  

Man sollte sich auch nicht wundern, dass viele Kinder heute eher wie kleine Erwachsene und nicht selten sogar wie Kindergreise wirken und einem mit sechs Jahren erklären, dass sie jetzt dieses und jenes lernen, weil sie das brauchen, wenn sie später mal einen guten Job kriegen wollen (Schule – wie Staat Kinder zerstört: über moderne Selektionsrampen und ihre tödlichen Folgen).

Diese Kinder erklären dies ohne Leuchten in den Augen, ohne Freude und ohne den Stolz früherer Kindergenerationen, die die „Auge-Hand-Koordination“ in Form von Wurfspielen mit Schneebällen und Sandbrocken erlernten, einen hohen Baum erkletterten oder später autodidaktisch beim Frisieren des Mopeds den Geheimnissen des Zweitaktmotors auf die Schliche kamen.

Sie erklären dies ohne die Freude auf einen phantastischen und phantasierten Beruf etwa des Lokomotivführers, Erfinders oder Astronauten, denn selbst die hellsten Kerzen auf dem Kuchen wissen oft bis zum Studium nicht, was sie eigentlich mal werden wollen.

Wie sollen sie auch, wenn sie nie herausfinden konnten, was ihrem eigenen Naturell entspricht und sie stattdessen immer durch fremdbestimmte pädagogisierte Lernwelten geschleust wurden.

Schon vor rund 40 Jahren prophezeite Neil Postman angesichts des Fernsehens das Verschwinden der Kindheit. Damals gab es in Deutschland meist drei Kanäle und nachmittags noch das Testbild. Inzwischen hat sich die Zahl der Kanäle und die Möglichkeiten der elektronischen Unterhaltung vervielfacht. Den Kindern ist dabei das Lachen längst vergangen.

Zum Glück nicht allen!

Literatur:

Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen von Gerald Hüther

Kinder! Kinder!. Wonach sich Kinderseelen sehnen von Robert T. Betz

Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. Mit einem Vorwort von Remo Largo von Herbert Renz-Polster

Im digitalen Hamsterrad. Ein Plädoyer für den gesunden Umgang mit Smartphone & Co. von Gerald Lembke

Quellen: PublicDomain/huffingtonpost.de/Dr. Olaf Schäfer am 09.05.2017

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